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Beitrag vom 4. März 2017 | Rubrik: Literarisches Leben

Literarisches Quartett ohne Biller: Walser?! Das ist nicht euer Ernst?

Neu gesetzt in neuer Besetzung: Das Literarische Quartett vom März 2017 (Foto. ZDF)

Neu gesetzt in neuer Besetzung: Das Literarische Quartett vom März 2017 (Foto. ZDF)

Rund 90.000 Bücher erscheinen pro Jahr. Doch holt man Leseanregungen nur von Literaturkritikern, könnte man glauben, die Halbjahresproduktion der deutschen Verlage bestünde lediglich aus 8 Büchern, die mangels Auswahl landauf landab notgedrungen besprochen werden müssen.

So auch im neu gemischten Literarischen Quartett vom Freitag. Warum nur?

Am Anfang der Sendung gedachte Volker Weidermann dem mit 52 Jahren plötzlich verstorbenen Literaturchef der Süddeutschen Zeitung. Christopher Schmidt war ein leiser Mann. Er schrieb Literaturkritiken und war nicht omnipräsent. Also quasi der Gegenentwurf zu Denis Scheck und Rainer Moritz. Selbst der langjährige Literaturchef des SPIEGEL, Volker Weidermann, berichtete, dass er Schmidt nie persönlich begegnet sei.

Um also mehr Zeit mit den Kollegen zu verbringen, hat Weidermann gleich mal seine Chefin vom SPIEGEL ins Literarische Quartett eingeladen, die Leiterin des Kulturressorts: Elke Schmitter. Da fragt man sich dann schon wieder: Muss das sein?

Schmitter saß als Gast auf dem Stuhl zur Linken, auf dem bislang Maxim Biller saß. Der ist ausgeschieden und wurde durch Thea Dorn als ständiges Mitglied ersetzt, die jedoch rechts saß. Dort saß sie bereits, als sie letztes Jahr Gast der Runde war. Anmerkungen zu Thea Dorn im Allgemeinen können daher in der damaligen Kritik nachgelesen werden. Nichts gegen Thea Dorn, aber dennoch fragt man sich: Muss das sein? Gibt es denn neben den gefühlten 8 Büchern, die pro Halbjahr besprochen werden, nur die immer gleichen 8 Kritiker, die dies tun? Thea Dorn, die jahrelang eine Literatursendung moderierte, dann ausstieg, um mal was anders zu machen, ersetzt jetzt Maxim Biller, der ausgestiegen ist, um mal was anderes zu machen? Echt jetzt?

Bemerkenswert war es jedoch zu sehen, wie die neue Runde funktionierte und durchaus harmonisierte. Eine zweite Frau in der Stammbesetzung führt bei einem weiblichen Gast jetzt zur wunderbaren Konstellation, dass Weidermann der einzige Mann in der Runde ist. Weidermann wirkte ungebremst durch Biller wie eine YouTuberin, die über den neuen Roman von Jojo Moyes jubelt, als er über »Ein wenig Leben« von Hanya Yanagihara sprach. Bei der Lektüre habe bei ihm förmlich der Verstand ausgesetzt und ihn das Gefühl überwältigt. Das war selbst für Christine Westermann zu viel. Die wiederum sprach mehr und differenzierender über die Bücher, da sie keine Widerrede Billers befürchten musste und sich nicht schon von vornherein selbst zügelte. Überhaupt war die Diskussion diesmal tatsächlich mehr ein Gespräch über Bücher als je zuvor. Außer kleinen neckischen Sticheleien wollte niemand provozieren. Man unterhielt sich über die Werke, ohne peinliches Gestammel beim schlechten Nacherzählen oder gar Spoilern der Handlung.

Man könnte also sagen: Es war die erste Ausgabe des neuen Literarischen Quartetts, bei der es um Bücher ging.

Man könnte aber auch sagen: Es war eine langweilige, öde und erwartbare Sendung.

Das Buch von Hanya Yanagihara wird nun wirklich überall besprochen. Meist mit dem Ergebnis: So gut isses nich, viel zu konstruiert und außerdem zu lang. So auch der Tenor im Literarischen Quartett. Am 16. März bespricht übrigens das Quartett der SWR-Sendung »Lesenswert« das Buch. Die Sendung wurde bereits vorletzte Woche aufgezeichnet. Das Ergebnis zu Yanagihara: So gut isses nich, viel zu konstruiert und außerdem zu lang.

Und dann: Walser! Walser? Echt?! Wer interessiert sich denn noch für Walser? Und wer interessiert sich denn noch dafür, was vier Literaturkritiker zu Walser sagen?

Und dann auch noch Julian Barnes! Ebenfalls nichts gegen Barnes, aber muss man ein überall durchbesprochenes und gelobtes Buch auch noch im Quartett loben?

Wenn vier Menschen kompetent und nicht unsympathisch über Bücher sprechen, die an 1.000 anderen Stellen auch schon besprochen wurden, und wenn sie zu den gleichen Ergebnissen kommen wie ebendort – dann fehlt Biller!

Man kann doch über Yanagihara nicht so sprechen, als hätten alle Vier (plus Ijoma Mangold) den Titel gerade erst entdeckt. Man kann doch nicht ein Buch vorstellen, nur weil es von Martin Walser ist!

Biller hat seinerzeit Ferrante ins Spiel gebracht, weil er darüber reden wollte, warum gerade alle darüber reden. Das kann man machen.

Es fehlte die Stimme der Provokation! Jemand, der (oder die) sagt: Das ist jetzt aber nicht euer Ernst, dass wir hier über Walser reden, oder? Jemand, der ein erwartbares Geplänkel mit ein klein wenig treffender Polemik aufwertet.

Mit Biller hat das Literarische Quartett leider sein Alleinstellungsmerkmal verloren. Nett und kompetent über die immer gleichen Bücher reden können schließlich schon andere.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 03.03.2016 besprochenen Bücher:

2 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Kai Lücke schrieb am 6. März 2017 um 00:12 Uhr

    Man könnte aber auch sagen: Es war ein langweiliger, öder und erwartbarer Artikel von Herrn Tischer.

  2. Eva Jancak schrieb am 7. März 2017 um 13:40 Uhr

    Mir hat die Sendung gut gefallen und Herr Biller ist mir nicht abgegangen, da ich das Schimpfen ja nicht mag und die Sendung von Oktober, glaube ich, auch in sehr sehr unangenehmer Erinnerung habe!
    Und da es ja um die Bücher gehen soll, nicht um die Aktions der Kritiker gehen soll, habe ich von drein, zugegeben, eines habe ich schon gelesen, bezüglich des zweiten streite ich mich gerade herum und Herrn Walsers Stil kenne ich schon lange, einen sehr guten Eindruck mitgenommen und bin auch neugierig auf das vierte, mir noch nicht so bekannte Buch.
    Von mir aus kann es in diesem Stil weitergehen!

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