lit21.de soll literarische Online-Quellen bündeln – Ein Interview mit Thierry Chervel vom Perlentaucher

Thierry Chervel vom Perlentaucher (Foto: privat)

Mit lit21.de startet das etablierte und verdienstvolle Online-Kulturmagazin perlentaucher.de ein neues Projekt. Als sogenanntes Metablog will lit21.de literarische Quellen im Web bündeln.

Wie entstand das Projekt? Welche Ziele werden damit verfolgt? Und hat es anspruchsvollere Literatur schwerer im Internet?

Wolfgang Tischer hat sich mit Thierry Chervel, dem Gründer und Herausgeber des Perlentauchers, über das neue Projekt lit21.de und die Literatur im Netz unterhalten.

literaturcafe.de: Der Perlentaucher startet mit lit21.de ein literarisches Metablog. Was muss man sich darunter vorstellen?

Thierry Chervel: Wir versuchen, alle Quellen zu bündeln, die sich im deutschsprachigen Internet mit Literatur befassen. Es soll im wesentlichen wirklich um Bücher und ums Schreiben gehen, nicht um Kulturthemen im allgemeinen. Ganz scharf lassen sich die Grenzen natürlich nie ziehen.

literaturcafe.de: Ist ein solches Blog das Resultat aus der unlängst vom Perlentaucher angeregten Debatte zur Lage der Literaturkritik? Soll Literatur im Netz sichtbarer werden?

Thierry Chervel: Nein, die Idee kam unabhängig davon. Mir war aufgefallen, dass es eine ganze Menge interessanter Quellen gibt, die aber recht isoliert vor sich hinwerkeln, etwa die Blogs der Verlage wie hundertvierzehn.de oder Resonanzboden. In der Bündelung entsteht mehr als die Summe der Teile. Professionell und privat nutze ich sehr gern Feedly, einen Feedreader. Ich weiß aber, dass viele Leser dieses Instrument gar nicht kennen. Also dachte ich, wir machen eine Art öffentlichen Feedreader zu Literatur, den man zum Beispiel per Newlsletter auch abonnieren kann.

literaturcafe.de: Warum ein Metablog, warum kein eigener Bereich auf perlentaucher.de?

Thierry Chervel: Wir bündeln im Perlentaucher ja schon vor Hand, darum wäre uns das redundant erschienen. Außerdem ließen sich auch Feedaggregatoren zu anderen Themen denken – wir wollen den Perlentaucher nicht überfrachten.

literaturcafe.de: Der Blog wird vom Perlentaucher kuratiert. Wer kommt da rein? Was sind die Kritierien für die Aufnahme?

Thierry Chervel: Wie ich schon sagte: Es sollte um Literatur gehen, aber im Sinne der Auseinandersetzung mit Literatur, nicht zum Beispiel um Blogs, die sich selbst als ein literarisches Medium betrachten. Ich zögere noch ein bisschen, ob auch Aspekte wie der Buchmarkt hinzukommen sollten. Erst mal versuchen wir es aber zu fokussieren.

literaturcafe.de: Die Diskussion im Netz findet immer weniger auf offenen Plattformen wie Blogs und Websites statt. Viele Diskussionen auf Facebook oder in anderen Kanälen entziehen sich der breiten Öffentlichkeit und auch den Suchmaschinen. Ist das nicht kritisch? Müsste der literarische Diskurs im Netz nicht wieder mehr auf allgemein zugängliche Plattformen gebracht werden, um Gehör zu finden?

Thierry Chervel: Da gebe ich Dir völlig recht. Facebook ist ein verführerisches Instrument, aber extrem flüchtig. Was man auf Facebook sagt, »gehört« einem nicht. Darum rate ich auch Institutionen, ihre Kommunikation im Netz nicht allein auf soziale Netze zu stützen, sondern die eigene Website als Basis zu betrachten, von der aus man auch Diskussionen auf Facebook et cetera lancieren kann. lit21.de ist selbst vorerst zum Beispiel überhaupt keine Diskussionsplattform, es geht viel mehr zunächst um Wahrnehmung, um ein Aufbrechen von Insiderkreisen.

literaturcafe.de: Wird sich der Perlentaucher noch mehr mit dem Thema Literatur, Literaturkritik und Literaturdebatten im Netz beschäftigen? Wird es also eine noch stärkere redaktionelle Beschäftigung mit dem Thema werden, so wie es seit Jahren mit dem gedruckten Feuilleton geschieht?

Thierry Chervel: Der Perlentaucher hat sich immer als Brückenkopf zwischen der traditionellen und der neuen Kulturöffentlichkeit verstanden. In den fünfzehn Jahren unserer Existenz hat sich die Öffentlichkeit allerdings drastisch verändert. Als reine Presseschau würde der Perlentaucher nicht mehr funktionieren – dafür gibt es auch woanders viel zu viele interessante Stimmen. Im Grunde versuchen wir die Idee des Feuilletons ins neue Medium zu übertragen. Darum wird es im Perlentaucher auch nie nur um Literatur gehen, eher um »Kultur« im engen und im weiten Sinn, auch um »Feuilletondebatte« also.

literaturcafe.de: Wo ist für Dich denn der Hauptunterschied zwischen der Buchkritik der Feuilletons und der in den Blogs? Blogs seien persönlicher heißt es ja immer.

Thierry Chervel: Auch im Journalismus gab es immer schon sehr persönliche Stimmen. Gerade die Großkritiker, die heute von vielen als Figuren eines vergangenen Zeitalters betrachtet werden – also Reich-Ranicki, Raddatz und Kaiser – hatten sehr persönliche Blickweisen. Das wurde ihnen von der Akademia, die niemals »ich« sagen würde, auch immer zum Vorwurf gemacht. Ich liebe Arno Widmanns Kolumne »Vom Nachttisch geräumt«, die er jetzt wieder beim Perlentaucher schreibt, die er aber schon vor über dreißig Jahren in der taz entwickelt hat: eine radikal persönliche und ungeschützte Sicht auf Bücher, ein Blog vor den Blogs, das für viele Blogger heute eine Inspiration sein kann. Auch wenn man die Klassiker des Journalismus liest – Joseph Roth, Helen Hessel, Walter Benjamin – wird man sehen, wie stark der Journalismus das Netz vorausgeahnt hat. Vielleicht ist gerade »unpersönliche«, objektivistische Stil in den heutigen Feuilletons die Verfallsform.

literaturcafe.de: Das Netz ist voll von Blogs von jungen Mädels, die emotional Bücher empfehlen – und das sehr erfolgreich. Haben es literarisch anspruchsvollere Titel schwerer im Netz?

Thierry Chervel: Ganz und gar nicht. Das kann man in den Blogs auf lit21.de wirklich nachlesen. Die liefern zum Teil jene schwere Kost, bei der die Feuilletons mit ihren neumodischen Homestories heutzutage abwinken.

literaturcafe.de: Lieber Thierry, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für lit21.de.

Das Interview wurde per E-Mail geführt.

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