»Oneiros« von Markus Heitz – Ein sprachlicher Terroranschlag
Das habe ich nun davon!
Nachdem ich kürzlich – skeptisch wie immer bei allem, was Bestseller betitelt ist – Jonas Jonassons Spiegel-Bestseller vom Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg, angelesen und dann über alles geliebt habe, griff ich unter Zeitdruck in einer Bahnhofsbuchhandlung angesichts einer bevorstehenden dreistündigen Bahnfahrt zu obengenanntem Spiegel-Bestseller, ohne auch nur den Anfang gelesen zu haben!
Einen Sitzplatz hatte ich tatsächlich ergattert im ICE, begann zu lesen – und zu stöhnen:
»… wünschen wir Ihnen guten Appetit bei Ihrem Frühstück.«
Genau so fängt’s an! Mit den Auslassungszeichen! Glücklicherweise wurde das vorangegangene Gelaber weggelassen.
Hätte ich vor dem Notkauf nur diesen Halbsatz gelesen, hätte ich dieses Buch sofort zurück gelegt!
Denn: Die angesprochenen Personen werden dankbar sein für die Information, dass sie ein Frühstück bekommen statt das erwartete Abendessen – oder warum sonst sollte jemand so etwas von sich geben? Reichte »guten Appetit« nicht aus?
Das ist eine der Dummheiten, die sich durch dieses Machwerk ziehen: Der Leser muss wissen, dass es früh am Morgen ist, die Leute wissen es selbstverständlich – also überlässt der Erzähler der Flugbereiterin, das den Lesern zu erzählen.
Hilfloser geht es nicht! So erklärt einige Seiten später (S.24f) ein weltweit operierender Bestattungsunternehmer seinen Profifahrern, dass sie vor einer Fahrt in die Hitze die »Kühlung von Wagen vier« überprüfen sollen, da die Fahrt zwei Tage dauere blahblahblah – sieben Zeilen lang, gerade so, als hätte er Trottel vor sich.
Aber die Trottel sind die Leser, die natürlich nicht wissen, dass Leichen bei Hitze anfangen zu stinken … das müssen sich zur Strafe dann die Profifahrer eines Bestattungsunternehmens anhören.
Zurück zum Flugzeug und der schwafelnden »Chefstewardess«, die eigentlich Flugbegleiterin heißen müsste. Das war ja nur die erste überlieferte Zeile! Die hat noch mehr Albernheiten auf Lager:
»In etwa zwei Stunden, gegen 10.45, erreichen wir den Flughafen Paris-Charles de Gaulle …«
Das ist überraschend für alle Passagiere, die eigentlich nach Amman-Queen Alia International Airport wollten, aber jetzt ist es zu spät – das hätte Christine eigentlich vor dem Abflug sagen sollen; immerhin weiß jetzt der Leser Bescheid!
» … in ungefähr einer Stunde beginnen wir mit dem Landeanflug und verringern die Flughöhe.«
Jetzt ist der Leser baff: Beim Landeanflug wird die Flughöhe verringert? Wo er doch überzeugt war, die Flugzeuge fallen einfach so runter?
Gut, dass es so versierte Flugbegleiterinnen gibt. Aber spannend bleibt es doch, sie verschweigt nämlich was:
»Näheres dazu dann wieder von mir.«
Ist aber gelogen: Als es soweit ist, sagt sie kein Wort! Immerhin entfallen auf diese Weise dümmliche Ansagen. Zwar fehlen auch die üblichen Anweisungen, dennoch wird einem Passagier mit Konsequenzen gedroht, weil er nicht angeschnallt auf seinem Sitz bleibt … Das ist alles so lieblos zusammengestümpert.
»Wenn Sie Fragen oder Wünsche haben, stehen mein Team und ich Ihnen gerne zur Verfügung.«
So beendet Christine schließlich die sechseinhalbzeilige Ansage.
Im ersten Halbkapitel wird weiter geschludert, z. B. Klischees, dass es knallt: Air France Flugbegleiterin Christine beherrscht französisch und »Englisch mit charmantem Akzent«, ein Orientale wird erkannt und drei Seiten weiter dann beschrieben, so dass Leser weiß, woran sie ihn erkannt hat: Der trug nämlich »ein traditionelles Gewand sowie einen dichten schwarzen Bart«.
Bei einem Italiener klirrt selbstverständlich ein goldenes Armkettchen, und er flucht auf Englisch (so stehts geschrieben!) porca miseria und maledetto. Zudem macht er eine Handbewegung, »die sagen sollte: Mit der Alitalia wäre das nicht passiert«.
Ob Christine das verstanden hat? So eine Handbewegung würde ich gerne mal sehen!
Man erfährt die französischen Bezeichnungen der drei Klassen im Airbus 380-862 (sofern die stimmen; würde mich zwar wundern, ist mir aber auch egal), die man gar nicht wissen will, weil man es nie braucht.
Der Englisch sprechende Italiener wird vom Orientalen mit Monsieur angesprochen.
Der Junge »spielte gelangweilt mit einem bunten Stift mit einer kleinen Leuchtdiode herum« -Toll: In einem kleinen Sätzlein gleich zweimals die Präposition mit untergebracht, das nenne ich Sprachkompetenz! Auch wenn es noch eleganter ginge: Er spielte gelangweilt mit gelangweiltem Gesichtsausdruck mit seinen Fingern mit einem kunterbunten Stift mit einer dicken Leuchtdiode mit einem tiefen Seufzen mit dem Orientalen sein Koran herum.
Manche fremdsprachigen Ausdrücke sind kursiv gesetzt, manche wiederum nicht, versehentlich wird einmal Passagier kursiv gesetzt, einmal kommt imbecille vor, was eigentlich imbécile heißen muss usw. Die Sprache Englisch bekommt ein Genetiv-s angeheftet, das kann schon mal passieren, wenn man sich seines Deutschs nicht sicher ist.
Auch der inhaltliche Blödsinn galoppiert: Das Flugzeug kommt aus den USA. Angeblich haben die dortigen Sicherheitsbehörden dermaßen gepennt, dass ihnen nicht einmal der seltsame Namen des Orientalen aufgefallen ist: Rub-al-Chali! Genau: So wie die Wüste im Süden von Saudi Arabien, wie mindestens jeder Karl-May-Leser weiß! Das merkt erst Christine (Hut ab!). Und dieses »Leere Viertel« (so die Übersetzung) kann mit Sondergenehmigung der Air France eine Sauerstoffflasche in das Flugzeug nehmen, die ein Giftgas enthält, wie sich aber erst im Flugzeug herausstellt, das deswegen letztlich erfolgreich im Terminal 2E verendet.
Das sollen die amerikanischen Sicherheitsbehörden nicht überprüft haben? Eiwei: Genau so stellt sich Hans Wurst einen möglichen Terroranschlag vor!
Dass die elf Araber fröhlich in der Bar auf dem JFK-Airport konspirativ zusammen gesessen haben, aber konspirativ getrennt im Airbus, hat nur der Italiener gemerkt, porca miseria! Und, maledetto, sein Nachbarorientale hat außerdem im Koran gelesen – so sind sie, die Islamisten: fröhlich in der Bar, aber dann reuevoll Koranverse gemurmelt.
Eigentlich sollte ich fragen, wofür die Lektorin vom Knaur Verlag bezahlt wird – vermutlich aber war das Manuskript ursprünglich noch viel, viel, viel schlimmer: Schließlich bedankt sich der Germanistik studiert habende Herr Heitz ausdrücklich bei ihr, da sie dafür gesorgt habe, »dass die Verwirrung den Lesenden erspart blieb und sich nur die Überraschung hielt.« (S. 617) Überraschung: Jaaa! Z. B. wegen dem inhaltlichen Blöd- und sprachlichen Unsinn.
Je nun … wer halt auf fast food steht. Es ist wie mit BILD: Die ist auch Bestseller, schon seit Jahrzehnten. Allerdings zumindest sprachlich um Klassen besser als diese Schwarte.
PS: Diese nehme ich bei meiner nächsten Zugfahrt mit, um sie irgendwo zu liegen zu lassen – ich habe es nur bis Seite 25 geschafft. Nicht einmal die Rezepte für die Drinks zum Buch konnten mich zum Lesen bewegen.
Aber es gibt ja des Lesens Kundige, die auf Magerstkost stehen, z. B. diese Leseratte (Schreibung und Zeichensetzung nicht korrigiert):
»Markus Heitz hat sich mit diesem Buch selbst übertroffen. Spannende Geschichte die zum unbedingten Weiterlesen anregt. Einmal begonne, kommtz man nicht mehr davon los. Die Orte in denen sich die Geschichte abspielt sind sehr realistisch und bringen die düstere Stimmung sehr gut rüber. Teilweise sind die Orte gut beschrieben und vermitteln ein absolutes Stimmungsbild (Beispiel: Camp nou-Stadion Madrid). Das Lesen des Buches verspricht Gänsehautgarantie. Jeder der eine gute Geschichte mag und den leisen Schauer ertragen kann muss dieses Buch lesen.«
Kommt sprachlich-stilistisch durchaus an Herrn Heitz heran. Aber die TOP 500 Rezensentin Silvia M. bei Amazon warnt vor dem Buch (Schreibung und Zeichensetzung nicht korrigiert):
Doch Vorsicht ‘ Bücher von Markus Heitz machen süchtig, Wer nur ein einziges Buch von ihm liest, will mehr …immer mehr und wenn man alle Bücher gelesen hat, beginnt das unerträgliche Warten auf das nächste Buch, so auch jetzt…
Abgesehen von der originellen Zeichensetzung eine ernstzunehmende Warnung, denn Folgen von Drogen sind Übelkeit, Kopfschmerzen und Realitätsverlust – was bin ich froh, rechtzeitig ausgestiegen zu sein!
Herr Heitz schmeißt seit 2002 jedes Jahr mindestens zwei solche Schwarten auf den Markt – den peinlichen Folgen dieses Aus-dem-Ärmel-Schüttelns begegnet man bei Oneiros auf jeder der ersten 25 Seiten mehrfach.
Malte Bremer
Markus Heitz: Oneiros - Tödlicher Fluch: Roman. Broschiert. 2012. Knaur TB. ISBN/EAN: 9783426505908. EUR 14,99 (Bestellen bei Amazon.de)
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Sich über andere Leser (Hobbyrezensenten) lustig zu machen, hat für mich immer ein eher abgestandenes Gschmäckle. Das erweckt bei mir den Eindruck, dass man seine Meinung mit eigenen Argumenten nicht standfest genug vertreten kann – obwohl die Zitate aus dem Buch selbst ja eigentlich ausreichten. Sehr schade, denn die Rezension fing gut an.
Ich habe noch kein Buch von Markus Heitz gelesen. Dass die Qualität von Romanen leidet, wenn man tatsächlich zwei davon pro Jahr “raushaut”, kann ich mir sehr gut vorstellen. Mir geht es bei manchen Hohlbein-Büchern so.
Dennoch finde ich Ihre Kritik, mit Verlaub, Kacke, denn hier werden lediglich 25 Seiten eines Romans “rezensiert” bzw. zerpflückt und übelst lächerlich gemacht. In jedem Buch gibt es Stellen, bei denen man die Stirn runzeln muss, bei denen man auch mal aufgrund unfreiwilliger Komik auflachen muss (entschuldigen sie, ich habe zweimal das Wort “muss” in einem Satz verwendet). Oft gehen solche Spitzfindigkeiten im Gesamtpaket aber unter. Gut, die Stewardess, ups, Flugbegleiterin ist ein Klischee, alles andere auch. Vielleicht hat Herr Heitz seine Eingangszene nicht gerade geschickt geschrieben. War er womöglich von etwas anderem getrieben? Man weiß es nicht, wenn man nur so wenig gelesen hat und meint, das Buch damit rezensieren zu können.
Das I-Tüpfelchen der Arroganz und Überheblichkeit ist jedoch die gewollt ins Lächerliche ziehende Zitierung anderer Rezensenten. Einfach peinlich.
Das ist leider überhaupt keine gute Rezension. Der Roman ist wirklich nicht der allerbeste, aber ganz okay. Und Markus Heitz schreibt auch richtig großartige Bücher. Das ein hohes Niveau nicht beibehalten kann, wenn man viel veröffentlicht, ist klar. Das trifft aber auf nahezu jeden Autor zu. Zurück zur Rezension: Hier werden lediglich ein paar Sätze aus dem Zusammenhang gerissen und ins Lächerliche gezogen – und das völlig sinnlos. Kennt man das Buch nicht, ist man nach dieser Rezension überhaupt nicht schlauer. Dass dann auch noch andere Rezensenten, die das Buch toll fanden, ebenfalls ins Lächerliche gezogen werden, ist der Gipfel der Peinlichkeit. Gibt glücklicherweise auch noch gute Bücherblogs da draußen…
Eieiei, da durfte sich der Herr Bremer ja mal wieder tüchtig auslassen. Und schon nach 25 Seiten kann er einen Bestsellerautor beurteilen! Wow! Also wenn das einer kann, dann natürlich Herr Bremer. Wäre wohl selbst gern auf einer Bestsellerliste, kriegt aber leider nix gebacken. Ach nein, wie war das: “schreibt viel, veröffentlicht aber nichts” Ja, warum wohl? Malte Bremers Ergüsse sind wirklich nur noch peinlich!
Ich selber bin kein Heitz-Fan, doch finde ich diese Kritik übertrieben. Ich beziehe mich hier insbesondere auf die Flugzeugzitate: Zum einen werden dem Nicht-Kenner des Buches hier nur die Sätze hingelegt, ohne näher zu begründen – vielleicht klingen sie ja nur aus dem Kontext gerissen nicht so großartig, ergeben im Gesamttext jedoch Sinn?! Zum anderen frage ich mich, welche Airlines Herr Bremer nimmt, da ich genau solche Ansagen immer höre, ja auch die mit der Verringerung der Flughöhe in Kombination mit dem Landen! Wieso wird Herr Heitz dafür gestraft, wenn er Dinge aus dem realen Leben detailgenau in sein Werk einfließen lässt?
Auch die Kritik an dem Satz mit mehrfachem “mit” und “gelangweilt” finde ich übertrieben, da dieser Satz an sich kein Fehler ist, sondern dies als Stilmittel eingesetzt wurde.Das muss nicht gefallen. Aber wem dieses Mittel nicht gefällt, der kann dies auch anders zum Ausdruck bringen.
Natürlich dürfen Bücher, die nicht gefallen haben, auch kritisiert werden. Allerdings sollte dies objektiv geschehen – nicht, indem man einfach nur seine persönliche Meinung wiedergibt. Und ein wenig Respekt gegenüber Autoren – und anderen Rezensenten!!! – sollte man als Kritiker bewahren. Wer alles und jeden ins Lächerliche zieht, der wird irgendwann selbst nicht mehr ernst genommen und respektiert! Wer selber noch kein Buch bei einem der renommierten Verlage veröffentlicht hat, sollte Schriftstellerei erst recht nicht als etwas so Leichtfertiges hinabstufen – auch wenn ein Buch nicht gefallen hat, stecken doch immer Ideen und Arbeit dahinter, denen man zumindest Respekt zollen sollte. Außerdem sind Geschmäcker verschieden – sich über andere Leser lustig zu machen, nur weil sie die eigene Meinung nicht teilen, ist sehr bedauernswert.
Werter Herr Bremer, als Kritiker kann ich Sie nun daher nicht mehr ernst nehmen. Da vertrau ich lieber den Bloggern – die haben wenigstens noch Respekt gegenüber anderen Lesern und den Autoren – und schaffen es, im Gegensatz zu Ihnen, negative Meinungen wenigstens auf sachlicher Ebene und nicht auf beleidigendem Teenie-Niveau auszudrücken.
Im Grunde deckt der Autor der Kritik (auf mehr oder minder charmante Weise) die Schwächen und Stärken eines literarischen Machwerks auf.
Ich lerne davon. Deshalb ist jede Rezension von Malte Bremer wie ein neues Kapitel eines Autoren-Lehrbuches.
Gott, dass es nicht nur positive Anmerkungen sind, ist bedauerlich, aber unlangweilig.
Die Kunst ist, über alle persönliche Betroffenheit sehen zu können. Das geht nur mit Abstand. Markus Heitz sollte diese Rezension hier mindestens genauso gewichten, wie die durchweg positiven aber oberflächlichen anderen Beurteilungen seiner Kunst.
Weiter so, Malte Bremer, und mehr davon.
Eine “charmante” Weise kann ich bei Herrn Bremer beim besten Willen nicht erkennen. Seine sog. “Kritiken” sind herablassend, besserwisserisch und zum Teil regelrecht beleidigend. Letzteres tritt im vorliegenden Fall sehr deutlich zutage, wenn er nunmehr sogar fremde Rezensenten niedermacht. Wie kann man auch nur anderer Meinung als ein Malte Bremer sein? Das geht ja gar nicht! Ich lese durchaus auch anderswo Kritiken, ob ich sie mir zu Herzen nehme, ist eine andere Sache, aber das Geschreibsel dieses Herrn ist eine Zumutung!
Ohne das Buch gelesen zu haben, fand ich die Rezension sehr erfrischend. Es fällt mir schwer die Aufregung meiner Vorkommentatoren nach zu vollziehen.
Abgesehen davon, daß man sich auch auf 25 Seiten ein Bild von einem Werk machen kann – und das sollte eben gerade engagierte Lektoren anspornen – steht diese Kritik für ein ganzes Genre.
Ein Genre, in dem sich die globalen Aufschneider durchgesetzt haben, daß für kritische Leser sehr wenig zu bieten hat.
Herr Bremer,
eine wunderbare Rezension. Lassen Sie sich von den anderen Kommentaren nicht jucken – sprachliche Inkompetenz muss man als eine solche auch benennen. Verbreitet genug ist sie ja leider bereits.
Das ist (davon ganz abgesehen ob das Buch gut oder schlecht ist), keine Literaturkritik. Das ist einfach nur der Text eines erbärmlichen und stillosen Querulanten.