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Beitrag vom 11. Mai 2017 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit – Glauben Sie nicht, was Sie da hören

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit - Hörbuchausgabe

Als Julian Barnes 1998 »Eine Geschichte der Welt in 10½ Kapiteln« beschrieb, haben Sie da geglaubt, dass es wirklich so war? Natürlich nicht, schließlich ist das Literatur. Doch wenn Barnes 2017 in »Der Lärm der Zeit« das Leben des Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch beschreibt, glauben selbst Literaturkritiker, dass das wirklich so war.

Und absurderweise zitiert Wikipedia in ihrem Artikel über den Musiker mittlerweile Literaturkritiken statt historisch belegte Tatsachen. Wir haben den über sechsstündigen Lärm der Zeit einmal angehört.

Warum sollte Sie Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch interessieren?

Was wissen Sie über Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch? Wenn Sie nicht gerade Musikliebhaber sind, dann wahrscheinlich herzlich wenig. Dass er ein Komponist war, dass er Russe war, das könnte gerade noch bekannt sein. Aber sonst?

Würden Sie ein Roman über Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch lesen wollen? Da Sie sich für den Mann mit dem zungenbrecherischen Namen nicht sonderlich interessieren, brennen Sie nicht unbedingt danach. Doch da der Roman gerade überall gelobt wird, kann man ja mal reinhören. Fürs Autofahren oder am Bügelbrett gibt es ihn ungekürzt gelesen von Frank Arnold. Dauer: 6 Stunden und 8 Minuten. Übersetzt ins Deutsche hat das Werk Gertraude Krueger.

Bereits in seinem wohl bekanntesten Werk »Flauberts Papagei« pirschte sich Julian Barnes an einen echten Menschen der Zeitgeschichte heran, machte ihn zur Figur eines Romans und spielte sogar mit verschiedenen Sichtweisen auf das Leben des französischen Schriftstellers Gustave Flaubert. Selbst wenn man »Madame Bovary« noch nie gelesen hatte, glaubte man nach der Lektüre des Romans, Flaubert und sein Werk zu kennen. Doch was war wahr, was war von Julian Barnes erfunden? Und welche Rolle spielt diese Unterscheidung?

»Tell! Don’t show!«

Und nun Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch. Julian Barnes beschreibt das Leben des russischen Komponisten von seinem ersten Opernerfolg, mit einigen Rückblicken auf die Kindheit, bis hin zum Tode. Er macht dies mit einer Erzählperspektive, die sehr nah an und in dieser Figur ist. Das ermöglicht es, in die Gedankenwelt des Musikers einzudringen, schafft aber bei Bedarf auch die Möglichkeit der Distanz und die Schilderung der Außenwahrnehmung. Wenn eine der wichtigsten Regeln für glaubhafte Romane »Show! Don’t tell!« lautet, also sinngemäß: »Zeige es! Behaupte es nicht nur!«, so ist es in diesem Roman umgekehrt. Selten werden in diesem Buch Szenen detaillierter beschrieben. Im Wesentlichen wird erzählt und geschildert, was die Leute denken und warum sie so oder so handeln. Im Falle von Julian Barnes führt dieses »Tell! Don’t show!« jedoch nicht zu einem schlechten Text. Im Gegenteil: Selbst in seiner vermeintlich präzisen Beschreibung lässt der Text unglaublich viel Raum für die Gedanken des Lesers. Wir meinen, sehr viel über Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch zu erfahren, und dennoch kommt uns dieser Mensch nicht unmittelbar nahe. Barnes Roman liest sich stellenweise wie eine Reportage mit essayistischen Anklängen. Aber dann wiederum auch nicht, denn wir sind zu nah dran an Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch.

Nach einer den Roman umschließenden Szene an einem Bahnsteig inmitten der sowjetrussischen Provinz, sitzen wir mit Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch vor dem Fahrstuhl im Gang zu seiner Wohnung. Frau und Kind schlafen, während er Nacht für Nacht im Hausflur darauf wartet, dass man ihn abholt, verhaftet und dann wahrscheinlich umbringt. Durch eine Oper ist der Komponist bei Josef Stalin höchstpersönlich in Ungnade gefallen. Wenn ihn die Schergen der Macht abholen, dann möchte Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch lieber ohne Widerstand mitgehen und nicht nachts vor Frau und Kind dramatisch aus seiner Wohnung gezogen werden.

Wie passt das alles zusammen?

Bis heute gilt Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch als einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Doch neben seinen Symphonien, Opern und Kammermusikstücken schrieb er Kampflieder für die kommunistische Partei der Sowjetunion und Musik zu Propagandafilmen. Obwohl er unter Stalin in Ungnade gefallen war, war Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch später Repräsentant seines Landes, reiste sogar in die USA. Er trat in die Partei ein, war Sekretär des Komponistenverbandes der UdSSR, denunzierte in seinen Reden viele Kollegen. Auf der anderen Seite erhielt er später, als Stalin bereits gestorben war, auch im westlichen Ausland Ehrendoktorwürden.

Wie passt das alles zusammen? War Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch ein grausamer Opportunist und Mitläufer? Ging es ihm um die Kunst, der er alles unterordnete?

»Der Lärm der Zeit« ist ein Roman über das Verhältnis zu »der Macht« am Beispiel Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitschs.

Wird das Verhalten der Menschen in Diktaturen oder vergleichbaren Staatsformen beschrieben, so sind die Rollen oft festgelegt: Da gibt es Mitläufer und Speichellecker, es gibt Feiglinge und Mutige, es gibt Oppositionelle und Widerstandskämpfer. Es gibt die, die sich anpassen und nicht auffallen wollen, und es gibt die, die gegen die Macht ankämpfen.

Julian Barnes zeigt mehr. Er entwirft mit Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch eine Romanfigur, die von allem etwas ist. Ein Mann, der unter der Staatsmacht leidet, der Angst hat, umgebracht zu werden und tatsächlich kurz davor steht. Ein Mann, der oft an Selbstmord denkt. Ein Mann, der dann merkwürdigerweise und nahezu willkürlich wieder rehabilitiert wird. Ein Mann, der oft nicht weiß, wie ihm geschieht. Ein Mann, der sein Handeln und seine Arbeit für die Machthaber vor allen Dingen vor sich selbst immer wieder rechtfertigen muss. Ein Mann, der vorbereitete Reden abliest und der hofft, man könne daraus die Ironie des Vortragenden heraushören, so wie man es vielleicht auch aus einigen Musikstücken könne.

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch ist eine Romanfigur

Barnes entwirft eine Figur, der wir erzählerisch sehr nahe sind, doch die auf Distanz bleibt. Nach der Lektüre scheint vieles klar, doch wiederum auch nicht. Doch genau darin liegt die Stärke dieses Werkes. Er behauptet und erklärt zwar viel, und dennoch können wir kein eindeutiges Urteil über Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch fällen. Wer war dieser Mann wirklich? Und war es wirklich so, wie Julian Barnes es erzählt?

Julian Barnes hat für dieses Werk viel recherchiert, Biografien gelesen und mit Biografinnen zusammengearbeitet. Zudem gibt es Aufzeichnungen und Briefe von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch selbst, die seine Zerrissenheit und Gedanken dokumentieren.

Dennoch ist »Der Lärm der Zeit« ein Roman, ein erfundenes Werk. Und die Figur des Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch ist darin eine von Julian Barnes erfundene Figur. Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch ist nicht Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch. Es ist kein musiktheoretisches Werk, keine Biografie. Es ist eine Beschreibung des Umgangs mit der Macht.

Die Art, wie Barnes uns all das erzählt, lässt dies jedoch bisweilen vergessen. Selbst in einigen Buchkritiken ist zu lesen, dass dieser oder jener Aspekt fehle und dass Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch und dessen Leben hier und da nicht ganz vollständig auserzählt seien. Dies gipfelt in der absurden Tatsache, dass im aktuellen Wikipedia-Eintrag zu lesen ist (Stand 11.05.2017): »Er schrieb dem Regime von Josef Stalin Hymnen und blieb gleichzeitig auf Distanz zum stalinistischen System, welches ihn drangsalierte und jahrelang in Todesfurcht hielt.« Das mag stimmen. Doch als Quelle und Beleg wird nicht ein autobiografischer Text oder der Text eines Biografen oder Historikers angegeben, sondern als Quelle wird eine Literaturkritik zu »Der Lärm der Zeit« von Martin Ebel im Tages-Anzeiger genannt. Die Besprechung einer Fiktion wird zum Beleg einer Realität. Und selbst wenn es tatsächlich so war, ist und bleibt das Buch ein Roman, den man nicht mit der Wirklichkeit verwechseln darf, selbst wenn er sich eng an sie schmiegt.

Frank Arnold liest sich nie in den Vordergrund

Zudem kann man »Der Lärm der Zeit« tatsächlich auch hören, denn bei Argon ist das ungekürzte Hörbuch erschienen. Es liest Frank Arnold unter der Regie von Anna Hartwich, eine Produktion des NDR, die auf fünf CDs mit einer Laufzeit von 6 Stunden und 8 Minuten erhältlich ist. Der Regisseur und Schauspieler Frank Arnold ist eine hervorragende Sprecherbesetzung für diesen Text. Frank Arnold liest ihn unglaublich präzise und bringt keine aufgesetzte Stimmdramatik mit in den Text hinein. Die Interpretation vertraut auf den zunächst sachlich klingenden Vortrag, der jedoch unglaublich viel Stimmungen transportiert. All das harmoniert perfekt mit der Textarbeit von Julian Barnes. Dies wird umso deutlicher, wenn man den Text von anderen Sprechern gelesen hört. Arnold liest sich nie in den Vordergrund. Insbesondere der Anfang des Romans ist jedoch nichts für den Stadtverkehr im Auto. Hier sollte man konzentrierter zuhören, um die verschiedenen Zeitebenen und Zeitsprünge mitzubekommen. Zumindest die erste halbe Stunde solle man sich in Ruhe aufmerksam anhören.

Wolfgang Tischer

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit: Roman. Gebundene Ausgabe. 2017. Kiepenheuer&Witsch. ISBN/EAN: 9783462048889. EUR 20,00 » Bestellen bei Amazon.de
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Julian Barnes: Der Lärm der Zeit. Audio CD. 2017. Argon Verlag. ISBN/EAN: 9783839815311. EUR 12,99 » Bestellen bei Amazon.de

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