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Kommentar: Plagiatsvorwürfe gegen Martina Gerckes »Holunderküsschen«

Veröffentlicht von Redaktion am 1. Dezember 2012 @ 09:05 in Literarisches Leben,Self-Publishing | 45 Kommentare

Martina Gercke liest aus »Holunderküsschen«Die deutsche Selfpublisher-Szene scheint ihren Skandal zu haben, der obendrein noch alle Vorurteile über Selbstverleger zu bestätigen scheint.

[1] Martina Gercke soll sich für ihren Bestseller »Holunderküsschen« bei mehreren anderen Büchern bedient haben, so lautet der Vorwurf. Die Beweislage scheint erdrückend. Buchmarkt stellt Textstellen aus Gerckes Roman Ausschnitten aus Sophie Kinsellas »Sag’s nicht weiter, Liebling« (Goldmann Verlag) [2] gegenüber.

»Was meinst du dazu?«, werde ich aktuell gefragt, nachdem ich im Sommer mit Martina Gercke [1] über ihren Erfolg gesprochen habe. Aber was soll man sagen?

Lieferstopp und Löschung des Buches

Martina Gerckes zweiter Roman »Champagnerküsschen«, der an den Verkaufserfolg ihres ersten Werken anzuknüpfen schien, ist derzeit bei Amazon gelöscht. Es gibt ihn weder gedruckt noch als E-Book zu kaufen. Die »Holunderküsschen« sind [3] nur gebraucht zu bekommen. Man erhält das Buch derzeit weder in Papierform beim mvg Verlag noch bei Amazon als E-Book. [2] Laut Buchmarkt verhängte der mvg Verlag gleich nach Bekanntwerden der Vorwürfe einen Lieferstopp.

Lieferstopp für HolunderküsschenDer mvg Verlag hatte das Buch erst in gedruckter Form in sein Programm aufgenommen, nachdem es als E-Book ein großer Erfolg bei Amazon war, wo Martina Gercke es – nach mehreren Verlagsabsagen – selbst veröffentlicht hatte. In einer Pressemeldung zur Jahresmitte [4] verkündete Amazon, dass es das erfolgreichste E-Book im ersten Halbjahr 2012 gewesen sei und lud Gercke sowohl zu einer Presseveranstaltung nach München als auch zur Buchmesse nach Frankfurt ein, wo die Selfmade-Autorin in öffentlichen Vorträgen über ihren Erfolg berichtete.

Bei der Veranstaltung in München habe ich mit Martina Gercke gesprochen und [1] ein Interview geführt und sie gefragt, wie es zu diesem Erfolg kam und wie sie ihn sich selbst erklärt. Zum Inhalt des Buches vermag ich nichts zu sagen. Weder davor noch danach habe ich ihr Buch gelesen. Es sind nicht die Bücher, die ich freiwillig lese.

Dass Martina Gercke abgekupfert haben soll, scheint mir nach wie vor unvorstellbar. Ich habe eine nette, offene und kluge Gesprächspartnerin erlebt, die selbst nach wie vor vom eigenen Erfolg überrascht zu sein schien. Ganz offen hat sie gestanden, dass sie negative Kritik sehr heftig trifft.

Das wird nicht lustig

Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen oder Mutmaßungen anzustellen, ob die Vorwürfe nun berechtigt sind. Ich lese das [5] Interview auf Buchmarkt mit dem Justitiar der »Gegenpartei«, mit Rainer Dresen von Random-Hause (also Bertelsmann, zu dem Goldmann gehört). Er spricht von Schadensersatz und verlangt von Martina Gercke und mvg die Offenlegung aller Erlöse.

Das wird nicht lustig, denn wenn sich die Sache nur im Ansatz bewahrheiten würde, dann wird sicherlich wiederum auch mvg Schadenersatz von Martina Gercke verlangen. Das wird gar nicht lustig.

Denn dann gibt es noch die vorverurteilende »Hexenjagd« im Netz, die nun begonnen und erschreckende Züge angenommen hat. Nachdem anfänglich nur auf die Ähnlichkeiten hingewiesen wurde und eine Leserin Belegstellen zitierte und Martina Gercke zunächst recht ungeschickt eine zugegebenermaßen unglaubwürdige Stellungsnahme abgegeben hat (»anscheinend hat sich in diesem Fall etwas unbewusst mit in meine Arbeit eingeschlichen«), wird nun – wie im Netz leider allzu oft üblich – überwiegend unter die Gürtellinie geschossen. Im Amazon-Forum beschimpfen die »Leser« nicht nur die Autorin, sondern sich mittlerweile auch gegenseitig. Die Selfpublisher-Szene ist nicht selten wie ein neiderfülltes Rudel Wölfe, und man kann sich vorstellen, dass manche Konkurrentin und mancher Konkurrent nun über die erfolgreiche Autorin herfällt.

Ich habe versucht, Martina Gercke zu kontaktieren, doch ihr E-Mail-Postfach ist voll. Was dort alles an Mails lagert, mag ich mir gar nicht vorstellen.

So dreist, naiv oder dumm kann doch niemand sein, dass man sich als Erfolgsautorin feiern lässt, wo doch heutzutage Plagiate leicht aufzudecken sind und nicht nur der Fall Guttenberg zeigt, wie rasch die Menschen via Internet die Mosaiksteine zusammensetzen?

Nein, ich kann es nachwievor nicht glauben und niemand hat solch ein digitales Strafgericht verdient – egal ob schuldig oder nicht. Denn Martina Gercke trat nicht unter Pseudonym auf und sie kann sich auch jetzt nicht verstecken. Sowas macht doch niemand freiwillig, denn es geht um die Ehre und ums Geld.

Kein Beleg für Vorurteile

Unabhängig davon, ob die Vorwürfe nun stimmen oder nicht, scheint die Diskussion leider die Vorurteile zu belegen, die viele gegen die hegen, » die da ihre Texte selbst bei Amazon hochladen«. Alles nur geklaut und zusammenkopiert, um das schnelle Geld zu verdienen?

Justiziar Dresen [5] meint im Buchmarkt-Interview: »Vielleicht hat die Urheberrechtsdiskussion der letzten Monate da für Verwirrung gesorgt und das Gefühl aufkommen lassen, dass nun alles erlaubt sei.«

Ich hoffe, er meint es ironisch, denn ansonsten halte ich solche Aussagen für absoluten Quatsch. Und dennoch wird man sie nun wieder des Öfteren völlig Ernst gemeint hören.

Wenn dieser ganze »Skandal« zu einer Sache gut ist, dann hoffentlich zur Sensibilisierung einiger Autoren für das Thema und nicht um die [6] unsägliche Urheberrechtsdebatte wieder aufflammen zu lassen.

Denn wenn es in der jüngsten Vergangenheit Fälle von »Abschreiben« gab, dann lief es eher anders herum, und Verlagsautoren bedienten sich bei Wikipedia oder gar [7] bei urheberrechtlich geschützten Blogger-Texten, was man in den Feuilletons eher weniger schlimm findet.

Wolfgang Tischer

Nachtrag vom 4. Januar 2013:
Einigung mit Goldmann Verlag erzielt – Stillschweigen über Konditionen

Wer denkt, dass es in der Sache kaum noch schlimmer kommen konnte: es kam noch schlimmer. Aus unserem [8] Jahresrückblick:

Während in der Selfpublishing Szene eine Welle der Bestürzung, Verwunderung, Empörung und des Hasses durch Facebook, die Blogs und Foren brandet, bleibt auch die Autorin verschwunden. Selbst der Bild-Zeitung verweigert Martina Gercke eine Stellungnahme. Nur die Juristen scheinen zu arbeiten.

Doch dann – just zwei Tage vor Weihnachten – ein Lebenszeichen. In einem Video auf ihrer Website verkündet die Autorin, dass sich die Juristen geeinigten hätten. Die kopierten Textstellen seien in einer schwierigen Phase des Schaffensprozesses lediglich Platzhalter gewesen, die sie zu entfernen vergessen habe. Bei Random-House [9] weiß man nichts von juristischen Einigungen. Der vermeintliche Selfpublishing-Star 2012 hat sich endgültig lächerlich gemacht. Das Video wird nach Weihnachten gelöscht und auch nicht durch einen Platzhalter ersetzt.

Am 4. Januar 2013 dann die Meldung, dass nun endlich doch eine Einigung zwischen Martina Gercke und dem Goldmann Verlag erzielt wurde. Beide Parteien haben jedoch Stillschweigen über die Konditionen vereinbart. Der Buchmarkt [10] mutmaßt in einer Meldung, »dass Frau Gercke einen großen Teil ihrer nicht unbeträchtlichen Einnahmen aus E-Book-Bestseller- und Printvertrieb an den Verlag weiterreichen muss, der sie dann wie Lizenzerlöse unter den Berechtigten aufteilt.«

Von weiteren möglichen Forderungen ihres Printverlages mvg ist zudem die Rede, der die gedruckten Bücher einstampfen muss.

Grundsätzlich hätte der Goldmann Verlag zivil- und strafrechtlich gegen die Autorin vorgehen können. So wäre Strafanzeige möglich gewesen, bei der bis zu 3 Jahre Haft drohen.

§ 106 UrhG: Unerlaubte Verwertung urheberrechtlich geschützter Werke
(1) Wer in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen ohne Einwilligung des Berechtigten ein Werk oder eine Bearbeitung oder Umgestaltung eines Werkes vervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergibt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Zu den Gründen für den Verzicht zitiert der Buchmarkt Random-House-Justitiar Rainer Dresen:

»Nach reiflicher Überlegung haben wir uns dagegen entschieden. Durch die öffentliche Debatte des Falles und ihrer eher unglücklichen Platzhalter-Erklärung ist Frau Gercke meines Erachtens bereits gestraft genug. Vor allem aber ist die self-publisher-community, auch wenn ich nicht glaube, dass dies bei der großen Mehrheit überhaupt nötig war, noch stärker als zuvor sensibilisiert für die beim Schreiben zu beachtenden Rechte Dritter und Gefahren durch unbedachte Übernahmen. Damit sollte es nun sein Bewenden haben.«


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[1] Martina Gercke: http://www.literaturcafe.de/martina-gercke-holunderkuesschen-wie-man-ohne-verlag-einen-bestseller-sc
hreibt/

[2] gegenüber: http://www.buchmarkt.de/content/53191-newsflash.htm
[3] nur gebraucht zu bekommen: http://www.amazon.de/gp/product/3868822909/ref=as_li_ss_tl?ie=UTF8&camp=1638&creative=19454&
amp;creativeASIN=3868822909&linkCode=as2&tag=dasliteraturc-21

[4] verkündete Amazon: http://amazon-presse.de/pressetexte/pressemeldung/article/jonas-winner-verkauft-als-erster-kindle-di
rect-publishing-autor-mehr-als-100000-buecher-innerhalb-v.html

[5] Interview auf Buchmarkt: http://www.buchmarkt.de/content/53201-wirbel-um-martina-gerckes-bestseller-holunderkuesschen-intervi
ew-dazu-mit-rainer-dresen.htm

[6] unsägliche Urheberrechtsdebatte: http://www.literaturcafe.de/das-moerderspiel-ums-urheberrecht/
[7] bei urheberrechtlich geschützten Blogger-Texten, was man in den Feuilletons eher weniger schlimm findet.: http://www.literaturcafe.de/plagiatsfall-hegemann-feuilleton-findet-abschreiben-ohne-quellenangabe-o
k/

[8] Jahresrückblick: http://www.literaturcafe.de/jahresrueckblick-eines-selfpublishers-zeit-fuer-zahlen-fakten-und-geruec
hte-2012/

[9] weiß man nichts von juristischen Einigungen: http://www.buchmarkt.de/content/53460-martina-gercke-verkuendet-einigung-ueber-ihr-plagiat-aber-rand
om-house-weiss-von-nichts.htm

[10] mutmaßt in einer Meldung: http://www.buchmarkt.de/content/53488-newsflash.htm
[11] Bild: http://www.literaturcafe.de/info/www/delivery/ck.php?n=lcec49bfc