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Outsourcing im Lektorat: Droemer Knaur geht mit neobooks neue Wege

neobooks von Droemer KnaurSeit einiger Zeit bekommen Autoren, die ihr Manuskript an den Verlag Droemer Knaur [1] schickten, selbiges wieder zurück. Nicht mit dem üblichen Standard-Absageschreiben, sondern mit der Bitte, es doch auf der neuen Bewertungsplattform neobooks [2] einzustellen, die seit Ende Juli in der geschlossenen Betaphase ist und zur Frankfurter Buchmesse ihren öffentlichen Start haben wird.

Die Kosten für die Entwicklung und Unterhaltung einer solchen Plattform scheinen sich für den Verlag zu rechnen. Bei ca. 30 unverlangt eingesandten Manuskripten pro Tag wird einiges an Ressourcen gebunden (SekretärInnen, PraktikantInnen, LektorInnen), die nun frei werden. Denn die Arbeit sollen sich gefälligst die User machen. Als Begründung muss folgende Überlegung herhalten: die zukünftigen Leser wissen am besten, was sie lesen wollen. Also fragen wir sie und verlegen dann das, was die meiste Zustimmung bekommt.

Und was erhalten die Leser (Rezensenten) als Dank für ihre Mühe? Oder anders gefragt: Was sollte ein »normaler« Leser für einen Grund haben, seine wertvolle Zeit mit einem Manuskript zu verbringen, das vielleicht nie den Sprung zwischen zwei Buchdeckel schaffen wird?

Claqueure und Freunde der Autoren?

Wie will man überhaupt »nur« Lesende, die keine Bekannten, Claqueure und Freunde der jeweiligen Autoren sind, auf die neobooks-Seite locken? Sicher nicht mit den vom Verlag in Aussicht gestellten Buch- und eBook-Prämien.

Und welchen Grund sollten die Autoren haben, ihre wertvolle Zeit zu opfern, um »Werke« der Konkurrenz zu lesen und zu bewerten? Autoren wollen schreiben und selbst gelesen werden.

Ein weiteres Problem scheint mir zu sein, dass keinerlei Einschränkungen bei der Art der Literatur gemacht werden. Es kann Lyrik genauso eingestellt werden wie Kurzgeschichten, Romane oder Sachbücher. Alles wetteifert nun miteinander darum, am Stichtag unter den bestbewerteten und empfohlenen 10 Texten zu sein, die es auf den Tisch des Lektorats des Droemer Knaur Verlages schaffen. Das heißt, hier werden völlig unterschiedliche Dinge miteinander verglichen. Äpfel mit Birnen und Orangen.

Ein interessanter Schachzug des Verlages besteht darin, Kritiker wie Nicole Rensmann [3] und andere Autoren, die mir durch verschiedene Literaturforen bekannt sind, durch Aufnahme in den »inneren Zirkel« zur Mitarbeit bei der Beurteilung und Verbesserung der Plattform zu gewinnen und damit ruhig zu stellen. Von ihnen war keine Stellungnahme zu neobooks zu erhalten.

Ein Angebot zwischen Verlagssite und Literaturplattform

Auf den ersten Blick sieht alles ganz übersichtlich und einfach zu handhaben aus, ein Zwischending zwischen Verlagssite und Literaturplattform. Doch der Teufel steckt im Detail. Wer ein eigenes Manuskript hochladen will, sollte sich viel Zeit nehmen. Das teilweise Nicht-Funktionieren mancher Buttons oder der lifebook-Funktion (die eine sehr mühsame Angelegenheit ist, weil man ständig den Text hin- und herziehen muss) ist sicher der Beta-Phase geschuldet und dürfte mit Öffnung der Vergangenheit angehören.

Ein weiteres Problem ergab sich, als ich in der Abteilung »vernetzen« bei »Autoren« schaute und das, was ein bestimmter Autor eingestellt hatte, lesen wollte. Als ich aber den Namen des Autors in die Suchmaske eingab, erschien »keine Werke vorhanden«.

Warum es zwei Buttons »schreiben« und »veröffentlichen« gibt, obwohl sich hinter beiden exakt dasselbe verbirgt, erschließt sich mir ebenfalls nicht.

Wer prüft die Qualität der Texte?

»Schreiben ist zu 90% Handwerk und zu 10% Inspiration« – ich weiß nicht mehr, wer diesen  Satz von sich gegeben hat, doch er trifft meines Erachtens zu. Und Orthografie und richtige Grammatik gehören zweifelsfrei zum Handwerk. Warum mutet man den gutwilligen Rezensenten derartig grauenvolle, fehlerstrotzende Pamphlete zu? Wäre hier nicht eine Vorkontrolle, die nur diejenigen Manuskripte »durchlässt«, die die Mindeststandards erfüllen, eine nette Geste an diejenigen, die sich die Mühe machen wollen, dem Droemer Knaur Verlag die Arbeit abzunehmen?

Hierbei könnten auch die – fern von literarischer Verarbeitung angesiedelten – »ich habe was erlebt«-Geschichten aussortiert werden. Denn wenn der Autorin einziges Motiv für eine Veröffentlichung ist, wie man mit/trotz einer Krankheit/Behinderung sein Leben meistert, sollte man wohl eher zu einer Selbsthilfegruppe oder einem entsprechenden Online-Forum raten als zu einem Verlag. Und selbst wenn von dem Opfer eine Vergewaltigung naturgemäß als ein furchtbarer Einschnitt in das eigene Leben empfunden wird, ist deren Schilderung sicher ebenfalls für ein Verlagsportal ungeeignet. Denn unter der Rubrik »Drama« sind nun einmal nicht die persönlichen gemeint, sondern es darf vermutet werden, dass es sich hierbei um das literarische Genre handelt.

Auch die Beziehung einer 56-jährigen Frau zu einem 26-jährigen Türken, geschrieben in einem Deutsch, das weit unter Realschulniveau ist, gehört wohl eher auf Seiten, die sich mit dem Phänomen des »Bezness« befassen, als auf eine Literaturplattform.

Verlagsmitarbeiterin Ina Fuchshuber schreibt zwar, dass TopRezensenten (pro vollständig ausgefüllter Rezension erhält der Rezensent 5 Punkte, hat er sehr viele Punkte gesammelt, steigt er zum TopRezensenten auf) Werke melden können, »die nicht den Mindestansprüchen genügen«, doch es scheint noch niemanden in den 2 Monaten der Betaphase gelungen zu sein, die entsprechenden Punkte zusammenzubekommen.

Wie können Manipulationen verhindert werden?

Eingedenk dessen, was ich oben schrieb, wundert es nicht mehr,  wenn man sieht, was aktuell so auf Platz 1 bis 10 zu finden ist. Am 24.09. sind das beispielsweise 5 Fantasie-Werke, darunter 3 von demselben Autoren, und ich habe läuten hören, dass sich jener zusätzlich noch mit Pseudonymen dort tummelt. Auf Platz 6 ist ein übler Verschnitt auf Seifenopernniveau, bei dem es mir nicht gelang, zu Ende zu lesen, so grauenvoll klischeehaft und unoriginell war die Geschichte. Ein Kinder- und Jugendbuch und 3 Romane komplettieren die Liste. Das sollen nun die besten Texte sein, die auf neobooks eingestellt sind? Mitnichten! Anscheinend konnten einige der AutorInnen genügend Claqueure verpflichten, die ihre »Werke« mit 5 Sternen und einer Empfehlung belohnten. Liest man die Rezensionen zu solchen Werken, fragt man sich regelmäßig, ob hier wirklich von demselben Text gesprochen wird. Frau Fuchshuber, die verantwortliche Mitarbeiterin des Droemer Knaur Verlages meint zum Thema Manipulationen »Die Votings zu manipulieren sei aus mehreren Gründen schwer [5].

  1. Zählen Empfehlungen von bewährten Mitgliedern mehr als Empfehlungen von Neulingen, d.h. 100 Freunde einzuladen, die nur das eigene Werk bewerten bringt nicht viel.
  2. Zudem haben wir eine sog. Trendsetter-Verfahren entwickelt, indem Rezensenten mehr Gewicht bekommen, die gute Werke als erste entdeckt haben.
  3. Sind in unserer Community offen und verdeckt Lektoren von Droemer Knaur unterwegs und der besagte Community-Manager.
  4. Werden die Top10 ja erst vom Lektorat geprüft (vierteljährlich) und spätestens dann sehen wir, wenn sich ein nicht so qualitativ hochwertiges Werk eingeschlichen hat.«

Zweifel am Funktionieren dieser durchaus löblichen Methoden seien an dieser Stelle erlaubt.

In der Beta-Version besteht eine Möglichkeit, sich unerfreulicher Kritiken zu entledigen, darin, sein Werk kurzzeitig von der Plattform zu nehmen und wieder neu einzustellen, wie es die Autorin des oben erwähnten deutsch-türkischen Beziehungsdramas gleich dreimal tat. Dies hat zum Ergebnis, dass das Werk  auf der Liste der Neuerscheinungen wiederholt ganz oben steht und entsprechende Aufmerksamkeit der Leser bekommt. Allerdings habe ich hier zum ersten Mal das Wirken eines Verlagsmitarbeiters beobachten können: Nach zwei empörten Kommentaren von Rezensenten darüber, dass mit dem Neueinstellen auch ihre Rezensionen verschwunden sind, war folgender Hinweis von neobooks zu lesen: »Wir verstehen die Aufregung sehr gut! In diesem Fall mussten wir jedoch die Autorin bitten, das Cover zu ändern. Das hat sie auch getan. Allerdings musste dazu das Werk neu eingestellt werden, weil eine Coveränderung an bereits veröffentlichten Werken technisch nicht möglich ist.«

Es gibt zu denken, dass man sich zwar um das Cover, nicht jedoch um die Qualität der eingestellten Texte sorgt.

Zusammenfassend sei gesagt: Sollte es den Betreibern nicht gelingen, Gefälligkeitsgutachten aus dem Freundes- und Familienkreis zu unterbinden, sowie andere Schlupflöcher für findige Autoren zu schließen, wird es nach Öffnung der Plattform noch viel stärker in diese Richtung gehen.

Was unterscheidet neobooks von literarischen Online-Foren?

Autoren, die z.B. bei der Leselupe [7] ihre Texte einstellen, tun dies, um konstruktive Kritik zu erhalten, um sich als Autoren weiterzuentwickeln. Diese Kritik ist oft auch hart. Viele von den neobooks-Texten würden dort und anderswo gnadenlos verrissen werden. Läge es Droemer Knaur also nur daran, gute Texte und Autoren zu finden, so müssten sie nur einen Lektor abstellen, um auf den gängigen Literaturplattformen nach Talenten zu suchen. Es gibt sie zuhauf! Ob man sie bei neobooks finden wird, wage ich zu bezweifeln. Da müsste schon viel Sand gesiebt werden, um an ein Krümelchen Gold zu kommen.

Außerdem darf die Frage erlaubt sein, ob es den Autoren, die bei neobooks in Erscheinung treten, nicht ausschließlich darum geht, veröffentlicht zu werden. Wären sie nämlich in der Lage, konstruktive Kritik umzusetzen, hätte sich ihre Schreibe sicher durch aktive Mitarbeit in einem der Literaturforen bereits so verbessert, dass es ihren Texten auch anzulesen wäre. Es bleibt das Gefühl, dass sich bei neobooks all jene tummeln werden, die über die –zigste Standardabsage von Verlagen frustriert und unfähig sind, die Schwächen ihrer Schreibe zu erkennen und daran zu arbeiten. Würden sie sich z.B. in der Leselupe der Kritik stellen, wären sie bald verschwunden, um weiter im stillen Kämmerlein ihre Wunden zu lecken. Bei neobooks jedoch dürfen sie sich eine Weile der Hoffnung hingeben, eine reelle Chance zu haben, einen Bestseller zu landen. Zitat: »Wir entdecken die Bestseller von morgen!« Das klingt für mich ein wenig nach falschem Spiel, um es gelinde zu sagen. Und zwar von Seiten des Verlages, der mit den Hoffnungen der Möchtegern-Autoren spielt.

Was also ist das Ziel von neobooks, was verspricht sich der Verlag Droemer Knaur von dieser Akquise-Plattform. Ina Fuchshuber dazu: »Ziel der Plattform ist es, online-affine Autoren zu akquirieren (für eBooks, Apps und Bücher), gemeinsam neue Produktformen zu entwickeln sowie Autoren, die ihre Werke als eBook vertreiben wollen, eine Plattform zu bieten.«

Tatsächlich ist es möglich, kostenlos sein Buch als eBook anzubieten; hier bestimmt allein die Nachfrage auf der Plattform, ob das Buch verkauft wird oder nicht. Interessanterweise wird neobooks dadurch auch zur Konkurrenz für bereits bestehende »Bau-dir-dein-eBook-selbst«-Plattformen wie Bookrix [8] oder Triboox [9]. Vielleicht ist das für diejenigen Autoren interessant, die der ewigen Standardabsagen der Verlage leid sind.

Doch möchte ich stark bezweifeln, dass der Slogan »Wir entdecken die Bestseller von morgen« ausgerechnet mit einer solchen Plattform umgesetzt werden kann. Was sollte dort veröffentlicht werden, was nicht schon auf dem Tisch des Lektorats gelegen hätte?

Um Talente zu suchen, wäre es außerdem kostengünstiger, einen Lektor abzustellen, der sich in den zahlreichen Literaturforen umsieht, in denen ernstzunehmende Autoren ihre Texte veröffentlichen und sich harter, aber konstruktiver Kritik stellen.

Man wird abwarten müssen, wie sich die Plattform nach Öffnung weiter entwickelt, wenn voraussichtlich noch mehr »Möchtegernautoren« diese Gelegenheit nutzen werden, um ihren Namen wenigstens auf einem virtuellen Buchrücken gedruckt zu sehen. Wenn es die Betreiber der Plattform nicht schaffen, den schlimmsten Müll auszusieben, wird sich bald kein ernstzunehmender Autor mehr auf neobooks bewegen.

Cornelia Lotter

Das Interview führte Cornelia Lotter [10]. Sie veröffentlicht unter ihrem Namen sowie verschiedenen Pseudonymen Kurzgeschichten und Romane. Im November 2011 erschien im fhl Verlag Leipzig [11] ihr Erzählband »Das letzte Frühstück«. Sie ist Mitglied im VS [12] und im Montsegur-Autorenforum [13]. Im Dezember 2011 erhielt sie den Selma-Meerbaum-Eisinger [14]-Literaturpreis in der Sparte Lyrik.

Nachtrag vom 1. Oktober 2010:

Ab heute beginnt die öffentliche Beta-Phase von neobooks und nun hat jede und jeder Zugang zum Angebot [15]. Im Rahmen unseres Buchmesse-Podcast wird demnächst auch ein Interview mit Projektleiterin Ina Fuchshuber [16] zu hören sein. Von Droemer Knaur erreicht uns zum Artikel vorab folgender Hinweis, den wir hier gerne veröffentlichen:

Letztendlich entscheidet selbstverständlich nach wie vor unser Lektorat, wer und was bei Droemer Knaur und auch bei neobooks erscheint. Die Rezensenten empfehlen uns auf neobooks Werke zur Veröffentlichung und wir prüfen vierteljährlich die Top10 und veröffentlichen daraus die besten Werke.

Auch die Möglichkeit, Manuskripte weiterhin per Post einzuschicken bleibt bestehen.