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Literarisches Quartett: Ohne Drogen fehlt dir was

Gastgeber Volker Weidermann (links) und Gast Thomas Glavinic (Foto: ZDF)

Gastgeber Volker Weidermann (links) und Gast Thomas Glavinic (Foto: ZDF)

Dies sind die Anmerkungen zum Literarischen Quartett vom Oktober 2016. Sie können sich aber auch die Besprechungen der früheren Sendungen durchlesen [1]. Diese sind zeitlos. Es tut sich nichts in dieser neuaufgelegten Literatursendung des ZDF, nur der Gast wird ausgetauscht. Diesmal war es der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic. Gelegentlich bringt zumindest der Austauschkandidat etwas Pepp in die Diskussion. Diesmal jedoch nicht.

»Ich hab‘ ein Problem damit, über Kollegen zu sprechen«, outete sich Glavinic recht schnell. Da dachte man als Zuschauer noch, er meine das inhaltlich. Es stellte sich heraus, dass es eher an der Semantik lag. Glavinic gelang selten ein vollständiger Satz: »Ich finde die richtigen Wörter gerade nicht.« Niemand verlangt, dass Schriftsteller gut reden müssen. Sie sollten gut schreiben können, was Glavinic durchaus kann [2].

Dabei war Glavinics Auftakt amüsant. Er verhielt sich zunächst ruhig und schien sich über das Wort-Gezerre zwischen Maxim Biller und Volker Weidermann zu amüsieren: »Von mir aus können Sie weitermachen.« Und Billers direkt an ihn gerichtete Frage, ob denn der Humor des besprochenen Buches von Thomas Melle ein deutscher, österreichischer oder jüdischer sei, parierte Glavinic süffisant mit den Worten: »Ich muss nicht jedem Humor gleich einen Reisepass ausstellen.« Doch damit hatte sich seine Eloquenz früh erschöpft. Kein Satz gelang ihm mehr, Glavinic wirkte fahrig und unvorbereitet. Eindeutige Urteile zu den Büchern wollte er kaum abgeben. Letzteres ist eigentlich sehr sympathisch, doch man merkte, dass der Österreicher dafür ganz andere Gründe hatte.

Kommt ihr verbal gerne näher: Maxim Biller und Christine Westermann (Foto: ZDF)

Kommt ihr verbal gerne näher: Maxim Biller und Christine Westermann (Foto: ZDF)

Was war noch? Die Rolle von Frau Westermann hat sich geklärt [3]. Sie sitzt nur deshalb in der Runde, damit Maxim Biller sie gelegentlich direkt ansprechen und verbal abwatschen kann, damit sie mit einem unverständlichen Lächeln antworten kann, das gerade besprochene Buch fest in den Händen und meist vor das Gesicht gehalten. Immer wieder wollte sie an diesem Abend etwas aus den Büchern vorlesen, aber niemand in der Runde wollte das zulassen.

Zunächst wurden zwei Bücher besprochen, die beide die Chance haben, am kommenden Montag den Deutschen Buchpreis 2016 zu erhalten: [5] Thomas Melles autobiografischer Text »Die Welt im Rücken« über seine psychische Erkrankung und der DDR-Roman »Skizze eines Sommers« von André Kubiczek.

Zunächst redeten alle über Thomas Melle und seine bipolare Störung. Es ist ein literaturkritisches Problem, dass bei seinem biografischen Text immer über Thomas Melle und seine bipolare Störung geredet wird. Selbst Volker Weidermann sprach emotional über den Text. Einzig Biller versuchte konsequent, dem Text als Text und Roman gegenüberzutreten, aber eben auf Biller-Art: Zack! Krach! Wumm! Die Melle-Diskussion scheiterte an der fehlenden literarischen Betrachtung und der Brachialität Billers.

André Kubiczeks Buch fanden alle misslungen – bis auf Frau Westermann. Auch wenn das Gespräch nicht sonderlich tiefgehend war, wurden zumindest einige literarische Kriterien gefunden, und die Diskussion über dieses Buch erstreckte sich nicht – wie sonst im literarischen Quartett üblich – allein darauf, ob den die Handlung logisch und glaubhaft sei.

Die beiden anderen besprochenen Bücher? Egal. So richtig wusste man nicht und konnte man anhand der Diskussion auch nicht ermitteln, warum man sie lesen sollte und warum sie im Quartett besprochen wurden.

Und sonst? Was sich bereits während der letzten Sendungen abzeichnete, wurde wieder einmal mehr als deutlich – vor allen Dingen, wenn man sich parallel auf Twitter umschaute und der Hashtag #Literarischesquartett an diesem Abend sogar Trend ist: Ohne Maxim Biller wäre die Sendung nichts [6]. Die Menschen schimpfen über ihn, sie hassen ihn, sie lieben ihn. Sie schalten die Sendung ein wegen Biller, sie schalten die Sendung ab wegen Biller – oder verkünden es zumindest. Sie schätzen es, dass Billers Buchvorschläge durchaus lesenswert sind [6] und dass er zumindest konsequent auf literarische Maßstäbe hinweist. Man hasst Billers Überheblichkeit und Stinkstiefeligkeit. Biller-Tweets dominieren die Diskussion zu #LiterarischesQuarett und das schon vor der Sendung. Biller ist der Untergang der Literaturkritik, Biller ist die Rettung der Literaturkritik. Biller ist gar keine Kritik. Biller ist wie eine Droge: Irgendwie nicht gut, irgendwie schädlich, aber irgendwie kommt man nicht davon weg. Ohne Biller würden wir einschlafen und gar nicht erst einschalten. Oder lieber ein Buch lesen.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 14.10.2016 besprochenen Bücher: