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Beitrag vom 30. Januar 2018 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Nina Jäckle: Stillhalten – Leiser Roman in lauter Zeit

Nina Jäckle: Stillhalten

»Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen.«

So endet Kafkas Erzählung Der Landarzt. Und so hätte auch Nina Jäckles Roman Stillhalten beginnen können. Doch der beginnt mit einer Beschreibung, wie Ninas Großmutter, diese großartige Tänzerin, von dem Maler Otto Dix gebeten wurde, sie malen zu dürfen: Er fragt sie, ob sie das wolle, nämlich »uns alle trösten mit deinem Lächeln.«

»Man muss gut zuhören, was erzählt wird, man muss gut hinsehen, wer die Rede an sich reißt, man muss die Worte genau nehmen.« Belehrt er sie.

Und Nina Jäckle setzt das um in ihrem Roman über ihre Großmutter: Sie nimmt die Worte genau. Sie weiß, welche Personen wichtig sind, und gibt ihnen Namen. Dazu gehört nicht der Mann – der hat keinen, ist nur Funktion, denn der hat Tamara geheiratet, weil sie so schön und einzigartig ist, und besitzt sie nun. Glaubt er. Das Tanzen hat er ihr verboten. Sie gehört seitdem ihm, wie seine Steine.

Auch der Gärtner ist nur Gärtner und pflanzt gehorsam ein, was Tamara wünscht: Leberblume (schwach giftig), Lungenkraut (entzündungshemmend), Augentrost, Feuerdorn (schwach giftig), Scheinerdbeere (bitter), Judasbaum (essbar), Krallenwinde, Hungerblümchen, Herzgespann (senkt Blutdruck), Teufelsfarn.


Tamara weiß, dass der Gärtner am Stammtisch über ihre seltsamen Wünsche sprechen würde, denn obwohl außer dem Gärtner und der Haushälterin (auch diese hat keinen Namen) niemand Tamara kannte, war sie allgemein bekannt als »die von anderswo«. Aber ihr Mann war wohl bekannt, vor allem bei vielen Frauen im Dorf und der weiteren Umgebung.

Tamara lebt zusammen mit ihren übrig gebliebenen Autogrammkarten, dem Bild von Otto Dix, Piccolos, der Alarmanlage und dem in Ungnade gefallenen Jagdhund ihres Mannes, denn der taugt nicht mehr zur Jagd und muss im Zwinger bleiben. So wie Tamara im zweiten Stock.

Stillhalten und aushalten musste Tamara, und das tat sie. Sie führte zu diesem Zweck ein »Abrechnungsbuch«, in dem sie präzise ihre Ausgaben listete. Für das Einkaufen war die Haushälterin zuständig. Auch andere Informationen teilt sie in diesem Buch mit. Und deswegen heißt es wohl auch nicht »Haushaltsbuch«, was damals jede Ehefrau führen musste, um dem Gemahl Rechenschaft abzulegen: Denn dieser vertraute ihr das Haushaltsgeld nur an, und auch über die Höhe entschied allein er.

Was Nina Jäckle hier sprachlich und kompositorisch leistet, ist absolut außergewöhnlich! Das ist kein gradlinig-langweiliger Roman von Tamaras Anfängen bis jetzt – das ist eine grandiose Komposition von Erinnerungen, Wünschen, Erlebnissen, Ereignissen, Vorstellungen, die sich ganz allmählich zu einem Gesamtbild fügen! Selbst die Autorin kommt direkt vor, wenn sie plötzlich ins Präsens wechselt und ihre Großmutter bei deren Verrichtungen beobachtet und gewissermaßen voraussagt, was geschehen wird!

»Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen.«

Tamara standen alle Wege offen. Aber sie sie ist der Bimmel eines Jägers und Sammlers gefolgt.

»Stillhalten« ist ein ausgesprochen leiser Roman. Und das ist etwas ganz, ganz Seltenes in dieser lauten Zeit!

Malte Bremer

Nina Jäckle: Stillhalten: Roman. Gebundene Ausgabe. 2017. Klöpfer & Meyer. ISBN/EAN: 9783863514518. EUR 20,00 » Bestellen bei Amazon.de
Nina Jäckle: Stillhalten: Roman. Kindle Edition. 2017. Klöpfer & Meyer Verlag » Herunterladen bei Amazon.de

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