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Beitrag vom 25. Juni 2016 | Rubrik: Literarisches Leben

Literarisches Quartett: Was macht Frau Westermann?

Thea Dorn im literarischen Quartett (Foto:ZDF)

Thea Dorn im literarischen Quartett (Foto:ZDF)

Das literarische Quartett war wieder einmal ein Abbild des um sich kreisenden Literaturbetriebs. Jeder kennt jeden, und man besetzt abwechselnd unterschiedliche Rollen. Zu Gast war die Schriftstellerin Thea Dorn, die ihrerseits im SWR eine Literatursendung moderierte.

Volker Weidermann stellte das neue Buch von Juli Zeh vor, die in der ersten Sendung zu Gast war und die damals das Buch ihres Freundes Ilija Trojanow präsentierte.

Hatte Weidermann nicht mal gesagt, er könne sich auch eine Buchhändlerin als Gast sehr gut vorstellen? Aber man bleibt lieber bei den fernseherprobten Gesichtern.

Dennoch stellt sich mehr und mehr die Frage, welche Rolle und Funktion Frau Westermann im Stamm-Trio spielt. Klar, sie ist als »Gefühlstante« besetzt, als die Stimme der kleinen Leserin von der Straße, die in erster Linie das Herz und nicht den Verstand über ein Buch urteilen lässt. Doch immer mehr sitzt sie in der Runde wie die Mutter, die ihren Kinder beim Spielen auf der Konsole zuschaut und die, wenn ihr die Kinder mal den Controller reichen, gleich zurückweicht und ablehnt und sagt: »Kinners, was ihr da so macht, das ist nichts für mich, das verstehe ich nicht so ganz. Spielt mal schön ohne mich weiter.« Und sie lacht über den kleinen hitzköpfigen Maxim, der sich immer so wild und verwegen gibt, der kleine Racker.

Los ging es mit »Unterleuten«. Endlich also auch mal ein Bestseller, ein Buch, das mehr Leute kennen als nur die vier auf der Bühne.

Maxim Biller schlug gleich mal die Pflöcke ein – oder vielmehr: Er pfählte das Buch. »Ich weiß ja nicht, was ich am schrecklichsten an diesem Buch finde. (…) Die Autorin mag ihre Figuren nicht. Keine einzige. Das nervt mich. (…) Sie hat eine neue Gattung erfunden – das ist das einzige, was ich an dem Buch gut finde – den kapitalistischen Realismus. Alle Figuren in diesem Buch sind nur damit beschäftigt, habgierig und verlogen zu sein. (…) Es gibt keine Entwicklung. Juli Zeh überschreitet in diesem Roman keine einzige Grenze (…) Es ist langweilig und zäh, die Sprache ist wie übelste Krimiprosa. (…) Wann immer eine Figur über den bösen Kapitalismus spricht, klingt sie genauso, wie ein SPIEGEL-Essay von Juli Zeh gegen den bösen Kapitalismus.«

Damit war eigentlich alles gesagt, und zum ersten Mal dachte man vor dem Fernseher: Recht hat er, damit ist eigentlich alles zu diesem Buch gesagt. Für einen Augenblick war man mit Biller einer Meinung und fragte sich, ob er nicht vielleicht schon immer Recht hatte und in den letzten Ausgaben nur unglücklich rüberkam. Schließlich fand er Bov Berg gut.

Thea Dorn verfeinerte diese Meinung, indem sie ergänzte, dass »Unterleuten« zwar substanzlos wegzulesen sei, aber dennoch unterhalte.

Thea Dorn war ein überaus erfrischender Gast, der man gerne zuhörte, weil sie Differenzierungen in die Diskussion einbrachte. Erfreulicherweise wissen die Gäste oft nicht, dass es im Quartett in erster Linie um den Konflikt gehen soll. Das macht ihre Beiträge oft sehr hörenswert.

Obwohl man sich bemüht, Frau Westermann in ihrer Rolle als gefühlsbetonte Mutterfigur zu akzeptieren, mag man den von ihr vorgestellten Büchern immer weniger trauen. Das, was Biller und Dorn dann zu »Das Zimmer« sagten, führte in keiner Weise dazu, dass man das Buch lesen möchte, sondern innerlich gleich abhakte. Ein Behördenroman im Kafka-Stil – oder doch nicht? Egal. Weiter.

Es wurde schön und interessant

Dann wurde es schön und interessant. Wie es überhaupt im literarischen Quartett eigentlich immer dann gut wird, wenn die vier Protagonisten sich nicht streiten, sondern gemeinsam ein Buch loben. Dann reden die Teilnehmer zum Teil auch tatsächlich über literaturkritisch relevante Dinge. Leider übertrieben es die vier bei Lucia Berlins »Was ich sonst noch verpasst habe« etwas mit dem schlechten Nacherzählen der Handlung und dem Zitieren von Passagen leicht neben der Spur. Das war dann so, wie wenn jemand lachend versucht, einen Bilderwitz zu erklären. Das klappt auch nie, und man schmunzelt als Zuhörer betreten.

Und Biller? Der suchte sich natürlich wieder so einen abartigen Titel aus. Ein journalistisch-romanhafter Bericht über die Reise der Gruppe 47 im Jahre 1966 nach Princeton. »Jetzt wird es kompliziert«, drohte Biller und fühlte sich bemüßigt zu erklären, was denn die Gruppe 47 war. »Biller, wir sind doch nicht doof, das wissen wir doch«, wollte man ihm zurufen, doch dann wurde man sich bewusst, dass man das im Jahre 2016 vielleicht doch dem ein oder anderen erklären muss.

Und auch hier: Wie die drei auf dem Podium – Frau Westermann blenden wir mal aus – über das Buch sprachen, wie sie Perspektiven, Sprache, Aufbau und den Ton des Buches lobten, wie Frau Dorn erneut differenzierend auch manches kritisierte, das machte durchaus Lust auf die Lektüre von »Princeton 66« von Jörg Magenau.

Zum Abschluss gab es dann noch eine kurze Empfehlungsrunde, bei der es wiederum Frau Dorn schaffte, einem sogar die Übersetzung der Odyssee von Kurt Steinmann schmackhaft zu machen – nicht ohne den hilfreichen Servicehinweis, dass das Buch ab August auch als Taschenbuch erhältlich sei.

Frau Westermann empfahl – wie schon einmal – ein Buch, das irgendwas mit Fußball zu tun hatte oder dem Verlieren, und wie schon einmal wurde einem nicht klar, warum sie das tat (Weidermann, auf den Titel deutend: »Ist das etwa Schweinsteiger?«).

Wenn dann am Schluss dieser gar nicht mal so schlechten Ausgabe des literarischen Quartetts plötzlich Denis Scheck, gefolgt von einem Kameramann, ins Bild gelaufen wäre, die Zuschauer direkt angesprochen hätte und zwei der vier vorgestellten Bücher in die Tonne geworfen hätte, so hätte auch das nicht weiter verwundert.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 24.06.2016 besprochenen Bücher:

  • Juli Zeh: Unterleuten: Roman. Gebundene Ausgabe. 2016. Luchterhand Literaturverlag. ISBN/EAN: 9783630874876. EUR 24,99 » Bestellen bei Amazon.de
  • Jonas Karlsson: Das Zimmer: Roman. Gebundene Ausgabe. 2016. Luchterhand Literaturverlag. ISBN/EAN: 9783630874609. EUR 17,99 » Bestellen bei Amazon.de
  • Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe: Stories. Gebundene Ausgabe. 2016. Arche Verlag. ISBN/EAN: 9783716027424. EUR 22,99 » Bestellen bei Amazon.de
  • Jörg Magenau: Princeton 66: Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47. Gebundene Ausgabe. 2016. Klett-Cotta. ISBN/EAN: 9783608949025. EUR 19,95 » Bestellen bei Amazon.de

Die in der Sendung als Urlaubslektüre empfohlenen Bücher:

  • Thea Dorn empfahl Homer: Odyssee. Taschenbuch. 2016. Penguin Verlag. ISBN/EAN: 9783328100485. EUR 12,00 » Bestellen bei Amazon.de
  • Volker Weidermann Dorn empfahl Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun?: Roman. Erstmals in der Originalfassung. Gebundene Ausgabe. 2016. Aufbau Verlag. ISBN/EAN: 9783351036416. EUR 22,95 » Bestellen bei Amazon.de
  • Christine Westermann empfahl Holger Gertz: Das Spiel ist aus: Geschichten über das Verlieren. Gebundene Ausgabe. 2016. Deutsche Verlags-Anstalt. ISBN/EAN: 9783421047298. EUR 16,99 » Bestellen bei Amazon.de
  • Maxim Biller empfahl Henryk Grynberg: Der Sieg: Drei Erzählungen (Jüdische Spuren). Taschenbuch. 2016. Hentrich und Hentrich Verlag Berlin. ISBN/EAN: 9783955651381. EUR 22,00 » Bestellen bei Amazon.de

7 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Tatjana Schnell schrieb am 25. Juni 2016 um 20:38 Uhr

    Maxim Biller ist unerträglich und die von mir früher geschätzte Thea Dorn wollte gegenüber dem vermeintlichen intellektuellen Biller auch glänzen und hört sich gern reden.was ist eigentlich so schlimm daran, wenn Frau Westermann den Mainstream vertritt. Ja , auch durchschnittliche Leser schauen literatursendungen an und möchten sich nicht über Andere stellen , sondern Impulse bekommen.

  2. Gregor schrieb am 26. Juni 2016 um 10:31 Uhr

    Gelungene Analyse! Mein Senf dazu. Die Sendung beginnt wie das erste besprochene Buch: Zäh. Zu oft bleibt die Diskussion darin stecken, dass jemand sagt, dass sei wunderbar oder entsetzlich, ohne dass eine Arguementation erfolgt. Insbesondere Frau Westermann fällt dadurch auf. Frau Dorn stellt eine echte Bereicherung dar und sollte regelmäßig eingeladen werden. Herr Biller sieht das, denke ich, genauso. Auch das Zeitformat der Sendung ist furchtbar. Der Austausch von Argumenten wird permanent unterbrochen, so dass gelegentlich eine zu hitzige Atmosphäre und der Sache nicht dienliche Hektik entsteht. Nichtsdestotrotz steigt das Niveau der Sendung mit den besprochenen Büchern. Das Buch zur Gruppe 47 war einmal ein richtig literaturwissenschaftliches Ereignis der Sendung. Das Genre Literaturwissenschaft sollte generell häufiger berücksichtigt werden. Thea Dorns Präsentation von Lucia Berlins Buch macht wirklich Lust auf das Buch.

  3. Gregor schrieb am 26. Juni 2016 um 10:33 Uhr

    @ Tatjana Schnell: Ohne Biller wäre diese Sendung gar nichts.

  4. Matthias Borngrebe schrieb am 27. Juni 2016 um 12:32 Uhr

    Noch eine Ergänzung zu Thea Dorn: Sie hat ihren Ausstieg aus “Literatur im Foyer” / “Lesenswert” 2014 so begründet:

    “Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen”, so Thea Dorn. “Ich danke dem SWR für die wunderbare Möglichkeit, so viele hochkarätige Kollegen im Gespräch kennen lernen zu dürfen und dem ganzen Team für spannende Jahre. Ich respektiere den Weg, den der Sender mit dem neuen Format eingeschlagen hat, musste in den letzten Monaten aber erkennen, dass es nicht mein Weg ist.”

    Ich kann Dorns Entscheidung durchaus nachvollziehen, denn mit dem Schritt, das vielleicht etwas biedere, aber für eine Literatursendung recht gut funktionierende alte Format zu erneuern, hat sich der SWR leider keinen Gefallen getan. Jetzt nehmen nicht mehr nur Autoren und Literaturkritiker, sondern auch Prominente wie Frank Elstner oder Ulrich Noethen viel der kurzen Sendezeit in Anspruch. Die zu besprechenden Bücher rücken dadurch natürlich in den Hintergrund.

    Nachfolger von Dorn ist übrigens Denis Scheck, den ich zwar gerne sehe, der jedoch meiner Meinung nach nicht gleich zwei Literatursendungen moderieren muss. Absolut empfehlenswert ist aber das nach wie vor und glücklicherweise nicht veränderte, vier Mal im Jahr ausgestrahlte Kritikerquartett mit Denis Scheck, Ijoma Mangold, Felicitas von Lovenberg und einem Gast (früher war Thea Dorn die vierte Diskutantin): zwei Mal zu den Buchmessen, im Sommer zur Urlaubslektüre und kurz vor Weihnachten Klassikerempfehlungen. Ich sehe dieses “Literarische Quartett” in dieser Konstellation sehr gerne, wobei man sich, apropos Betriebsgeklüngel, ja schon fragen kann, ob es nicht zu Interessenkonflikten führen kann, wenn Felicitas von Lovenberg, nun ja Verlegerin des Piper Verlags, eine Literatursendung moderiert … :-)

  5. Renate Blaes schrieb am 28. Juni 2016 um 15:52 Uhr

    Was Frau Westermanns Literaturgeschmack betrifft, so werde ich ganz bestimmt kein Buch mehr kaufen, das sie empfiehlt, denn kein einziges habe ich gern gelesen. U. a. “Die Frau des Zeitreisenden” – so eine mühsame Angelegenheit! Nach einem Drittel habe ich aufgegeben … und bei all den anderen Büchern, auf deren Rückseite die begeisterte Meinung von Frau Westermann abgedruckt ist, verhält es sich genauso. Nein, die Empfehlungen dieser “Expertin” sind für mich keine. In Gegenteil. Mittlerweile ist es so, dass ich von ihren Empfehlungen die Finger lasse …

  6. Norbert Kraas schrieb am 29. Juni 2016 um 14:08 Uhr

    Ich stelle fest: Schriftsteller und Literaturkritiker sind auch nicht besser, sprich weniger eitel als Fußballer in sog. Expertenrunden.

  7. Dietmar Kuhn schrieb am 3. August 2016 um 00:17 Uhr

    Ich möchte nur festhalten, dass Mabi der Allwissende das von ihm selbst vorgeschlagene Buch über die “Gruppe 47” offensichtlich schludrig gelesen hat, denn der junge Handke hat den versammelten Nachkriegsautoren mitnichten vorgeworfen, dass sie nur beschreiben würden, sondern das gerade Gegenteil:Realität lasse sich nicht einfach so erzählen, dann bleibe sie Kliche´, sondern man müsse, wenn man darüber hinaus wolle, Schicht für Schicht( Geschichte, Erzählsubjekt, Ideologie usw.) abtragen und immer mitbedenken, dass das Be-schreiben selbst auch Teil der Realität sei.
    Schlag nach bei Kant ( der Beobachter der Welt gehört immer mit zum Erkenntnisprozeß). Objektivismus also blamiert sich vor sich selbst, da es ihn pur gar nicht gibt: er ist immer mit Subjektivismus verzahnt.

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