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Filmkritik: »Nachtzug nach Lissabon«

Plakatausschnitt: Nachtzug nach LissabonDer Roman »Nachtzug nach Lissabon« von Pascal Mercier von 2004 war über zwei Jahre lang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste [1] vertreten.

Das Buch vereint Blümchen-Philosophie vom Schlage Paulo Coelhos mit der Dramaturgie eines Computer-Textadventure-Spiels. Und die Hauptfigur macht das, was wir uns doch insgeheim alle wünschen: Von einem Tag auf den anderen bricht sie aus ihrem bisherigen Leben aus. Eckpfeiler eines Bestseller-Erfolgs.

Der schwedische dänische Regisseur und Literaturverfilmer Bille August (»Das Geisterhaus«, »Fräulein Smillas Gespür für Schnee«) bringt nun den Nachtzug ins Kino [2].

Wir haben uns den Film schon mal angesehen.

Ein Wort ändert ein Leben

Raimund Gregorius ist der zuverlässigste Mensch auf Erden. Nur einmal, als auf dem Weg zur Arbeit eine Brücke gesperrt war, machte der 57-jährige Gymnasiallehrer für alte Sprachen einen Fehler im Unterricht. Ansonsten ist er immer pünktlich und von Schülern und Kollegen geschätzt. Aber langweilig.

Doch plötzlich reißt ihn ein einziges Wort aus seinem Alltag: Português. Ausgesprochen wird es von einer Frau, die sich offenbar von der Berner Kirchfeldbrücke [3] stürzen will. Nachdem Gregorius sie vermeintlich von ihrer Tat abgehalten hat, gerät sein Leben aus den Fugen. Sein Antiquar empfiehlt ihm ein Büchlein mit philosophischen Gedanken eines portugiesischen Autors, und Gregorius ist davon so begeistert, dass er sich – berauscht von Wort und Worten – spontan auf den Weg nach Portugal macht, um mehr über den Autor Amadeu de Prado herauszufinden.

Ein Buch wie ein Computerspiel

Pascal Mercier, ein Pseudonym des Schweizes Peter Bieri [4], baut die Suche nach dem Autor und seiner Geschichte wie ein Computerspiel auf: Da gibt es Personen, Schauplätze, Geschichten und Textfragmente, die es zu entdecken und logisch zu kombinieren gilt. Indem Gregorius Personen und Orte besucht, erhält er Stück für Stück Informationen, aus denen sich die Geschichte schließlich zusammensetzt. Und wie im Textadventure gibt eine Person ein Geheimnis oftmals erst dann Preis, wenn man ihr an anderer Stelle erhaltene Infos oder Gegenstände anbietet.

Ein Film wie eine Mercedes-Werbung

Bille August hat aus dem Buch einen ZDF-Fernsehfilm gemacht, der zunächst im Kino gezeigt wird: ein Film mit der Optik eine Mercedes-Werbung, ist darin doch ein schnittiges, rotes A-Klasse-Modell mit Sportfelgen immer wieder prominent in Szene gesetzt.

Der Film-Gregorius (verkörpert von Jeremy Irons) ist einer, der einen gebrauchten Teebeutel aus dem Mülleimer zieht und wiederverwendet, wenn er feststellt, dass die Packung leer ist. Dem Buch-Gregorius wäre das gar nicht erst passiert, da er rechtzeitig eine neue erworben hätte.

Vorschaubild

NACHTZUG NACH LISSABON – Trailer deutsch synchronisiert

Bei Bille August ist die Brückenszene weitaus dramatischer als im Buch, denn da steht die Frau schon auf dem Geländer. Doch das magische Wort Português spricht sie nicht aus. Überhaupt spielt der Aspekt, dass Gregorius aus seinem Leben ausbricht, im Film nur eine untergeordnete Rolle. Hier ist Raimund Gregorius eigentlich nur einer, der nach Lissabon reist, um der Frau den vergessenen Mantel zurückzubringen. Dass dafür aus dramaturgischen Gründen unrealistischerweise ein EC mit auf voller Länge geöffneten Türen den Berner Bahnhof verlassen muss, um der Hauptperson ein Aufspringen in letzter Sekunde zu ermöglichen, tut beim Zuschauen weh.

Dialoge wie bei Derrick

Vor 30 Jahren hätte man vielleicht Horst Tappert mit der Hauptrolle besetzt, denn die folgende Inszenierung kommt wie eine Derrick-Folge daher, in der Gregorius zum Fragen stellenden Ermittler mutiert – inklusive der hölzern aufgesagten Texte, die von Herbert Reinecker [6] hätten stammen können. Auch das schmerzt, denn der Film ist mit hochkarätigen Schauspielern besetzt, die jedoch bis auf ganz wenige Ausnahmen ihrem Beruf nicht nachgehen dürfen. Stattdessen kommentieren sie größtenteils gestelzt die im Film eingebauten Rückblenden. Und die Komparsen beim nächtlichen Angriff auf einen Mann vom Geheimdienst stehen so kunstvoll herum, dass man befürchtet, sie werden gleich anfangen zu singen. Dekorativ wie Schnittlauch oben drauf kommen zum Film noch ein paar Poesiesprüche von Amadeu aus dem Off. Doch so richtig erschließt sich dem Zuschauer die Faszination Gregorius’ an diesem Büchlein nicht.

Was der Film besser macht

Der verdichteten Filmhandlung ist zu verdanken, dass die Drehbuchautoren die Frau auf der Brücke in die Geschichte eingebunden haben. Das ist handwerklich besser gelöst als bei Mercier, bei dem diese Episode zwar der Auslöser von allem ist, nachlässigerweise aber nicht in die Handlung eingebunden wird. Im Film hingegen ist die Sache rund.

Dass der Film naturgemäß eher einem Happy End entgegensteuert, muss man hinnehmen. Dass er vor einem befürchteten völlig verkitschten Schlusssatz abblendet, ist wohltuend – so man bis dahin durchgehalten hat.

Wolfgang Tischer

Nachtzug nach Lissabon. Deutschland, Schweiz, Portugal 2012. Länge: 110 Min. / Dolby SR. Mit Jeremy Irons, Mélanie Laurent, Jack Huston, Martina Gedeck, Tom Courtenay, August Diehl, Bruno Ganz, Lena Olin und mit Christopher Lee und Charlotte Rampling. Drehbuch: Greg Latter und Ulrich Herrmann. Nach dem Buch von Pascal Mercier.

Mitmachen: Gewinnspiel zum Kinostart – Buch, Hörbuch und Kinotickets zu gewinnen

Buch und HörbuchMit freundlicher Unterstützung des Concorde-Filmverleihs verlosen wir je

  • 3x das Hörbuch »Nachtzug nach Lissabon« (Hörbuch Hamburg)
  • 3x das Buch »Nachtzug nach Lissabon« (Verlag btb)
  • 3×2 Kinotickets, einzulösen in einem Kino Ihrer Wahl, in dem der Film gezeigt wird.

Einsendeschluss war der 7. März 2013.

Leider ist der Einsendeschluss bereits überschritten und keine Teilnahme am Gewinnspiel mehr möglich.