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Beitrag vom 25. August 2015 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Lesen im Wiederlesen: »Macht und Widerstand« von Ilija Trojanow

»Macht und Widerstand« von Ilija Trojanow

Wer im Roman »Macht und Widerstand« von Ilija Trojanow nur einen historischen Roman sieht, der überliest, wie sehr wir zunehmend wieder Nashörner werden. In erster Linie ist es eine Geschichte der Ohnmacht, meint Bernhard Horwatitsch.

Widerstand, so erklärte das einmal Michel Foucault sei ein Gegenpol zur Macht. Machtverhältnisse können nur durch eine Vielfalt von Widerstandspunkten existieren, diese sind im Machtnetz präsent sowohl als Gegner wie auch als Stützpunkte, als Einfallstore oder Zielscheiben. Darum gibt es im Verhältnis zur Macht nicht den einen Ort der Großen Weigerung – die Seele der Revolte, den Brennpunkt der Rebellionen, das reine Gesetz des Revolutionärs. Sondern es gibt einzelne Widerstände: mögliche, notwendige, unwahrscheinliche, spontane, wilde, einsame, abgestimmte, kriecherische, gewalttätige, unversöhnliche, kompromissbereite, interessierte oder opferbereite Widerstände, die nur im strategischen Feld der Machtbeziehungen existieren können. (Aus »Sexualität und Wahrheit«).

Insofern ist der Titel von Ilija Trojanows aktuellem Roman »Macht und Widerstand« Programm. Denn obwohl Trojanow eher die Geschichte einer Ohnmacht gegenüber der Macht erzählt, geht es um das Widerstehen.

Erzählt wird die Geschichte der Volksrepublik Bulgarien aus der Perspektive zweier Protagonisten. Auf der einen Seite erzählt uns der Anarchist Konstantin Scheitanow seine Geschichte der Verhaftung durch die bulgarische Staatssicherheit im Jahr 1953, die Geschichte seines Martyriums in den bulgarischen Konzentrationslagern, und seine Versuche nach der Wende (1989) in den Archiven nach den Schuldigen zu suchen. Auf der anderen Seite steht Metodi Popow, Parteisoldat und hochrangiger Mitarbeiter des KDS (Komitet za darschawna sigurnost), der in der kommunistischen Partei Bulgariens (BKP) unter Todor Schivkov Karriere machte und auch nach der Wende nicht belangt wurde. Nach der Wende nannte sich die BKP einfach BSP, setzte Herrn Schivkov ab und machte demokratisch weiter. Der Prozess der Zwangsdemokratisierung ähnelt hier fatal dem Prozess der Zwangsdemokratisierung in der ehemaligen DDR, und der Umbenennung der SED in PDS.

Trojanow hat dem Roman folgendes Motto vorangestellt: Beim ersten Mal kommt Geschichte tragisch daher, beim zweiten Mal absurd, beim dritten Mal tragisch und absurd zugleich. Und seit im Jahr 2001 der ehemalige König von Bulgarien Simeon II als ordentlicher Ministerpräsident Simeon Sakskoburggotski gewählt wurde, besitzt Bulgarien nicht nur einen antiken Goldschatz (der Thraker), sondern auch das Alleinstellungsmerkmal, das einzige Land zu sein, das einen abgesetzten König demokratisch wieder an die Macht wählte. Trojanow erzählt uns dazu, wie die Nachfolgepartei der bulgarischen Kommunisten den »Zar« von Anfang an unterstützte. Und als sei das nicht schon absurd und tragisch genug: Als Simeon Sakskoburggotski seine Wahlversprechen nicht halten konnte und 2005 nicht wiedergewählt wurde, fand er sich wieder in einer Koalition mit der BSP, jener Nachfolgepartei der Kommunisten, die den König einst verjagt hatten und seine Gefolgschaft ermorden ließ. Zudem war auch die Minderheitspartei der bulgarischen Moslems mit in der Koalition mit den geläuterten Kommunisten, die einst von deren KDS gejagt wurden. Es ist egal, mit wem man ins Bett steigt. Hauptsache man hat die Macht.

Als Repräsentant der Macht streute Trojanow zwischen die Monologe seiner beiden ungleichen Protagonisten die Berichte aus dem Archiv der Staatssicherheit. Die trockenen Berichte kontrastieren zu den erschütternden Folterszenen, denen Konstantin Scheitanow während seiner zwanzig Jahre währenden Inhaftierung ausgesetzt war. Die Macht als eine Vielfalt von Widerstandspunkten, als ein Machtnetz aus Verrätern, aus Verhörprotokollen, aus Abhörprotokollen, aus reinen Erfindungen, aus verzerrten Wahrheiten, die in die Erfindung gestreut werden. Ein multiples Geschwür aus »Menschenmaterial«. An einer erschütternden Stelle fragt sich der von Folter und Haft gezeichnete Konstantin, was Liebe ist: Was ist das, was die Menschen Liebe nennen? Ein jeder liebt. Der Folterer, der deinen Kopf gegen die Wand schlägt, liebt seine beiden Engelchen. Der Scherge, der deinen Freund ermordet hat, liebt sein beschürztes Blümchen, der Offizier, der sich kompromittierende Lügen über dich ausdenkt, spielt am Abend liebevoll mit seinem treuen Bello. Alle zehntausend Mitarbeiter des Amts haben jemanden geliebt. Sie ketteten sich an Menschen, die ihnen zuliefen. Es gelingt jedem, den einen, den anderen Mitmenschen zu lieben, über kurz, über lang, der eine etwas mehr, der andere etwas weniger. Was ist diese Liebe außer Streben nach emotionalem Komfort?

Ein Machtnetz aus Widerstandspunkten und emotionaler Komfort, oder modernes Kokooning, Rückzug in den sicheren privaten Bereich, Augen zu und durch. Hauptsache man lässt mich in Ruhe. Bei seiner Eröffnungsrede zum Theaterfestival »parallel lives« im Jahr 2014 erzählt Ilija Trojanow folgendes: »Als ich klein war, wurde unsere kleine Wohnung in Sofia verwanzt. Im Rahmen einer großangelegten technischen Aktion. Der Leiter der 3. Unterabteilung der II. Abteilung der VI. Hauptabteilung der bulgarischen Staatssicherheit (DeSe), ein Offizier namens Panteleew, hatte vorgeschlagen, eine Reihe von Mikrofonen in unserer Wohnung zu installieren, um die operative Ermittlung gegen das verdächtige Objekt G.K.G. (mein Onkel) zu unterstützen.

Die Umsetzung erfolgte an einem sonnigen Frühlingstag. Zu diesem Zweck mussten alle Bewohner aus dem Haus entfernt werden. Der Chef meines Onkels wurde angewiesen, diesen auf Dienstreise zu schicken (ein Agent hatte zu überprüfen, ob er in den Zug stieg, ein anderer, dass er am Zielort dem Zug entstieg). Der Hauswart wurde eingeweiht und damit beauftragt, eine Liste der Anwohner zu erstellen: insgesamt 17 Namen. Meine Tante und Großmutter wurden ins Innenministerium vorgeladen, wo man sie sehr lange warten ließ, die Nachbarn einen Stock unter uns namens Tscherwenowi (übersetzt: “die Roten”) wurden entsprechend ihrer systemkonformen Haltung zu ausführlichen Gesprächen ins örtliche Volksfrontbüro gerufen. Die Rentnerin Stambolowa wurde in einen Rentnerklub eingeladen, wo sie ein Mitarbeiter der Staatssicherheit zu beobachten hatte, sollte sie sich wider Erwarten verfrüht auf den Heimweg machen. So wurde ein jeder weggelockt, damit die Einsatzgruppe, bestehend aus fünf Mitarbeitern der IV. Hauptabt., zuständig für die Montage der Mikrofone, in die Wohnung eindringen konnte, ihnen zur Seite zwei weitere Agenten, betraut mit der Aufgabe, den Kontakt mit der Einsatzzentrale aufrechtzuerhalten, während vor der Haustür eine Schutz- und Wachgruppe aus drei Mitarbeitern, in Funkkontakt mit allen anderen Einheiten, um die notwendigen Maßnahmen absprechen zu können, sollten unerwartete Gäste auftauchen. Gleichzeitig wurde die Dienststelle der Staatssicherheit in der Provinzstadt Blagoewgrad beauftragt, die Eltern meines Onkels unter Beobachtung zu stellen, sollten sie zu einem überraschenden Besuch nach Sofia aufbrechen. Schließlich wurde in Auftrag gegeben, das “Aggregat zur Lärmverursachung” laufen zu lassen, bis zum erfolgreichen Abschluss der Installierung. An dieser Operation waren insgesamt 24 Mitarbeiter der DeSe beteiligt.«

Dass dieser Aufwand im digitalen Zeitalter (Trojanow nennt sie »Kellerkinder«) gar nicht nötig wäre, steht auf einem weiteren Blatt in der Geschichte unserer Blindheit. Es ändert aber eben nichts daran, dass die Augen fest verschlossen sind, wenn ein bisschen emotionaler Komfort vorhanden ist.

Als im Deutschlandradio die aktuelle Longlist zum Deutschen Buchpreis verkündet wurde, meckerte einer der Journalisten, dass wieder so viele »historische Romane« dabei seien. Weiter sagte er, »da könne man nichts falsch machen«. Als Beispiel erwähnte er »Macht und Widerstand«. Aber Trojanow erzählt nicht nur über die jüngere Vergangenheit Bulgariens als Ostblock-Nation. Es ist nicht »nur« ein historischer Roman. Wer den Roman so liest, wird ihn nicht verstehen. Er wird enttäuscht sein, weil er zu wenig Konkretes erfährt, über das berühmte Regenschirmattentat. Er wird verwirrt sein, von den detailreichen Feinheiten aus dem Machtnetz der Volksrepublik Bulgarien und dem Machtnetz des zwangsdemokratisierten Bulgarien. Er erfährt von der Willkürherrschaft eines Mannes, der von der Willkürherrschaft eines anderen Mannes abhängt. Er erlebt die Stimmung einer ubiquitären Selbstzensur, eine Selbstzensur, die im Zeitalter der NSA uns selbst angeht. Nur Konstantin Scheitanow stellt sich gegen diese Selbstzensur. Und prompt gilt er als Verrückter. Es erinnert an Ionescos Nashörner. Wer also in diesem Roman »Macht und Widerstand« nur einen historischen Roman sieht, der überliest, wie sehr wir zunehmend wieder Nashörner werden. In erster Linie ist es eine Geschichte der Ohnmacht.

In einer Meldung der Staatssicherheit (Seite 421) unterhält sich Konstantin mit dem Schieläugigen, mit Bogdan über die Ohnmacht. Bogdan meint: Ich äußere meinen Widerspruch gegen das, was ekelhaft ist, von dem ich wünschte, dass es nicht existiert, das ich aber nicht abschaffen kann. Konstantin antwortet: Was für einen Sinn hat es zu reden, wenn es für dich keine Alternative gibt? Worauf Bogdan meint, Konstantin könne ihn nicht dazu bringen, das Alte durch irgendetwas zu ersetzen, wenn man nicht Besseres schaffen könne. Darauf meint Konstantin, dass Widerstand, der zu keiner Alternative führe, sinnlos sei. Bogdan aber will weder einen Schritt nach vorn, noch einen rückwärts machen, wenn er darin keinen Sinn erkenne.

Ohnmacht durch Macht führt zu einem Stillstand. Widerstand aber ist der Gegenpol zur Macht. Widerstand ist faktisch immer nötig und möglich. Die herrschende Ordnung in Frage zu stellen ist dabei kein Selbstzweck. Seit 9/11 sind unsere Grundrechte das Papier nicht mehr wert, auf dem sie stehen. »Wer nicht aufsteht, wird unweigerlich mit Füßen getreten. Wo kein Kläger, da kein Richter, heißt es. Wo kein Widerstand, da kein Recht, müsste es lauten«, sagt Konstantin (S.48) einmal. Darauf hinzuweisen, immer und immer wieder, das mag lästig sein. Und das lehrt uns die Geschichte von Konstantin und Metodi, deren beider Schicksale Trojanow parallel erzählt. Während Konstantin sich immer tiefer in das Archiv vergräbt und sich zunehmend Revanchismusvorwürfen ausgesetzt sieht, verliert sich Metodi in einem privaten Vaterschaftsstreit. Metodi trägt das Politische ins Private. Konstantin trägt das Private ins Politische.

Widerstand lohnt sich auch ganz psychologisch für jeden. Auch dazu hat Konstantin erhellende Worte: Jene, die sich kaum etwas zuschulden haben kommen lassen, die nicht verstehen können, wieso sie verhaftet, wieso sie bestraft werden, die krepieren als Erste, weil sie in ihrem Leiden keinen Sinn erkennen können, sie geben auf. Jene, gegen die sich die Repression vor allem richtet, können ihr seelisch am ehesten widerstehen. Das Erlittene hat mich in meinen Überzeugungen eher gestärkt. Ein Staat, der den Menschen so etwas antut, der gehört abgeschafft. (S.170)

Abschließend: Während Joseph Roth in seiner Beichte eines Mörders (über die Ochrana) die Novelle bevorzugte, wählte Ilija Trojanow den epischer ausgelegten inneren Monolog und die Technik der Montage. Innerer Monolog und Montage sind literarische Mittel, die ich sehr liebe, und die leider in unserer aktuell etwas überambitionierten Erzählkultur nicht den besten Stand haben. Aber Trojanow schaffte es dennoch, uns eine Geschichte zu erzählen. Es ist eines dieser Bücher, bei denen es sich lohnt, sie zwei- oder gar dreimal zu lesen. Erst im Wiederlesen beginnt das eigentliche Lesen.

Bernhard Horwatitsch

Ilija Trojanow: Macht und Widerstand: Roman. Taschenbuch. 2017. FISCHER Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783596034550. EUR 12,00 » Bestellen bei Amazon.de
Ilija Trojanow: Macht und Widerstand: Roman. Gebundene Ausgabe. 2015. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783100024633. EUR 24,99 » Bestellen bei Amazon.de
Ilija Trojanow, Ranjit Hoskote: Kampfabsage: Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen. Taschenbuch. 2016. FISCHER Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783596296101. EUR 10,99 » Bestellen bei Amazon.de
Ilija Trojanow: Macht und Widerstand. Hörbuch-Download. 2015. Argon Verlag. EUR 22,30 » Bestellen bei Amazon.de
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