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Beitrag vom 14. Mai 2010 | Rubrik: Literarisches Leben

Mediacampus Frankfurt: Fachschullehrgang nimmt Stellung zum offenen Brief der Schüler

Mediacampus in Frankfurt SeckbachDie Diskussion über die Qualität und Ausrichtung der Ausbildung auf dem Frankfurter Mediacampus (früher: »Schulen des Deutschen Buchhandels«) geht in eine weitere Runde.

Zunächst verfassten die Schüler des 162. Kurses einen offenen Brief an die Geschäftsleitung, in dem sie die mangelhafte Branchenkenntnis externer Referenten, den Weggang kompetenter Lehrkräfte und den einseitigen Schwerpunkt der Ausbildung auf den »Neuen Medien« beklagen. Auf literaturcafe.de wurde über diesen Brief heftig diskutiert.

Jetzt melden sich in einer Stellungnahme die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der 33. Fachschule
zu Wort. Sie haben Verständnis für die Verunsicherung und die Ratlosigkeit der Schüler und bemängeln die fehlende Kommunikation auf dem Campus. Es werden, so die Verfasser, »Worthülsen, wie E-Commerce, Fair Play, Team Work und Longlife Learning aufgeblasen, ohne diese mit Inhalten zu füllen«.

Anders als die Schüler, denen Kritiker mangelnden Praxisbezug und einen naiv-konservativen Blick auf das Buch vorwarfen, kann dies von der 33. Fachschule nicht behauptet werden. Hier handelt es sich um ausgebildete Buchhändlerinnen und Buchhändler, die in diesem Aufbaulehrgang unter anderem die Entwicklung und Umsetzung von Marketingkonzepten sowie die Personal- und Mitarbeiterführung lernen sollen.

Hier die Stellungnahme im Wortlaut:

Stellungnahme der 33. Fachschule zum Offenen Brief des 162. Berufsschullehrgangs

Nach fünf Tagen aufgeregter Diskussion über den offenen Brief des 162. Berufsschullehrgangs am „Mediacampus – Schulen des Deutschen Buchhandels“ melden nun auch wir, der 33. Fachschullehrgang, uns zu Wort.

In diesen fünf Tagen hat das stattgefunden, was Wolfgang Tischer sich in seinem Kommentar nicht gewünscht hat: „Talk-Show-Kultur“. Es wurden zu Wahrheiten erhobene Argumente zementiert, damit die Wahrheit unumstößlich bleibt, und nicht wieder zu Argumenten wird. Das ist keine Diskussionskultur, sondern Schlagabtausch.

Und doch ist es Einigen gelungen, in diesem Schlagabtausch die Dinge wahrzunehmen, um die es eigentlich geht. So Thomas Bez: „ Es muss doch schon viel passiert sein, wenn 91 Schüler(innen) einen offenen Brief (unter)schreiben. Wenn viele Dozenten die Schule verlassen, so hat das möglicherweise Gründe, über die man reden sollte.“

Es ging unseres Erachtens in dem Offenen Brief nicht um das gedruckte Buch. Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch, egal auf welchem Datenträger, ob mündlich überliefert, auf Papyrus geschrieben, auf Papier gedruckt oder in digitalisierter Form.

Keine Generation im Buchhandel hat zu letzterem so unbefangenen Zugang, wie die, die derzeitig ausgebildet wird. Wenn gerade diese die Geschäftsführung des Mediacampus dazu auffordert, sich für die Zukunft des Buches einzusetzen, ist das ein Ausdruck dafür, dass es um die Vermarktung von Formaten und um die Bewertung von Inhalten geht.

Und dafür bedarf es einer Basis. Der viel zitierte „Blick über den Tellerrand“ erübrigt sich, wenn der Tellerboden zerschlagen ist. Oder, wie Dorothea Redeker formulierte: „Ohne Grundkenntnisse gelingt kein Kontextbezug.“

Das Signal an unsere Azubi-Generation lautet: der Beruf, den du lernst stirbt aus, und du musst in Zukunft andere Qualifikationen haben, als du jetzt erlernst. Wen wundert’s, dass dann ein Brief dieser Azubi-Generation mit den Worten „verunsichert“ und „ratlos“ beginnt.

Hier zeigt sich, welche Pflichten und welche Chance die Branche hat, nämlich den Wandel zu gestalten.

Das bedeutet, die vielfältigen Bedürfnisse einer inzwischen heterogenen Branche zu ermitteln. Daraus lassen sich die Qualifikationen ableiten, die man dem Branchennachwuchs vermitteln möchte. Und die diesbezüglichen Inhalte müssen dem pädagogischen Personal der brancheneigenen Bildungseinrichtung kommuniziert werden. Dies ist eine Chance, die bisher nicht ergriffen wird.

Diese Aufgabe fordert Fähigkeit zur Kommunikation. Und zwar mit allen Beteiligten: den Azubis, den Dozenten, den – auch auf dem Campus ausgebildeten – zukünftigen Führungskräften und nicht zuletzt mit den Ausbildern, das heißt den Betrieben, die ausbilden und die als Mitglieder des Börsenvereins diese Schule mitfinanzieren.

Stattdessen werden Worthülsen, wie E-Commerce, Fair Play, Team Work und Longlife Learning aufgeblasen, ohne diese mit Inhalten zu füllen. Ungefüllte Blasen pflegen zu platzen, egal ob in der Natur, in der Wirtschaft oder in der Bildungspolitik.

Die Fähigkeit zur Kommunikation ist eine der Schlüsselqualifikationen, die zur Bewältigung der anstehenden Veränderungen der Branche unabdingbar ist. Das haben wir als angehende Fachwirte einer im Wandel befindlichen Branche an deren im Wandel befindlichen Bildungeseinrichtung gelernt, sowohl vom altgedienten Lehrpersonal, als auch von Dozenten aus der Praxis.

Doch, so mussten wir gerade hier auf dem Campus seit Beginn unserer Weiterbildung im Januar 2009 immer wieder erfahren, ist dies graue Theorie. Denn obwohl es mehrere Gesprächsversuche gegeben hat, gelang es nicht, in einen offenen, fairen und sachorientierten Dialog zu treten, da dies bereits daran scheiterte, eine gemeinsame Gesprächsebene zu finden.

Wir bedanken uns beim 162. Berufsschullehrgang für den Mut, die Problematik zu veröffentlichen, und somit der Branche die Chance zu ermöglichen, die hierzu längst notwendige Diskussion endlich zu führen.

Frankfurt/Seckbach, den 13. Mai 2010

Die 33. Fachschule / Buchhandelsfachwirtklasse
Mediacampus Frankfurt / Die Schulen des Deutschen Buchhandels

2 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. WortArtiG schrieb am 14. Mai 2010 um 23:38 Uhr

    Zitat: Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch, egal auf welchem Datenträger, ob mündlich überliefert, auf Papyrus geschrieben, auf Papier gedruckt oder in digitalisierter Form.

    Also den Satz möchte ich (als IT-Mitarbeiter einer wissenschaftlichen Bibliothek) kommentieren – und ihm widersprechen.

    So mag man das sehen, wenn man ‘dieses Buch’ als Handelsware oder verticktes Medium betrachtet.
    Es ist doch wohl so, dass ein Haufen Bits und Bytes auf einem Datenträger je nach Datenstruktur und -format für den einen ein Buch ist – und für den anderen eine Langspielplatte – und für den nächsten ein Aktenschrank – oder was auch immer.
    Als gelernter Kartograph, der einen ähnlichen Umbruch (von 1980 bis 2000) von der Zeichnung und der Gravur bis zum CAD-Arbeitsplatz, dem interaktiven Portal und der Online-Datenbank (mit Begeisterung für die neue Technik) mitgemacht hat, weiß ich, wie schwierig dieser Prozess für viele Beteiligte ist. Und das hat beileibe nicht nur etwas mit konservativer Haltung zu tun.
    Die gefüllten und ungefüllten Bläschen ergeben sich schon alleine aus der Tatsache, dass für viele hier eine unaufhaltsame Reise ins Unbekannte beginnt. Auch für die, die das vorantreiben. Und die Frage ist, wie man diese annimmt und mit ihr umzugehen vermag. Gestalten. Richtungskämpfe austragen. Bastionen verteidigen. Auf falsche Pferde setzen (Stichwort: Geschäfts- und Lizenzmodelle). Sicher ist, dass es sehr spannend wird – und das geliebte Buch aus totem Holz dabei nicht wirklich sterben wird. Ob ich jemals eine Online-Ressource oder ein digitales Medium als Kulturgut betrachten werde, das bleibt abzuwarten (das sagt der kritische IT-Mensch in mir).
    Noch eine kleine Anekdote am Rande, die die Problematik widerspiegelt. Ich habe erst letztes Jahr einem in der Wolle gefärbten Bibliothekar den Unterschied zwischen einem e-book (also einem Klappcomputer) und einem e-book (diesem unhaptisch bedrohlichen digitalen Irgendetwas) erklärt.
    Kommunikation und kontroverse Diskussionen ist ganz bestimmt der richtige Weg, auf der Suche nach dem richtigen Weg.

  2. lesen-ist-mehr schrieb am 19. Mai 2010 um 15:38 Uhr

    Es geht hier und im Ausgangsbrief nicht zuerst um das Buch, sondern um das Lesen als erlernbare, elemantare Fähigkeit des Menschen. Hierfür ist ein Buch und zwar ein Gedrucktes (weil in allen Zeiten am einfachsten und ohne Hilfsmittel zu handhaben), zweifelsohne absolut notwendig.

    Und es geht um eine Philosophie die die Arbeitswelt in unserem kapitalgeprägten Staat bestimmt.
    Etwas was mir schon vor 30 Jahren, als ich noch im Studium war übel aufgestoßen ist!
    Damals in den 80igern wurde meineserachtens bereits der Grundstein für die jetzigen Krisen (Banken usw.) gelegt, indem die jungen Fachkräfte zu Händlern ohne Seele ausgebildet wurden. Handel als Selbstzweck ohne Bindung zum Handelsgut und mit der ausschließlichen Ausrichtung auf Provit.
    Das konnte auf Dauer nicht gut gehen und es ist beruhigend zu erfahren, dass es trotzdem noch immer junge, unverdorbene Menschen gibt, denen das auch heute noch aufstößt, dass wir den Marktsinn nicht schon mit unseren Genen weitergeben :O)

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