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Beitrag vom 4. August 2010 | Rubrik: Literarisches Leben, Literatur online, Schreiben

Interview: Das Geheimnis um Twitter-Lyrikerin @Nanuscha ist gelüftet

Nina Weber (Foto: Seashell Productions)

Nina Weber (Foto: Seashell Productions)

Am 21. März 2009 hatte sie sich bei Twitter unter dem Namen @Nanuscha angemeldet und nur einen einzigen Tweet verfasst. Es war ein Gedicht, das sie zum 1. Twitter-Lyrik-Wettbewerb einreichte. Sie schrieb genau 137 Zeichen: es ist kristallklar und still/ein Kreuz, ein Zaun,/die Spitzen pietätvoll zugeschneit/während Elstern/auf einem Hasen sitzen/und fressen

Das Werk überzeugte die Jury, die unter anderem feststellte: Ein im besten Sinne poetisches Werk, das nachwirkt, indem es beschreibt und nicht doziert. @Nanuscha gewann den 1. Twitter-Lyrik-Preis und somit auch einen iPod touch.

Doch @Nanuscha meldete sich nicht und blieb ein Phantom. Gerüchte um ihre Identität entstanden. Hatte sich jemand einen Spaß erlaubt? Doch wer würde freiwillig auf den iPod verzichten?

Und plötzlich, über ein Jahr später, meldete sich @Nanuscha erneut mit einem Tweet.

Ich habe gerade erst gesehen, dass ich den Twitter-Lyrikwettbewerb gewonnen habe … 2009. Ich war wohl zu sehr in meinem Roman vergraben, schreibt sie am 10 Juni 2010. Mittlerweile war bereits die Gewinnerin des 2. Twitter-Lyrik-Wettbewerbs gekürt.

Es wird also Zeit, das Geheimnis aufzuklären. Wir haben uns mit @Nanuscha unterhalten, die im wahren Leben Nina Weber heißt.

Das literaturcafe.de: Wer steckt hinter Nanuscha?

Nina Weber: Normalerweise steckt Nuscha eher hinter mir: Es ist eine Koseform meines Vornamens. Im »wahren Leben« bin ich Autorin und Schreibcoach und habe mich vor einiger Zeit mit der Textwerkstatt Seashell Productions selbstständig gemacht.

Das literaturcafe.de: Wenngleich ziemlich spät: Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des 1. Twitter-Lyrik-Wettbewerbs! Wie konnte es dazu kommen, dass du überhaupt nichts vom Gewinn mitbekommen hast?

Nina Weber: Ein Verlag fragte ein Jugendbuch bei mir an, ich begann, meine Seminare »Schreiben und Yoga« und »Schreiben am Morgen« vorzubereiten – und bin völlig in die Projekte abgetaucht. Ich bin auch davon ausgegangen, dass ihr mir schon sagen würdet, falls ich gewonnen hätte. Dass Twitter die Privatsphäre so ernst nimmt, hatte ich überhaupt nicht erwartet. Der Nachteil, wenn man unter Pseudonym schreibt (lacht).

Das literaturcafe.de: Weißt du noch, was dir durch den Kopf ging, als dir ein Jahr zu spät klar wurde, dass du bei einem Lyrik-Wettbewerb gewonnen hast?

Nina Weber: Ich wollte in einem Schreibkurs dieselbe Aufgabe stellen: ein Gefühl, eine Momentaufnahme auf 140 Zeichen zu komprimieren. Das Gewinnergedicht sollte mein Positivbeispiel für den Kurs sein – und ich starrte verdattert auf Eure Seite: »Den Text kennst du doch …!« Ich habe gestrahlt und konnte es gar nicht glauben, gleichzeitig war es mir unglaublich peinlich, dass ich das verschlafen hatte! Letztlich war es aber einfach wunderbar und gutes Timing: Ich habe die Nachricht vom Gewinn gefunden, als ich gerade aus dem Krankenhaus gekommen war und etwas Aufmunterndes gut gebrauchen konnte.

Das literaturcafe.de: Auf deiner Website www.seashell-productions.de lesen wir, dass du in Sachen Bücher sehr aktiv bist. Du gibst Schreibkurse, hast in namhaften Verlagen Kinderbücher und Ratgeber veröffentlicht. Eine interessante Kombination.

Nina Weber: Das zu schreiben, was ich selber gerne lese, ist etwas, das mich beim Schreiben anspornt – und vielleicht eine gute Erklärung für meine verschiedenen Themen. Journalistisches Schreiben wie beim Ratgeber und fiktionales Schreiben sind zwei ganz verschiedene Dinge, beides hat für mich seinen Reiz.

Inzwischen habe ich aber 8 Ratgeber/Sachbücher veröffentlicht – so langsam müssten meine Romane mal bei einem Verlag Fuß fassen, um nachzuziehen. Die große Klammer bei den fiktionalen Texten ist vermutlich Dark oder Urban Fantasy für Jugendliche und Erwachsene. Aber ich lese und schreibe auch gerne Unterhaltungsromane, ganz im hier und jetzt, dann mal ohne Elfen, Steampunk oder Magie.

Das literaturcafe.de: Welche Rolle spielen bei dir Gedichte?

Nina Weber: Mit 10 habe ich angefangen, Gedichte zu schreiben. Ein paar Jahre später habe ich 5 Gedichte bei »Jugend schreibt/NRW« eingereicht – und sie haben statt meines dunklen Teenie-Sturm-und-Drangs ausgerechnet mein allererstes Gedicht veröffentlicht, über einen Teddybären. Da bin ich als gothiger Teenie echt im Boden versunken. Ich muss grinsen, wenn ich da heute dran denke. Seit dem Studium schreibe ich meist Prosa und an Lyrik eher das, was man im Kreativen Schreiben »Krisengedicht« nennt. Es ist wie eine kleine Schreib-Therapie: Wenn du gerne schreibst, kann dir nichts so gut ein Ventil geben oder dich auffangen wie Lyrik oder Freewriting.

Das literaturcafe.de: Wie lange hast du an deinem Gewinner-Gedicht gefeilt? Oder entstand es eher spontan?

Nina Weber: Mich hat, neben dem iPod, die kleine Form gereizt: 140 Zeichen und Schluss. Die Motive des Gedichts hatte ich vor längerer Zeit festgehalten, nach einem Spaziergang. Als ich wusste: 140 Zeichen, keine Absätze, habe ich meine Notizen und Gedichte angeschaut, welche Bilder kraftvoll genug sein könnten, um in dem kleinen Raum rüberzubringen, was ich gesehen habe. Aber obwohl ich die Bilder vorliegen hatte, habe ich ein paar Stunden am Tweet gefeilt, bis er auch das rübergebracht hat, was ich gefühlt habe.

Das literaturcafe.de: Wird @Nanuscha weiter twittern? Oder gibt es einen Twitter-Account von Nina Weber?

Nina Weber: Ganz offiziell bin ich @seashellnina bei Twitter, verlinkt mit meiner Facebook-Page. Als Nanuscha würde ich weiter twittern, wenn ich es anonym machen könnte, losgelöst vom ersten Tweet. Bei Lyrik finde ich es ganz wichtig, dass sie für sich steht. Dass jeder Leser sich das aus dem Gedicht zieht, was er darin sehen mag.

Das literaturcafe.de: Dann weiterhin viel Erfolg bei deinen Aktivitäten und vielen Dank für das Interview!

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