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Beitrag vom 2. Februar 2017 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Paul Auster zum 70. Geburtstag: Ein Mann fürs Intellektuelle

Das beste fast zu Beginn: »Stadt aus Glas« ist Paul Austers bestes Werk

Das beste fast zu Beginn: »Stadt aus Glas« ist Paul Austers Meisterwerk

Paul Auster wird 70. Zeitgleich erscheint sein neuer Roman »4 3 2 1« in Deutschland und den USA. Und Paul Auster kommt nach Deutschland. Und die Veranstaltungen sind ausverkauft.

Für mich war Paul Auster ein Autor, dessen Geschichten spannend und unterhaltsam waren. Als er mit »Timbuktu« seinen erzählerischen Tiefpunkt erlangt hatte, wurde er plötzlich populär. Seitdem frage ich mich: Warum begeistert dieser Mann die Feuilletons und Leser so sehr?

»Stadt aus Glas«, die erste Geschichte aus Paul Austers New-York-Trilogie gehört zu den Werken, die man gelesen haben muss. Sie stammt aus dem Jahre 1985 und ist bis heute wohl das Beste, das der amerikanische Autor geschrieben hat. Ein literarisches Spiel, in dem der Autor Paul Auster selbst als Figur auftritt und nicht der Paul Auster ist, nachdem gesucht wird. Das klingt verwirrend und ist brillant. Um 1990 war ich Auster-Fan. Ich begann, seine Werke im Original zu lesen, weil sie nicht alle auf Deutsch verfügbar waren. Austers Englisch ist einfach. Wer die Sprache in der Schule halbwegs gelernt hat, sollte Auster besser im Original lesen. Die Lektüre von »Mond über Manhattan« brach ich seinerzeit ab, da durch die Übersetzung viel verloren ging. Ich las das Buch als »Moonlight Palace« im Original weiter. Besonders beeindruckt hat mich »Im Land der letzten Dinge«. Ebenfalls so um 1990 war ich in München. Dort las Paul Auster in einem relativ kleinen Raum im Lehnbachhaus. Noch heute zählt das signierte Exemplar zu meinen persönlichen wertvollen Bücherschätzen.

Eine Menge Auster auf dem Brett

Eine Menge Auster auf dem Brett

Austers Texte waren von unglaublicher Fantasie geprägt. Immer wieder gingen die Texte ins Surreale, erzählten von Menschen, die fliegen konnten oder die mitten im Nirgendwo Mauern bauen mussten. Austers Texte kreisten oft um das Thema Zufall. Er verarbeitete literarisch die Beziehung zu seinem Vater und zu seinem Sohn, und ich las sogar seine Gedichte aus den 1970er-Jahren. Und natürlich ging ich ins Kino, um mir »Smoke« und »Blue in the Face« anzusehen. Erster Film war gut, ist es auch immer noch, wenngleich die langsame Erzählweise heute fast schon irritierend gemächlich ist. Der zweite Film, bei dem Auster selbst Regie führte, war schon mehr was für Fans.

Austers Tiefpunkt: Die Hundegeschichte »Timbuktu«

Austers Tiefpunkt: Die Hundegeschichte »Timbuktu«

Und dann kam 1999 »Timbuktu«. Der Roman war ein Schlag. Was war das? Ein kitschiger Tierroman aus der Perspektive eine Hundes! Ein Werk, das sprachlich, aber in erster Linie inhaltlich vollkommen missglückt war. Da bereits die Romane davor nicht Austers stärkste waren und die Wiederholungen in seinen Motiven nicht unbedingt neues Lesevergnügen brachten, war »Timbuktu« ein Schock.

Interessanterweise hatte ich Mitte der 1990er-Jahre entdeckt, dass es Geschichten einer Autorin namens »Siri Hustvedt« gab. Angeblich sei sie Paul Austers Frau. Ich las »Die unsichtbare Frau« und »Die Verzauberung der Lily Dahl« ebenfalls im Original und war damals der felsenfesten Überzeugung, dass sich irgendwann herausstellen würde, dass Paul Auster diese beiden Bücher unter einem weiblichen Pseudonym verfasst hätte. In ihren Motiven und ihrer kreativen Erzählweise waren sie näher an den älteren Auster-Romanen, als es seine neuen Romane selbst waren. Siri Hustvedt schrieb plötzlich die besseren Paul-Auster-Bücher.

Paul Auster ist großer Baseball-Fan

Paul Auster ist großer Baseball-Fan

Als Auster für mich uninteressant geworden war, begann eine zunehmende Auster-Begeisterung – vor allen Dingen im Feuilleton. Mir schien diese Begeisterung zu spät zu kommen, da Auster seinen literarischen Zenit überschritten hatte. Auffallend war die mediale Inszenierung Austers als New Yorker Intellektueller. Homestorys haben mich selten interessiert, im Vordergrund standen immer die Werke, nie das Privatleben der Autoren. Doch nun sah ich stets schöne Fotos von Austers Charakterkopf. Die Bilder des Autors schienen sein Werk längst zu überragen. Die Austers – Siri Hustvedt wurde nie als Pseudonym geoutet, sondern ist tatsächlich Austers Ehefrau – schienen speziell in Deutschland die Prototypen der intellektuellen US-Schriftsteller zu sein.

Später las ich »Die Brooklyn-Revue« und erkannte darin zumindest eine Anknüpfung an Austers frühere Romane, ein klein wenig schien er sich kreativ wieder erholt zu haben, wenngleich ich nie in die alte Begeisterung zurückfinden konnte, da keine Weiterentwicklung zu erkennen war.

Aufbauarbeit mit Paul Auster

Aufbauarbeit mit Paul Auster

Am 3. Februar 2017 wird Paul Auster 70 Jahre alt. Gerade habe ich die deutsche Taschenbuchausgabe der New-York-Trilogie aus dem Regal gezogen und blicke auf den jung aussehenden Mann auf dem Cover. Die Zeit vergeht.

Bekanntermaßen wird ein anderer großer amerikanischer Erzähler in diesem Jahr ebenfalls 70 Jahre alt: Stephen King. In den letzten Jahren habe ich mehr von Stephen King als von Paul Auster gelesen. Und im Vergleich halte ich Stephen King für den besseren, den kreativeren Erzähler, der in einem ähnlichen Zeitraum wie Auster wesentlich abwechslungsreicher war – und damit meine ich nicht die Masse, sondern die Inhalte. Was wäre, wenn Paul Auster eher der kumpelhafte Typ wäre, der auch mal im grauen T-Shirt auftritt? Was wäre, wenn Auster seine Geschichten irgendwann noch mehr mit dem Übersinnlichen und mit Horror-Elementen angereichert hätte? Was wäre, wenn Stephen King ein eher ruhigerer Typ wäre, der in Brooklyn lebt. Woran liegt es, dass zwei durchaus ähnliche amerikanische Erzähler hierzulande so unterschiedlich wahrgenommen werden? Schon jetzt bin ich neugierig, wie über King im September zu seinem 70. berichtet werden wird, welche Bilder die Interviews und Berichte schmücken werden und welches Bild wir uns selbst machen werden.

Fliegen lernen mit Paul Auster

Fliegen lernen mit Paul Auster

»4 3 2 1« soll Paul Austers Opus Magnum sein, so lese ich. Über 1.200 Seiten und daher offenbar prädestiniert, es auf einem E-Reader zu lesen. Ich habe die Leseprobe heruntergeladen, gepackt hat es mich noch nicht. Zudem werde ich kein E-Book kaufen, das nur 3 Euro weniger kostet als die Papierversion. Aber ich denke, ich werde Paul Auster wieder mal eine Chance geben.

Wolfgang Tischer

Paul Auster: Die New-York-Trilogie: Stadt aus Glas / Schlagschatten / Hinter verschlossenen Türen. Taschenbuch. 2012. Rowohlt Taschenbuch Verlag. ISBN/EAN: 9783499258091. EUR 9,99 » Bestellen bei Amazon.de

Paul Auster: 4 3 2 1. Gebundene Ausgabe. 2017. Rowohlt. ISBN/EAN: 9783498000974. EUR 29,95 » Bestellen bei Amazon.de

1 Kommentar zu diesem Beitrag lesen

  1. Mathias Stolarz schrieb am 3. August 2017 um 14:52 Uhr

    Die Stiftung Buchdruck hat „4 3 2 1“ dieses Jahr als schönstes (gedrucktes) Buch ausgezeichnet. Vielleicht rentiert es sich schon aus diesem Grund für einige Leser, die Differenz zum E-Book zu zahlen. Ich selbst hatte das Buch noch nicht in der Hand und kann das leider nicht beurteilen.

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