Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons
Beitrag vom 2. August 2012 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Lesetipp: Ursula Timea Rossel – Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz

Ursula Timea Rossel: Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und SalzEs gibt Bücher, die erfreuen mich bereits beim bloßen Anblick und Anfassen: Fester Einband im Prägedruck, Lesebändchen, ein überraschend ausführlicher Text auf dem Buchrücken, und wenn man das Buch aufschlägt, erblickt man unterschiedliche Schrifttypen und zwei verschiedene Schriftfarben: rot und schwarz. Das hört sich vielleicht wild an – aber in diesem Roman entwickelt sich der Sinn dieser Maßnahmen ganz von selbst: Es musste einfach so sein!

Es ist ein erstaunliches Erstlingswerk, und die Autorin hat einen ganzen Kosmos um den Kyrptographen entwickelt (was das ist und wer, wird im Roman erläutert).

Wer einen gradlinigen Mainstream-Roman erwartet, den man mal in einer Stunde wegputzt und am nächsten Tag wieder vergessen hat, lasse besser die Finger davon bzw. lese zuvor – am besten in einer Buchhandlung – die Empfehlungen für den »Geneigte[n] Nichtleser« (S.8), wo es heißt: »der Autor kann immer nur das halbe Buch schreiben; Du bist es, der die andere Hälfte brachliegen lässt« – das wäre die des Sich-Zusammen-Reimens, des Mit-Denkens, des Mit-Fühlens.

Buchrücken: Ursula Timea Rossel: Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und SalzDer eigentliche Roman beginnt auf Seite 59 – zuvor und danach wird in ausführlich-umständlich barocker Manier höchst vergnüglich und herrlich unwissen-wissenschaftlich allerlei Wichtiges und Unwichtiges dargestellt, der Leser angesprochen, den Kapiteln Inhaltsangaben vorangestellt, damit er weiß, was in dieser verqueren Liebesgeschichte auf ihn zukommt.

Wir haben es nämlich bei den beiden (bzw. drei) Protagonisten mit physikalischen Phänomenen zu tun: Es geht ums Verirren und Zuspätkommen, oder anders gesagt (gemäß einer Regel der Quantenphysik): Man kann von einem Teilchen nur sagen, wann es ist oder wo es ist, aber nie, wann es wo ist!

Der Kartograph Wigand Beheim ist immer irgendwo – aber wann? Und Sibylle ist immer irgendwann, aber wo? Für die Erzählerin gilt »Schrödingers Katze«: In welchem Zustand befindet sie sich eigentlich? Ist sie jetzt lebendig oder doch tot oder doch eben beides, und wenn: wann oder wo?

Wir erfahren darüber hinaus eine Menge über Kartografie und über Zeitmessungen in den verschiedensten Kulturen. Das ist alles wunderbar schräg komponiert, informativ und unterhaltsam, sprachlich und inhaltlich ein Hochgenuss.

Der Roman besitzt ein Motto, eine Zueignung, ein Proömium, eine Einführung, einen Prolog, den Roman Erde und Salz, einen Epilog, einen Dank, eine Bibliographie: Vollständiger geht es nimmer!

»Dieses mein Buch wird vom Verirren und vom Zuspätkommen erzählen, was im Übrigen ohnehin dasselbe ist; wenn das allerdings gleichzeitig am selben Ort eintrifft, sich akkumuliert, dann schönen Feierabend! Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz, rühre und schüttle und backe und braue. Nichts passiert. Es ist eine anderes Buch, das nicht geschrieben werden müsste; das ist es eben. Zum Geier.« (S.15f)

Kaufen! Lesen! Genießen!

Malte Bremer

Ursula Timea Rossel: Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz: Roman. Gebundene Ausgabe. 2011. Bilger, R. ISBN/EAN: 9783037620182. EUR 28,00 » Bestellen bei Amazon.de

2 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Mareike schrieb am 3. August 2012 um 21:53 Uhr

    Ich habe das Buch vor einigen Tagen bei Tubuk entdeckt und freue mich, es jetzt auch hier zu sehen. Offenbar gibt es gerade eine ganze Reihe von deutschsprachigen Autoren, die die Lust zum anti-realistischen Fabulieren (wieder-)entdeckt haben. Schön!

  2. MisterLG schrieb am 12. August 2012 um 13:29 Uhr

    Wenn euch jemand in den Nacken schlägt, macht es euch nicht so viel aus, als würde es jemand mit der gleichen Kraft und Energie bei einer Mücke tun (da muss man nicht mal den Nacken anvisieren, nur fürs Protokoll)

    Das ist doch das ganze Problem bei Schrödingers Katze (und der Quantenmechanik). Um das alles zu messen braucht man unverhältnismäßig viel Energie. Daher ist das wahrscheinlich alles für die Katz.

    Denn, um zu sehen, ob die Katze tot ist oder lebendig, braucht man so viel Energie, dass die Katze dabei draufgehen könnte. Deswegen entscheidet es sich auch erst beim Nachschauen, wie es denn gelaufen ist.

    Ob uns der Kram wirklich mal weiterbringt oder eher in einer Sackgasse verläuft? Wenn irgendeiner mal rausfindet, was das Universum ist, und wofür es gut ist, wird es eh durch was komplizierteres ersetzt (Per Anhalter durch die Galaxis)

    Hört sich jedenfalls sehr interessant an, das Buch. Danke für den Lesetipp.

Kommentar zu diesem Beitrag schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *