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Beitrag vom 4. Juni 2015 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Let’s Dance – and Write: Joachim Llambi übt Kritik

Buchcover: Joachim Llambi

Am Freitag (5. Juni 2015) ist das Finale der RTL-Tanzshow »Let’s Dance«. Joachim Llambi war als Juror bei allen 8 Staffeln dabei und gilt als harter Kritiker. Wie man Kritik übt, darüber hat er sogar ein Buch geschrieben: »Das wollte ich Ihnen schon immer mal sagen: Mut zur ehrlichen Kritik«.

Kann Llambis Kritik-Buch auch hilfreich für Literaturkritiker sein? Leider nur bedingt – und das liegt nicht daran, dass Llambi auch Krtik an Marcel Reich-Ranicki übt.

Joachim Llambi ist kein Dieter Bohlen

Joachim Llambi wird gerne mit Dieter Bohlen verglichen. Das müsse er aushalten, meint Llambi. Die Medien lieben den Vergleich, weil er polarisiere. Wo jedoch der Unterschied zwischen den beiden Fernseh-Juroren liege, macht Llambi ebenfalls plakativ klar: »Dieter Bohlen ist für unterhalb der Gürtellinie zuständig, ich für darüber.«

Joachim Llambi gilt als harter Kritiker, seine Punktewertungen liegen meist deutlich unter der seiner Jury-Kollegen. Urteilt Llambi hart, aber fair?

Ja, sagt Llambi und stellt in seinem Buch Regeln für gute Kritik und gute Kritiker auf. Häufig nutzt er Beispiele aus der Tanzshow als Beleg seiner Thesen. Doch Llambis-Buch ist kein Werk mit Promi-Anekdoten oder lustigen Sprüchen. Auch das unterscheidet Llambi von Bohlen. Llambi geht es um die Sache. Offene, ehrliche und faire Kritik komme immer mehr zu kurz, meint Llambi, und das sei schlecht für die ganze Gesellschaft. In Deutschland werde zu viel genörgelt, was nichts mir Kritik zu tun habe und niemanden weiterbringe. »Kritik will etwas zum Guten verändern«, setzt Llambi voraus. Aufrichtige Kritik sei ein Vertrauensbeweis und könne Menschen verändern; inkompetente Kritik hingegen führe dazu, dass die falschen Kompetenzen betont würden. Man müsse begreifen, dass aufrichtige Kritik dem Kritisierten diene und nicht dazu da sei, um ihn zu erniedrigen.

Unfaire Kritik als Masche

Dass Kritik – speziell in den Medien und in der medialen Bewertung – vor die Hunde gehe, liege, laut Llambi, auch am falschen Bild, das die vielen Castings-Shows speziell den jungen Menschen vermittle. Let’s Dance nimmt der Kritiker hierbei aus, da es keine Casting-Show sei. Hier seien die Kandidaten bereits gesetzt, und es gehe allein um ihre Verbesserung und Leistungssteigerung. Die anderen Shows hingegen würden den Eindruck vermitteln, man könne über Nacht berühmt werden. Ein Urteil wie »Du siehst scheiße aus!« könne ein junges Mädchen brechen. Dass eine echte Karriere über Jahre aufgebaut werden müsse, dass sie ständige Kritik, Fehler und Verbesserungen verlange, diese Sicht werde verdrängt. Zudem erhebe speziell DSDS die unfaire Kritik zur Masche, indem man in den ersten Sendungen Kandidaten vorführe, von denen von vorn herein klar sei, dass sie das Jury-Urteil nicht bestehen werden. »Im Fernsehen wird uns suggeriert, dass wir entweder zu denen gehören, die draufhauen – oder zu denen, die gehauen werden«, schreibt Juror Joachim Llambi.

Und so führt uns Llambi in seinem Buch durch die Medien, die Berufswelt, den Tanzsport und die Gesellschaft und erläutert, wie gute Kritik ausschauen sollte. Ein Kritiker sollte auf seinem Gebiet kompetent sein. Llambi nimmt alle Bereiche für sich in Anspruch. Als Let’s Dance-Juror sei er Medienmensch, darüber hinaus war er Profi-Tänzer, ist seit Jahren Juror bei Tanzturnieren und zudem selbstständiger Aktienhändler. Der gelernte Bankkaufmann – Mutter Deutsche, Vater Spanier – war an den Wertpapierbörsen in Düsseldorf und Frankfurt tätig und hatte dort Personalverantwortung.

Llambis Kritiker-Gebote

Die Regeln, die Joachim Llambi für faire und konstruktive Kritik und Kritiker aufstellt, sind nicht überraschend, aber hilfreich. Man hätte sich im Buch nochmals eine Übersicht gewünscht, so eine Art »Llambis Kritiker-Gebote«, anstatt diese im Fließtext zu verstecken. Kostprobe:

  • Krtik braucht den passenden Rahmen.
  • Ehrliche Kritik nimmt zu transparenten Kriterien Bezug.
  • Ein seriöser Kritiker beschränkt sich nicht auf eine Meinungsäußerung.
  • Hinter der Sache zurückzutreten ziert den ehrlichen Kritiker.
  • Ein ehrlicher Kritiker steht über der Konkurrenz.
  • Kritik ist die Initialzündung für einen Prozess. Sie ist da, um Veränderungen anzustoßen.
  • Den ehrlichen Kritiker zeichnet aus, dass er offen mit seinen Fehlern umgeht.

Und so weiter. Das Buch ist voll von solchen Sätzen. Sie gelten durchaus auch für die Literaturkritik.

Den meisten Zuspruch wird Llambi von den Lesern dort bekommen, wo er gesellschaftliche Entwicklung und speziell Schule und Erziehung kritisch beleuchtet. Aussagen wie die, dass Schulnoten nichts nützen, wenn der Lehrer keine Zeit oder Motivation habe, diese Wertungen kritisch zu erläutern. Da werden die meisten nicken. Doch gerade deshalb sind diese Passagen die schlechtesten und vorhersehbarsten im Buch, da sie nicht wirklich Neues bringen und die das Kritisieren auf andere übertragen.

Buchcover: Joachim Llambi

Interessanter sind da eher Stellen, in denen Llambi erläutert, warum es z. B. im Berufsleben durchaus angebracht und sinnvoll sein kann, einen Mitarbeiter vor den anderen zu kritisieren, anstatt – wie es der politisch korrekte Mensch vermuten würde – im Vieraugengespräch. Ersteres macht im Grunde genommen die Literaturkritik der Feuilletons.

Über den Verriss und Marcel Reich-Ranicki

Llambi äußert sich negativ über die spezielle Kritikform des Verisses. Für Llambi ist ein Verriss keine ehrliche Kritik. Meist mangle es ihm an Substanz. »Ein Verriss ist immer persönlich«, so Llambis Definition. Das ist auch die Stelle, in der Llambi den großen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki kritisiert. Und zwar nicht etwa für dessen Literatur-Verrisse, denn diese habe der Literaturkritiker immer mit dem Ziel vorgetragen, die Qualität der Literatur im Großen und Ganzen zu fördern. Nein, Llambi bemängelt Reich-Ranickis Worte, mit denen er seinerzeit den Fernsehpreis zurückgewiesen habe. Hier habe Reich-Ranickis Kompetenz versagt, weil ihm die Kenntnis der TV-Formate fehlte. Zusammen mit seiner autoritären Persönlichkeitsstruktur mangelte es seiner Kritik an jeglicher Substanz und Begründung. Seine Worte waren nichts mehr als ein öffentlicher Wutausbruch, dem die Maßstäbe fehlten. Dieser Fall, so analysiert es Joachim Llambi, demonstriere, dass wir bei Kritikern auf den Unterschied zwischen Kompetenz und Selbstüberhöhung achten müssten.

Hilft Llambis Buch dem Literaturkritiker?

Ist Joachim Llambis Buch also für Literaturkritiker hilfreich? Ja – und nein. »Kritiker, die polarisieren, machen ihren Job richtig«, schreibt Llambi. Aber dient dazu nicht auch der Verriss? Zudem ist ein gekonnter literarischer Verriss eben nicht persönlich, sondern er bezieht sich auf ein total misslungenes Werk. Llambi selbst schreibt, dass Reich-Ranicki beim Verriss nicht die Person des Autors, sondern die Qualität der Literatur im Auge gehabt habe. Welcher Sache dient hier der Kritiker?

Llambis Kritik-Buch zielt auf die Leistung und die Leistungsgesellschaft ab. Kritik sollte sie konstruktiv voranbringen. Llambis Blick ist daher fast ausschließlich der auf die Person hinter der Leistung. Man kann dies bei ihm schwer voneinander trennen, doch gerade diese Trennung ist bei der Text- und Literaturkritik sehr wichtig. Ein Literaturkritiker, der Erzähler und Autor verwechselt, hat seinen Beruf verfehlt. Kritik am Werk sollte nicht mit der Kritik an der Person gleichgesetzt werden. Ist ein Werk misslungen, so kann ein Verriss eine geeignete Form der Kritik sein, wenngleich auch der Verriss ohne Begründung zahnlos ist. Ein Verriss erzeugt meist Widerreden und stößt Debatten an. Und nicht zuletzt hat mancher Verriss zum Verkaufserfolg eines Werkes erst beigetragen. Die öffentliche Literaturkritik hat hier durchaus eigene Regeln, Rollen und Instrumente. Sie darf jedoch nicht mit der Kritik innerhalb einer Schreibgruppe verwechselt werden; für diese wiederum sind Joachim Llambis Anmerkungen und Regeln überaus hilfreich und die Lektüre lohnenswert.

Joachim Llambi: Das wollte ich Ihnen schon immer mal sagen: Mut zur ehrlichen Kritik. Broschiert. 2014. Econ. ISBN/EAN: 9783430201643. EUR 16,99 » Bestellen bei Amazon.de
Joachim Llambi: Das wollte ich Ihnen schon immer mal sagen: Mut zur ehrlichen Kritik. Kindle Edition. 2014. Ullstein eBooks » Herunterladen bei Amazon.de

4 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Eva Jancak schrieb am 4. Juni 2015 um 16:46 Uhr

    Also ich komme in meinen Besprechungen ohne Veriß aus, MRRs Kritiken, die wohl manches angerichtet haben, waren meiner Meinung nach höchst subjektiv und für mich oft nicht nachvollziehbar, meiner Meinung nach also höchst unnötig und nur aus der Lebensgeschichte Reich Ranicki für mich verständlich. Ich bin froh, daß heute nicht mehr so beim Bachmannpreis “kritisiert” wird und hoffe, daß das auch in der neuen Jurorenrunde so bleiben wird. Ich halte es auch für absolut unnötig einem jungen Mädel zu sagen, daß es scheiße aussehe und ich habe auch bei Provokationen, wie daß man sein Haustier am liebsten möglichst schmerzhaft umbringen möchte oder den Feminismus scheiße finde, meine Probleme. Da würde ich sagen, ich sehe das nicht so! Terquälerei ist wie die Folter verboten und gäbe es keinen Feminismus könnte man als junge Frau vielleicht nicht studieren und am Ende auch nicht beim Bachmannpreis lesen!
    So halte ich mich lieber an die alten psychologischen Grundregeln, sage, “Ich habe damit ein Problem, weil- ” und nicht “Dieser Text ist schlecht!” und schreie dazu auch nicht und wackle mit dem Finger und ich denke Wertschätzung, Empathie und Akzeptanz können auch bei der Literaturkritik sein, dann kann ich ja trotzdem dem Text meine Stimme geben, den ich für den am Lterarisch gelungensten halte.

  2. Jürgen Schulze schrieb am 5. Juni 2015 um 09:38 Uhr

    Ist es schon soweit gekommen, dass über solch ein Buch geschrieben werden muss?
    So überflüssig wie Fußpilz.

  3. Nike Mangold schrieb am 6. Juni 2015 um 14:54 Uhr

    Besprecht doch mal da Buch von Jorge. Würde gern wissen, ob es sich zu kaufen lohnt. (Gäbe es das als Hörbuch, von ihm selbst gesprochen, würde ich nicht zögern.)

  4. Uli schrieb am 11. Juni 2015 um 07:55 Uhr

    Dass dieser Artikel exakt zwischen zwei sogenannten “Textkritiken” von M. B. platziert ist … ein Schelm, wer Böses dabei denkt … gnihihihi

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