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Literarisches Quartett: »Reden wir hier über Bücher oder reden wir über Biller?«

Das literarische Quartett (Foto: ZDF)

Das literarische Quartett (Foto: ZDF)

Gute Fernsehsendungen schaffen unerhörte Einblicke und bringen uns Dinge nahe, die wir nie zuvor für möglich gehalten haben. Seit der letzten Ausgabe des literarischen Quartetts wissen wir daher: Das Magazin FOCUS hat einen Literaturchef!

Der war diesmal Gast in der literarischen Streitrunde. Denn das gilt es festzuhalten: Im literarischen Quartett gilt die Maxime des Streits, wie es Gastgeber Volker Weidermann immer wieder betont: »Wir wollen keinen Konsens suchen, sondern Streit.« Der jedoch besteht seit einigen Sendungen allein aus Maxim Biller. Doch dessen Streitwerkzeug wiederum besteht nur aus Dazwischenquatschen und Rechthabenwollen. Besonders Ersteres macht es dem Fernsehzuschauer schwer, der Gesprächsrunde akustisch zu folgen.

»Reden wir hier über Bücher oder reden wir über Biller?«, fragt daher Uwe Wittstock nochmals nach, als das erste Buch des Abends abgehakt wird. Wittstock ist jener »Literaturchef FOCUS« wie ihn die Bauchbinde betitelt. Im Grunde und sogar für sich genommen ist das ein sehr schöner Satz, wo doch Billers aktuelles Buch »Biografie« von der Kritik nicht gerade als Meisterwerk angesehen wird. Aber als so filigran platzierter Tiefschlag war der Satz ja gar nicht gemeint.

Braucht diese Runde Biller? Liest man während der Sendung auf Twitter mit, ist die Meinung eher: »Nein!« Aber dann mag man dem Trugschluss unterliegen, wie er hin und wieder bei Buchbloggerinnen stattfindet, die den Antagonisten einer Geschichte doof finden und dabei völlig vergessen, dass auch die Antipathie für den Bösen die Leserin ans Buch bindet. Und auch das literarische Quartett braucht den Bösen. Allerdings ist Biller für einen guten Schurken nicht vielschichtig genug und seiner Arroganz und Besserwisserei fehlt die sichtbar ironische Brechung.

Biller: »Sie sind alle überfordert von dem Buch, ‘tschuldigung.«

Westermann: »Nein!«

Weidermann: »So einfach ist es vielleicht nicht, aber … ähm … es gibt … ähm …«

Biller: »Fast. Fast so einfach.«

Westermann: »Aber warum? Also warum sind wir die Blöden und Sie sind der Gescheite?«

Biller: »Weil ich den besseren Geschmack habe? Keine Ahnung, woher das kommt.«

Frau Westermann, so scheint es mittlerweile, sitzt nur in der Runde, dass der geschmackvolle Mann Biller die gefühlsduselige Frau abwatschen kann, die ohnehin nichts von guten Büchern versteht. »Bekannt aus ›Zimmer frei‹, noch bekannter als Bücherschwärmerin«, assistiert da die eingeblendete Bauchbinde.

Die Literaturkritik bleibt wie immer auf der Strecke. Wenn Biller dem Buch »Mauerläufer« von Nell Zink [2] attestiert, es sei »wahnsinnig gut geschrieben« und man könne sich auf jeder Seite 10 Stellen anstreichen und es fünfmal wiederlesen, dann wird dem nur entgegengesetzt, es sei »langweilig«, als ob es sich dabei um eine literaturkritische Bewertung handle. Und wie schon in den Sendungen davor wird insgesamt zu viel Handlung referiert und nacherzählt und darüber gesprochen, wie gut, glaubhaft oder doch nur langweilig diese oder jene Handlung oder Figur sei. Selbst Wittstock, der als untrainierter Gast der Runde seine Argumente ruhig und sachlich vorträgt – auch dann wenn Biller dazwischenredet –, referiert und spoilert große Teile der Handlung von David Grossmans Roman [3].

Wenn hin und wieder beklagt wird, dass nach dem Tode von Reich-Ranicki [4] und Karasek [5] die großen meinungsbildenden (und verkaufsfördernden) Literaturkritiker fehlen, dann zeigt das literarische Quartett leider vor laufender Kamera, dass diese eitlen meinungsgetriebenen Gesellen nicht wirklich literaturkritische Kompetenz ausstrahlen. Alle Vorurteile werden bestätigt.

Und das ZDF setzt dem noch eins drauf, indem es über den Twitter-Account zur Sendung  im Ton einer Kindergartentante fragt:

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 29.04.2016 besprochenen Bücher: