Petra Hermanns: Wie Self-Publishing das Geschäft der Literaturagenten verändern könnte

Als Literaturagentin habe ich in den letzten Jahren das Gefühl bekommen, hier passiert etwas, das die Buchbranche nachhaltig verändern wird. Stichwort: Self-Publishing.

Einen erneuten Hinweis darauf erhielt ich auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Eine eigene Self-Publishing Area in Halle 3.1, die alle bis dato existierenden Self-Publishing-Anbieter vereinte. Die Fernsehteams und Pressevertreter stürmten mit Kamerateam und Entourage in Richtung dieses Flures, dem die klassischen Verlage ab sofort Aufmerksamkeit schenken mussten.

Auch im Agentenzentrum, wo unsere Agentur sich präsentierte, wehte ein frischer Wind herüber.

Doch wer genauer hinschaut, erkennt, so ganz neu ist es nicht. Bereits in den letzten fünf Jahren hat sich das Thema Self-Publishing durch digitale Möglichkeiten wie das E-Book rasant entwickelt. Dies hat auch die Arbeit der Agenten spürbar verändert. Wir erhalten seither viele Bewerbungen von Autoren, die bereits als Self-Publisher Erfahrungen gesammelt haben.

Denn weiterhin gilt: Viele Self-Publisher wünschen sich immer noch den Zugang zu den klassischen Verlagen. Der neue Markt birgt daher für Agenten die Möglichkeit, Nachwuchstalente aufzuspüren und diese im traditionellen Markt zu etablieren.

Dennoch stehen den großen Chancen auch gewisse Risiken entgegen. Wir haben uns einmal die Mühe gemacht, die vertraglichen Grundlagen für Self-Publisher zu prüfen, und einige Verträge von Anbietern näher angeschaut.

Neben teilweise langen Laufzeiten finden sich mitunter umfassende Rechtseinräumungen, denen keine verlegerische Gegenleistung im klassischen Sinne entspricht.

Was macht demnach ein erfolgreicher Self-Publisher mit den Themen Veranstaltungen, Presse, Lizenzen und auch den rechtlichen Grundlagen seiner Arbeit? Diese Lücke könnten in Zukunft möglicherweise Literaturagenten füllen. Es ist vorstellbar, dass wir und andere Agenten in den nächsten Jahren unser Leistungsspektrum leicht erweitern werden, eine Art »Autorenmanagement 2.0«. Dabei würde es sich zum Beispiel um Angebotspakete für bereits erfolgreiche Self-Publisher handeln, die in Richtung PR-Arbeit und Marketing, Lizenzgeschäft, Veranstaltungsmanagement und dem wichtigsten Grundstein, dem Lektorat, gehen werden.

Dennoch halte ich derzeit daran fest, dass die klassischen Verlage die wichtigsten Verwerter und Vertreiber über den Buchhandel im deutschsprachigen Gebiet bleiben werden. Die Verlage müssen für den Klassenerhalt jedoch künftig mehr für ihre deutschsprachigen Autoren unternehmen. Denn Self-Publisher haben das Bedürfnis nach offener Kommunikation mit dem Verlag größer werden lassen und ebenfalls den Wunsch nach mehr Mitspracherecht.

Daher wünsche ich mir für die Zukunft, dass die klassischen Verlage sich noch stärker um ihre Autoren kümmern, und zwar nicht nur um die, die an der Spitze stehen. Vor allem Midlist-Autoren liebäugeln immer mehr mit den Möglichkeiten des Self-Publishing, wo sie Cover und Titel selbst bestimmen und innerhalb kürzester Zeit ihre Werke veröffentlichen können.

Man darf gespannt sein, welche Veröffentlichungsstrategie sowohl Autoren der klassischen Verlage als auch erfolgreiche Self-Publisher künftig wählen werden. Die Wahl haben sie.

Petra Hermanns

Petra Hermanns ist Geschäftsführerin der Literaturagentur »scripts for sale«. Zu den vertretenen Autoren gehören u. a. Kerstin Gier, Alina Bronsky und Thomas Hermanns.