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Beitrag vom 9. August 2010 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps, Literarisches Leben

Marketing-Aktion: Bastei Lübbe schickt Drohbücher an Blogs und Websites

Das Buch ohne StabenZahlreiche Blogger und Website-Betreiber fanden in der letzten Woche eine merkwürdige Postsendung im Briefkasten: Auf dem Umschlag stand kein Absender, stattdessen war ein Computer und ein Totenschädel abgebildet.

Im Umschlag selbst steckten ein Buch und ein Anschreiben. Titel des Werkes: »Das Buch ohne Staben«. Kenner des Horror- und Fantasy-Genres erkannten am Titel und der ähnlichen Covergestaltung, dass es sich offenbar um einen Nachfolgeband des erfolgreichen »Buch ohne Namen« handelt.

Doch ein Blick ins Werk zeigte, dass es leer ist, ein Blindbuch mit weißen Seiten!

Das beiliegende Schreiben, ein auf alt gemachtes Schreiben mit Feuchtigkeitsflecken, offenbarte den Absender eindeutig: oben rechts prangt das Logo des Bastei Lübbe Verlags.

Der Brief jedoch hat es in sich: Das Buch sei mit einer unsichtbaren Tinte gedruckt, denn würde man das entschlüsselte Werk lesen, so drohe der Tod.

Dennoch könne man sich als Hasadeur, Abenteurer oder Glücksritter bewerben und sich an der Lektüre versuchen. Hierzu müsse man sich per eMail bis – logisch – zum Freitag, den 13. August, melden.

Bewerte das Buch nicht positiv bei irgendwelchen Onlinebuchhandlungen

Schon jetzt werden im Brief Tipps für den unwahrscheinlichen Fall gegeben, sollte man die Lektüre überleben:

  • Empfehle das Buch niemanden! Rede in Gegenwart anderer nur schlecht über den Titel.
  • Schreib ja nichts in Artikeln, Foren, Blogs oder auf Websites, was potentielle Leser neugierig machen könnte.
  • Bewerte das Buch nicht positiv bei irgendwelchen Onlinebuchhandlungen.
  • Zensur ist das Stichwort! Wo es nur geht.

Unterzeichnet ist das Schreiben mit »Bourbonkids Erzfeinde«

Eine Guerilla-Marketing-Aktion, die offenbar darauf abzielen soll, die Diskussion im Web über das Buch anzuregen und neugierig zu machen, bevor es Ende September in die Buchhandlungen kommt. Die Rechnung scheint für Lübbe aufzugehen, zahlreiche Blogs und Websites schreiben bereits über die ungewöhnliche Postsendung und auch bei Twitter berichten einige von der erhaltenen Geheimpost. Viele davon spielen mit  und reagieren ebenfalls entsprechend ironisch-subversiv.

Personalisierte Videobotschaften mit Beleidigungen und Beschimpfungen

An die 750 Adressen habe man für die Aktion zusammengestellt, berichtet Mathias Siebel, Marketingleiter beim Lübbe Verlag. Da der Ton des Schreibens nicht für jeden geeignet sei, habe man verstärkt im Bereich der Fantasy- und Horror-Websites und -Blogs recherchiert. Auch Websites, die bereits etwas über den Vorgängerband geschrieben hatten, waren potenzielle Empfänger der morbiden Sendung. Hinzu kamen weitere buchaffine Websites und Blogs.

Tina Pfeifer, beim Verlag zuständig für die Social-Media-Aktivitäten, forderte zudem per Twitter auf, sich für die Geheimpost zu bewerben. Auch hier mit der Warnung, das ganze sei »Nichts für Zartbesaitete!«. Die Resonanz auf diesen Aufruf war laut Tina Pfeifer enorm hoch.

Die so gewonnenen Testleser und Multiplikatoren werden später auf die Website zum Buch geführt. Dort wird man dann personalisierte Videobotschaften mit Beleidigungen und Beschimpfungen an Freunde und Bekannte schicken können. Auch hier setzt man konsequent auf die Tonalität des Buches.

Der erste Band, »Das Buch ohne Namen«, war seinerzeit ein Überraschungserfolg und wurde ursprünglich im Selbstverlag veröffentlicht. Der englische Autor blieb bis heute anonym, auch der deutsche Verlag kennt seine Identität nicht. Er habe sich, so Siebel, nur einmal persönlich per eMail bei Lübbe für die Aktivitäten im deutschsprachigen Raum bedankt.

»Anonymus«, der sich auch »the Bourbon Kid« nennt, ist dennoch im Web sehr aktiv. Er hat eine Facebook-Seite und agierte schon für den ersten Band aktiv auf MySpace.

Trotz zahlreicher Online-Aktivitäten zum ersten Band wurde das Buch meist offline verkauft

Doch obwohl über das erste Buch viel im Netz geschrieben wurde, fand der Verkauf in Deutschland meist über den stationären Buchhandel statt. Marketing-Mann Mathias Siebel führt dies u.a. auf das auffällige Cover und auf den Umstand zurück, dass insbesondere jüngere Buchhändler das Werk aktiv empfohlen hätten.

»Das Buch ohne Namen« ist ein wilder Mix aus Fantasy-, Horror-, Western- und Martial-Arts-Elementen. Alle paar Seiten kommt ein Protagonist äußerst blutig ums Leben. Der Verlag verkaufte das Buch per Klappentext »so abgedreht wie Douglas Adams, so blutig wie Quentin Tarantino«. Kritiker fanden eher, der Autor habe wild und einfallslos kopiert und darüber hinaus sei das Buch sprachlich unterirdisch. Andere Leser der einschlägigen Genre-Literatur sind jedoch begeistert.

Ein Buch, das polarisiert, sodass man darauf auch beim Marketing des zweiten Bandes setzt.

Man werde beobachten, so Lübbe Marketing-Leiter Mathias Siebel, ob die Aktion Auswirkungen auf die Verkaufsanteile von Online-Buchhandel und Buchhandel vor Ort habe und wie die Website von den Multiplikatoren genutzt werde, um andere auf den Titel aufmerksam zu machen.

Bei Titel und Gestaltung des zweiten Bandes, dem »Buch ohne Staben«, setzt man bei Lübbe auf den Wiedererkennungseffekt und auf eine klare »Buchmarke«. Der englische Originaltitel lautet hingeben absolut unähnlich »The Eye of the moon«.

Neben dem Gleichklang von »Das Buch ohne Namen« mit »Das Buch ohne Staben« setzt man bei der deutschen Ausgabe auf einen gewissen Wortwitz. Im Verlag fand man das gut, die Fans finden es weniger komisch: Was für ein *piep* Titel *kopfschüttel* Macht irgendwie keine Lust “auf mehr” ist in einem Fantasy-Forum zu lesen.

Wär “fast” ein Grund das Buch nicht zu kaufen…, lautet die Antwort darauf. Und schon kann man sich natürlich die Frage stellen, ob sich der Schreiber an einen der Tipps aus dem Brief hält:

Rede in Gegenwart anderer nur schlecht über den Titel.

Anonymus: Das Buch ohne Staben (Bourbon Kid). Taschenbuch. 2012. Bastei Lübbe (Bastei Lübbe Taschenbuch). ISBN/EAN: 9783404206407. EUR 8,99 » Bestellen bei Amazon.de
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Nachtrag vom 11. August 2010: Ein Interview, das buchreport.de via Skype mit Lübbe-Marketingleiter Mathias Siebel führte und das zu Beginn ein Beispiel des personalisierten Videos zeigt, das später über die Website mit einem eigenen Bild auf der Dartscheibe personalisiert werden kann:

http://www.youtube.com/watch?v=KAXOmmoHky0

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8 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. sascha schrieb am 9. August 2010 um 14:56 Uhr

    schön, dass Tischer auf den marketinggag hereingefallen ist, den er sonst s schön verteufelt.

  2. Maria schrieb am 10. August 2010 um 08:17 Uhr

    Da hatte jemand wieder mal die tolle Idee, mit Mist Geld zu machen. Es gibt ja genug Doofe auf der Welt. Denn ohne die wären die Reichen nicht reich. Aber Scheiße bleibt nun mal hängen. Ein Buch für die Hängengebliebenen :-) Ist doch super.

  3. H. W. Grössinger schrieb am 11. August 2010 um 10:51 Uhr

    Es gibt “schlimmere” Werbegags. Ein Blindband
    eignet sich jedenfalls gut als Anreiz fürs Handschrift-
    Üben.

    Gruß aus der Steiermark!
    H. W. Grösssinger

  4. Gundy schrieb am 12. August 2010 um 11:49 Uhr

    Nun, ich finde dieses Buch wenig aussagekräftig. Selbst zwischen den Zeilen wird man nichts finden, es läßt sich – einfach alles – hineindeuten. Der Schreibstill ist zwar schnörkellos, doch über kurz oder lang wird man feststellen, das Buch ist kaum lesbar. Die Eintönigkeit nur schwer zu ertragen. Zu glatt geschliffen kommt es daher. Nichts, woran man sich reiben kann. Kein A und kein O . Auch nicht das Prophezeite. Obwohl man der Ohnmacht stets nahe ist.Dennoch spreche ich dem Buch eine gewisse autosuggestive Kraft zu, weshalb es unter Umständen einmal probiert werden sollte. Das postmoderne Wort “Schlaf” gewinnt wieder an Bedeutung, denn – Hand aufs Herz – schon nach drei Seiten fielen mir die Augen zu.

  5. Lisa schrieb am 12. August 2010 um 14:03 Uhr

    Diese Werbekampagne richtet sich an Kinder…. dachte ich.
    Ich kann’s kaum glauben, daß die Basteileute nicht längst vor Scham tot umgefallen sind – “Drohbücher” mit leeren Seiten zu verschicken, wie witzig! Das ist echt Kindergartenniveau.

  6. Sean schrieb am 13. August 2010 um 08:19 Uhr

    Gut, dass alle darüber berichtet haben, die Kampagne ist aufgegangen! Dumm nur: Wenn ich so ein leeres Buch bekomme und ich vorab darüber berichte, dann gehe ich journalistisch gesehen in Vorleistung (ohne zu wissen, was tatsächlich Sache ist). Eine Beurteilung bleibt – ohne Endprodukt – zwangsläufig aus, gepostet habe ich es dennoch. Genau das, was die Marketingabteilung will.
    Natürlich freut sich jeder Blogger darüber, ein neues Produkt vorzustellen. Nur einen “Dummy” zu bekommen, finde ich aber dreist.

  7. Bourbonkid schrieb am 24. September 2010 um 10:04 Uhr

    Verschickt jetzt Videobotschaften an eure “Freunde”: http://www.bourbonkid.de/

    Wir ernten, was wir säen!

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