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Kindheitshölle in der literarischen Zwickmühle: »Das kalte Licht der fernen Sterne« von Anna Galkina

Anna Galkina: »Das kalte Licht der fernen Sterne«

Nachgetragene Vorbemerkung vom März 2016: Die folgende Besprechung des Romans »Das kalte Licht der fernen Sterne« von Anna Galkina bezieht sich – wie in der Rezension richtig vermutet – auf ein erstes Romanfragment, das die Autorin als E-Book im Herbst 2014 bei Amazon veröffentlichte. Im März 2016 ist der vollständige und lektorierte Roman bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen. Ein Interview mit Anna Galkina über den Werdegang des Romans können Sie hier anhören [1].

Das Folgende beschreibt daher eine Romanfassung, die so nicht mehr erhältlich ist. Die neue Version ist gekonnt lektoriert.

Der Russe – so betitelte Olga Grjasnowa ihren ersten Roman [2] – ist einer, der Birken liebt. Daher hat man wohl auch dem ersten Roman von Anna Galkina auf dem Cover Birken verpasst. Doch diese kommen in »Das kalte Licht der fernen Sterne [3]« gar nicht vor.

Und dennoch lässt uns Galkina gekonnt in die Abgründe einer sowjetischen Kindheit blicken. Ein lesenswertes und beklemmendes Werk, dem man jedoch ein sorgfältigeres Lektorat gewünscht hätte, um die kleinen Abgründe im Text auszubügeln.

Für einen kurzen Augenblick ist man geneigt zu sagen: Aber der Roman kostet doch nur 1,99 Euro, da muss man dies verschmerzen können. Muss man das? Man sollte! Weil einem sonst ein vielversprechender Text entgeht.

»Das kalte Licht der fernen Sterne« erscheint als E-Book in der Reihe »Kindle Singles [4]«. Amazon spendiert jenen vielversprechenden Texten ein professionelles Cover und ein Lektorat sowie den Quasi-Verlagsnamen »Amazon«.

Zwanzig Jahre, nachdem sie ihn verlassen hat, kehrt die Protagonistin Nastja an den Ort ihrer Kindheit zurück. Es ist ein kleines Städtchen unweit von Moskau. Was die Erzählerin in ihrem jetzigen Leben macht, das erfahren wir nicht, und wir werden es in dem rund 100 Seiten umfassenden Roman auch nicht erfahren. Nastja betritt die ehemalige Brotfabrik, die nun eine Kirche ist. »Das Gold glänzt, die Sterne leuchten, der Schein trügt« heißt es am Anfang des Romans. Umnebelt vom Weihrauch schläft die Protagonistin in der Kirchenbank ein, und die Welt von heute wird zur Welt von damals. Als Leser sieht man förmlich die Riffelglas-Wischblende [5] alter Aktenzeichen-XY-Folgen vor sich.

Zusammen mit Nastja kehren wir in die letzten Jahre der Sowjetrepublik zurück, oder vielleicht hat sich dieser auch schon aufgelöst. Partei und Politik scheinen keine große Rolle mehr zu spielen. Nur die Großmutter achtet gewissenhaft darauf, dass im Zeitungspapier im Plumpsklo die Bilder der Parteibonzen entfernt werden. Die Menschen haben nicht viel. Das Leben wird von Armut, Alkohol, Gewalt und Sexualität geprägt. Nastja ist 14 und bewohnt zusammen mit ihrer Mutter und Großmutter ein Haus.

Der erste Teil des Romans ist eigentlich keiner. Es ist eine Sammlung von Kurzgeschichten und Betrachtungen aus dem Städtchen. Sie sind in der Ich-Perspektive geschrieben, aber oft wechselt diese, und beim Lesen ist nicht ganz klar, wie Nastja all das wissen kann, was sie beschreibt. Man könnte es auch Perspektivfehler nennen. Wir erleben feine poetische Abschnitte, in denen nur von Gerüchen die Rede ist, und Abschnitte, in denen aus dem Leben von Personen berichtet wird. Das Haus, der Ort, die Menschen werden charakterisiert, eine klare verbindende Handlung fehlt zunächst. Die Beschreibungen sind aus der Sicht der jungen Nastja verfasst, die Sprache ist einfach und passt in ihrer oft nüchternen Naivität zu den Beschreibungen.

Dennoch wird man am Anfang den Verdacht nicht los, dass es eine Ansammlung von Geschichten ist, die die Autorin ohne große Überarbeitung zusammengefasst hat. Da wird das Plumpsklo haarklein beschrieben, dann nochmals in einer späteren Passage, gerade so, als wäre es das erste Mal – und der Leser wundert sich. Auch Wortwiederholungen stören gelegentlich, weil sie sicherlich nicht als Stilmittel gedacht sind. Hinzu kommen sprachliche Ungenauigkeiten, die ungewollt komisch wirken, wenn beispielsweise »geschmolzener Schnee als Wasserersatz« dient. Ebenso gibt es hin und wieder falsche Bezüge.

All dies ist nicht sonderlich dramatisch, doch in einem richtigen Verlag wären solche Schnitzer nicht übersehen worden. Wenn die Aufseherin im Schlafsaal ruft »Wer sich traut, aufzustehen, wird es bereuen, auf die Welt gekommen zu sein.«, dann passt das nicht. Einmal abgesehen vom Kommafehler ist »sich trauen« das falsche Wort, denn das würde ja Mut erfordern, und gerade der wird von der Aufseherin hier nicht eingefordert.

Dennoch überlagert die erzählerische Kraft der Autorin diese sprachlichen Defizite. Wir erleben eine traurige, lieblose Kindheit. Und trotz manch heftiger Passagen blitzen immer wieder Humor und Ironie durch die Zeilen. Denn nur mit Distanz und ohne tieferes Nachdenken mag auch Nastja dieses Leben ertragen.

Als sich im zweiten Teil des Romans Nastja in einen Soldaten verliebt, scheint ein Handlungsfaden auf. Die beiden wollen der Traurigkeit ihrer Welt entkommen. Doch wohin? Und ihre Beziehung – so vermutet der Leser – kann nicht glücklich enden in einer Welt, in der das Glück aufgebraucht zu sein scheint.

Am Ende des Romans betreten nochmals neue, interessante Figuren das Romanspielfeld.

Doch dann hört das Werk plötzlich auf. Als hätte ein Lehrer »Stift weg! Hefte zu!« gerufen, und die Autorin konnte gerade noch ein »Bald verlasse ich auch das Städtchen« unter den Text kritzeln.

Nastjas Geschichte wird weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart schriftstellerisch und handwerklich sauber beendet. Wozu aber dann das Intro in der Gegenwart?

Wenn man neue, interessante Texte entdecken will, dann muss man sich als Leser offenbar auf so etwas einstellen.

Denn auf der einen Seite hätte man durch die Veröffentlichungsmöglichkeiten, die insbesondere Amazon geschaffen hat, von solch vielversprechenden Textperlen leider gar nichts erfahren, weil sie es wohl nie in die Öffentlichkeit geschafft hätten. Auf der anderen Seite vermisst man aber ein kompetentes Verlagslektorat, das den Text in dieser Form nie in die Leseröffentlichkeit entlassen hätte. Eine literarische Zwickmühle.

Wenn wir – wie es Dirk von Gehlen postuliert [7] – auch Kultur und Romane künftig in Versionen denken müssen, so wünscht man sich von »Das kalte Licht der fernen Sterne« eine neue Version, denn die aktuelle ist bereits sehr gut, doch wirkt sie wie im Beta-Stadium: »Das kalte Licht der fernen Sterne« ist irgendwie noch nicht fertig.

Falls dieser Roman demnächst vielleicht als verbesserte Version 2 auf den Markt kommt, dann sollte man auch die Kapitelüberschriften semantisch korrekt auszeichnen, sodass sie über das Kindle-Inhaltsverzeichnis gezielt angesprungen werden können.

Oder muss man doch sagen, dass man hier für 1,99 Euro eine dem Preis angemessene Version erhält? Einen Roman jenseits des Mainstreams? Sie lernen eine Autorin kennen, die auch das Ungeheuerlichste fast beiläufig, fantasievoll und im Ton passend erzählen kann. Ein im besten Sinne des Wortes ergreifender Text, an dessen Kratzern und Macken man sich nicht allzu sehr stören darf.

»Das Gold glänzt, die Sterne leuchten, der Schein trügt.« Nicht in diesem Werk. Man müsste das Gold nur etwas besser polieren.

Wolfgang Tischer

Der Roman ist in der ersten, hier besprochenen Version nicht mehr erhältlich.

Bibliografische Angaben zur vollständigen Neufassung vom März 2016:

Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne (Debütromane in der FVA). Gebundene Ausgabe. 2016. Frankfurter Verlagsanstalt. ISBN/EAN: 9783627002244. EUR 19,90 » Bestellen bei Amazon.de [8]
Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne (Debütromane in der FVA). Kindle Edition. 2016. Frankfurter Verlagsanstalt » Herunterladen bei Amazon.de [9]

Hören Sie hier das Interview mit Anna Galkina von der Leipziger Buchmesse 2016. [1]