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Beitrag vom 1. September 2011 | Rubrik: Literarisches Leben, Literatur online

Interview: Fabian Neidhardt ist der Gewinner des 3. Twitter-Lyrik-Wettbewerbs

Fabian Neidhardt (Foto: CC by-nc-sa Vogelscheuche dead-hands.de)

Fabian Neidhardt (Foto: CC by-nc-sa Vogelscheuche dead-hands.de)

Es ist so weit: Die Jury hat den Gewinner des 3. Twitter-Lyrik-Wettbewerbs von BoD und literaturcafe.de ermittelt.

Der 1. Preis geht an Fabian Neidhardt aus Stuttgart. Herzlichen Glückwunsch!

Gleichzeitig ist ab sofort das Buch mit allen Teilnehmer-Tweets 2011 im Buchhandel erhältlich. Die Einnahmen aus dem Buch kommen den Katastrophenopfern in Japan zugute.

literaturcafe.de-Herausgeber und Jury-Mitglied Wolfgang Tischer hat sich mit dem Gewinner Fabian Neidhardt unterhalten.

Doch hier ist zunächst einmal Fabian Neidhardts Gewinner-Tweet, den er unter @jahfaby getwittert hat:

Sehe Bilder aus Japan, bin erschüttert und denke: Was für ‘ne Scheiße. Finde kein Bier im Kühlschrank, bin erschüttert und denke dasselbe.

Auf twitter-lyrik.de finden Sie alle diesjährigen Wettbewerbseinreichungen, die Jury-Begründung und die Bestellmöglichkeiten für das 3. Twitter-Lyrik-Buch, dessen Einnahmen für die Katastrophenopfer in Japan gespendet werden.

Interview mit Fabian Neidhardt

literaturcafe.de: Lieber Fabian Neidhardt, herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des 3. Twitter-Lyrik-Wettbewerbs. Dein Tweet war für das Thema »Japan« sehr sarkastisch und sicherlich nicht das Übliche, was die Leute erwarten würden. Gerade das hat uns als Jury gefallen. Wie entstand das Gedicht? Hast du es extra für den Wettbewerb geschrieben?

Fabian Neidhardt: Ja, diesen Text habe ich extra für den Wettbewerb geschrieben und er sollte irgendwo die Schnelllebigkeit unserer Welt einerseits, aber auch die Abgestumpftheit der Menschen andererseits zeigen. Ich glaube, der Text ist leider gar nicht so sarkastisch, wie ich es gern hätte. Ich habe die Ahnung, dass es für viele Menschen genauso abgelaufen ist. Aber das würde natürlich nie jemand zugeben. Genau das macht ja den Reiz aus: Das auszusprechen, was alle wissen.

literaturcafe.de: Hast du dir Chancen auf den Gewinn ausgerechnet?

Fabian Neidhardt: Ich habe gehofft, aber das tut wohl jeder, der mitgemacht hat. Aber tatsächliche Chancen eher weniger, denn einerseits ist es eher eine Form von Kürzestprosa, als von Lyrik und andererseits fällt es tatsächlich ein wenig aus der Rolle. Normalerweise fallen solch quere Sachen zwar erst auf, dann aber unter den Tisch, wenn es um die Preisvergabe geht.

literaturcafe.de: In deinem Twitter-Feed sehe ich kaum Gedichte. Ist die Lyrik mit maximal 140 Zeichen für dich eine ernst zu nehmende Form?

Fabian Neidhardt: Wenn ich unter »Lyrik« jedwede Form der literarischen Kunst verstehen darf, dann ja. Mit der Lyrik im eigentlichen Wortsinn habe ich immer wieder meine Probleme, egal wie kurz oder lang sie ist. Aber Literatur in kürzester Form ist eine extrem spannende Sache. Hemmingway schrieb gerne Kürzestgeschichten, eine bekanntere von ihm ist: »For sale: Baby Shoes. Never worn.« Mit wenigen Worten in Menschen eine Resonanz zu erzeugen, ist eine spannende Sache. Deshalb versuche ich immer wieder, meine Texte auf 140 Zeichen zu kürzen, also die Idee einer Geschichte auf die Essenz zu bringen. Je weniger Worte, desto mehr Platz für die eigene Fantasie in jedem einzelnen Kopf.

literaturcafe.de: Tatsächlich bist du literarisch und künstlerisch sehr aktiv. Du betreibst »Straßenpoesie«, indem du wildfremden Menschen leere Postkarten in die Hand drückst, die du später mit einer alten mechanischen Schreibmaschine beschreibst. Wie muss man sich das genau vorstellen und wie kamst du auf die Idee zu diesem Projekt?

Das 3. Twitter-Lyrik-Buch ist ab sofort im Buchhandel erhältlich

Das 3. Twitter-Lyrik-Buch ist ab sofort im Buchhandel erhältlich

Fabian Neidhardt: Der Plan ist, wenn ich mich traue, mich mit eben dieser Hermes Baby- einem Wunderwerk an Technik, nicht nur nach meiner Meinung – in die Fußgängerzonen Deutschlands zu setzen und den Menschen Straßenpoesie zu tippen. Heißt: Sie schreiben auf die Vorderseite einer Karte ein Thema / ein paar Worte und ich tippe dann innerhalb von 10 bis 20 Minuten eine Geschichte auf die Blankorückseite. Poesie to go, sozusagen. Und auf die Idee kam ich nicht selbst. In Amerika, besonders in San Francisco, gibt es einige Menschen, die Texte für Passanten tippen. Ein Freund erzählte mir davon, als ich ihm voller Begeisterung die Schreibmaschine zeigte und die Idee faszinierte mich sehr. Unter Druck auf extrem limitierten Platz zu schreiben, ohne Möglichkeit, Text, einmal getippt, nochmal zu ändern – das ist eine Herausforderung, die ich gerne immer wieder annehme. Soweit ich weiß, gibt es in Deutschland noch keinen anderen Straßenpoeten.

literaturcafe.de: Wo kann man dich denn mit deiner Schreibmaschine antreffen?

Fabian Neidhardt: Wahrscheinlich immer dort, wo ich gerade weile. Häufig im Umkreis von Stuttgart, da ich ja am Rand des Kessels lebe. Aber ehrlich gesagt habe ich mich noch nicht wirklich getraut, mich tatsächlich auf die Straße zu setzen. Bisher habe ich Straßenpoesie immer nur auf Ausstellungen und Events produziert, da ist die Schwelle nicht so hoch, wenn man sich dann im Kreise anderer Künstler befindet. Aber die Fußgängerzonen kommen auch noch! Eine Straßenpoesie-Tour wäre toll.

literaturcafe.de: Neben dieser »analogen« Form bist du im Netz sehr aktiv. Unter anderem hast du auch den kompletten Roman »Little Brother« von Cory Doctorow in der deutschen Übersetzung eingelesen, den es kostenlos zum Download gibt. Was bringen diese Online-Aktivitäten? Wo ist für dich der Reiz zwischen Online und Offline?

Fabian Neidhardt: Wolfgang, du als Herausgeber des literaturcafe.de fragst mich, was diese Online-Aktivitäten bringen?

literaturcafe.de: Natürlich, denn jeder sieht das anders.

Fabian Neidhardt: Spaß ist wohl eine der ersten Punkte. Es macht Spaß aus 0 und 1 tolle Dinge zu bauen. Resonanz ist ein weiterer Punkt. Durch das Internet kann man extrem viele Menschen erreichen und ansprechen. Oder eben angesprochen werden. Viele Kontakte, nein, sagen wir: Freundschaften – im alten Sinn – sind durch das Internet entstanden. Und der Reiz zwischen Online und Offline liegt in dem Verschwimmen der Grenzen dieser beiden Gebiete. Es ist toll, wenn jemand im Auto vor dem Supermarkt sitzenbleibt, weil ich ihm gerade eine spannende Stelle aus »Little Brother« vorlese. Die digitale Welt ist doch durch Smartphones, Audioplayer und eBook-Reader immer mehr verzahnt mit der Analogen. Je mehr diese Grenze verschwimmt, desto besser. Ich lebe in einer Welt, in der ich auf einer Schreibmaschine getippte Texte innerhalb von Sekunden Menschen in, sagen wir Austin, Texas zeigen kann. Das ist doch unglaublich. Faszinierend.

literaturcafe.de: Wir danken dir stellvertretend für die, die in diesem Jahr beim Wettbewerb mitgemacht haben, denn es ging diesmal »nur« um Ruhm und Ehre. Das Preisgeld und die Einnahmen aus dem Buch werden von den Veranstaltern zugunsten der Katastrophenopfer – speziell der Kinder – in Japan gespendet. Aktuell leben in Japan noch 85.000 Menschen in Notunterkünften, viele davon werden nie in ihre Häuser zurückkehren können. In den Medien hierzulande tauchen Nachrichten von dort kaum noch auf. Eine ehrliche Antwort: Spielt die Katastrophe in Japan in deinem Denken noch eine Rolle oder ist die Situation vor dem Kühlschrank wichtiger?

Fabian Neidhardt: Zuerst: Nicht den Autor mit dem Erzähler gleichsetzen. Ich trinke kein Bier. Aber ansonsten geht es mir leider fast so, wie beschrieben. Wenn ich nicht gerade Freunde treffe, die noch Verwandte in Japan haben, oder eine rote Sonne auf weißem Hintergrund sehe, dann wird diese Katastrophe durch die nächsten Katastrophen verdrängt, dabei ist egal, ob das eine welterschütternde globale ist, oder meine kleine, ganz persönliche Katastrophe vor dem Kühlschrank.

literaturcafe.de: Lieber Fabian, vielen Dank für dieses Interview!

Fabian Neidhardt: Lieber Wolfgang, vielen Dank für den ersten Platz und dieses Interview, es hat mich sehr gefreut, dir ein paar Fragen beantworten zu dürfen. Und ich freue mich auf den nächsten Wettbewerb!

Twitter-Lyrik 3: Mehr Gedichte mit (maximal) 140 Zeichen, Beiträge aus dem Twitter-Lyrik-Wettbewerb von Literaturcafe.de und BoD. Broschiert. 2011. Books on Demand. ISBN/EAN: 9783844861877. EUR 9,80 (Bestellen bei Amazon.de)

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1 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Baaam Daaam schrieb am 2. September 2011 um 13:32 Uhr

    Eine super Idee sowas. Da sieht man auch das Medium für Lyrik ist einem Wandel unterzogen. Ich habe schon mal etwas von einem Projekt gehört. Da übersetzt man Weltliteratur in Twitternachrichten. Etwas schwierig zu erklären. Wirklich witzig. Und es gibt ohnehin zu wenig Menschen die noch Lyrik lesen. Vielleicht bringt man so diese Gattung wieder groß raus, sie ist es wert.

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