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Literarisches Quartett: Was macht Frau Westermann?

Thea Dorn im literarischen Quartett (Foto:ZDF)

Thea Dorn im literarischen Quartett (Foto:ZDF)

Das literarische Quartett war wieder einmal ein Abbild des um sich kreisenden Literaturbetriebs. Jeder kennt jeden, und man besetzt abwechselnd unterschiedliche Rollen. Zu Gast war die Schriftstellerin Thea Dorn, die ihrerseits im SWR eine Literatursendung moderierte.

Volker Weidermann stellte das neue Buch von Juli Zeh vor, die in der ersten Sendung zu Gast war und die damals [1] das Buch ihres Freundes Ilija Trojanow präsentierte.

Hatte Weidermann nicht mal gesagt [2], er könne sich auch eine Buchhändlerin als Gast sehr gut vorstellen? Aber man bleibt lieber bei den fernseherprobten Gesichtern.

Dennoch stellt sich mehr und mehr die Frage, welche Rolle und Funktion Frau Westermann im Stamm-Trio spielt. Klar, sie ist als »Gefühlstante« besetzt [1], als die Stimme der kleinen Leserin von der Straße, die in erster Linie das Herz und nicht den Verstand über ein Buch urteilen lässt. Doch immer mehr sitzt sie in der Runde wie die Mutter, die ihren Kinder beim Spielen auf der Konsole zuschaut und die, wenn ihr die Kinder mal den Controller reichen, gleich zurückweicht und ablehnt und sagt: »Kinners, was ihr da so macht, das ist nichts für mich, das verstehe ich nicht so ganz. Spielt mal schön ohne mich weiter.« Und sie lacht über den kleinen hitzköpfigen Maxim, der sich immer so wild und verwegen gibt, der kleine Racker.

Los ging es mit »Unterleuten«. Endlich also auch mal ein Bestseller, ein Buch, das mehr Leute kennen als nur die vier auf der Bühne [3].

Maxim Biller schlug gleich mal die Pflöcke ein – oder vielmehr: Er pfählte das Buch. »Ich weiß ja nicht, was ich am schrecklichsten an diesem Buch finde. (…) Die Autorin mag ihre Figuren nicht. Keine einzige. Das nervt mich. (…) Sie hat eine neue Gattung erfunden – das ist das einzige, was ich an dem Buch gut finde – den kapitalistischen Realismus. Alle Figuren in diesem Buch sind nur damit beschäftigt, habgierig und verlogen zu sein. (…) Es gibt keine Entwicklung. Juli Zeh überschreitet in diesem Roman keine einzige Grenze (…) Es ist langweilig und zäh, die Sprache ist wie übelste Krimiprosa. (…) Wann immer eine Figur über den bösen Kapitalismus spricht, klingt sie genauso, wie ein SPIEGEL-Essay von Juli Zeh gegen den bösen Kapitalismus.«

Damit war eigentlich alles gesagt, und zum ersten Mal dachte man vor dem Fernseher: Recht hat er, damit ist eigentlich alles zu diesem Buch gesagt. Für einen Augenblick war man mit Biller einer Meinung und fragte sich, ob er nicht vielleicht schon immer Recht hatte und in den letzten Ausgaben nur unglücklich rüberkam [4]. Schließlich fand er Bov Berg gut [5].

Thea Dorn verfeinerte diese Meinung, indem sie ergänzte, dass »Unterleuten« zwar substanzlos wegzulesen sei, aber dennoch unterhalte.

Thea Dorn war ein überaus erfrischender Gast, der man gerne zuhörte, weil sie Differenzierungen in die Diskussion einbrachte. Erfreulicherweise wissen die Gäste oft nicht, dass es im Quartett in erster Linie um den Konflikt gehen soll. Das macht ihre Beiträge oft sehr hörenswert.

Obwohl man sich bemüht, Frau Westermann in ihrer Rolle als gefühlsbetonte Mutterfigur zu akzeptieren, mag man den von ihr vorgestellten Büchern immer weniger trauen. Das, was Biller und Dorn dann zu »Das Zimmer« sagten, führte in keiner Weise dazu, dass man das Buch lesen möchte, sondern innerlich gleich abhakte. Ein Behördenroman im Kafka-Stil – oder doch nicht? Egal. Weiter.

Es wurde schön und interessant

Dann wurde es schön und interessant. Wie es überhaupt im literarischen Quartett eigentlich immer dann gut wird, wenn die vier Protagonisten sich nicht streiten, sondern gemeinsam ein Buch loben [5]. Dann reden die Teilnehmer zum Teil auch tatsächlich über literaturkritisch relevante Dinge. Leider übertrieben es die vier bei Lucia Berlins »Was ich sonst noch verpasst habe« etwas mit dem schlechten Nacherzählen der Handlung und dem Zitieren von Passagen leicht neben der Spur. Das war dann so, wie wenn jemand lachend versucht, einen Bilderwitz zu erklären. Das klappt auch nie, und man schmunzelt als Zuhörer betreten.

Und Biller? Der suchte sich natürlich wieder so einen abartigen Titel aus. Ein journalistisch-romanhafter Bericht über die Reise der Gruppe 47 im Jahre 1966 nach Princeton. »Jetzt wird es kompliziert«, drohte Biller und fühlte sich bemüßigt zu erklären, was denn die Gruppe 47 war [7]. »Biller, wir sind doch nicht doof, das wissen wir doch«, wollte man ihm zurufen, doch dann wurde man sich bewusst, dass man das im Jahre 2016 vielleicht doch dem ein oder anderen erklären muss.

Und auch hier: Wie die drei auf dem Podium – Frau Westermann blenden wir mal aus – über das Buch sprachen, wie sie Perspektiven, Sprache, Aufbau und den Ton des Buches lobten, wie Frau Dorn erneut differenzierend auch manches kritisierte, das machte durchaus Lust auf die Lektüre von »Princeton 66« von Jörg Magenau.

Zum Abschluss gab es dann noch eine kurze Empfehlungsrunde, bei der es wiederum Frau Dorn schaffte, einem sogar die Übersetzung der Odyssee von Kurt Steinmann schmackhaft zu machen – nicht ohne den hilfreichen Servicehinweis, dass das Buch ab August auch als Taschenbuch erhältlich sei.

Frau Westermann empfahl – wie schon einmal [5] – ein Buch, das irgendwas mit Fußball zu tun hatte oder dem Verlieren, und wie schon einmal wurde einem nicht klar, warum sie das tat (Weidermann, auf den Titel deutend: »Ist das etwa Schweinsteiger?«).

Wenn dann am Schluss dieser gar nicht mal so schlechten Ausgabe des literarischen Quartetts plötzlich Denis Scheck, gefolgt von einem Kameramann, ins Bild gelaufen wäre, die Zuschauer direkt angesprochen hätte und zwei der vier vorgestellten Bücher in die Tonne geworfen hätte, so hätte auch das nicht weiter verwundert.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 24.06.2016 besprochenen Bücher:

Die in der Sendung als Urlaubslektüre empfohlenen Bücher: