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Dokument: Offener Brief an die Geschäftsleitung des mediacampus Frankfurt von den Schülern des 162. Kurses

Offener Brief an die Geschäftsleitung des mediacampus Frankfurt von den Schülern des 162. KursesFrüher hieß er »Schulen des Deutschen Buchhandels«, heute ist er zum »Mediencampus [1]« geworden: Der Ort auf den grünen Hügeln [2] zwischen Seckbach und Bergen-Enkheim bei Frankfurt. Viele Buchhändlerinnen und Buchhändler aus ganz Deutschland haben hier während ihrer Ausbildung die Berufsschule besucht.

Schon die Namensänderung zeigt, dass man sich hier mehr der Zukunft zuwenden möchte. Der Buchhandel muss auf die Digitalisierung auch in seiner Ausbildung reagieren.

Doch wie dies geschieht, scheint bei den Auszubildenden nicht unbedingt auf Zustimmung zu stoßen. Mit einem offenen Brief wenden sich die Schüler des 162. Kurses, die heute ihre Zeugnisse erhalten und den Campus verlassen, an die Geschäftsleitung der Schule.

Ein Brief der Außenstehende verwundert.

Beklagt wird in dem zweiseitigen Schreiben zum einen der Weggang kompetenter und verdienter Lehrkräfte, die den Wandel nicht mittragen wollen. Die neuen externen Referenten jedoch kennen offenbar die Grundbegriffe des Buchhandels nicht, was die Schüler irritiert. Die Erwähnung von Begriffen wie »Buchpreisbindung« stoße bei einigen Dozenten auf Unkenntnis, schreiben die Schüler.

»Für uns ist Wirtschaft ein Mittel für den Zweck Buch, und nicht das Buch der zufällige Gegenstand des Wirtschaftens«, heißt es im Brief.

Und weiter: »Wir sehen die Gefahr, dass der Schwerpunkt zu einseitig auf die Neuen Medien gesetzt wird – es wäre nicht die erste Blase die platz.«

Parallel zu den Schülern, die den Campus verlassen, treffen sich heute auf dem mediencampus die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 1. Buchcamps [4]. Hier widmen sich die über 100 Teilnehmer der Zukunft des Buches und der Frage, welche Rolle Internet, eBook und die »sozialen Medien« für das Buch und das Buch-Marketing spielen.

Unter diesen Teilnehmern wird der Brief der Schüler natürlich mit großem Erstaunen diskutiert. Der Nachwuchs des Buchhandels will sich ins Schneckenhaus des gedruckten Buches zurückziehen? Nachwievor Sendungsbewusstsein statt Wirtschaften bei Buchhändlern? Nimmt der Nachwuchs, von dem man sich viel erhofft und erwartet, den Medienwandel nicht wahr?

Doch da auf Twitter und Co. vieles verkürzt wird und das Schreiben in der Tat weitaus differenzierter ist, als es 140 Zeichen wiedergeben können, wollen wir es hier dokumentieren, damit sich jede und jeder selbst ein Bild machen kann.

Denn dann wird klar: Die Haltung der Schüler pauschal als Realitätsferne abzutun ist falsch. Für den Außenstehenden schimmert durch, dass die Schüler Kompetenz und – trotz neuer Medien – die Verankerung in der Tradition anmahnen. Allein eine Namensänderung reicht nicht. Der Wandel knirscht.

Nachtrag vom 10. Mai 2010: Ein Kommentar der Auszubildenden
Zwischenzeitlich haben zwei Mitverfasser des Schreibens zur Diskussion Stellung bezogen und ihr Anliegen konkretisiert. Klare Aussage: »Wir sind nicht gegen die neuen Medien!«. Vielmehr solle trotz Digitalisierung nicht vergessen werden, dass man mit Kulturgütern handle. Der vollständige Kommentar im Wortlaut findet sich weiter unten auf dieser Seite [5].