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Beitrag vom 31. August 2015 | Rubrik: Literarisches Leben

Louisiana literature: »Hier wird die Kunst geschätzt, aber nicht heilig gesprochen.«

Hanns Magnus Enzensberger (Foto: Jana Groß)

Hanns Magnus Enzensberger bei Louisiana literature (Foto: Jana Groß)

Alle Jahre wieder – in diesem Jahr zum 6.Mal – findet am vorletzten Wochenende im August Louisiana literature statt. Nicht Louisiana USA, sondern Louisiana, Humlebaek, Dänemark – vermutlich das schönste moderne Kunstmuseum der Welt – stellt an diesem Wochenende vier Tage lang die Literatur in den Mittelpunkt.

Im vergangenen Jahr berichtete Barbara Fellgiebel zum ersten Mal über dieses grandiose Ereignis.

Ab jetzt hoffentlich alle Jahre wieder. Denn was man hier erlebt, ist erlebenswert.

Louisiana literature ist ein anachronistisches Festival, bei dem das Ziel nicht mehr Teilnehmer, mehr Publikum, mehr mehr ist. Doch: mehr Wohlbefinden, mehr glückliche Besucher und mehr beglückte Teilnehmer.

40 Autoren (25 dänische, 15 internationale) geben sich ein Stelldichein, d.h. sie haben 1-3 Auftritte, mischen sich ansonsten unter das Publikum und freuen sich, wenn sie erkannt und angesprochen werden.

Dank Vorankündigung freue ich mich besonders auf Hanns Magnus Enzensberger – einst Wahlschriftsteller meines Deutsch-Leistungskurses.

Es ist mir immer ein besonderes Vergnügen, Christian Lund, den Leiter von Louisiana literature zu interviewen: er ist nie ungehalten, nimmt sich immer Zeit (auch wenn er keine hat) und gibt kluge, manchmal frappierende Antworten.

So maulten meine schwedischen Kollegen im Vorfeld: In diesem Jahr ist die Gästeliste weniger spektakulär als im letzten.

Ich wünschte, der diesjährige Nobelpreis ginge an den mehrfach getippten kenianischen Autor Ngugi wa Thiong’o – dann bekämen diese Unkenrufe einen schalen Klang.

Barbara Fellgiebel im Gespräch mit Christian Lund, Leiter von Louisiana literature (Foto: Jana Groß)

Barbara Fellgiebel im Gespräch mit Christian Lund, Leiter von Louisiana literature (Foto: Jana Groß)

Als ich Christian Lund zu einer Stellungnahme bitte kommt prompt:

»Wir freuen uns sehr über das diesjährige Programm, dessen Autoren mindestens so gut sind wie die des letzten Jahres, nur nicht unbedingt so berühmt in unserer Welt. Das ist eines der Ziele des Festivals, nicht nur Autoren zu präsentieren, die das Publikum kennt, sondern auch zu neuen literarischen Bekanntschaften zu inspirieren. Das tun wir ja sehr bewusst seit vielen Jahren in der Kunst und nennen es Saunaprinzip (= man kombiniert einen sehr bekannten Namen mit einem weniger bekannten).«

Als denn: rein ins Getümmel – das in diesem Jahr angenehm unüberfüllt ist. Warum? Weniger Interesse? Nein, aber so schönes Wetter, dass viele der Versuchung, in die über 20 Grad warme Ostsee zu springen, den Vorrang geben.

Rachel Kushner ist die erste Autorin, die ich höre. Die einzige Amerikanerin, die sowohl mit ihrem ersten wie mit ihrem zweiten Roman Flammenwerfer für den National Book Award nominiert worden ist. Eine intelligente Frau, der man gern zuhört.

Rachel Kushner (Foto: Jana Groß)

Rachel Kushner (Foto: Jana Groß)

Ali Smith taucht nicht auf und wird von Richard Ford ersetzt. Er versprüht auch diesmal wieder seinen treffsicheren Sarkasmus und liest den Beginn von Canada sowie Frank.

Richard Ford liest den Anfang von Canada und Frank. Die Lesung wird auf einer Leinwand auch nach draußen übertragen. (Foto: Jana Groß)

Richard Ford liest den Anfang von Canada und Frank. Die Lesung wird auf einer Leinwand auch nach draußen übertragen. (Foto: Jana Groß)

Das bestätigt den Trend:

Es scheint »in« zu sein, dass Autoren den Anfang ihrer Werke lesen, statt wie vor einigen Jahren, eine besonders saftige Stelle herauszupicken, die umständlicher und mitunter langwieriger Erklärungen und Einleitungen bedurfte.

Das Programm ist so gestaltet, dass man entspannt in herrlichstem Sommerwetter von der einen Bühne zur anderen schlendern kann; es ist wohltuend, keine hetzenden Menschen zu sehen.

Das Highlight dieses Festivals ist für mich Hanns Magnus Enzensberger.

Enzensberger pariert souverän die peinliche Moderation Marc-Christoph Wagners. (Foto: Jana Groß)

Enzensberger pariert souverän die peinliche Moderation Marc-Christoph Wagners. (Foto: Jana Groß)

Der 1929 geborene Grandseigneur der deutschen Literatur ist mit seinem Gedichtband Tumult auf Dänisch erschienen und wird von Marc-Christoph Wagner im Konzertsaal interviewt. Dieser ständig für Deutsch sprechende Gäste (außer bei Herta Müller) zuständige Moderator scheint Probleme mit dem Alter zu haben und meint einleitend, er wolle mit dem Schweren beginnen und mit dem Leichten aufhören. Enzensberger sei ja schon recht alt, 86, das dürfe er sagen. Vor ihm wären Günter Grass hier gewesen. Inzwischen ist er tot und Klaus Rijfberg, der auch nicht mehr lebt. Enzensberger lächelt und zuckt die Schultern, wie um zu einer Frage von Interesse überzuleiten. Er ist blendender Laune, überhört die Peinlichkeiten geflissentlich und gibt so viel Kluges und Weises von sich. Strahlt dabei eine Bescheidenheit aus, von der sich viele seiner Kollegen eine Scheibe abschneiden könnten.

Adoleszenz, Pubertät, das sind doch alles Krankheiten

Die alten Leute sollen sich nicht immer so beschweren.

Man darf asynchron sein, man muss nicht immer dazugehören.

Unweigerlich kommt die Sprache auf Autobiografie:

Das ist immer ein peinliches Genre. Ich finde es schamlos, wenn man 5 Romane über sein eigenes Leben schreibt (… womit er sich unausgesprochen aber eindeutig auf Knausgård bezieht).

Mit dem Schreiben ist es wie mit dem Rauchen:
Es ist leicht anzufangen, aber schwer aufzuhören.

Das Wirtschaftswunder war gar nicht so schlecht – nur ein bisschen langweilig.

Ich kann gar nicht so schnell mitschreiben wie er seine Weisheiten von sich gibt, werde auf der Gartenbühne, wo ich der Übertragung aus dem Hörsaal folge, vom Lautsprecher der anderen Bühne gestört, und treffe die fatale Entscheidung, schnell zum Konzertsaal zu laufen um mich reinzuschleichen. Nichts da. Obwohl es vereinzelte freie Plätze gibt und gerade zwei Besucher den Saal verlassen, darf ich erst gegen Ende des Gesprächs rein. »Wir haben unsere Anweisungen.«

Warum er Gedichte und keine Romane schreibe, fragt Wagner

Ich bin doch kein Langstreckenläufer. Das ist eine Temperamentsfrage. Gedichte sind prägnant, kurz und die älteste Form der Literatur.

Wagner versucht, ihn aufs Glatteis zu führen, fragt nach seiner Befindlichkeit in den Hitlerjahren:

Man ist manchmal ein bisschen reingefallen. Mit 10 Jahren ist man kein Antifaschist. Man merkt nur: Das ist nichts für mich.

Warum er nicht à la Grass für eine Partei geworben habe:

Zum guten Parteigenossen hat es bei mir nie gereicht. Man kann auch blöd werden durch Ideologie.

Und dann:

Man darf sich doch irren und Irrtümer zurücknehmen. Ein Autor, der für andere Autoren Vorschriften macht, ist ein Idiot.

Das Ende des Gespräches leitet Wagner damit ein, dass er keinen Nekrolog halten wolle, aber die Frage sei: Was bleibt? Meint der Moderator damit den leichteren Teil des Gesprächs?

Enzensberger lehnt sich entspannt zurück.

Was bleibt, entscheidet allein der Leser.

Barbara Fellgiebel im Gespräch mit Hanns-Magnus Enzensberger (Foto: Jana Groß)

Barbara Fellgiebel im Gespräch mit Hanns-Magnus Enzensberger (Foto: Jana Groß)

Mit Ungeduld warte ich auf die Aufzeichnung des Gesprächs, die wie viele der anderen Gespräche unter channel.louisiana.dk zu finden sein wird.

Jonas Gardell ist Alleinunterhalter ganz großen Formats. Er bedarf keiner Moderation. (Foto: Jana Groß)

Jonas Gardell ist Alleinunterhalter ganz großen Formats. Er bedarf keiner Moderation. (Foto: Jana Groß)

Der schwedische Schriftsteller Jonas Gardell präsentiert seine Trilogie »Torka aldrig tårar utan handskar« (Trockne niemals Tränen ohne Handschuhe) – eine in 25 Sprachen übersetzte Darstellung der menschenunwürdigen Behandlung von AIDS-Patienten im Schweden der 1980er-Jahre. Ein beeindruckendes Werk, inzwischen auch erfolgreich verfilmt, auf YouTube zu sehen – und nicht auf Deutsch übersetzt. »Vielleicht ist es für Deutschland noch zu kontrovers?«, sinniert Jonas Gardell.

Eine Schande ist es, wenn man mich fragt – aber mich fragt ja niemand.

Weiter geht’s zu Kenneth Goldsmith, einem mir bis dahin unbekannten Autor, der von Festivaldirektor Christian Lund interviewt wird. Goldsmith entpuppt sich als die Überraschung des Tages. Sein Vorbild ist Andy Warhol. Er befände sich in einer »High Appropriation Phase« und praktiziere »Conceptional art«.

Festivalleiter Christian Lund im Gespräch mit Kenneth Goldsmith (Foto: Jana Groß)

Festivalleiter Christian Lund im Gespräch mit Kenneth Goldsmith (Foto: Jana Groß)

»Die Leute mögen nicht, was ich tue. Ich versuche, meine Leere mit den Worten anderer Menschen zu füllen«, erklärt er und veranstaltet überaus erfolgreich uncreative writing classes, bei denen er Studenten beibringt, clever zu kopieren. Kreativität ist out meint er, ist zum Klischee geworden, heutzutage plagiieren alle, da kann man auch lernen, wie man das gut und richtig macht.

Er veröffentlicht die unglaublichsten Bücher:

  • Ein Tag im Verkehrsamt von New York
  • Die Transkription der New Yorker Zeitungen von 9/11.
  • Oder 7 amerikanische Katastrophen die zu seinen Lebzeiten geschehen sind:
    2 Kennedys, Colombine, Challengerabsturz, World Trade Center, John Lennon und Michael Jackson.

Ich will die Gelegenheit nutzen, ein paar Nettigkeiten mit Christian Lund auszutauschen, stattdessen beschwere ich mich aufgebracht über den Enzensbergerinzident und befürchte Ähnliches für die bevorstehende Veranstaltung mit Ngugi wa Thiong’o.

Elegant beschwichtigt er mich, ruft einen netten jungen Mann herbei, der mich formvollendet zum Konzertsaal eskortiert und mir in perfektem Deutsch erzählt, dass er der Enkel von Malinevski sei, einem persönlichen Freund Enzensbergers und seines Zeichens dänischer Übersetzer von Brecht.

Ngugi wa Thiong’o, seit vielen Jahren Nobelpreiskandidat, ist Kenias legendärer Autor, der die Geschichte Kenias aus afrikanischer Sicht und nicht die englische Kolonialversion geschrieben hat.

»Ich wurde 7 Jahre nachdem Karen Blixen Kenia für immer verließ geboren«. Ngugi wa Thiong’o ist wie viele seiner hier auftretenden Kollegen ein lebendiger Erzähler.

Er spannt einen Bogen von seiner Kindheit unter der Kolonialherrschaft, der Schulzeit, in der sie alles über die weißen Entdecker lernten, dem Riss, der durch seine Familie während des Kenya land and freedom movement ging, die Bewegung, die die Engländer bewusst nicht unter diesem Namen führten, sondern die sie »Mau Mau« nannten.

Afrikanische Sklaven wurden nach ihren Besitzern genannt, verloren ihre Identität und ihre Sprache.

Er sagt so kluge Sachen wie:

The abnormal is normalized as normal.

Kein Mensch weiß im Voraus, wie er unter Bedrohung reagiert.

Sprache ist unglaublich wichtig für die Erinnerung.

Und so erläutert er, dass alle afrikanischen Autoren ihre Bücher auf Englisch, Französisch oder Portugiesisch schreiben. Er habe jedoch auch auf Kikuyu geschrieben.

Galerie: Impressionen von der Louisiana literature 2015

Am nächsten Tag ist wieder traumhaftes Sommerwetter, ich schaue mir die informative Afrika- Ausstellung an und treffe ein junges deutsches Paar. Ich frage, wie sie auf Louisiana literature gestoßen seien: »Durch einen Artikel im literaturcafe.de« lautet die Antwort, und ich freue mich.

Heute steht Marie Darrieussecq auf dem Programm, deren Buch mit dem provokanten Titel

Man muss die Männer sehr lieben soeben auf Dänisch erschienen ist. Marie erntet Lachsalven, als sie erklärt, dass der Titel auf Marguerite Duras zurückgeht, die gesagt hat: »Man muss die Männer sehr lieben. Wirklich sehr, sehr, sehr. Sonst kann man sie schlichtweg nicht aushalten! «

Zwischendurch ist Zeit der Performance Iben Mondrups auf der Villascene zuzuhören und die vielen Eindrücke zu sortieren. Die Kombination von erstklassiger Kunst, hochkarätigen Schriftstellern, überwältigender Natur und traumhaftem Wetter hat eine bereichernde Wirkung auf Körper, Geist und Seele. Besser als jeder Spa-Aufenthalt.

Colm Tóibin – der irische Starautor stellt sein jüngstes Werk Nora Webster vor. Es handelt von einer 40jährigen Frau in den 50er Jahren. Mit 30 sollten wir uns davon erholt haben, was unsere Eltern uns angetan haben oder auch nicht. Aber als Autor kann man das natürlich länger ausschlachten. Er brauche zum Schreiben eine weiße Wand, Papier und Bleistift. Keine schöne Aussicht, die lenke ihn ab, aber die weiße Wand, die reflektiert die Worte. Mit 9 Jahren lernte Colm lesen, als Teenager entdeckte er Hemingway und Kafka. Er legt größten Wert auf Stil und meint, nur der Stil anderer Autoren sei von Interesse, ihr Leben eher nicht.

Tonny Vorm rauft sich die unbefindlichen Haare: Auch Colm Tóibin bedarf keiner Moderation (Foto: Jana Groß)

Tonny Vorm rauft sich die unbefindlichen Haare: Auch Colm Tóibin bedarf keiner Moderation (Foto: Jana Groß)

Darauf einen Kaffee. Ich schaue ungläubig zum Nachbartisch: Da sitzt Hanns Magnus Enzensberger vertieft in eine dänische Tageszeitung völlig allein. Das kann ich mir nicht entgehen lassen, frage vorsichtig, ob ich ihn stören darf und lasse mich begeistert auf den Stuhl nieder, den er mir sofort erfreut anbietet. Ich will wissen, was ihn so an Louisiana begeistere und er prägt den Satz mit dem ich meinen diesjährigen Louisiana-Bericht beenden will:

Welch grandioser Ausklang: Barbara Fellgiebel mit Hanns Magnus Enzensberger am Kaffeetisch (Foto: Jana Groß)

Welch grandioser Ausklang: Barbara Fellgiebel mit Hanns Magnus Enzensberger am Kaffeetisch (Foto: Jana Groß)

Hier wird die Kunst geschätzt, aber nicht heilig gesprochen.

Barbara Fellgiebel

­­­­­­­­­­­­­­­­­­­Barbara Fellgiebel ist passionierte Buchmessen- und Literaturfestivalberichterstatterin und lebt in Schweden. Erreichbar ist Barbara Fellgiebel unter alfacult(at)gmail(dot)com

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