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Beitrag vom 4. März 2013 | Rubrik: Literarisches Leben

Hilflos-handlungsunfähige Götter – oder vom »Recht, beleidigt zu sein«

Qutb-Minar: Figuren in einer Moschee

Figuren in einer Moschee

Politische Korrektheit und das Recht, beleidigt zu sein, das sind zweierlei Dinge – und doch nicht.

Wenn Politiker Sachverhalte nicht ändern können, ändern sie die Bezeichnung: Aus Mülldeponie wurde Entsorgungspark oder Entsorgungsanlage, denn das klingt doch gleich viel freundlicher! Die GEZ heißt jetzt offiziell nicht mehr GEZ, sondern Beitragsservice, obwohl sie nach wie vor Gebühren einzieht. Aus Sonderschulen wurden Förderschulen, grad so, als seien die Schüler der Sonderschulen nicht besonders gefördert worden, aus Putzfrau wurde Raumpflegerin, und wer mit »Personen aus bildungsfernen Schichten mit Migrationshintergrund und mobilem Lebenswandel« gemeint ist, darf sich jeder selbst ausgrübeln.

Albernheiten im offiziellen Sprachgebrauch

Solche Albernheiten setzten sich aber zum Glück nicht durch im alltäglichen Sprachgebrauch, sondern nur im offiziellen – und zum großen Glück auch nicht mehr in den öffentlichen Schulen, wo in den Sechzigern die Abkürzung DDR verboten war, es musste SBZ (sowjetisch besetzte Zone) gesagt werden – auch von den Schülern.

Wir hatten unseren Spaß daran, trotzdem DDR zu sagen und zu schreiben, weil sich viele Lehrer so trefflich aufregten.

Zum Ausgleich kam im Unterricht die Nazizeit nicht vor: Ein schwarzes Loch gab es zwischen der Weimarer Republik und der Gründung der BRD – oh pardon: auch diese Abkürzung durfte man nicht verwenden, weil Propaganda der SBZ: Wir waren Deutschland (selbstverständlich in den Grenzen von 1936).

Das war versuchte Indoktrination bzw. politcal correctness vom Gröbsten, auch wenn es den Begriff noch gar nicht gab, schon gar nicht als englischen!

Schlimmer ist es mit dem »Recht, beleidigt zu sein« (The right to take offence, vgl. Salil Tripathi): In Vorwegnahme von vorstellbaren Sich-beleidigt-Fühlenden wird ängstlich alles vermieden, was ein Beleidigtsein hervorrufen könnte. Nebenschauplätze sind dabei solche Albernheiten wie die Durchforstung von Kinderbüchern nach angeblich diffamierenden Wörtern wie Neger.

Unbehelligt dagegen bleibt Immanuel Kant, der entsprechend der damalig vorherrschenden Meinung u. a. Folgendes von sich gab: »… es entspringt der Neger, der seinem Klima wohl angemessen, nämlich stark, fleischig, gelenk, aber unter der reichlichen Versorgung seines Mutterlandes faul, weichlich und tändelnd ist

Würde sich an der Aussage irgendetwas etwas ändern, wenn statt Neger hier stünde Schwarzer oder Farbiger oder Angehöriger einer afrikanischen Ethnie?

Schlimmer als das damals übliche Wort »Nigger« in Mark Twains Huckleberry Finn ist doch der deutsche Übersetzer, der Jim eine lächerliche Sprache unterjubelt: Sprach der im Original ein grammatisch einwandfreies Pidgin-Englisch, was man als einen Dialekt hätte übersetzen können, verpasste der Übersetzer ihm ein Kleinstkind-Sprachniveau, indem er Jim ohne Grammatik radebrechen und von sich als Jim sprechen lässt:

»Say, who is you?  Whar is you?  Dog my cats ef I didn’ hear sumf’n. Well, I know what I’s gwyne to do:  I’s gwyne to set down here and listen tell I hears it agin

»He da, wer’s da? Ich mich lassen tot hauen, ich haben was gehört! Aber Jim sein nicht so dumm! Jim sitzen hier hin und warten!«.

Fazit: Neger (pfui!) bzw. Schwarze bzw. Afroamerikaner (Jawoll: Amerikanische Neger haben einen eigenen politisch korrekten Begriff, afrikanische offenbar nicht: Den habe ich mir selbst ausdenken müssen!) sind doof – äh: pardon: sind »Personen aus bildungsfernen Schichten mit Migrationshintergrund« …

Sybille Berg hat in ihrem letzten Roman »Vielen Dank für das Leben« eine dazu passende Vision – sie muss eine haben, schließlich endet der Roman erst 2030:

Keiner, draußen in der Welt der Funktionierenden, hätte das Heim Leprainsel genannt oder Aufbewahrungsstätte für überflüssiges Leben, Klapsmühle, Obdachlosenheim, Drecksammelstelle, so dachten die Menschen nicht mehr, erstaunlich, wie sich die Kontrolle des eigenen Hirns in diesen letzten Jahren, die man fast das Jahrzehnt der Selbstregulierung nennen konnte, verselbständigt hatte. Fast jeder zensierte seine Gedanken, untersuchte sie auf politische und humanitäre Korrektheit und fühlte sich miserabel, wenn er sich bei alten Klischees und Vorurteilen ertappte. Besonders sensible Menschen wurden verrückt an sich selber, sie betrachteten unentwegt den Strom ihrer Gedanken und begannen sich zu geißeln oder den Kopf gegen die Wand zu schlagen, weil sie immer wieder Unsauberkeiten bei sich entdeckten. Es war üblich, dass sich die Menschen in Gesprächen laut ihrer unklaren Gedanken entäußerten: Oh, verzeihen Sie, ich habe gerade gedacht, dass Sie mir nicht so sympathisch sind, bitte verzeihen Sie. Sagte man, oder: Oh, ich ertappte mich soeben bei einem Vorurteil bezüglich Ihrer Hautfarbe, peinlich, peinlich. Der Gesprächspartner nahm solche Offenheit dankend an, es galt als ein Zeichen der Höflichkeit, ein selbstregulierender Mensch zu sein. Allerdings führte das ständige Hinterfragen der Gedanken bei vielen Menschen zu Schlafstörungen, was nicht weiter auffiel, denn der weltweite Schlafmittelverbrauch hatte sich seit 2010 vervierzehnfacht. (ebd. S. 389f)

Das steht wohl zu befürchten …

Vom Recht, beleidigt zu sein

Ganz schlimm wird es, wenn Gruppen das Recht einfordern, beleidigt worden zu sein – insbesondere religiöse Fanatiker jedweder Couleur. Meistens werden angeblich irgendwelche Gottheiten beleidigt, und da man als Gott bekanntlich hilflos-handlungsunfähig ist, braucht man seine Schriftgelehrten, die den Analphabeten erklären, dass diese Gottheit nun beleidigt wurde, also gerächt werden muss; zu diesem Zweck ist es ganz nett, Bücher und Porträts und Fahnen zu verbrennen, wesentlich eindrucksvoller aber sind Bomben auf beliebige Menschen: Da freut sich dann dieser Gott.

Dass – am Beispiel der Islamisten – nebenbei Geschichte und Kultur des Islam zerstört werden, ist notwendige Folge: So gibt es zahllose bildliche Darstellungen, auch in Moscheen: Wer auf dem historischen Gelände vom »Qutb Minar« in Delhi in den Resten der Quwwatuli-Islam-Masjid aus dem 12. Jhd. sich die Säulen genauer anschaut, findet viele in Stein gehauene Abbildungen, nackte Frauen inklusive.

Qutb-Minar: Frauenfigur

Frauenfigur

Schließlich gibt es im Koran nichts, was für ein Bilderverbot spräche.

Dazu muss man ihn aber lesen, statt den Pharisäern und Schriftgelehrten zu vertrauen oder den Hadith-Sammlungen mit den angeblichen Sprüchen Mohammeds, die häufig genau das Gegenteil von dem sagen, was im Koran steht, und deshalb von Islamisten vorzugsweise zitiert werden.

Der oben angesprochen Text von Salil Tripathi behandelt die Folgen dieses »Rechts sich beleidigt zu fühlen« am Beispiel Indien: Eine fundamentalistische Hindu-Sekte, die sich Rama als Hauptgott erkoren hat – der ist lediglich einer von über drei Millionen – fühlt sich z. B. durch Muslims beleidigt allein dadurch, dass diese eine Moschee auf einem Platz erbauen wollen, auf der Rama einstmals gesessen hat (oder so ähnlich). Und da man beleidigt sein darf, schlägt man mit gleichen Mitteln zurück wie die Islamisten, sorgt für Tote und Verletzte und rächt so Rama … und gewinnt politischen Einfluss: So wurde aus Bombay offiziell Mumbai, weil es angeblich früher so geheißen habe: Aus Angst vor den Rama-Hindus …

Folgerichtig arbeiten diese eifrig daran, die indische Geschichte politisch korrekt umzuschreiben.

Und bei uns? Im August des letzten Jahres hatte Bayerns katholischer Bischof Schick eine göttliche Eingebung nach dem Beispiel der Islamisten und Rama-Hindus: Auch die Katholiken hätten ein Recht darauf, sich beleidigt zu fühlen: Also her mit einem verschärften Blasphemie-Gesetz (da das alte zahnlos im Gesetzbuch vor sich hin schimmelt), selbstverständlich unterstützt von der CSU … und von einem Imam!

Folglich gehört Schicks Gott ebenfalls in die Kategorie hilflos-handlungsunfähig, da er vor Beleidigungen geschützt werden muss wie – wenn man schon mal dabei ist – selbstverständlich auch all die zahllosen Heiligen, die in der Bibel so wenig vorkommen wie ein Bilderverbot im Koran.

Jetzt warte ich nur noch darauf, dass die Nazis ihr Recht einfordern, beleidigt zu werden: Nazi ist schließlich ein anerkanntes Schimpfwort und verletzt deshalb die Würde einer Minderheit. Vielleicht möchten sie lieber Angehörige des Alternativ-rechts-sozial-christlichen-Heimatschutzvereins sein?

Zugegeben: Ein langes Wort. Lässt sich aber problemlos abkürzen …

Als Schüler habe ich eine – inhaltlich inzwischen vergessene – Erzählung gelesen, die mit dem Satz endete: »Mich können nur Menschen beleidigen!«

Den Satz habe ich mir gemerkt. Als – viel später einmal – jemand mich beleidigen wollte, indem er meine Mutter zur Hure erklärte (dabei kannte er sie doch gar nicht), lächelte ich und teilte ihm mit, dass mich nur Menschen beleidigen könnten.

Da verstummte er offenen Mundes.

Malte Bremer

Salil Tripathi: Offence: The Hindu Case (Manifestos for the 21st Century (Hardcover)). Gebundene Ausgabe. Manifestos for the 21st Centur. ISBN/EAN: 9781906497385. EUR 17,99. Ersch.: 2009 » Bestellen bei Amazon.de

4 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Muriel schrieb am 4. März 2013 um 11:40 Uhr

    Sicher ist da ganz viel Richtiges in deinem Beitrag, aber ganz zustimmen mag ich dann doch nicht.
    Wenn eine Gruppe -nehmen wir Schwarze -sich von einem Begriff beleidigt fühlt – nehmen wir Neger -, finde ich nichts Falsches und viel Richtiges daran, ihn zu meiden.
    Oder Putzfrau. Finde ich zum Beispiel respektlos und benutze ich deshalb nicht.
    Anders ist das, wenn man respektlos sein will. Gegenüber Nazis zum Beispiel, oder religiösen Funktionären.

  2. Kundrie schrieb am 4. März 2013 um 12:23 Uhr

    Großartig und mit viel Schärfe im Abgang!! Herzlichen Dank, Malte Bremer!

    Ich habe ja mit den BegriffskosmetikfetischistInnen wohlweislich nicht diskutiert, aber was wäre dieses Kant-Zitat für eine glorreiche Waffe gewesen! Die Gesichter hätte ich zu gern gesehen…

  3. Niclas schrieb am 9. März 2013 um 14:43 Uhr

    In viele Hinsicht Zustimmung! Aber in einem schießen Sie über das Ziel hinaus, Herr Bremer, und das ärgert mich in der Tat ein Bisschen! Wenn jemand das “angeblich diffamierende” Wort “Neger” als diffamierend empfiindet, hat das rein gar nichts mit übertriebener PC zu tun! Es ist nicht alles schlecht an der PC, nur schießt auch sie oft – wie SIe zurecht sagen – übers Ziel hinaus.
    Mein Rat: Stellen Sie sich ein deutsches Kind mit dunkler Haut vor, das in der Grundschule oder im Kindergarten als “Neger” bezeichnet wird! Wie fühlt sich dieses Kind?! Zumal es ja für die weißen Mitschüler kein entsprechendes Pendant-Wort gibt. Ich finde: Es hat weniger mit PC, sondern mit Empathie zu tun, das N-Wort abzulehnen. Was glauben Sie, was man für Ergebnisse erhält, wenn man bei einer Meinungsumfrage erhebt, wer das Wort “Neger” heute noch ganz selbstverständlich verwendet? Könnte es “eventuell” sein, dass das N-Wort in besonderem Maße im rechtsextremen Lager Verwendung findet? Und warum ist das so? Sie gehören ganz sicher nicht in dieses Lager, daher würde ich Ihnen zu etwas mehr Sensibilität beim N-Wort raten… ansonsten: weiter so! :)
    Noch mal: PC ist oft übertrieben, aber manchmal ist sie, auch aufgrund von demograpischen Veränderungen – schlicht und einfach unverzichtbar …

  4. Ephraim Rosenstein schrieb am 13. März 2013 um 13:14 Uhr

    Hallo,
    in einer Moschee wird man schwerlich Figürliche Darstellungen finden. Die Abb. oben stellen die Geburt des Buddha dar.

    Anmerkung der Redaktion: Sowohl dieses als auch das oberste Bildnis befinden sich neben vielen anderen Bildern in der Ruine der Quwwatuli-Islam-Masjid aus dem 12.Jhd.

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