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Kritikerkritik: »Was fällt dem selbsternannten Kritiker eigentlich ein?«

KritikkritikErscheint wieder mal eine harsche Textkritik im literaturcafe.de [1], folgt fast standardmäßig mindestens ein Aufheulen per E-Mail an die Redaktion nach dem Motto, wer denn dieser »selbsternannte Kritiker« eigentlich sei, was der denn geleistet habe, damit man auch auf ihm herumhacken kann als Kritikerkritiker, der man so gerne wäre … (vermutlich ebenfalls selbsternannt – geht ja auch gar nichts anders): Schließlich weiß man Bescheid und findet gut.

Dabei werden nicht der Text oder die Argumente des Kritikers kritisiert, sondern der Kritiker selbst angegriffen – ad personam heißt der Fachbegriff für diese Unsitte, die auch bei Politikern verbreitet ist: Mache den Gegner schlecht, dann kann das, was er von sich gibt, auch nur schlecht sein.

Es ist müßig, jedes Mal darauf zu antworten, denn die Vorwürfe sind immer die gleichen – deswegen dieser Beitrag.

Jeder ist ein Kritiker

Jeder, der etwas kritisiert, ist ein Kritiker – und jeder Kritiker wäre folglich ein selbsternannter. Deswegen ist der Begriff »selbsternannter Kritiker« ein sprachlicher Unfug wie »nasses Wasser«. Eine »Fremdernennung« mag es höchstens bei Zeitungen geben (»Mayer, schreiben Sie mal eine Buchkritik fürs Feuilleton!« – »Aber ich mache doch sonst immer nur den Sportteil!« – »Sehr gut, dann gehen Sie wenigstens unbefangen an die Sache ran.«).

Ein Literaturkritiker muss kein Schriftsteller sein – das befähigt ihn allenfalls zum Schreiben. Im Gegenteil: Ein Literaturkritiker sollte sich mit Literatur auskennen und vor allem mit dem Handwerkszeug von Literatur, der Sprache. Ein Filmkritiker sollte sich mit Filmen und Schnitt-Techniken auskennen, muss aber weder Regisseur noch Schauspieler sein.

In der Bevölkerung sitzen an jedem Wochenende abertausende Fußballkritiker, die wissen, wie Poldi es hätte besser machen sollen in der 17. Minute – obwohl ein Kritiker selbst vielleicht den Ball einen Meter vor dem Tor nicht versenken könnte! Ist aber deswegen seine Kritik unberechtigt? Muss man Fußball spielen, um ein Fußballspiel zu kritisieren? Muss man einen Führerschein besitzen, um feststellen zu dürfen, dass ein Autofahrer einen Fußgänger auf einem Zebrastreifen überfahren hat?

Der TÜV-Prüfer baut keine Autos, kennt aber deren Schwachstellen. Nach der oben genannten Kritikerkritiker-Logik müssten die TÜVler gefälligst erst einmal Autos bauen, bevor sie über Autos herfallen.

Die Frage: Ist die Kritik begründet?

Dann: Kritik sei subjektiv – das ist fürchterlich platt und einfallslos. Die Frage stellt sich doch anders: Ist die Kritik begründet? Und wie? Lässt sich das nachvollziehen, was da geschrieben wurde? Ist das tatsächlich ein unvollständiger oder grammatisch falscher Satz? Hakt das Metrum des Gedichtes?

Manche Literaturkritiker legen das Schwergewicht auf eine wie auch immer vermutete Botschaft, andere graben nach biografischen Bezügen, andere wiederum forschen nach aktuellen Themen … es gibt unterschiedliche Ansätze, die alle ihre Berechtigung haben. Im literaturcafe.de geht es überwiegend um inhaltliche Logik und saubere Sprachgestaltung.

Das hat nun gar nichts mit gut oder schlecht finden zu tun, wohin viele Kritikerkritiker protestierend schmollwinkeln: »Ich find den Text toll«. Das ist Gefühlsgeschwätz. In einer Kritik geht es um richtig und falsch und fehlerhaft – und das wird begründet.

Dass in der Kritik nicht trocken und spröde begründet wird, sondern sie ihren eigenen Unterhaltungswert hat, ja haben muss, liegt daran, dass man gerne weiter lesen soll, durchaus auch herzlich lachen darf über missglückte Erzeugnisse.

Kritik gilt dem Text und nicht der Autorin

Wir würden die Einsender dem Gespött der Öffentlichkeit preisgeben, behauptet man … Äh, bittschön: wieso die Einsender? Es werden ausnahmslos Texte kritisiert, manchmal auch ein Erzähler, wenn der schlecht erzählt, denn der Erzähler ist es, der den Text gestaltet. Dahinter steckt immer auch Autor oder Autorin – aber sie sind nicht der Erzähler, sie erschaffen einen! Sie sind auch nicht der Text! Auch nicht und gerade nicht in Gedichten – es ist einfach falsch, das lyrische Ich mit Verfasser/Verfasserin zu verwechseln! Wer das nicht begreift, dem ist nicht zu helfen.

Jeder darf sein Alter angeben – so fallen pubertierende Weltschmerzergüsse von vornherein weg. Niemand muss seinen Klarnamen angeben – wir wissen nicht einmal, ob die angegebenen die echten Namen sind. Die eMail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Und was beständig und gern übersehen wird: Niemand wird gezwungen, einen Text einzusenden, jeder erklärt sich schriftlich mit einer Veröffentlichung einverstanden, unabhängig vom Ergebnis. Und regelmäßig bekommen wir auch ein Dankeschön von Autorinnen und Autoren, deren Texte nicht gut abgeschnitten haben, die aber dennoch froh sind, endlich einmal eine ehrliche Meinung zu ihrer Arbeit erhalten zu haben.

Wir gehen davon aus, dass die Einsender wissen, was sie tun, dass sie die Rubrik kennen [1], um den Stil der Kritik wissen, weil sie auch Kritiken gelesen haben, aus denen sie vor dem Abschicken vielleicht hätten lernen können, denn es gibt viele Verbesserungsvorschläge (auch das ist bei manchen etwas, was ein Kritiker auf keinen Fall darf …). Zudem suchen wir nach Ausgewogenheit bei der Qualität der Texte (was mühsam ist, denn die meisten Einsendungen sind schlichtweg Schrott). Wer Augen hat zu lesen, findet sehr gute bis miserable Texte: Aus allen lässt sich lernen – wenn man will.

Es ist aber keinesfalls unsere Aufgabe, Einsender vor sich selbst zu schützen. Denn anders als in Fernsehcastingshows führen wir keine Menschen vor, sondern höchstens Texte.

Und damit weder Kritiker noch Autorin oder Autor oder der Text unsachlich öffentlich angegangen werden kann, weil unter die Gürtellinie getreten wird, gibt es bei den Textkritiken keine Kommentarmöglichkeit.

Kritikerkritik ist so gut wie nie sachlich begründet

Dass die Kritikerkritik so gut wie nie auf sachlichen (Gegen-)Argumenten beruht, belegt eine andere Tatsache: Würde die Kritikerkritik nicht einem diffusen Bauchgefühl heraus entspringen, das sie als »voll gemein« oder »ungerecht« abstempelt, dann müssten sich Begründungen finden lassen, anstatt Legitimationen zu fordern.

Tatsächlich bieten wir Kritikerkritikern immer wieder an, eine alternative Textkritik zu schreiben – wohlgemerkt keine Kritikkritik. Wir würden uns riesig darüber freuen, wenn jemand eine fundierte eigenständige Kritik des Prosatextes oder des Gedichtes schreibt, und wir veröffentlichen diese gerne mit dem Namen der Kritikerin oder des Kritikers.

In den 12 Jahren, in denen es die Textkritik mittlerweile gibt, hat es aber nur eine Zweitkritik gegeben [3]. Und nur einmal fand sich für kurze Zeit eine Gastkritikerin [4].

Das Argument, dass man für eine solche Kritik kein Geld bekomme, lassen wir nicht gelten, denn auch Malte Bremer arbeitet ehrenamtlich.

Doch ansonsten war keiner der »selbsternannten Kritikerkritiker« dazu in der Lage, eine eigenständige und sachlich begründete Textkritik zu schreiben.

Und wie bei der Textkritik [1] schließen wir auch für diesen Beitrag die Kommentare. Wir freuen uns jedoch über sachlich fundierte Gegenpositionen per E-Mail [5] an die Redaktion – vielleicht veröffentlichen wir ja dann demnächst eine davon als Beitrag im literaturcafe.de.