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Beitrag vom 26. Juni 2016 | Rubrik: E-Books, Literarisches Leben

Kommentar: »Wa(h)re Worte« – Nina Georges Rede bei den Buchtagen 2016 [Nachtrag]

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Nina George bei einer Rede (Archivfoto)

Nina George bei einer Rede (Archivfoto)

Vor ein paar Tagen fanden in Leipzig die Buchtage 2016 statt, bei deren Eröffnung die Autorin Nina George eine Rede gehalten hat, die mittlerweile durch die sozialen Netzwerke zieht. Dabei geht es um den Wert von Worten, symbolisch, aber auch ganz substanziell.

Mir geht es gar nicht darum, ob ich mit Frau George einer Meinung bin. Aber den Weg, den sie mit ihren Worten wählt, um auf ihr Fazit zu kommen, sehe ich sehr problematisch. Hier ein paar Gedanken und Kommentare zu ausgewählten Zitaten ihrer Rede. Es ist sinnvoll, zuvor die Rede komplett gelesen zu haben.

Frau George vermischt in ihrer Rede mehrere Argumentationslinien, um mit einer die andere zu untermauern.

So geht es im Mittelteil der Rede um den Verfall des Wortwerts, im jeglichen Sinn. Ich paraphrasiere: Dadurch, dass alles (wenn auch zum Teil illegal) im Internet kostenlos verfügbar ist, hat nichts mehr finanziellen Wert und wird auch nichts mehr ernst genommen. Der ideelle Wert geht genauso verloren: Was im Internet steht (und im Internet stehe alles) sei nichts mehr Wert.

Diese Aussage umrahmt sie mit dem Schicksal von Raif Badawi, welcher wegen Aussagen auf einem von ihm erstellten Onlineforum über Politik und Religion in Saudi-Arabien gefangen genommen wurde. Er wurde öffentlich ausgepeitscht und ihm könnte die Todesstrafe bevor stehen. Wegen Worten, die im Internet zu finden sind. Gerade, weil er im Internet mit seinen Worten so viel Macht hat, so viele Menschen auf demokratischer Ebene erreichen kann, ist nun sein Leben bedroht. Wie soll das ein Argument dafür sein, dass Worte im Internet nichts mehr gelten?

Ein paar Zitate:

Ein Viertel der deutschen eBookleser bedient sich aus illegalen Quellen.

Das kann sein, ich finde dafür keine Quellen. Aber der Satz hat keine Aussagekraft, denn wer sind die »deutschen eBookleser«? Wieviele sind das? Und was bedeutet »bedient sich«?

Die aktuellsten Zahlen, die ich gefunden habe, sagen, dass der Anteil der E-Books 2014 4,3% des gesamten Buchmarktes ausgemacht hat. Die GfK geht mittlerweile davon aus, dass 25% aller Deutschen E-Books lesen. Das wären, mit der Info aus dem Zitat, 5,1 Millionen Deutsche, die sich »bedienen«. Das Problem mit dem bedienen ist, dass dieses Wort nicht in verlorenen Umsatz umdefiniert werden kann. Weil, sobald es etwas kostenlos gibt, greifen wir zu und sammeln. Ob wir es später konsumieren, ist eine andere Frage. Ob wir es gekauft hätten, also auch.

Laut Traffic­analysen der Piraterie-Bekämpfer File Defense und Digimarc ist Deutschland Welt­meister im illegalen Stream und Sharing.

Sowohl File Defense als auch Digimarc sind keine »Bekämpfer«. Es sind Firmen, deren Geschäftsmodell es ist, illegale Downloads zu verhindern. Natürlich fällt ihnen so eine Aussage leicht, sie wollen ja auch Kunden haben. Zudem umfasst »illegaler Stream und Sharing« alles: Musik, Spiele, Apps, Filme und eben auch Bücher. Ich finde keine Zahlen, aber ich glaube nicht, dass Bücher hier einen großen Teil ausmachen.

Keine andere Nation bezahlt so ungern für Literatur im Netz wie das Land der Dichter und Denker, pardon, das Land der Daddler und Downloader.

Die Polemik mal ignoriert, woran wird das festgemacht?

Es wird so viel kopiert wie nie zuvor. So viel gratis verschleudert. Mediatheken, Online-Archive, gratis Zeitschriften­artikel, nahezu vollständige Bücher bei Google, Geschenk­downloads, Flatrate-Abos: Immer mehr Menschen nutzen immer mehr Kulturwerke online, ohne dafür zu bezahlen. Rund 330 Millionen Menschen nutzen täglich weltweit illegal distribuierte digitale Kultur for free.

Dies ist das beste Beispiel, wie unterschiedliche Tatsachen miteinander verwoben werden und sie dann gegenseitig bestärken sollen, obwohl sie das nicht tun. Ja, es wird soviel kopiert wie nie zuvor, dies ist unsere Art der Wissensübertragung. Es gibt auch viel mehr Wissen als früher.

Dann kommt die Aufzählung, was alles »gratis verschleudert wird«. Und diese ist falsch. Wir zahlen für die Mediatheken, entweder über die Werbung, die wir sehen, oder über unseren Rundfunkbeitrag. Genauso bei den Online-Archiven und bei den Flatrate-Abos. Besonders bei letzterem ist eben nichts gratis, ich zahle ja für die Flat. Wer hier aber wie ausbezahlt wird, ist eine andere Sache.

All diese Punkte führen zu der Aussage, »Immer mehr Menschen nutzen immer mehr Kulturwerke online, ohne dafür zu bezahlen.« Das ist richtig. Weil es immer mehr Kulturwerke gibt, die kostenlos verfügbar sind, ganz legal. Jedes Jahr kommen neue Werke in die Gemeinfreiheit, Heerscharen von Freiwilligen kümmern sich darum, alte Bücher zu scannen und vor dem Vergessen zu bewahren. Millionen Künstler stellen ihre Kunst kostenlos ins Netz. Dies alles ist kein Argument dafür, dass wir alles illegal konsumieren. Hier werden verschiedene Tatsachen und Argumente miteinander verschoben. Der folgende Satz »Rund 330 Millionen Menschen nutzen täglich weltweit illegal distribuierte digitale Kultur for free.« kann richtig sein, er hat aber nichts mit den Sätzen darüber zu tun.

100 Millionen Menschen hören Musik nur noch via Spotify.

Nein. 100 Millionen Menschen haben einen Account bei Spotify. Heißt nicht, dass sie nur noch dort Musik hören. Ich lehne mich soweit aus dem Fenster, dass diese 100 Millionen wohl auch jene sind, die weniger CDs oder MP3s kaufen, aber den »Boom der Schallplatte« produziert haben.

Kostenloser digitaler Kulturkonsum in diesem Umfang bleibt nicht ohne Folgen für die analoge Welt und ihre Strukturen, ob auf wirtschaftlicher, sozialer oder humanistischer Ebene.

Richtig, aber eben nicht in diese Richtung. Die Deutschen geben nicht nur immer mehr Geld aus, sie geben auch immer mehr Geld für Kultur und Unterhaltung aus. Die ganzen Aussagen über den Wertverfall der Kultur sind nicht haltbar. Im Gegenteil, aber dazu bei einem anderen Zitat mehr.

Nicht mehr die Leistungen der Schöpfer werden respektiert und honoriert, sondern die »Leistung« des Werk-Vermittlers.

Ist das bei physikalischen Büchern nicht genauso? Geht nicht der größte Anteil jedes verkauften Buches an den Buchhändler? Und ist das nicht gerechtfertigt, denn sie sind die Gatekeeper.

Und unter Millionen Titeln wird das einzelne zum Pixelklecks, sogar die Zehn Gebote sind da nicht mehr als drei witzlose Tweets.

Wie in einer gut geführten Buchhandlung auch, wo ich viel zu viele Titel sehe, um mich wirklich alleine entscheiden zu können.

Autorinnen, die diese luftigen, flüchtigen Pixelkleckse erarbeiten, sind für den User bestenfalls virtuell, meist egal. So, wie uns die Kaffeebauern egal sind.

Das ist falsch. In beiden Beispielen. Ich trinke keinen Kaffee, aber bei meinem Tee achte ich genau darauf, welche Sorte ich trinke. Bei Büchern genauso. Ich will nicht irgendwas lesen. Ich suche »meine« Autoren.

Das Kommentarkürzel TLDR, »Too long, did’t read« ist das Symptom einer Selbst-Verdummung, alles in Häppchen am Bildschirmchen lesen und bewerten zu wollen. Mehr Wörter dürfen es für die meisten nicht sein! – und wer will für diese Handvoll Wörter schon wirklich zahlen?

Sind wir wieder im Jahr 2010? Weil wir in meiner Wahrnehmung diesen Punkt schon lange überschritten haben. Verlagshäuser probieren sich an verschiedenen Methoden der Monetarisierung, seien es freie oder erzwungende Paywalls. Lange Texte, sogenannte Longreads, gewinnen an Bedeutung, selbst Twitter denkt immer wieder über das Aufheben der 140 Zeichen-Begrenzung nach.

Hören Sie zum einen auf zu hoffen, sein [des Wortes] analoger Wert sei unfallfrei ins digitale zu übertragen. Das ist zurzeit nicht möglich.

Richtig, das ist ja auch gut so. Unsere digitalisierte Kultur eröffnet neue Wege und Möglichkeiten. Diese sind mit alten Verfahren nicht zu begehen. Das haben wir bemerkt, also arbeiten wir daran, die Vorteile für uns zu nutzen.

Ein Buch kann den Kollektivkonsens des digitalen Raums niemals befriedigen.

Es gibt keinen Kollektivkonsens. Im Gegenteil, jeder hat eine demokratisch hörbare Stimme. Jeder kann reden. Sonst würden Ihnen, Frau George, die »Trolle« und negativen Stimmen im Gegensatz allen Ihnen entgegenschallenden positiven Stimmen gar nicht auffallen.

Sie werden die Blogbeiträge von Raif Badawi, wegen derer er verhaftet wurde, übrigens nie wieder im Internet finden. Sondern: Im Buchhandel.

Ja, weil sie im Internet gewissen Mächten zu gefährlich wurden. Sie sind nicht weg, weil sie unbedeutend und kostenlos waren. Sondern weil sie frei verfügbar so vielen zugänglich waren.

Verstehen Sie mich nicht falsch, Frau George, auch ich sehe viele Probleme und Risiken, mit denen wir umgehen müssen. Aber eine digitalisierte Kulturlandschaft ist hierbei nicht das Übel, sondern der Weg, auf dem wir laufen lernen müssen.

Fabian Neidhardt

Dieser Kommentar erschien erstmals im Original am 26. Juni 2016 auf Fabian Neidhardts Website mokita.de. Wir veröffentlichen ihn im literaturcafe.de mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Nachtrag vom 28. Juni 2016:
Erläuternde Links von Nina George

Als Antwort auf den Kommentar von Fabian Neidhardt hat Nina George ihm und uns eine Lese-Linkliste zusammengestellt, die »seine Fragen nach Quellen und Einschätzungen womöglich gut ergänzen«. Nina George schreibt, dass sie leider »in absehbaren Wochen keinerlei Zeit habe zu respondieren«, daher als schnelle Ergänzung diese Linkliste. Hinweis: Längere Links wurden von uns aus Darstellungsgründen in der Anzeige gekürzt.

Themenkomplex Plattformregulierung und Intermediäre:
gema-politik.de/gastbeitrag-stefan-herwig/
gema-politik.de/europaabgeordnete-fordern-klarstellungen …

Themenkomplex Internet, Hyperkapitalismus, Ausbeutung menschlicher Leistung und digitale Entfremdungen:
www.zeit.de/kultur/2016-06/ …
www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/ …
www.sueddeutsche.de/politik/hyperkapitalismus …

Themenkomplex Piraterie:
www.gvu.de/oeffentlichkeitsarbeit/ …
tarnkappe.info/gutenberg-3-6 …
creativefuture.org/new-study …

Nachtrag zum Nachtrag

Fabian Neidhardt hat die Links zwischenzeitlich auch in seinem Blog ergänzt. Er schreibt dazu:

Aber ich möchte darauf hinweisen, dass diese Links genauso kritisch und genau gelesen werden sollten, wie alles andere auch.

Nur als Beispiel, der Artikel über den Gutenberg 3.6 Piracy Report zitiert diesen Report, den man mittlerweile nicht mehr online findet, die Homepage dazu existiert nicht mehr. Ich kann die Aussagen also nicht verifizieren. Weiter sind die Autoren des Reports, Manuel Bonik und Dr. Andreas Schaale, Inhaber einer Firma, die versucht, Piraterie zu bekämpfen. Da werden sie schon einen Report gemacht haben, der zeigt, dass ihre Firma sinnvoll ist.

(…)

Ihr seid nicht dumm. Macht euch selbst einen Eindruck.

3 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Eva Jancak schrieb am 27. Juni 2016 um 14:59 Uhr

    Ich habe mit diesen Aufschreien gegen das illegalen Downloaden, das angeblich so viel Schaden anrichtet, auch meine Schwieigkeiten, denke ich doch, daß ich jedes Buch, das ich haben will, umsonst in der Bücherei bekomme, mir von jemanden ausborgen, in den Bücherschränken danach suchen, es mir zum Geburtstag schenken lassen kann, etcetera und die Bücherschränke sind sehr voll und ich lese immer wieder bei den Buchbloggern Artikel, die vom Bücherhergeben und sich davon befreien handeln.
    Ansonsten hjöre ich immer wieder, daß die Leute immer weniger lesen, also sollte man sich ja eigentlich freuen, wenn sie nach einem “Gratis-Schnäppchen” greifen, sei es bei “Amazon” oder sich das Gratisbuch bei der Aktion “Eine Stadt-ein Buch”, etcetera, holen.
    Auf der anderen Seite lese ich immer davon, wieviel man mit seinen E-.Books verdienen kann und zweifle da, weil ja die Leute angeblich immer weniger lesen und das oftmals auch gar nicht mehr können, auch, daß das stimmt!
    Daß man sich vieles hinunterlädt, was gratis ist oder sich das Buch zum Welttag des Buches holt und dann nicht liest, glaube ich, auch, denke aber eigentlich nicht, daß die Welt daran untergeht und daß etwas nichts mehr Wert ist, nur weil es nichts kostet, glaube ich auch nicht und so finde ich das Internet, wo ich sehr viele Informationen finden kann, sehr gut und denke, daß es auch im Sinne der Freiheit des Wortes sehr wichtig ist und natürlich soll man nichts illegal hinunterladen, also in die Bibliothek gehen, Leute, wenn man nicht fünfundzwanzig Euro für ein Buch zahlen will!!!!

  2. Uli schrieb am 27. Juni 2016 um 16:40 Uhr

    Liebe Frau Jancak,

    haben Sie jetzt Schwierigkeiten mit dem Aufschrei gegen das illegale Downloaden oder mit dem illegalen Downloaden selbst? Sorry, aber ich blicke auch nach mehrmaligem Lesen Ihrer unendlichen Komma-Sätze nicht durch.

    Zum Thema: Bücher, die Sie in einer Bücherei ausleihen, sind nicht “umsonst”. Entweder wurden sie vom Verleiher gekauft, oder ihm geschenkt, dann hat der Schenkende das Buch bezahlt, womit wiederum der Autor/der Verlag Geld bekommen hat. Auch Ihr Bekannter, der Ihnen das Buch leiht, hat i. d. R. das Buch gekauft, auch wenn er es Ihnen “umsonst” zur Verfügung stellt.

    Ich habe ganz erhebliche Probleme mit dieser illegalen Herunterladerei, seien es Filme, Musik oder Bücher, zeugt es doch von einer MirdochegalHauptsachekostmichnix-Haltung, deren Verfechter genau diesem Slogan “Freiheit des Wortes” anhängen.

    Sicher wird die Welt daran nicht untergehen (sagt sich wahrscheinlich jeder der x-tausend Downloader), aber was, wenn sich irgendwann mal ein Autor aus nachvollziehbaren Gründen entschließt, einfach nix mehr zu schreiben?

    Dann ist womöglich das Geschrei groß und in den Büchereien findet sich auch nichts mehr zum “Gratis-Ausleihen”.

  3. Eva Jancak schrieb am 27. Juni 2016 um 22:30 Uhr

    Halte ich für unrealistisch, liebe Grüße

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