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Beitrag vom 23. September 2015 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Jack London lesen: König Alkohol

2016 ist Jack-London-Jahr. Vor 140 Jahren wurde er in San Francisco geboren und vor 100 Jahren starb der amerikanische Schriftsteller. Jack London wurde nur 40 Jahre alt.

Wolfgang Tischer nimmt das zweifache Jubiläumsjahr zum Anlass, Jack London neu zu lesen und darüber in Videos zu berichten, denn in Deutschland erschienen Londons Werke oftmals als »Abenteuer- oder Jugendromane« in gekürzter oder bearbeiteter Form.

Den Anfang macht jedoch keines seiner bekannten Werke wie »Wolfsblut« oder »Lockruf des Goldes«, sondern ein Roman, in dem sich Jack London auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu seiner Alkoholabhängigkeit bekannte: »König Alkohol«.

https://www.youtube.com/watch?v=Cfxl4v_cD7k

Jack London wurde 1876 in San Francisco als John Griffith Chaney geboren, und er starb 1916 auf seiner Ranch in Kalifornien. London stammt aus ärmlichen Verhältnissen, bereits als Minderjähriger schuftete er in einer Konservenfabrik und rutschte ins kriminelle Milieu der Austernpiraten ab. Später lebte Jack London auch auf der Straße. 1897 schließlich nahm er die beschwerliche Reise nach Kanada in den Yukon auf sich, um dort – leider erfolglos – nach Gold zu schürfen.

Schon sehr früh hatte eine Bibliothekarin seine Liebe zum Lesen und zu Büchern geweckt. Und so beschloss Jack London schließlich, Schriftsteller zu werden. Es waren vor allem die Eindrücke in der kanadischen Wildnis, aber auch die als Seemann, die er in seinen Romanen verarbeitete, die oft zunächst als Fortsetzungsgeschichten in Zeitungen erschienen. London gehörte zu den glücklichen Autoren, die ihren Ruhm noch zu Lebzeiten erlebt haben.

Und Jack London war Alkoholiker.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere im Jahre 1913 erschien sein autobiografischer Roman »John Barleycorn – Alcoholic Memoirs«. Im Deutschen trägt das Buch den Titel »König Alkohol«.

John Barleycorn – der Name stammt aus einem Gedicht des Schotten Robert Burns – ist eine euphemistische Umschreibung für Whiskey, für Alkohol.

Freund und Feind John Barleycorn

Jack London lässt in »König Alkohol« den Ich-Erzähler von John Barleycorn begleiten, der wie ein großer unsichtbarer Freund und Feind immer neben ihm steht.

Obwohl Jack London in »König Alkohol« immer wieder anprangert und behauptet, dass er eigentlich nur trinke, weil der Alkohol ständig und überall verfügbar sei und weil man sich ein geselliges Leben ohne ihn nicht vorstellen könne, ist das Werk keine Kampfschrift gegen den Alkohol. Die Prohibition – das landesweite Alkoholverbot 1920 – hat London ohnehin nicht mehr erlebt.

Auch literarisch und schriftstellerisch ist es interessant, wie Jack London die vielfältige Wirkung des Alkohols beschreibt. Alkohol beflügelt und gibt Selbstsicherheit, Alkohol schafft Geselligkeit – aber der Alkohol treibt einen auch ins Verderben und seine »Weiße Logik« führe dazu, dass man an nichts mehr im Leben wirklich Freude empfinden könne.

Es ist interessant zu wissen, dass damals Alkohol medizinisch noch nicht als Droge galt, von der man körperlich abhängig werden kann. Auch der Erzähler in König Alkohol, der mit Jack London gleichzusetzen ist, betont beständig, dass er, wenn er nur wolle, jederzeit mit dem Trinken aufhören könne, zumal ihm der Alkohol eigentlich gar nicht schmecke und noch nie geschmeckt habe.

Jack London gibt sehr offene und intime Einblicke in sein Leben, wenngleich das Buch keine Autobiografie im eigentlichen Sinne ist. Es ist die Beschreibung eines vom Alkohol gesteuerten und geprägten Lebens. Andere Aspekte wie die Beziehung zur Mutter und zum Stiefvater werden hier nicht vertieft. Mit »Martin Eden« schrieb Jack London bereits 1909 einen weiteren autobiografisch geprägten Roman, der diese Beziehungen näher beleuchtet.

Jack Londons Buch wurde von den Alkoholgegnern für ihre Zwecke eingesetzt, doch greift diese einseitige Sicht auf den Roman zu kurz. Londons Erben und Nachfahren wollten es später eigentlich gar nicht mehr sehen und die Suchtkrankheit ihres berühmten Vorfahren besser verschweigen.

Schriftsteller und Alkoholismus treffen oft zusammen. Natürlich denkt man an Charles Bukowski, vielleicht auch an Hemingway und nicht zuletzt bekennt sich auch Stephen King dazu, dass er Alkoholiker sei – zum Glück ein trockener.

Jack Londons Schlittenhunderoman »Wolfsblut« gilt als eines der meistgelesenen Werke der USA. Der Einstieg in die Jack-London-Leserunde anlässlich des doppelten Jubiläumsjahres mit »König Alkohol« lässt einen daher zunächst einen ganz anderen Jack London erleben.

Bei dtv sind alle Romane Jack Londons ungekürzt in einer Neuübersetzung von Lutz-W. Wolff erschienen, demnächst wird noch »Martin Eden« folgen. Ein lesenswertes erläuterndes Nachwort, die Erklärung von Begriffen, Personen und Ereignissen, sowie eine Zeittafel ergänzen die Bücher jeweils perfekt.

literaturcafe.de-Herausgeber Wolfgang Tischer erzählt in einem Video von seinen Leseerfahrungen. In loser Reihenfolge will er bis Ende 2016 alle Jack-London-Romane in der ungekürzten Form (wieder-)lesen.

Vielleicht haben Sie ja Lust mitzulesen? Welcher Roman als nächster folgt, das wird hier im literaturcafe.de bekannt gegeben.

https://www.youtube.com/watch?v=Cfxl4v_cD7k

Doch warum wurde Jack London nur 40 Jahre alt? Hat er sich zu Tode gesoffen? Immer wieder gab es auch Gerüchte, dass sich der Schriftsteller das Leben genommen habe, da in seinem Blut ein hoher Anteil von Schmerzmitteln gefunden wurde. Im Video spricht Wolfgang Tischer auch über das Ende von Jack London. Der Schriftsteller starb am 22. November 1916 um 19:45 Uhr auf seiner Ranch in Glen Ellen, Kalifornien. Seine Werke wurden in über 40 Sprachen übersetzt.

Jack London: König Alkohol: Roman (dtv Klassik). Taschenbuch. 2014. Deutscher Taschenbuch Verlag. ISBN/EAN: 9783423143264. EUR 9,90 » Bestellen bei Amazon.de
Jack London: König Alkohol: Roman (dtv Klassik). Kindle Edition. 2015. dtv Verlagsgesellschaft » Herunterladen bei Amazon.de

1 Kommentar zu diesem Beitrag lesen

  1. Joachim Tiele schrieb am 29. September 2015 um 13:17 Uhr

    Eine schöne Idee, bereits im Jahr 2015 damit zu beginnen, das posthume “Jubiläumsjahr” dieses Schriftstellers zu würdigen. Und es war natürlich eine tolle Überraschung, im Newsletter des Literaturcafés davon zu lesen.

    Ein kurzer Gang zum Bücherregal zeigte mir, dass ich “König Alkohol” tatsächlich schon eine Zeitlang besitze, in einer Ausgabe des Universitas Verlags Berlin, ohne Erscheinungsjahr, aber mit der Coprightangabe “1931”. Das Titelblatt weist einen Stempel auf: “Gestiftet von der Bundesbahn-Zentralstelle gegen Alkoholgefahren”. Wie es in meinen Besitz gelangt ist, weiß ich nicht mehr genau (möglicherweise durch eine Exfreundin, die als Sozialarbeiterin im Suchtbereich gearbeitet und das Buch bei Ihrem Auszug vergessen hatte…).

    Wolfgang Tischer hat in seiner Videobesprechung viele Aspekte des Buches zutreffend angesprochen, Jack Londons Abstimmung für das Frauenwahlrecht, das er als allein wirksam gegen die Gefahren des “König Alkohol” ansieht, die spätere “kontraproduktive” Alkoholprohibition und die Tatsache, dass London Sozialist war, linker Demokrat im damaligen Parteienspektrum der USA, wählte häufig, wie bei jener Wahl zum Frauenwahlrecht, demokratisch, war aber zeitlebens Mitglied der Sozialistischen Partei der USA. Diese, 1973 wiedergegründet, spielt im aktuellen politischen Spektrum der USA eine eher (freundlich ausgedrückt) untergeordnete Rolle, erzielte einzig bei der Präsidentschaftswahl 2004 mehr als 10.000 (!) Wählerstimmen, sonst deutlich darunter. Die Partei ist antikapitalistisch, ohne den Kapitalismus allerdings abschaffen zu wollen, eher will sie ihn kontrollieren. Damit ist sie als Teil des sogenannten “Politschen Progressivismus” ausgewiesen und trifft sich in Teilen mit dem aktuellen “Linken Flügel” der US-Demokraten (dem sogenannten “Warren Wing”). Sie unterscheidet sich von jenen dadurch, dass sie den Zentralsimus der Progressiven Demokraten ablehnt und eher einem Föderalismus zuneigt, wie wir ihn in Europa, insbesondere in Deutschland, kennen.

    Warum schreibe ich das alles? Wir leben aktuell in einer globalen politischen Gemengelage, in der viele Gedanken des Politischen Progressivismus weiterhelfen könnten, von der Bändigung der wüstesten Auswüchse des Finanzkapitalismus bis hin zu toleranten Haltungen gegenüber Fremden (besser:als fremd Empfundenen). Im englischsprachigen Wikipedia gibt es einen ausführlichen Artikel dazu – “Progressivism in the United States”, und wenn man dort rechts oben auf die Flagge klickt, kommt man auf eine Seite mit Links zu allen allgemein-, wirtschafts-, bildungs-, sozial- und kulturpolitischen Aspekten dieser Strömung. Manches davon ist zumindest als Nennung auch aus den aktuellen politischen Debatten hierzulande bekannt.

    Ein Mangel oder eine Verfehlung wird den Progressivisten bis heute vorgehalten: ihre befürwortende Position zum Prohibitionismus und dessen nicht intendierten aber dennoch fürchterlichen Folgen. Das führte dazu, dass der Progressivismus bis heute als politische Strömung belächelt und nicht ernst genommen wird, was er – zumindest nach meiner unmaßgelichen Meinung – werden sollte.

    Und damit sind wir – man verzeihe mir den Umweg – wieder bei Jack London und seinem Roman “König Alkohol”, der seinerzeit – wie von Wolfgang Tischer beschrieben – von vielen als eine Art Manifest für den Prohibitionismus und damit letztendlich zu einem Manifest für die Diskreditierung des Progressivismus wurde.

    Ausdrücklich keine Kritik an Tischers Beitrag, allein eine Ergänzung, mit der ich nicht einmal behaupte, in allen Punkten Recht zu haben. “König Alkohol” ist nicht nur mehr als ein “Jugend- und Abenteuerroman”, sondern darüber hinaus noch viel mehr: Er sollte zu einem Kernbestand “Progressiver Literatur” als eigenständiger Gattung gehören, zu der zum Beispiel auch der von Tischer genannte Mark Twain gehört, aber auch der Soziologe und Witschaftswissenschaftler Thorstein Veblen oder in der deutschen Literatur Heinrich Mann, der den Progressivismus in “Ein Zeitalter wird besichtigt” in der Schreibvariante “Progressismus” charakterisiert: “Ein Land ohne tiefste Armut und unbeschränkten Reichtum wäre frei”. Ich denke, man kann Jack London in dieser Kategorie einordnen, ein möglicher zusätzlicher Gedanke zu Wolfgang Tischers vorzüglicher “Neuvorstellung” des Autors und seines Werks.

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