Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons
Beitrag vom 29. März 2012 | Rubrik: Leipziger Buchmesse 2012, Literarisches Leben

Leipziger Buchmesse-Rückblick 2012: Ein Powerpoint-Mantra von eat, share, love

Cosplayer in Leipzig (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Cosplayer in Leipzig (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Niemand bringt so viele Autoren- und Promi-Namen in einem Text unter wie sie: Barbara Fellgiebel. Regelmäßig schreibt sie über ihre Buchmesse-Impressionen in Frankfurt und Leipzig. Und man muss sich fragen, wie diese Frau das immer alles schafft.

Lesen Sie Barbara Fellgiebels Rückblick auf die Leipziger Buchmesse 2012 und erfahren Sie, wo die Autorin überall war, wo Sie nicht waren.

Ein Beitrag von Barbara Fellgiebel mit Cosplayer-Fotos von Birgit-Cathrin Duval.

Donnerstag – 15.03.2012

Bis 10.00 Uhr muss man sich gedulden, ehe man in die heiligen Hallen 2 bis 5 vordringen darf, also wandelt man von 9 bis 10 in der imposanten Glashalle, dem Herzstück der Messe, in dem der Eingangsbereich, gebündelte TV- und Radiobühnen sowie unzählige Nahrungs- und Getränkeangebote zu finden sind. Hier versammeln sich mehrere Tausend Cosplayer und blockieren die Zugänge zu den eigentlichen Ausstellungshallen.

Hier stehen das blaue Sofa und andere Bühnen, auf denen im 30-Minuten-Takt mehr oder weniger interessante Autoren mehr oder weniger interessant von mehr oder weniger sprachgewandten Moderatoren befragt, interviewt oder vorgeführt werden. Je nachdem. Immer wieder das Gleiche und immer wieder spannend.

Cosplayer in Leipzig (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Cosplayer in Leipzig (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

An herausragenden Namen fallen Erika Pluhar, Martin Walser, Felicitas Hoppe, Frido Mann (der so übermäßig geliebte Enkel Thomas Manns) und Thea Dorn auf. Aber eigentlich bin ich auf die mir bisher unbekannten Autoren neugierig.

War es um 10 nach 9 noch beschaulich leer, hat sich die weitläufige Glashalle um 9:45 Uhr beträchtlich gefüllt, überwiegend mit Horden von Schulklassen, die sich 15 Minuten später auf Comic und Fantasy bzw. Cosplay-Ausstatter stürzen werden.

Bunt ist sie wieder, die Leipziger Messe. Hier geht immer sowohl als auch:

Sowohl publikumsoffen als auch fachbesucherzentriert, sowohl seriös in messeobligatem schwarzen Hosenanzug gewandete Bücherweltvertreter als auch bunte, mehr oder weniger modebewusste, mehr oder weniger leger gekleidete Besucher allen Alters bis zu den bestaunenswerten Kostümen der Cosplayer.

Pünktlich um 10.00 Uhr ertönt ein unüberhörbarer Gong, und die Massen strömen in die Hallen.

Das Literaturcafe in Halle 4 füllt sich schnell zum Thema »Was Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind«. Mal sehen, was Franzobel dazu zu sagen hat.

Zwei Minuten vor der Zeit kommt der unauffällige Österreicher wie ein Rucksacktourist daher, setzt sich in einen Sessel und legt los. Schnell trennt sich der Weizen von der Spreu, nehmen diejenigen Reißaus, die etwas anderes erwartet haben, und werden von neuen Neugierigen ersetzt. Sein sämiger Wiener Gesang wirkt einschläfernd auf mich, also nichts wie weiter.

Cora Stephan alias Sophie Winter alias Anne Chaplet hat unter letzterem Namen ihr jüngstes Buch »Erleuchtung« herausgebracht. Im lockeren Gespräch mit Buchjournal-Journalistin Sabine Schmidt plaudert sie aus dem Nähkästchen. Das Interesse beim Publikum ist dürftig. Hätte sie ihrem Buch einen Franzobel-Titel gegeben im Stil mit »Was Frauen so treiben, wenn Männer die Toilette besuchen«, sähe es vielleicht anders aus. Achtung Geheimtipp:

Elisabeth Herrmann und Mechtild Borrmann sind zwei Krimi-Kolleginnen, für die sie eine Lanze bricht!

Auf der ARD-Bühne stellt Denis Scheck wie immer zur Buchmesse sein jüngstes druckfrisch vor: Zwar befördert er dabei keine Bücher das Fließband hinab, aber unter der Gürtellinie teilt er dennoch aus. Wie z. B. wenn er Zeruya Shalev mit ihrer unerträglichen Lektüre mit Oriana Fallaci und Luise Rinser gleichsetzt.

Literatur soll erschüttern, soll die Welt auf andere Art zeigen, verkündet er und gibt die wahre Aufgabe des Literaturkritikers preis: Wasserträger und Mikrofonhalter zu sein!

Es fällt schwer, sich auf Denis Scheck zu konzentrieren, wenn man nebenan Felicitas Hoppe hört, die diese geniale nicht autobiografische Wunsch-Autobiografie geschrieben hat. Titel: »Hoppe«.

Christian Kracht – der kontroversielle Autor des in diesem Frühling heiß diskutierten Romans »Imperium« sitzt da im Gespräch mit seiner polnischen Übersetzerin. Ich fotografiere ihn – Mist, der Auto-Blitz ist an, – er senkt den Kopf und schon schießt seine Schweizer Agentin auf mich zu und informiert mich, dass der Autor nicht wünscht, fotografiert zu werden – was meine beiden Schnappschüsse zu Kleinodien macht.

Thomas von Steinaeker spricht über sein für den Leipziger Buchpreis nominiertes Buch »Als ich aufhörte, mir Sorgen zu machen und begann zu träumen« Ein Blick in die Welt des Versicherungswesens, in dem der schöne Satz vorkommt:

Das Akzeptieren des Büro-Dus gleicht einer sozialen Defloration.

Carolin Emcke, von Denis Scheck in den Himmel gelobt, erzeugt Neugier auf ihr jüngstes Buch: »Wie wir begehren«.Eine kluge Frau, die Distanz schafft. Ebenfalls auf der Shortlist für den Buchpreis.

Marion Brasch bei Dieter Moor, Mr. ttt. Sie hat die Tragödie ihrer Familie geschildert, war Tochter eines SED-Bonzen, Schwester von drei schauspielenden und schreibenden Brüdern, die alle dramatisch verstorben sind. »Ab jetzt ist Ruhe!« heißt das Buch. Diese eindringliche, Lust aufs Lesen machende Frau will ich einfach lesen – und ich wusste vor 10 Minuten noch nicht einmal von ihrer Existenz. Ich halte es für clever und klar verkaufsfördernd, dass sie ihr Buch hier zur Leipziger und nicht zur Frankfurter Buchmesse präsentiert.

Um 16 Uhr an diesem Donnerstag gibt es für viele nur eine einzige Veranstaltung:

Cosplayer in Leipzig (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Cosplayer in Leipzig (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse, allgemein mit Spannung erwartet.

Welch Unterschied zu Frankfurt, wo der Deutsche Buchpreis im Kaisersaal des Römers unter Ausschluss der Öffentlichkeit heimlich verliehen wird. Hier öffentlich, für jeden ersichtlich auf der großen Bühne in der lichten Glashalle, die Sicht lediglich von den arg hochgeschossenen Magnolien behindert.

Der zum achten Mal verliehene Preis ist mit je 15.000 Euro dotiert und wird für Belletristik, Sachbuch und Übersetzung vergeben. In jeder Kategorie wählte die Jury unter 350 Büchern fünf Nominierte. Jurypräsidentin Verena Aufferman beginnt ihre fulminante Laudatio  mit »Rituale sind Verzögerungen, markieren den Übergang von einem Zustand in einen anderen.« Später zitiert sie Walter Boenig: »Kritik erfordert höchste Unabhängigkeit oder Schweigen«. So interessant und gut ihre Rede ist – die Zeit tickt unerbittlich, und in drei Minuten tritt Roger Willemsen auf der ARD-Bühne auf – das will ich mir nicht entgehen lassen.

Er begeistert diesmal als Querulant – wie immer druckreif formuliert, ohne jegliches Äh, hm, ich sag jetzt mal, sozusagen, gewissermaßen. Ein Labsal für unverwöhnte Ohren.

Auf dem Weg zur Happy-hour beim Neuseelandstand (dem diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse) stolpere ich am kleinen Eckstand des Wiesner Verlages vorbei, der soeben die Preisträger des auf der Buchwien zu verleihenden österreichischen Buchmessepreises bestimmt hat und dies gebührend mit Wein, köstlichem Schinken und Käse feiert. Reizende Kontakte entstehen, Visitenkarten wechseln ihre Besitzer.

Beschwingt gehe ich weiter und werde am Österreichstand zu köstlichem grünen Veltiner eingeladen. Ein Hoch auf die großzügigen Österreicher.

Weiter geht’s zur Eröffnungsparty in der Innenstadt. Doch vorher noch ein Blick auf die Preisträger der Leipziger Buchmesse: Jörg Baberowski erhielt den Sachbuchpreis für sein Buch über Stalinismus »Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt«, Wolfgang Herrndorf den Belletristikpreis für Sand und Christina Viragh den Übersetzerpreis für ihre Meisterleistung, in 5-jähriger Arbeit den 1.700-seitigen Mammutroman »Parallelwelten« vom Ungarischen ins Deutsche zu übertragen.

Freitag – 16.03.2012

Wieder Sonne, wieder voll. Ich quetsche mich zu einer Fantasylesung durch, um Oliver Plaschka »Hallo!« zu sagen.

Auf dem Weg zum ZEIT-Stand lasse ich mir das Phänomen Bücher-Rallye erklären: 50 Gruppen aus verschiedenen Schulklassen wurden ausgewählt. Sie begeben sich zu den unterschiedlichsten Verlagsständen, müssen verzwickte Fragen beantworten, die richtigen Personen dazu interviewen und werden schließlich prämiert. Schnelligkeit ist nicht gefragt. Es macht glücklich, den Feuereifer mancher Teilnehmer zu beobachten.

Vor fünf Jahren hatte ich ein mögliches Gespräch mit Iris Radisch verpatzt. Diesmal bin ich nicht so dumm. Sie hält Peter Nádas Buch »Parallelwelten« für die herausragende Neuerscheinung schlechthin. Wenig später führt Verena Aufferman ein interessantes Gespräch mit den drei Preisträgern (falsch, der kranke Wolfgang Herrndorf wird von Robert Goal würdig vertreten). Ihre souveräne Art fällt besonders auf, wenn man danach eine Moderatorin hört, die ihre Fragen unbeteiligt abspult. (Auch ich habe dazu gelernt: Früher hätte ich sie gnadenlos namentlich erwähnt, das erspare ich mir diesmal). Mach deinen Job mit Engagement oder lass es bleiben, möchte ich ihr jedoch zurufen.

Während ich auf Steinúnn Sigurdardottir (meine Entdeckung auf der Frankfurter Buchmesse) warte, höre ich die sympathische Dänin Helle Helle.

»Der gute Liebhaber« von Steinunn – sie liest faszinierend und zum Glück eine andere sehr viel pikantere Stelle als in Frankfurt.

Christian Kracht habe ich nun verpasst (gar nicht wahr – er ist nicht erschienen. Ob das mit meinen Schnappschüssen zu tun hatte?). Denis Scheck hält sein Buch »Imperium« für die wichtigste Neuerscheinung, gibt jedoch ehrlicherweise zu, die »Parallelwelten« nicht gelesen zu haben.

Wibke Bruhns auf der ARD-Bühne. Eine der Gesprächspartner, die jedes Wort auf die Goldwaage legen und den Befrager ganz schnell zu Präzision und Differenzierung erziehen. Und da fragt sie sich, warum ihr auf dem Buchdeckel »Die Helmut Schmidt« bescheinigt wird. Kein Wunder! Das ist sie in Frau, 20 Jahre jünger und ohne Zigarette.

Jutta Ditfurth verkauft ihr jüngstes Pamphlet wie warme Semmeln. Clever. Es kostet schlappe 3.99 €. Sie duzt alle und jeden und besticht mit inhaltlicher Wut, verpackt in sanfte Nettigkeit – einer Gottesanbeterin nicht unähnlich.

Feridun Zaimoglu, der immer freundlich lächelnde deutsche Türke, liest aus seiner Neuerscheinung »Russ« auf dem blauen Sofa. Ich warte geduldig auf die Preisverleihung der Literaturhäuser. Als die Kameramänner zusammenpacken, erfahre ich, dass er der Preisträger war! Ich sehe ein, dass meine heutige Aufnahmefähigkeit und –willigkeit zu Ende ist.

Samstag – 17.03.2012

Strahlende Sonne. Eigentlich viel zu schade, einen solchen Tag im Geschubse und Gedränge Tausender Manga-Kids und Cosplayer sowie weniger spektakulär daherkommender Messebesucher zu verleben. Was soll´s.

Mein erster Termin ist um 10 Uhr das Autorencamp, das erste seiner Art, zu dem ich mich spontan angemeldet hatte. Ich komme um 9:25 Uhr ins CCL (Konferenzzentrum), und meine höchst unbefriedigende, Wut schürende Odyssee beginnt: Die Info-Hostessen haben keine Ahnung, schicken nach unten, unten schickt nach oben, vorne nach hinten. Frustriert landet man in deutlich beschilderten Seminaren wie Forum Zukunft oder Leseförderung, wo alles gut vorbereitet und pünktlich beginnt. Nach langem Hin und Her frage ich mich schließlich zum nicht beschilderten Initiator dieses Barcamps durch. Ich Idiot: Hätte ich mich mal vorher schlau gemacht und bei Wikipedia gesehen, dass ein Barcamp eine Nicht-Konferenz ist, die sich damit brüstet, nicht geplant zu sein, hätte ich die mangelhafte Organisation als beabsichtigt verstanden … Stattdessen nervt mich die nett gemeinte Aufforderung: »Gehen Sie erst mal frühstücken! Wir werden dann so gegen 11 anfangen.«

Auf einer Messe, die 1.600 Termine in vier Tage quetscht, haben die meisten Leute viele Termine und sind gewöhnt, dass alles auf die Minute pünktlich beginnt und aufhört. Diese ungenaue Flummigkeit geht mir ungeheuer auf den Geist. Ich bin ted-ex-verwöhnt, eine internationale Kreativitätsshow vom Feinsten.

Cosplayer in Leipzig (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Cosplayer in Leipzig (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Als es um 10:57 Uhr mit einem Powerpoint-Mantra von eat, share, love losgeht, weiß ich definitiv, dass ich am falschen Platz bin. Dennoch: mitgehangen, mitgefangen. Ich biete für 14 Uhr einen Workshop – nein, das heißt hier eine Session, also eine Seschn an zum Thema Literatursalons und Multimedia-Wettbwerbe. Von den wacker verharrenden 12 Teilnehmern zeigen 6 Leute Interesse. Na schaumermal …

Schnell in ein Seminar von Sandra Uschtrin geschlüpft, der wunderbaren Wettbewerbsnewsletterverbreiterin im Internet. Ihre Seminare haben Hand und Fuß, bieten jede Menge Insiderinformationen und entlassen zufriedene, angespornte, bereicherte Teilnehmer und –innen.

Dann treffe ich Lars-Broder Keil: ein Journalist, der sich mit den weniger bekannten Mitverschwörern des 20. Juli 1944 befasst, ein lesenswertes Buch über »Hans-Ulrich von Oertzen – Offizier und Widerstandskämpfer« geschrieben hat und nun an einer Artikelserie arbeitet, die im Juni in der WELT veröffentlicht werden soll. Er befragt mich zu meinem Großvater (General Erich Fellgiebel), und ich tauche gern mit ihm in die jüngere Geschichte Deutschlands.

Um 13.55 Uhr will ich den mir zugewiesenen Saal 3 betreten, um meine Seschn abzuhalten – doch siehe da, dieser ist besetzt von einer Gruppe, die bis 14:30 Uhr arbeiten wird. Ich stürze wieder nach oben, vielleicht hat sich ja etwas geändert, und treffe weder auf den Initiator noch auf eine Veränderung am Flipchart. Lediglich ein ähnlich ratloser Kollege sucht seine Schäfchen – der Glückspilz hat wenigstens einen leeren Raum.

Um 14:20 Uhr habe ich weder einen Raum noch wenigstens einen klitzekleinen der sechs willigen Teilnehmer und ziehe frustriert von dannen. Höre mir die Glossenschreiberin Manuela Müller an, die ihren Mutterschaftsurlaub im Buch »Zweimal Erziehungsurlaub, bitte!« unterhaltsam dokumentiert hat, und erfahre, dass Nino Haratischwili gleich in der Glashalle liest. Ich rase hin (was man nun in diesem Gedränge so unter rasen verstehen kann), um diesen Shootingstar georgischen Ursprungs zu begrüßen. Sie war 2010 als Blind date des Deutschen Buchpreises bei uns auf der lit.ALGARVE und beeindruckte sehr. Jetzt walzt sie durch allerlei Literaturkritiken (ZEIT, Spiegel, FAZ etc.) dank ihres neuen Romans »Mein sanfter Zwilling«. Die Lesung musste sie leider frühzeitig beenden, denn schwarzgekleidet, wie sie ist, hält sie die Saunatemperaturen der sonnigen Glashalle nicht länger aus. Doch für eine herzliche Umarmung reicht es und: jaaa, sie will gern wieder an die Algarve kommen. Vielleicht im November?

Als für mich letzten Programmpunkt dieses vollen Samstags habe ich mich auf Annemarie Boström gefreut. Ich komme zu früh und bekomme dadurch noch den soeben mit einem neuen Preis gekürten Ingo Schulze mit. Während ich ihn und seine stolzen Kinder fotografiere, fährt mir die 90-jährige Annemarie Boström mit dem Rollstuhl über den linken Fuß. Vor Schmerz bin ich sprachlos. Ihre »Terzinen des Herzens« sind ein Gedichtband, der mich mein Leben lang begleitet hat. Dass sie noch lebt, ist die Überraschung der Buchmesse. Ich hätte gern etwas über sie und ihr langes Leben erfahren. Nichts. Sie sagt kein Wort. Stattdessen liest Annika Woyda, ambitionierte junge Schauspielerin, aus den neu aufgelegten Terzinen. Aber sie liest nicht, sie schreit mit aggressiver, greller Stimme diese einfühlsame wunderbare Lyrik in die Menge. Annemarie Boström hält sich das linke Ohr zu. Ich schaue mich um. Es sind wohl nur sie und ich, die sich an der Stimme stören. Ich gebe Annika genau zwei Minuten, dann gehe ich, um mir mein Lieblingsgedicht nicht für immer kaputt schreien zu lassen.

Beim Verlassen der Messe laufe ich Heidi Ramlow, der mörderischen Schwester aus Berlin, in die Arme. Wie schön, dass überhaupt, wie schade, so kurz und so spät!

Abends ist ganz Leipzig auf den Beinen und genießt die laue Sommernacht. Nach diversen Anläufen, zu verschiedenen Kulturveranstaltungen Einlass zu finden, landen wir bei gutem Wein an einem der Stehtische vor meinem Leipziger Lieblingsgebäude, der Alten Börse. Dort wird vom MDR der innen mit angenehmer Stimme Shakespeare deklamierende Peter Fricke nach draußen übertragen. Welch würdiger Abschluss.

Summa summarum meiner Leipziger Messeimpressionen):

Schön, dass ich da war, schön, dass ich wieder weg darf. Die persönlichen Erst- und Wiedersehensbegegnungen machen die Blasen an den müden Füßen und die klaustrophobischen Drück- und Drängelerlebnisse mehr als wett.

Nach der Messe ist vor der nächsten!

Barbara Fellgiebel

Ich freue mich auf die Lektüre von:

Hoppe – Felicitas Hoppe

Mein sanfter Zwilling – Nino Haratischwili

Nachrichtenzeit – Wibke Bruhns

Wie wir begehren – Carolin Emcke

Verrückt bleiben – Else Buschheuer

Hans-Ulrich von Oertzen – Lars-Broder Keil

Sowie den Hörgenuss von:

Mir kocht die Blut – Anke Engelke & Roger Willemsen

 

Barbara Fellgiebel ist passionierte Buchmessen- und Literaturfestivalberichterstatterin und lebt in Portugal an der Algarve. Weitere Infos unter www.alfacultura.com

Im Café: Frankfurter Buchmesse-Impressionen 2011: Schreibe, was du lesen magst! – Ein Rückblick von Barbara Fellgiebel
Im Café: »Heimat ist das, was gesprochen wird.« – Barbara Fellgiebels Betrachtungen zur Frankfurter Buchmesse 2009
Im Café: lit.COLOGNE die 10. – Ein Rückblick von Barbara Fellgiebel
Im Café: »Heimat ist das, was gesprochen wird.« – Barbara Fellgiebels Betrachtungen zur Frankfurter Buchmesse 2009
Im Café: »Nur wer anwesend ist, kann gewinnen« – Barbara Fellgiebels Betrachtungen zur Frankfurter Buchmesse 2008
Im Café: »Wo können die Leute das nur alles hinessen?« – Barbara Fellgiebels Betrachtungen zur Frankfurter Buchmesse 2006
Im Café: »Ein Fest der leisen Höhepunkte« – Barbara Fellgiebels Betrachtungen zur Frankfurter Buchmesse 2005
Im Café: »Autoren sind wie Tiere im Freigehege« – Barbara Fellgiebels Betrachtungen zur Frankfurter Buchmesse 2004

1 Kommentar zu diesem Beitrag lesen

  1. Sina schrieb am 1. April 2012 um 02:06 Uhr

    Ein bissl hätten Sie noch aushalten sollen. Es wurde noch interessant, denn Annemarie Bostroem hat natürlich nicht nichts gesagt …

Kommentar zu diesem Beitrag schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *