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Lesetipp: Gott hat den Schmerz erfunden, um Folter zu ermöglichen

Ralph Dutli: Soutines letzte Fahrt (Hier die Ausgabe der Büchergilde Gutenberg)

Ralph Dutli: Soutines letzte Fahrt (Hier die Ausgabe der Büchergilde Gutenberg)

Ein Freund überreichte mir ein Buch von Ralph Dutli. Der Name sagte mir nichts, aber man kann schließlich nicht alle kennen [1]! »Lies das!« Auch mit dem Titel konnte ich nichts anfangen: Soutines letzte Fahrt. »Wer ist Soutine?« fragte ich. »Egal, lies einfach!«

Und ich las.

Von Anfang an fesselte mich Dutlis Sprache: wuchtig, präzise, überraschend für einen Hasser alberner Adjektive wie mich (grünes Gras, unter gelber Sonne am blauen Himmel): Es geht doch! Adjektive sollen Sinn stiften. Ralph Dutli stiftet!

Schnell wurde klar: Chaim Soutine [2] (18434-1943) ist Maler (wie auch mein Freund, der mir das Buch ausgeliehen hat) – aber als Jude durfte er überhaupt nicht malen, hatte ihn sein »Rebbe« ermahnt: Du sollst Dir kein Bildnis machen! Doch Soutine musste malen.

Je weiter ich las, desto öfter suchte ich nach Soutines Bildern [3] – was für Bilder! Verbogenen Perspektiven, Verfall, Zerstörung, Wut – Soutines systematisches Vernichten seiner eigenen Bilder, weil nichts stimmt – das findet sich wieder in Dutlis brillanter Sprache!

Äußerlich behandelt dieser Roman die 24-stündige Überführung des todkranken Soutine per Leichenwagen in eine Klinik im von den Nazis besetzten Paris, während der Jud Soutine von der Gestapo gesucht wird. Ihm droht ein Magendurchbruch, denn er hat seine jahrelangen Magenschmerzen mit Milch und Bismutpulver zu besänftigen versucht, aber die Schmerzen ließen nicht nach, waren sein ständiger Begleiter.

So konnte er auch einer Religion nichts abgewinnen, die sich neben dem Bilderverbot einen gekreuzigten Gott ausdenke, um »den Menschen mit seinem Schmerz zu versöhnen« – für Soutine ist das eine Verhöhnung des Menschen. Dieser Gott hat den Schmerz erfunden, um die Folter zu ermöglichen … Was für eine Freiheit aber kann es für Soutine denn geben, außer der Schmerzfreiheit?

Seine Magenschmerzen werden auf der gefährlichen Fahrt über Feldwege und Nebenstraßen mit Morphiumspritzen beruhigt … und wir erleben sein Leben aus seinen Erinnerungen, z. B. seine Zeit mit den Malerfreunden in Paris 1912, seine Liebschaften, seine Reisen, seine Träume, sein Wüten, seine Verzweiflung, seine Morphium-getränkten Visionen, seine erinnerten oder phantasierten Begegnungen …

Auf dem Buchrücken wird Rüdiger Safranski zitiert: »Am Ende hat der Leser das Gefühl, ein ganzes Epos gelesen zu haben auf nur 270 Seiten.«

Wie wahr! Lesen!

Malte Bremer

Ralph Dutli: Soutines letzte Fahrt: Roman. Gebundene Ausgabe. 2013. Wallstein. ISBN/EAN: 9783835312081. EUR 19,90 » Bestellen bei Amazon.de [5]
Ralph Dutli: Soutines letzte Fahrt: Roman. Kindle Edition. 2013. Wallstein Verlag » Herunterladen bei Amazon.de [6]