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Beitrag vom 8. September 2017 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Maltes Meinung: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2017 (5/5)

Maltes Meinung: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2017

Vor gut zwei Wochen wurde die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2017 bekannt gegeben. Die 20 Bücher auf der Liste haben die Chance, am 9. Oktober 2017 den mit 25.000 Euro dotierten Preis zu erhalten. Am 12. September 2017 werden es nur noch sechs sein, denn dann wird die Shortlist bekannt gegeben.

Unser Textkritiker Malte Bremer hat wie im Vorjahr mit allen 20 nominierten Titeln den »Buchhandelstest« gemacht und sich die jeweils ersten Seiten angeschaut: Taugt das was? Will man das weiterlesen? Spannend? Oder langweiliges Gelaber?

In dieser Woche lesen Sie von Montag bis Freitag die Anmerkungen zu je vier Titeln.

Diesmal: Sasha Marianna Salzmann, Ingo Schulze, Michael Wildenhain und Sven Regener.

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich

Dieser Debut-Roman fängt rasant an und geht rasant weiter: Ein offenbar kleines Kind wird wieder einmal mitgenommen, ohne gefragt zu werden, was dem Kind aber egal ist. Aber es lässt nicht zu, dass neben vielen anderen Dingen das Piratenschiff in die Reisetasche gepackt wird, denn es klettert in die Tasche, holt es wieder heraus und versteckt es unter seinem Bett. Erst in dieser Aktion erschließt sich, dass es ein kleines Kind ist.

»Krasnyj-Majak-Nummer-Dreizehn-Gebäude-Zwei-Wohnung-Hundertachtundzwanzig« wird dem Kind die neue Adresse eingebleut, aber so steht es nicht im Text, da heißt es lapidar: »Diese Adresse kann ich für immer auswendig«.

Da wird nicht räsoniert, da wird nicht interpretiert, der Ich-Erzähler (Ist das jetzt mein Vorurteil wegen des Piratenschiffs? Oder weil das Kind später als Schwuchtel beschimpft wird?) – da wird ohne Umschweife flott erzählt!

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich: Roman. Gebundene Ausgabe. 2017. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518427620. EUR 22,00 » Bestellen bei Amazon.de

Ingo Schulze: Peter Holtz - Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

Ingo Schulze: Peter Holtz – Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

Der Beginn gemahnt an die barocke Tradition, wo jedem Roman-Kapitel eine kurze Inhaltsangabe vorangestellt wird, damit eine des Lesens kundige Person weiß, was auf sie zukommt.

So wissen alle Leser bereits, dass Peter ohne einen Pfennig in der Tasche eine Gaststätte aufsucht. Aber nicht wissen sie, wie er das begründet: Geld sei nicht wichtig, und solange er ein Kind sei, müsse die Gesellschaft für ihn sorgen! Und außerdem sei er bereit, seine Schulden abzuarbeiten!

Aber nicht wissen wir, wie es dann weiter geht, denn Kinderarbeit ist und war auch in den Zeiten der DDR verboten. Schließlich hinterlässt er trotz seiner Lese- und Rechtschreibschwäche eine Botschaft im Gästebuch: »Hoch lebe die Befriedigung notwendiger Bedürfnisse!« Dazu inspiriert wurde er allerdings durch einen vorangegangenen Eintrag, wo sich eine Frau über die desolaten Zustände auf der Damentoilette beschwert hatte …

Toll: Dies scheint ein waschechter Schelmenroman zu sein!

Ingo Schulze: Peter Holtz: Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst. Gebundene Ausgabe. 2017. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783103972047. EUR 22,00 » Bestellen bei Amazon.de

Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen

Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen

Irgendwie weiß ich nicht, was ich damit anfangen soll, da muss ich mir zu viel zusammenreimen! Der Eingangssatz »You look so lost.« Von einer lächelnden Frau die Erinnerungen des Protagonisten an Berlin, seine Ankunft in London, die dämliche Wegbeschreibung des Studenten (paar Stationen mit der Tube), das Nicht-Finden der Wohnung, die elliptische Sätze, dann die Befragung des Protagonisten durch den auktorialen Erzähler: »Fühlt er den feuchten Ansatz der Haare?«, die seltsamen Wortspiele, wenn der Protagonist den Duft der Frau beschreibt: »Rosen? Rasen?«

Fazit: Anstrengend.

Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen: Roman. Gebundene Ausgabe. 2017. Klett-Cotta. ISBN/EAN: 9783608983043. EUR 22,00 » Bestellen bei Amazon.de

Sven Regener: Wiener Straße

Sven Regener: Wiener Straße

Sven Regener hat es nicht verlernt! Seinen Roman Herr Lehmann schätze ich überaus, ebenso Neue Vahr Süd und auch noch Der kleine Bruder. Und als ich jetzt den Anfang von Wiener Straße las, fühlte ich mich sofort zu Hause: Allein schon dieses Gespräch zu Beginn, in denen sich die Protagonisten selbst charakterisieren, Regeners hintergründiger Humor, der auch in seinen Liedtexten mitschwingt: Wo die Neurosen wuchern, will ich Landschaftsgärtner sein oder Deine Hand in meinen Haaren, mein Gebiss an deinem Hals, so stolpern wir durch das Morgenlicht. – Sven Regeners Texte sind absolut unterhaltsam und deswegen absolut lesenswert! Und man muss nicht die Vorläufer seines neuen Romans kennen, um diesen zu verstehen!

Sven Regener: Wiener Straße. Gebundene Ausgabe. 2017. Galiani-Berlin. ISBN/EAN: 9783869711362. EUR 22,00 » Bestellen bei Amazon.de

Malte Bremer

Am Dienstag, dem 12. September 2017, wird die offizielle Shortlist mit den nach Meinung der Jury sechs besten Büchern verkündet. Erfahren Sie im literaturcafe.de am Montag, welches Malte Bremers Favoriten sind.

Alle fünf Teile mit den 20 nominierten Büchern zum #dbp17 in der Übersicht »

1 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Mona Krassu schrieb am 8. September 2017 um 17:07 Uhr

    Danke an Malte für die Rezensionen. Ich hatte die Leseproben auch gelesen und stimmte mit fast allem mit Malte überein.
    Allerdings brachte mich Ingo Schulzes Peter Holtz zur Raserei!
    Fühle mich als DDR Bürger verunglimpft und außerdem stimmt an dieser Figur überhaupt nichts. Ein 12jähriger kann nicht so denken, schon gar nicht einer mit Lese-Rechtschreibschwäche. Was für ein Schund!!!!!

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