Literarisches Quartett: Bov Bjerg führt zu einem Fehler in der Matrix

Maxim Biller (Foto: ZDF)

Für das Folgejahr waren noch weitere Sendungen angekündigt. Doch dann beerdigte das ZDF Ende Dezember seine neue Literatursendung. Grund: Erfolglosigkeit. Im Schnitt lag die Quote bei 4,1% und rund 0,88 Millionen Zuschauern. Das war vor genau fünf Jahren. Die Sendung hieß »Die Vorleser«.

Die zweite Folge der Neuauflage des Literarischen Quartetts im November hatte nur 0,76 Millionen Zuschauer, was einer Quote von 4,5% entsprach.

Am 11. Dezember 2015 gab es die dritte Folge, die wieder etwas mehr Zuschauer hatte. Diese erlebten am Beginn der Sendung einige verstörende Minuten.

Die dritte Ausgabe der Sendung wollten immerhin wieder 0,98 Millionen Zuschauer sehen, was einer Quote von 5,2% entspricht. Die Auftaktsendung im Oktober sahen 1,07 Millionen Zuschauer bzw. 6,8%.

Konzeptionell und inhaltlich konnten die beiden ersten Folgen nicht überzeugen. Sie waren zu sehr auf Tempo und Streit ausgerichtet, mutierten zu einem literarischen Kasperletheater, bei dem kein literarischer Diskurs zu erkennen war.

Es überrascht, dass man sich für die dritte Ausgabe des literarischen Quartetts Daniel Cohn-Bendit als Gast eingeladen hatte. Man hätte erwarten können, dass man aufgrund des Zuschauerschwunds in der Dezemberausgabe auf einen zugkräftigen Promi vom Kaliber eines Harald Schmidt setzen würde. Schmidt wurde tatsächlich eine Zeit lang als Gastgeber des neuen Quartetts gehandelt, bevor Volker Weidermann diese Rolle übernahm.

Mit Cohn-Bendit wählte man einen erfahrenen Literatur-Talker. Neun Jahre lang bis 2003 moderierte er den Literaturclub des Schweizer Fernsehens. Zuletzt war er dort im Oktober 2015 zu Gast gewesen.

Vom Kasperletheater zum Kindergarten

Die anderen Teilnehmer des Quartetts blieben auch in der dritten Ausgabe gleich: der Autor und FAS-Kolumnist Maxim Biller, der SPIEGEL-Literaturredakteur Volker Weidermann und die Moderatorin und Journalistin Christine Westermann.

Der Verlauf der Sendung schien erwartbar und driftete in dieser Folge tatsächlich vom Kasperletheater in einen Kindergarten ab.

Doch zu Beginn der dritten Sendung gab es einen irritierenden Moment, der wie ein Fehler in der Matrix wirkte: Für einige Minuten konnte man einen Blick auf eine Sendung werfen, in der ernsthaft und fundiert über Literatur gesprochen wurde. Der Anfang war äußerst verstörend.

Denn zum einen ging es um das Buch »Auerhaus« des in Berlin lebenden Schriftstellers Bov Bjerg. Der Roman war im Blumenbar Verlag bereits im Juli 2015 erschienen. Eine literarische Perle und ohne Frage eines der besten Bücher des Halbjahres, das leider völlig im Sog der Buchpreisfixierung unterging. Dankenswerterweise wurde es fürs Quartett noch nicht als zu alt erachtet, und man räumte dem Roman den ihm gebührenden Platz ein.

Weiterhin erstaunte es, dass dieser in den 1980er-Jahren spielende Roman von Maxim Biller vorgeschlagen wurde. Während Biller noch in der letzten Folge sagte, er lese keine leichten Romane, schien dieser leicht erzählte Stoff überhaupt nicht zu ihm zu passen.

Ein starker, unerwarteter, fast unglaublicher Augenblick

Hinzu kam, dass alle Quartettteilnehmer von diesem Werk begeistert waren und daher keinerlei Energie für alberne Kindereien vergeudet werden musste. Plötzlich diskutierte man über die Sprache, die Art des Erzählens, den Plot und die Figurenzeichnung. Für einen Moment konnte man vier Literaturkritiker erleben, die sich nuanciert über ein Buch unterhielten. Man konnte sich einbilden, sogar so etwas wie gegenseitige Wertschätzung zu erkennen.

Es war ein starker, ein unerwarteter und fast unglaublicher Augenblick. Er konnte in dieser Konstellation nur entstehen, weil Biller den Titel vorgeschlagen hatte.

Denn anschließend agierte er wieder nach Drehbuch: Finde alle Bücher total scheiße, die nicht von dir vorgeschlagen wurden, und sage dies möglichst dominant und lautstark!

Das gab leider dem Rest der Sendung wieder den Rest.

Cohn-Bendit verschaffte sich selbst ein matrixmäßiges Déjà-Vu-Erlebnis, indem er das Buch »Interessengebiet« von Martin Amis vorstellte. Über dieses Buch hatte er bereits im Schweizer Literaturclub debattiert. Dort wiederum hatte es Philipp Tingler präsentiert.

Schaut man sich die Diskussion über dieses Buch im Schweizer Fernsehen und im Literarischen Quartett an, so wird der Niveauunterschied mehr als deutlich. Das laute, rechthaberische Gehabe von Maxim Biller zerstört jede Diskussion. Wie ein gewalttätiges Problemkind im Kindergarten schlug er auf den Roman »Ein untadeliger Mann« ein und spoilerte ihn, obwohl er kurz zuvor von Christine Westermann innig gebeten wurde, nicht viel über die Handlung zu verraten. Vorbei war es mit der Wertschätzung und dem gegenseitigem Respekt. Man verspürt nach solch einem Diskussionsniveau keinerlei Wunsch, selbst in das Buch zu blicken, um sich eine eigene Meinung zu bilden.

Völlig albern wurde das Gespräch beim letzten Buch des Abends: »Die Jahre im Zoo« von Durs Grünbein. Hier wurde zwar so nebenbei bemängelt, dass dem Autor und Eigentlich-Lyriker ziemlich viele Bilder misslungen seien, doch dann ging es nur noch darum, ob das Dresden im Buch glaubhaft geschildert sei oder nicht. Ob Handlung, Figuren oder Ort glaubhaft sind, scheint im literarischen Quartett ohnehin eines der wichtigsten Kriterien der Buchbewertung zu sein.

Abschließend gab es dann eine Runde Geschenkempfehlungen zu Weihnachten. Auch dies scheint man sich vom Schweizer Literaturclub abgeschaut zu haben, der stets mit einer solchen Empfehlungsrunde endet. Dass Christine Westermann ein literarisches Fußballbuch über den BVB präsentierte, schien ihr selbst peinlich zu sein, so als wäre sie selbst durch ein Loch aus der Matrix gefallen.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der zweiten Sendung besprochenen Bücher: