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Beitrag vom 25. Juli 2016 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Isabelle Lehn: Binde zwei Vögel zusammen – und das Buch wird nicht fliegen

Isabelle Lehn: Binde zwei Vögel zusammen

Sechs Wochen hat Albert Jacobi als Statist an militärischen Übungen teilgenommen. Sechs Wochen musste er in einem amerikanischen Trainingslager in der Oberpfalz einen afghanischen Kaffeehausbesitzer mimen.

Nun kehrt Albert ins Zivilleben zurück, und sowohl Protagonist als auch Leser finden sich im Roman »Binde zwei Vögel zusammen« von Isabelle Lehn nicht mehr so ganz zurecht.

Einen Ausschnitt aus dem zweiten und dritten Kapitel des Romans hatte Isabelle Lehn in diesem Jahr (2016) bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur gelesen. Sie hatte es unter die sieben Autorinnen und Autoren der Shortlist zum Bachmannpreis geschafft, dann aber keinen der drei Preise gewonnen. Nach Klagenfurt eingeladen hatte sie Jurorin Meike Feßmann.

Unmittelbar nach der Veranstaltung ist nun der vollständige Roman »Binde zwei Vögel zusammen« im Eichborn Verlag erschienen, der zu Bastei-Lübbe gehört.

Fotograf Johannes Puch porträtiert Isabelle Lehn in Klagenfurt

Fotograf Johannes Puch porträtiert Isabelle Lehn in Klagenfurt

Der Roman setzt mit dem ersten Kapitel bei den letzten Tagen im militärischen Trainingslager ein. Zunächst wird der Leser noch etwas im Unklaren gelassen, wo er sich zusammen mit dem Ich-Erzähler befindet. Krieg? Naher Osten? Afghanistan? Syrien? Wörter wie »Platzpatronen«, »Rolle spielen« und »Supervisor« irritieren zunächst, bis man in etwa weiß, dass man sich bei einer militärischen Übung in der Oberpfalz befindet.

Im zweiten Kapitel kehrt Albert Jacobi, dessen Namen wir erst später erfahren werden, nach sechs Wochen zurück ins zivile Leben und in die Wohnung, in der er mit Freundin und Katze lebt. Wir lesen, dass er freier Journalist ist und sein Studium vor Kurzem abgeschlossen hat. Er erfuhr von einer Firma, die Statisten für Militärübungen sucht und vermittelt. Er brauchte das Geld. So kam er in das Trainingslager, in dem ein afghanisches Dorf simuliert wird. Albert spielte in diesem Dorf den Kaffeehausbesitzer Aladdin. Sechs Wochen lang war er so gut wie von der Außenwelt abgeschnitten.

Doch nach seiner Rückkehr findet er sich nicht mehr so recht in sein frühes Leben ein. Wirklichkeit, militärische Übung und seine Identitäten als Albert und Aladdin vermischen sich. Was ist wahr? Sind das dort in der Fußgängerzone alles Statisten, die »Einkaufen« spielen? Ebenso vermischen sich im Roman die gegenwärtig erzählte Zeit und Rückblenden, in denen Albert beschreibt, wie er an den nicht alltäglichen Job gelangt ist (siehe auch Nachtrag unten), was er im Vorfeld über das Unternehmen und die Art des Einsatzes meist im Internet recherchiert hat und welche Rolle er und andere während der Übungen gespielt haben. Albert beginnt, sein Alter-Ego Aladdin im wahren Leben zu sehen oder mutiert in schizophrenen Momenten selbst zu Aladdin. Seitenweise bekommen wir im Buch die Ereignisse und Nachrichten des Jahres 2014 referiert. Die Bewerbungsversuche Alberts nach seiner Rückkehr vermengen sich mit einer fiktiven »Asylbewerbung« Aladdins beim deutschen Staat.

Der durchs Leben und durch die Wirklichkeiten trudelnde Albert vermag auch dem Roman keinen erzählerischen Halt zu geben. Die Figuren bleiben zu sehr an ihren eigenen Klischees haften, die Freundin bekommt nicht einmal einen Namen. Auch sprachlich bietet der Roman keine Höhepunkte. Als Leser blicken wir sinn- und perspektivlos und dennoch reichlich oberflächlich auf die schizoiden Züge Alberts, und bedauerlich ist, dass der Roman dann doch nicht vollständig in Surreale kippt. So sucht man bis zum Schluss nach Sinn und Aussage in diesem Werk. Dass Krieg irgendwie doof ist und die Menschen zerstört, das wissen wir. Dass Krieg nicht real sein muss, sondern in unseren Köpfen genauso so real erlebt werden kann, ist auch nicht neu. Dass das Buch zudem auch noch etwas Flüchtlingsbrei unterrührt und haltlos die Frage aufwirft, ob wir mental nicht alle irgendwie ein wenig Flüchtling werden können, lässt all das zu einer unangenehmen solipsistisch-egozentrischen Perspektive werden, die man gnädigerweise dem Erzähler und nicht der Autorin zurechnet.

Genauso wenig wie die beiden zusammengebundenen Alter-Ego-Vögel Albert und Aladdin hebt auch der Roman nicht ab.

Wolfgang Tischer

Isabelle Lehn: Binde zwei Vögel zusammen. Gebundene Ausgabe. 2016. Eichborn Verlag. ISBN/EAN: 9783847906124. EUR 18,00 » Bestellen bei Amazon.de
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Nachtrag: Die Sache mit dem Arbeitsamt

Erstaunlicherweise ist in einigen Rezensionen immer wieder die Rede davon, dass Albert durch das Arbeitsamt an den Job im Trainingscamp gekommen sei. So schreibt beispielsweise Jörg Schieke in einer Rezension des Romans für den MDR:

Wenn es mal nicht reicht, meldet sich Albert immer mal auch beim Arbeitsamt und wird hier in einen seltsamen Job vermittelt: Er geht für sechs Wochen in ein Trainingscamp nach Bayern …

Wie kommt es dazu, dass der Rezensent Dinge behauptet, die falsch sind und an der Rezension als solches zweifeln lassen?

Tatsächlich wurde schon nach der Lesung in Klagenfurt davon gesprochen, dass die Hauptperson durch das Arbeitsamt zum Kriegspielen vermittelt worden sei. Das liegt wahrscheinlich an der Passage auf Seite 29, in der es heißt:

Es gab viele Möglichkeiten, das Dorf bereits vor Ablauf der Zeit zu verlassen, selbst wenn man über das Arbeitsamt kam und Aufgeben nicht zulässig war. (…) Wenn er Pech hatte, kürzte das Arbeitsamt seine Bezüge, …

Kennt man nur den Klagenfurt-Ausschnitt, so scheint diese Interpretation naheliegend, und das »er« im Text bezieht sich offenbar auf die Hauptperson.

Doch liest man den Roman ganz, so erfährt man, dass Albert nicht zu denen gehört, die vom Arbeitsamt vermittelt wurden.

Tatsächlich hat er Geldnot (Das Bafög-Amt hatte gerade geschrieben …), doch er erfährt durch einen Flyer von dieser Firma, die Statisten vermittelt (Seite 88):

… trotzdem muss es reiner Zufall gewesen sein, dass ich ausgerechnet an diesem Tag einen der unzähligen Flyer entgegennahm, die jeden Tag vor der Mensa verteilt wurden und die ich sonst ungelesenen nächsten Papierkorb warf. Diesen Flyer aber sah ich mir an. Keine Ahnung, wieso. Ich weiß nur, dass er mich neugierig machte.

Sie suchten Aushilfskräfte, [sic!] für einen gut bezahlten Job, der in Deutschland lag.

Anschließend geht Albert dann zu einem Infoabend der Firma (Seite 89). Obwohl Albert selbst bei der Bundeswehr war, ist er zunächst skeptisch, lässt sich dann aber umstimmen, als Albert merkt, dass der Supervisor offenbar Proust kennt (Seite 92):

Ich war beeindruckt. Er kannte Proust, er war einer von uns! Zumindest wusste er, wie man mit uns sprechen musste. Und mich hat er damit bekommen.

Nach einiger Recherche begibt sich Albert dann »freiwillig« als Statist in das Trainingslager – durchaus getrieben von Geldsorgen. Zwar gibt es dort offenbar auch Statisten, die vom Arbeitsamt vermittelt wurden, er selbst gehört jedoch nicht dazu.

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