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Live dabei beim Literarischen Quartett: Prosa mit 25 Brüsten

Ohne rote Hose und reichlich unscharf: Ich beim Literarischen Quartett (Foto: ZDF)

Ohne rote Hose und reichlich unscharf: Ich beim Literarischen Quartett (Foto: ZDF)

Als Mahnmal gegen fehlendes Humorbewusstsein hätte ich mich beim Literarischen Quartett diesmal gerne mit einer roten Hose [1] hinter Thea Dorn gesetzt. Da die Sendung diesmal ausnahmsweise nicht in Berlin, sondern auf der Frankfurter Buchmesse aufgezeichnet wurde, war ich live im Publikum dabei.

Ich weiß, wo warum geschnitten wurde.

Für die Aufzeichnung der Sendung im Pavillon des Gastlandes Frankreich hatte man sogar die überlebensgroßen Spiegel im Hintergrund des Quartetts nach Frankfurt transportiert. Auch der violette Teppichboden der Bühne wurde in Frankfurt extra für die Sendung ausgelegt. Bis 18 Uhr war am Donnerstag noch Messebetrieb, dann wurde von einer Unmenge an Personal um- und aufgebaut und in etwa die Sitzordnung aus Berlin simuliert. Noch eine Stunde vor Aufzeichnungsbeginn herrschte in der Halle ameisenhafte Geschäftigkeit, während das Publikum im Foyer mit Sekt, Orangensaft und Backwaren verköstigt wurde. Kurz nach 20:30 Uhr kam Regisseur Rolf Buschmann für ein kurzes Warm-up auf die Bühne. Die einzige Anweisung an das Publikum galt dem Anfangsapplaus und dessen präzisem Ende nach der Titelmusik. Anders als beim Lesenswert-Quartett wird beim ZDF kein Applaus »auf Halde« produziert und abgefilmt, um ihn später bei Bedarf zwischenschneiden zu können. Wie beim Schweizer Literaturclub wird das Literarische Quartett wie eine Livesendung produziert. Nur einmal musste gestoppt und geschnitten werden, da Christine Westermanns Ohrringe an ihr Nackenmikro schlugen. Dies ist tatsächlich in der am Freitagabend ausgestrahlten Sendung zu hören. Nach der Diskussion über das Buch von Annie Ernaux wurde die Aufzeichnung kurz unterbrochen, die Ohrringe entfernt und mit »Tyll« von Daniel Kehlmann weitergemacht. Der Schnitt fällt in der fertigen Sendung nicht auf.

Regisseur Rolf Buschmann begrüßt das Publikum und gibt letzte Anweisungen (Foto: Tischer)

Regisseur Rolf Buschmann begrüßt das Publikum und gibt letzte Anweisungen (Foto: Tischer)

Den zweiten Schnitt wollte der Gast Johannes Willms provozieren, indem er als Beispiel für einen langen ersten Satz den Anfang von »The Great Gatsby« im englischen Original zitierte. »Das kann man jetzt natürlich rausschneiden«, scherzte Willms – doch Buschmann beließ es in der Sendung.

Und die Sendung selbst? War in Ordnung. Gast war Johannes Willms, jahrelanger Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung und zuvor Redaktionsleiter beim ZDF-Kulturmagazin Aspekte. Zusammen mit Marcel Reich-Ranicki hat Willms seinerzeit das Format des Literarischen Quartetts erfunden. Leider fiel Willms durch merkwürdig chauvinistische Sprüche auf, indem er sagte, wer 30 Jahre lang verheiratet gewesen sei, wisse, wie lang ein 30-jähriger Krieg daure, und die Üppigkeit der Romane Salman Rushdies verglich er mit indischen Götterstatuen mit 25 Brüsten. Nunja.

Tatsächlich wünscht man der Sendung mehr von der Lockerheit und Ungezwungenheit, die man als Zuschauer beim Bühnengeplauder der Viererrunde vor der Sendung erleben konnte, als die Mikrofone eingepegelt wurden. In der Ohrring bedingten kurzen Pause meint Willms, man solle vielleicht eher das senden, was jetzt gesprochen wurde.

Erstmals muss auch Christine Westermann für ihre unprätentiöse und bodengehaftete Art gelobt werden. Mit dem Satz »Ich bin normal und ihr seid Feuilleton« brachte sie vor der Aufzeichnung ihre Haltung auf den Punkt, die sich diesmal angenehm durch die Sendung zog, als sie ihr Unverständnis über Rushdies intellektuell überbordenden und sie dann doch langweilenden Stil zum Ausdruck brachte, als sich die anderen vom Feuilleton über Infos zu marxistisch-leninistische Splitterparteien in Indien und Adorno-Zitaten gegenseitig erfreut hochdiskutierten.

Speziell auch Volker Weidermann sollte mehr von seiner Unverkrampftheit vor der Sendung mit in diese hineinbringen. Immer hat man das Gefühl, er müsse der Tatsache gerecht werden, dass in dieser Sendung ja laut Beschreibung über Bücher gestritten werden müsse. Doch seine oftmals harschen Worte wirken irritierend deplatziert und aufgesetzt, wo doch nicht nur in dieser Sendung eindeutig klar wurde, dass Weidermann gefühlvolle Romanpassagen mindestens in ähnlicher Weise mag wie Westermann und dass ihn sterbende Drachen und eine unglückliche Liebesgeschichte rühren.

Eintrittskarte für das Literarische Quartett ausnahmsweise in Frankfurt (Foto: Tischer)

Eintrittskarte für das Literarische Quartett ausnahmsweise in Frankfurt (Foto: Tischer)

Held des Abends war für mich der Kamerakran-Operator, der das Ding so haarscharf an und gelegentlich sogar in die Haare des Publikums manövrierte. Die hohe Kunst der Technikbedienung.

Für die Ausstrahlung am 8. Dezember 2017 wird die Sendung dann wieder ins Foyer des Berliner Ensembles zurückkehren. Gast wird dann Thomas Gottschalk sein, sodass nur zweimal Feuilleton in der Runde sitzen wird. Eine Öffnung dieser Art – wie zum Beispiel mit dem Schauspieler und Sprecher Ulrich Matthes [3] – tat der Sendung bislang immer besser als der aufgesetzte Streit.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 13.10.2017 besprochenen Bücher: