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Interview mit Jess Jochimsen: »Helene Fischer am Grab ist ein schlechter Witz«

Kabarettist und Buchautor Jess Jochimsen

Kabarettist und Buchautor Jess Jochimsen (Foto: Tischer)

Es sollte 12 Jahre dauern, bis Jess Jochimsen seinen zweiten Roman veröffentlicht hat. »Abschlussball« ist ein Roman über den Tod, Beerdigungen, die Lebenden und die Musik. Die ausführliche Kritik zu »Abschlussball« können Sie im literaturcafe.de nachlesen. [1]

Anfang August 2017 hat Jess Jochimsen seinen Roman erstmals der Öffentlichkeit auf einer Lesung in Freiburg präsentiert. Wolfgang Tischer vom literaturcafe.de war dabei und hat vor der sogenannten »Buchtaufe« mit Jess Jochimsen über den Roman »Abschlussball«, die Hauptfigur Marten und Entstehung des Buches gesprochen.

literaturcafe.de: In der wunderbaren Freiburger Buchhandlung Jos Fritz [2] sitze ich mit dem Autor Jess Jochimsen, der hier fast sowas wie zu Hause ist. Zumindest weiß ich, dass es seine Lieblingsbuchhandlung ist. Hallo Jess, grüß dich!

Jess Jochimsen: Hallo Wolfgang!

literaturcafe.de: Wir wollen über dein aktuelles Buch sprechen: »Abschlussball«, erschienen bei dtv [1]. Und wir sind hier an einem ganz besonderen Abend, denn heute findet die sogenannte »Buchtaufe« statt. Es gibt hier einen wunderschönen Innenhof, in dem du lesen wirst. Was muss man sich unter einer Buchtaufe vorstellen?

Jess Jochimsen: Eigentlich ist es die allererste längere Lesung aus diesem Buch. Und ich stelle das Buch der literarischen Öffentlichkeit in meiner Heimatstadt vor, was natürlich aufregend ist. Es ist also eine Buchpräsentation mit Lesung und ein bisschen Trinken. Ich bin schon ordentlich aufgeregt.

Jess Jochimsen liest in Freiburg aus »Abschlussball«

Jess Jochimsen liest in Freiburg aus »Abschlussball«

literaturcafe.de: Du wohnst hier in Freiburg, und das Buch »Abschlussball« spielt in München. Das knüpft ein bisschen an deine Herkunft an.

Jess Jochimsen: Ja. Wie fast alle Schriftstellerinnen und Schriftsteller schreibt man immer über die Gegend, in der man aufgewachsen ist, und nicht über die, in der man lebt, in die man hingezogen ist.

Da sind die Wege die eingespeichert, da sind so viele Erinnerungen, da kenne ich mich so gut aus und da bin ich auch noch sehr viel. Ich liebe München einfach und finde, dass es eine tolle Subkultur hat und viele, viele unbekannte Ecken.

Alle sagen immer, »Abschlussball« wäre ein Wiener Buch, wegen der Friedhofsthematik. Aber ich glaube, es ist ein Buch, das nur auf dem Nordfriedhof in München spielen kann.

literaturcafe.de: Aber man muss auch sagen, dass es kein München-Buch ist.

Jess Jochimsen: Nein. Natürlich nicht.

literaturcafe.de: Es geht also um den Tod und den Friedhof. Die Hauptperson ist der Trompeter Marten. Er spielt hauptberuflich auf Beerdigungen, also dort, wo entsprechende Musikwünsche von den Hinterbliebenen geäußert wurden, vielleicht auch manchmal noch von denen, die da beerdigt werden. Er spielt im Auftrag des Bestattungsunternehmers Berger.

Jess Jochimsen: Genau. Marten spielt das letzte Lied am Grab. Ein Beruf, den es tatsächlich schon sehr lange gab und immer noch gibt. Ich habe das tatsächlich oft erlebt. Das ist ein ganz eigener Musikerschlag, der das macht.

literaturcafe.de: Marten macht tatsächlich nur dieses. Er ist sehr einfach in seinem Wesen, aber auch in seinem Leben. Er besitzt auch nicht viel. Ein Besteck, ein Glas, einen Teller … Wie ist die Figur des Marten entstanden?

Jess Jochimsen: Über die Bestattungsmusik wollte ich schon lange schreiben, das Thema hatte ich immer schon im Kopf, spätestens Anfang, Mitte der Nullerjahre, als »Eine unvollständige Geschichte der Begräbnis-Violine« bei Eichborn in der Anderen Bibliothek erschienen ist. Ursprünglich ein englisches Buch von Rohan Kriwaczek.

Das im Buch erwähnte Werk »Eine unvollständige Geschichte der Begräbnis-Violine« gibt es tatsächlich [3]

Das im Buch erwähnte Werk »Eine unvollständige Geschichte der Begräbnis-Violine« gibt es tatsächlich und ist 2008 in der Anderen Bibliothek bei Eichborn erschienen (Klick zum Vergrößern)

literaturcafe.de: Dieses Buch spielt auch im Roman eine wichtige Rolle.

Jess Jochimsen: Irgendwann gab es diesen Switch. Früher gab es Kirchenlieder und Volksweisen, heute sind es Schlager und Mainstream-Pop, der auf Beerdigungen gespielt wird. Das wird auch ermittelt. Das wissen viele Leute gar nicht. Da das ein öffentlicher Vortrag ist, wird das von der GEMA erfasst, und der Bund deutscher Bestatter gibt jedes Jahr eine Top-Ten der Trauerhits heraus [4]. Die heißen auch noch so. Und klar ist da »Time To Say Goodbye« drauf. Ich glaube, in diesem Jahr hat es Andreas Gabalier auf die 1 geschafft. Aber auch Helene Fischers »Atemlos durch die Nacht« wird am Grab gespielt, was ja ein schlechter Witz ist.

Top 10 der Trauerhits 2016 (Quelle: bestattungen.de/Klick zum Vergrößern) [5]

Top 10 der Trauerhits 2016 (Quelle: bestattungen.de/Klick zum Vergrößern)

Ich fand es sehr spannend, jemanden zu beschreiben, der da quasi Dienstleister ist. Also nicht der Bestatter, nicht der Pfarrer, nicht diese dunkle Seite, sondern mehr diese Dienst leistende Seite. Du wirst gebucht, nicht für eine Hochzeit, sondern für eine Beerdigung.

Dann habe ich sehr lange gebraucht herauszufinden, wie ich diesen Marten baue, weil der ja fast ein depressiver Charakter ist. Er hatte eine sehr dramatische Kindheit. Mutter stirbt, Großvater stirbt. Die Eltern haben wenig Zeit. Geschwister klinken sich aus. Eigentlich ist das eine klassische Depressionsgeschichte als Kind, was er aber nicht checkt. Er hat einfach das Gefühl, er ist alt.

Das war der Knackpunkt bei dem Roman, dass die Symptome einer Depression, also einer länger anhaltenden Schwermut, eines Nicht-mehr-Könnens, einer Erschöpfung, ganz lange kongruent gehen mit den Symptomen des Alters. Das war mir nie aufgefallen. Also: Ich kann nicht mehr, die Welt ist mir zu groß, das wird mir alles zu viel, ich bin erschöpft, bin immer müde, ich werde vergesslich, schusselig.

Und da dachte ich: Das ist ja großartig! Ein Kind, das sich das damit erklärt, aber es niemals zu sagen traut, weil einem das keiner glaubt, wenn du da mit acht, neun, zehn, elf, zwölf der festen Überzeugung bist, du bist ein alter Mann.

Und so kommt er tatsächlich durch seine Schulzeit und ergreift dann einen Beruf, bei dem er möglichst keine Aufstiegschancen hat, möglichst nichts mit anderen Menschen zu tun hat und der möglichst klar und einfach ist. Er wird Bibliotheksassistent in einer großen Bibliothek, an der StaBi in München. Eine Welt, die ich sehr gut aus der Uni-Zeit kenne. Ich weiß, wie diese Bibliotheken arbeiten.

Das ist natürlich ein ganz toller Job für ihn. Die meisten Menschen wollen wissen, was in den Büchern steht. Und er ist ganz glücklich, dass er weiß, wo die Bücher stehen, und er muss sie nicht lesen.

Sein großer Fehler ist, dass er nach sechs Jahren anfängt zu lesen und sich dann sehr bald darin verliert und da rausfliegt. Und irgendwann hat er diese Möglichkeit, Beerdigungstrompeter zu werden. Das ist das Einzige, was er in seiner Kindheit wirklich gemacht hat: Trompete lernen. Und eine Beerdigung ist auch das Einzige, wozu es gut ist. Das kommt seinem reduzierten Leben eines vermeintlich alten Mannes sehr zupass. Er spielt den Toten das letzte Lied. Er hat eine Kammer in München mit wenig Besitz. Und da kommt er durch.

Ja, Marten ist ein Mensch, der Zeit seines Lebens probiert, ja kein Abenteuer zu erleben. Abenteuer gehören in Bücher, da sind die sehr gut aufgehoben. Das ist auch seine Definition von Literatur.

literaturcafe.de: Du drehst das von vielen Menschen oft Gesagte um, dass sie Bücher lesen, um im Kopf andere Dinge zu erleben. Marten findet es gut, dass er diese Dinge gerade nicht erleben muss und sie in den Büchern bleiben.

Jess Jochimsen: Die anderen erleben es, da muss er das schon nicht machen. Das findet er super.

Und dann passiert diesem Menschen natürlich genau das, was dann passiert: Er wird, ob er will oder nicht, in ein Abenteuer hineingezogen, in dessen Verlauf er ohne eigenes Zutun so eine richtige, so eine kleine groteske Stadtreise macht.

Er verlässt ja die Stadtgrenze nur ein einziges Mal, fährt da nur kurz darüber hinaus und wieder zurück. Natürlich wird er auf dieser Reise auch jünger – oder fühlt sich jünger. Es ist ein depressiver Abenteuerroman, so hat es das »etc. Magazin« in Wien genannt [6]. Das, finde ich, trifft es ganz charmant.

literaturcafe.de: Sind es eher diese Charaktere, die dich interessieren, die einfacher sind oder einfacher wirken?

Jess Jochimsen: Marten ist eigentlich gar nicht einfacher, er hält sich nur brutal raus. Und ich finde, das kommt in der Literatur gar nicht so oft vor. Da wird viel Scheitern beschrieben, viel Abstieg oder Drogen, Armut, alles Mögliche. Aber jemand der nicht mitmachen muss, der sich raushält, weil er es gar nicht schaffen würde, an diesem Leben teilzunehmen, da es ihn komplett überfordert, das hast du gar nicht so oft.

Und über Beerdigungsmusiker gab es auch nichts. Deswegen hat es auch sehr lange gedauert. Ich musste sehr viel recherchieren. Ich musste viele Beerdigungen besuchen.

literaturcafe.de: Du bist tatsächlich auf Beerdigungen gegangen?

Jess Jochimsen: Ja, na klar. Ich bin ein paar Tage einfach nur über den Nordfriedhof gelaufen. Und die Menschen, die da im Roman zum Teil verfremdet beschrieben werden, die sind da tatsächlich. Das ist ein Riesenfriedhof. Und ein sehr literarischer, der oft schon Teil von Literatur war, ich glaube auch bei Thomas Mann.

Klar, dass ein Friedhof viel mehr ist als nur der Ort, wo man hingeht, um Abschied zu nehmen. Das ist eine regelrechte Partnerbörse für Senioren, die sich da kennenlernen. Das ist ein Riesenbiotop. Da gibt es einen Baum- und Vogelbestand, den du sonst nirgendwo findest in ganz Bayern. Es ist eine sehr spannende Welt, und die ist nicht morbid: Sondern da ist Lärm, da wird gemäht, da sind mal Kinder, die Fußball spielen am Ehrenhain der Luftkriegsopfer. Das habe ich alles gesehen und dachte, es wäre eigentlich sehr schön, diesen Ort mal so zu beschreiben, nicht diese schwere Seite, sondern diese alltägliche Seite.

literaturcafe.de: Was mir aufgefallen ist: Es geht im Roman um Beerdigungen, es geht um Abschied nehmen. Tatsächlich taucht der Begriff »Abschiednahme« öfter auf als der Begriff »Beerdigung«. Herr Berger, der erwähnte Bestatter, beschäftigt auch Totenredner. Das Christliche taucht gar nicht so sehr auf. Einen Pfarrer gibt es im Roman gar nicht. Ist das etwas, das du bei deinen Recherchen und Beobachtungen festgestellt hast? Oder wolltest du den Roman eher weltlicher anlegen?

Jess Jochimsen: Es ist tatsächlich halb-halb. Ich habe schon ganz tolle Beerdigungsreden von Pfarrern erlebt. Aber ich habe einfach im Verlauf meines Lebens auch sehr, sehr, sehr viele Beerdigungen erlebt, wo kein Pfarrer gesprochen hat, sondern ein Redner oder ein Freund, ein Wegbegleiter.

Sehr in Erinnerung ist mir die Beerdigung von Dieter Hildebrandt [7] geblieben. Denn da hat nicht nur die Express Brass Band [8] gespielt, die dann auch eins zu eins in den Roman eingeflossen ist, sondern auch weil Dieter Hildebrandt, den ich kannte und sehr verehrte, mir einmal vor einer »Scheibenwischer«-Aufzeichnung erzählt hat, dass er, wenn er mal begraben wird, eine fröhliche Beerdigung will. Er will, dass der Stofferl Well an seinem Grab Solo-Trompete spielt. Und genauso war es dann auch.

literaturcafe.de: Christoph Well von der Biermösl Blosn [9] seinerzeit.

Jess Jochimsen: Er spielte allerdings ein Stück weit weg, weil er so weinen musste, er konnte keine Leute sehen. Trotzdem war das sehr anrührend.

Was mich vor allem interessiert hat, waren diese so genannten Armenbegräbnisse, von denen es viel, viel, viel, viel, viel mehr gibt, als man denkt. Denn dass sich ein Hartz-IV-Empfänger oder Obdachloser oder dessen Angehörige keine Beerdigung leisten können, das ist einleuchtend. Natürlich müssen die bestattet werden. Das geschieht im Akkord, ohne jede Würde. Da ist kaum jemand da. Aber es gibt immer wieder Bestatter oder kleine Initiativen oder auch Privatpersonen, die sagen: So wie wir Abschied nehmen, so leben wir auch. Es kann nicht sein, dass immer mehr Leute im Alter sagen: Ach, ich mache da jetzt nichts. Ich mache eine sozialbehördliche Bestattung. Dann liege ich meinen Angehörigen nicht auf der Tasche. Ich habe eh keinen Kontakt zu denen. Und dann wird man so schnell, schnell verscharrt. Kaum eine Rede.

Daher haben Leute gesagt: Okay, pass auf! Wir machen das zumindest so, wie wir es uns leisten können, kramen dir ein paar Freunde zusammen, und seien es irgendwelche Leute von der Straße. Was zu trinken, ein bisschen was zu essen, das reicht oft schon, dass da ein Haufen Leute kommen. Vielleicht macht einer kurz Musik. Und schon kriegt das ein bisschen Würde.

Das habe ich einmal etwas größer erlebt. Eine Art Schwabinger Dandy, der da in einer illustren Schar von Erdabgewandten bestattet wurde, die sich da zugesoffen und schier auf den Gräbern getanzt haben.

Da dachte ich: Das ist es doch! Das ist ein Abschlussball! Das ist der letzte Ball. Und dann hatte ich die Idee und mir gesagt: Okay, das wird mein Bestatter machen, immer wenn er Geld hat. Und zwar unabhängig davon, wer da bestattet wird. Da kommen die ganzen Nutten, Grattler, Dirnen und Armen der Stadt zusammen. Die kriegen das schon mit. Da gibt es gutes Essen, da gibt es eine Band. Da feiern sie, dass sie irgendwie noch am Leben sind. Da betrauern sie einen der ihren. Und die beiden Abschlussbälle umfassen im Buch ich weiß nicht wie viele Seiten, mit der Rede, mit der Musik, mit der Band. Ich konnte mir das wunderbar ausmalen.

Und so hatte ich die beiden Feste des Romans, die beiden Fixpunkte. Dann kamen immer mehr Ideen. Dann musste ich meiner Hauptfigur eine schöne Geschichte, ein schönes Abenteuer schreiben, über das wir gerne sprechen können, ohne zu viel zu verraten.

literaturcafe.de: Wie viel hast du weggelassen?

Jess Jochimsen: Sehr viel. Extrem viel. Also von allen Seiten sehr viel. Klar, die Musik war wichtig, dass es klingt beim Lesen. Ich bin Musiker, und es bringt nichts, in einem Buch irgendwelche Noten zu drucken oder Tonfolgen zu schreiben. Das muss auch ein musikalischer Laie verstehen können.

literaturcafe.de: Hast du das austarieren müssen? Ich bin kein Musiker …

Jess Jochimsen: Ja, aber es hat geklungen.

literaturcafe.de: … und es hat auch für mich funktioniert.

Jess Jochimsen: Das musste musikalisch stimmen. Es macht aber keinen Sinn, ständig zu schreiben: »Und dann kam dieser Quartsprung von C runter auf …«. Das klingt nicht. Wenn man aber sagt: Da ist diese Akkordfolge, die man Neapolitaner [11] nennt und die immer eingesetzt wird, wenn man weint. Und dann schreibt man es mit wenigen Adjektiven – aber plastisch.

Da ist dieser Geiger, der im Buch eine große Rolle spielt. Irgendwann hört er auf zu spielen, sondern beginnt nur noch auf seiner Geige zu klopfen und zu kratzen. Man merkt, das ist nicht nur eine schöne Melodie, sondern die Musik illustriert das Leben und den Tod. Da muss ich in das Atonale gehen und laut werden und leise werden bis die dann alle heulen. Das war mir sehr wichtig. Aber es war mir eben auch wichtig: Was ist mit diesem Marten, der diesen Job halt so ausübt, so gut er es kann?

Bravo, Maestro! Das Buch »Abschlussball« von Jess Jochimsen [12]

literaturcafe.de: Lass uns an dieser Stelle nochmal über Helene Fischer sprechen, die du eingangs schon erwähnt hast. In meiner Buchkritik habe ich geschrieben, dass du mit Würde selbst über die Schlager von Helene Fischer schreiben kannst [1]. »Atemlos durch die Nacht« ist bei einer Beerdigung ein bisschen merkwürdig. Darüber zu lästern ist einfach. Du schaffst es aber, über diesen Helene-Fischer-Song ganz anders zu schreiben.

Jess Jochimsen: Ansonsten macht das auch keinen Spaß.

Eines muss man wissen: Die Leute wünschen sich zwar so ein Lied, weil beispielsweise der Opa das halt so gern gehört hat. Also wird das gespielt.

Aber von Anfang an ist klar: Es wird ja nicht gesungen. Es ist ein Soloinstrument, eine leise und zart geblasene Trompete. Oder eine noch leisere, sauber gespielte Geige. Da allein muss man schon weinen, egal welche Melodie. Und da sich die Strophen nicht beliebig wiederholen können, weil es immer dasselbe ist, da der Text fehlt, wird improvisiert. Es werden Variationen über die Ausgangsmelodie gespielt.

Im fortgeschrittenen Teil des Buches muss Marten mal einspringen, und dann wird natürlich wieder mal »Atemlos durch die Nacht« gewünscht, und er kann es eben nicht vom Text her interpretieren, sondern wirklich nur von der Musik. Und weil der ja ein C- Dur-Jünger ist …

literaturcafe.de: … also auch hier das Einfache.

Jess Jochimsen: Immer das Einfache. Immer die einfachen Sachen. Er spielt das und ärgert sich selbst, dass die Leute sofort weinen, obwohl es ein Gassenhauer ist. Dass es eigentlich immer das Gegenteil dessen ist, was das Lied erzählt. »Atemlos durch die Nacht« ist kein Abenteuer, sondern die Melodie ist eine abfallende C-Dur-Tonleiter. Die geht immer (singt die Melodie von »Atemlos durch die Nacht«/Hörausschnitt unten). Es ist eine ganze C-Dur, es geht immer nach Hause, es geht immer zum Grundton. Da gab es tatsächlich auch viel Lob von musikwissenschaftlicher Seite in den Kritiken. Einfach ein geordneter Rückzug, brav, immer nach Hause.

https://www.literaturcafe.de/wp-content/uploads/jess_atemlos_beispiel.mp3 [13]

Immer nach Hause: Atemlos durch die Nacht (Ausschnitt aus dem Interview)

Diese Musiker am Grab, die guten unter ihnen, schaffen es jedes Mal, dem letzten Mainstream-Hit Würde abzutrotzen. Denn es ist ein Wunsch, egal wer ihn geäußert hat. Die Leute weinen, haben Tränen in den Augen. Es ist das, was Beerdigungen greifbar und emotional macht. So eine Rede – wobei ich sie mag, die Reden in dem Buch –, so eine Rede ist oft eine Aufzählung über die Toten. Nichts Schlechtes über die Toten – de mortuis nihil nisi bene. Ich glaube, es hat viel damit zu tun, dass es ein bisschen Würde kriegt.

Und in dem Moment wird es plastisch, und es wird eine Geschichte. Dann konnte man natürlich auch sehr viel weglassen. Das waren viele Stilübungen. Bei Marten war mit irgendwann klar: Ich brauche eine Geschichte. Er wird aus seiner Lethargie herausgeholt, weil es ein Schulkamerad ist, der einen Abschlussball kriegt, und früher eigentlich ein Star war, der Alleskönner, Musterschüler. In der Zwölften ist er dann von der Schule und ward nie wieder gesehen. Er scheint in diesen nebulösen erdabgewandten Teil der Stadtstreicher abgedriftet zu sein. Man weiß es eben nicht so genau.

Marten spielt zum ersten Mal für jemanden, den er kennt, und findet zu allem Überfluss nach diesem Riesenabschlussball die EC-Karte des Toten. Damit wäre die Geschichte eigentlich fertig, würde er nicht diese EC-Karte einfach mal in den Kontoauszugsdrucker stecken. Dadurch erfährt er nichts, sondern nur, dass von diesem Konto das Geld für diese Abschiednahme bezahlt worden ist. Und dass es 3 Euro 45 im Minus ist. Zum ersten Mal in seinem Leben tut Marten etwas: Er findet, dass es nicht sein kann, dieses Minus von 3,45 Euro. Das kann nicht das sein, was von einem Leben übrig bleibt. Und so überweist er per Online-Banking einfach 3 Euro 45 mit dem Betreff: Damit alles seine Ordnung hat.

literaturcafe.de: Er gleicht das Konto auf null aus.

Jess Jochimsen: Genau. Doch dann kriegt er wahnsinnig viel Geld überwiesen, vom wem auch immer. Und das ist dann das Spannungstreibende. Wer ist es? Ist der ehemalige Schulkamerad vielleicht gar nicht tot? Könnte es da Hinterbliebene geben? Es geht um viel Geld.

Das ist auch so eine Beobachtung, die ich spannend finde: Das ist halt Sparkasse, da kann man 140 Zeichen eingeben im Online-Banking. Das ist ein Tweet. Also ein Tweet für ganz Blöde quasi, weil es Geld kostet. Immer. Und man erreicht nur eine Person. Das finde ich auch literarisch wahnsinnig spannend, dass du sehr prägnant schreiben musst. Marten weiß bei jeder Überweisung: Sie hat einen Wert. Jeder Satz, jede Frage, was immer du da reinschreibst, hat einen Wert. Ein Cent im geringsten Fall. Wie hoch kann man gehen? All In, was auch immer. Und diese Kommunikation durchzieht dann den Roman bis zum Ende.

literaturcafe.de: Lass uns ein bisschen über dein Schreiben reden. Du hast, wenn man es rein brutto betrachtet, zwölf Jahre für diesen Roman gebraucht. Tatsächlich ist es dein zweiter Roman. Es gibt zwar einige Bücher von dir mit Fotos, Kurzgeschichten [14] und solchen Dingen. Aber »Abschlussball« ist dein zweiter Roman. Dein erster war »Bellboy«. Vor zwölf Jahren haben wir uns darüber unterhalten [15]. Nun hast du sicherlich keine zwölf Jahre am neuen Roman gearbeitet. Wann hast du denn Zeit gefunden, »Abschlussball« zu schreiben? Du bist als Kabarettist [16] viel, viel auf Bühnen unterwegs, in vielen Hotels …

Jess Jochimsen: Na ja, von irgendwas muss man ja leben. So geht es schon mal los. Die wenigsten Schriftsteller und Schriftstellerinnen in Deutschland können wirklich vom Schreiben leben. Und von den Bücherverkäufen schon mal nicht. Die leben von Stipendien, von Aufenthaltsstipendien, von Preisen. Das ist die Welt, in der ich mich nicht bewege.

Ich bin unterwegs und spiele meine Lieder und mache mein Kabarett. Die Bühne liebe ich schon sehr.

Bei dem ersten Roman war es schon so, dass ich unglaublich lange gebraucht habe damals. Das war ein Wunsch: Einmal in meinem Leben möchte ich diesen Roman schreiben. Das war sehr viel Arbeit, und ich musste das ja quasi vorfinanzieren. Von den Vorschüssen konnte ich es nicht machen. Und ich habe danach dann noch mal vier Bücher geschrieben. Einen Monolog, ein Theaterstück, einen Band mit Geschichten. Auch in den Fotobüchern [17] finden sich Texte. Das war schon Arbeit – und das neben dem Kabarett.

Irgendwann war das dann so weit im Kopf, dass ich gesagt habe: Okay, jetzt setze ich mich noch mal dran. Und dann habe ich gezielt die Tourneen so gelegt, dass ich eine fette Tournee hatte, Geld sparen konnte, um dann wieder einen Sommer lang oder drei, vier Monate am Buch zu schreiben – und zu scheitern. Das Ganze im nächsten Jahr noch mal zu wiederholen. Und dann hat es noch mal ein bisschen gedauert, bis der Vertrag unter Dach und Fach war.

literaturcafe.de: Zu scheitern heißt, du bist den Roman mehrfach angegangen?

Jess Jochimsen: Ich habe tatsächlich zunächst einmal angefangen und musste den Text ein Jahr liegen lassen. Weil ich in die falsche Richtung ging, musste ich noch mal umbauen.

literaturcafe.de: Warum?

Jess Jochimsen: Ich hatte ein bisschen zu kompliziert gedacht, zu Deutsch geschrieben. Die Geschichte, also die Erzählzeit, in der das ganze Abenteuer passiert, wurde immer wieder unterbrochen von Rückblenden. Die Testleser und Freunde haben gesagt: Immer wenn es spannend wird, kommt eine Rückblende. Und wenn es in den Rückblenden richtig spannend wird, dann kommt wieder die Geschichte.

Da ist mir aufgefallen, warum das in diesen ganzen großen Creative-Writing-Workshops keiner macht. Wenn du dir Franzen [18] anschaust oder J. D. Smith: Die schreiben fünfzig Seiten, dann kommt ein richtiger Konflikt und da kommt eine lange Rückblende, wie der Protagonist wurde, wie er ist. Und dann wird die Geschichte zu Ende erzählt.

literaturcafe.de: Genauso so hast du es dann auch gemacht.

Jess Jochimsen: Ich habe gedacht: Das ist kein Zufall. Und ich habe gedacht: Ich muss es jetzt probieren. Es hat mich zwar ein halbes Jahr gekostet, aber es hat bombastisch funktioniert. Es ist sinnvoll, spannende Geschichten am Stück zu lassen, dann nochmals zu komprimieren und die Querverbindungen zu suchen. Irgendwann wurde es eine Komposition.

Und dann natürlich noch die Lieder. Da musste viel überarbeitet werden, damit wirklich alles stimmt. Ich wollte eine Dramaturgie, die am Schluss wirklich greift. Von der man sagt, es kann gar nicht anders aufgebaut sein. Das dauert dann eben lange. Da muss man Geld verdienen, denn ich habe Kinder [14], ich habe zu tun. Da kann ich leider nicht immer schreiben. Es ist auch eine einsame Sache, das Schreiben. Ich schaffe das nicht jedes Jahr, glaube ich.

literaturcafe.de: Also wird es wieder länger dauern, bis der nächste Roman kommt?

Jess Jochimsen: Ich weiß es nicht. Jetzt muss ich ein Kabarett-Programm ausarbeiten, weil ich da Bock darauf habe und weil ich finde, dass die Zeiten so sind, dass man ein bisschen eingreifen sollte. Der Kampf um unsere offene Gesellschaft lohnt sich, wir haben da etwas zu verteidigen. Das geht für mich in der direkten Form auf Bühnen, da kann ich auf Demos spielen, da kann ich mich einmischen. Ist für mich gerade das Bessere, das fühlt sich gerade besser an. Aber ich werde bestimmt wieder etwas schreiben.

literaturcafe.de: Dein Roman ist da ein Gegenentwurf, denn er ist kein politischer Text.

Jess Jochimsen: Er wird interessanter Weise sehr politisch rezipiert. Dieser bewusste Verzicht von Marten hat etwas extrem Antikapitalistisches. Dass jemand sagt: Ich brauche nicht so viel. Ich brauche das alles nicht, um glücklich zu sein. Wobei er es lange nicht ist. Aber die Faszination, wenig zu besitzen, ist schon da. Gerade bei denen, die viel besitzen im Überfluss.

Der Roman wird ebenfalls schön rezipiert – was mich sehr freut – in der ganzen Gentrifizierungsdebatte. Marten lebt wirklich in so einer Hausmeisterkammer ohne Dusche, er geht halt viel Schwimmen. Er hat ja auch eine Vermieterin, die ganz rührig ist. Sodass den Leuten klar wird, dass uns da auch etwas abschifft.

Der Roman hat eine große, große politische Dimension, die natürlich überhaupt nicht aufgesetzt ist oder so was. Das wollte ich verhindern. Der soll ein bisschen zeitlos sein mit einer Geschichte, die die Leser spannend finden.

Vielleicht klang es ein bisschen schwer, was wir hier alles diskutiert haben, denn »Abschlussball« ist schon ein amtliches Abenteuer.

literaturcafe.de: Du liest heute Abend. Gehst du auch auf Tour mit dem Buch, also mit der Lesung?

Jess Jochimsen: Nein. Natürlich bei temporären Einladungen schon. Also zur Frankfurter Buchmesse mache ich was. Und tatsächlich auch in so einem Philosophenkeller in München zusammen mit diesen Trauermusikern. Das wird noch eine größere Geschichte. Aber ansonsten ist es tatsächlich so, dass ich den Text natürlich dabei habe, wenn ich auf Tour bin, und die Leute das dann sehr oft kaufen, weil es etwas anderes ist als das, was sie gerade auf der Bühne gesehen und gehört haben.

literaturcafe.de: Du hast mir im Vorfeld schon gesagt, dass du aufgeregt bist und schauen musst, was du heute Abend lesen wirst. Denn den ganzen Roman kann man an einem Abend nicht präsentieren.

Jess Jochimsen: Man sollte ihn selbst lesen. Ich glaube, man hat da Freude dran. Das ist schon so bisschen ein Buch, das ich auch selber gern lese, also die Art von Büchern. Ja, die glänzende Welt hat mich nie interessiert. Es ist schon immer die brüchige Seite des Lebens, die ich spannend finde.

literaturcafe.de: Ich bin jetzt gespannt auf deine Lesung hier heute Abend. Und wünsche dir sowohl heute Abend auf der Bühne viel Spaß als auch bei deinen anderen Aktivitäten. Du bist demnächst zu Gast in der Sendung »Die Anstalt« im ZDF.

Jess Jochimsen: Ja, im September bin ich in der Anstalt, in der Woche vor der Wahl. Da bin ich auch schon aufgeregt.

literaturcafe.de: Und demnächst – also in zwölf Jahren – unterhalten wir uns dann über deinen dritten Roman.

Jess Jochimsen: Na, dieses Mal wird es schneller gehen, hoffe ich. Aber man weiß es nie. Man weiß es nie. Mal gucken, was der Verlag sagt.

literaturcafe.de: Vielen Dank für das Gespräch, Jess Jochimsen.

Jess Jochimsen: Abschlussball: Roman. Gebundene Ausgabe. 2017. dtv Verlagsgesellschaft. ISBN/EAN: 9783423281164. EUR 20,00 » Bestellen bei Amazon.de [19]
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