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»In meinem Himmel« von Peter Jackson und Alice Sebold – Eine Film- und Buchkritik

Regisseur Peter Jackson und Darstellerin Saoirse Ronan am Set (Foto: Paramount)

Regisseur Peter Jackson und Darstellerin Saoirse Ronan am Set (Foto: Paramount Pictures)

Ein neuer Film von Peter Jackson über ein junges Mädchen, ein grausames Verbrechen und himmlische Gestalten läuft sein heute in den deutschen Kinos. Unweigerlich fällt einem Jacksons Film »Heavenly Creatures [1]« aus dem Jahre 1994 ein, der ihm den Weg nach Hollywood ebnete. Zwei Mädchen ermorden darin brutal die Mutter der einen, und die Schriftstellerin Anne Perry [2] outete sich nach diesem Film, dass es ihre wahre Lebensgeschichte sei.

Das aktuelle Werk »In meinem Himmel [3]« schmeckt trotz gleicher Zutaten anders. Wieder einmal hat sich Peter Jackson an eine nicht einfache Literaturverfilmung gewagt. Immerhin hat er mit »Der Herr der Ringe« ein Werk in die Kinos gebracht, das bis dato als unverfilmbar galt.

Die Story von »In meinem Himmel« (Originaltitel: »The lovely bones«) ist dagegen fast schon trivial. Alice Sebold landete mit dem gleichnamigen Roman [4] 2003 einen Überraschungserfolg. Sie schildert darin über einen Zeitraum von 10 Jahren das Leben einer Familie, nachdem die Tochter im Alter von 14 Jahren brutal vergewaltigt und ermordet wurde. Keiner der Familie wird dies jedoch erfahren. Für sie ist das Mädchen von einem Tag auf den anderen verschwunden. Das Besondere an diesem Buch: Sebold schildert die Handlung aus der Ich-Perspektive der ermordeten Susie Salmon, die alles aus einer Art Zwischenhimmel betrachtet.

Sollten Sie das Buch unlängst gelesen haben, wird es für Sie schwierig sein, den Film ohne den ständigen Buchvergleich zu genießen.

Handlungen gekürzt und Zusammenhänge verdichtet

Eigentlich sollte man Film und Buch nicht direkt vergleichen. Zu sehr müssen bei der visuellen Adaption Handlungen gekürzt und Zusammenhänge dramaturgisch verdichtet werden. Aus den zehn Jahren des Buches werden im Film nur ein paar Monate, die wiederum zu gut zwei Stunden Film werden. Dabei bleibt einiges auf der Strecke und die Buchleserin vermisst es schmerzlich.

Jackson, der sein Oeuvre mit blutigen Splatterfilmen wie »Braindead [5]« begann, die in der Szene längst Kult sind, schuf für den »Herr der Ringe« noch Orks mit Ekelfaktor, bei »In meinem Himmel« hält er sich bei der Gewaltdarstellung erfreulich zurück. Hier wird nur angedeutet, der Film hat in Deutschland die FSK-Freigabe ab 12, Blut ist nicht zu sehen.

Die Susie in Sebolds Buch schildert ihre Ermodung detaillierter, aber mit einer solch analytischen Distanz, wie es im Film nicht möglich gewesen wäre. Überhaupt ist die Film-Susie nicht die kühle, abgeklärte Beobachterin wie im Roman. Im Film muss sie erst mit der Erkenntnis fertig werden, dass sie für die anderen Menschen unsichtbar geworden ist und in »ihrem Himmel« lebt. Dafür interagiert die reale Welt stärker als im Buch mit dieser irrealen Zwischenwelt. Wenn Susies Vater in einem Anfall von Wut und Verzweiflung die gemeinsam mit seiner Tochter gebastelten Buddelschiffe gegen die Wand knallt, prallen in Susies Traumwelt lebensgroße Segelschiffe in überdimensionierten Flaschen an die Küste.

Bei Sebold ist dies nicht der Fall. In ganz seltenen Momenten bilden sich die Freunde oder Familie von Susie ein, sie zu sehen, doch ob dem wirklich so ist, bleibt für den Leser unklar. Alice Sebold hält sich mit Kitsch angenehm zurück, übertreibt es nur an einer Stelle zu arg, was fast dem ganzen Roman zum Verhängnis wird. Schade, dass Jackson just diese überzogene Stelle in seinen Film übernommen hat.

Gewaltige Handlungssprünge

Nicht nur für den Roman-Kenner hat Jacksons Film gewaltige Handlungssprünge, die dem Zuschauer nicht nahegebracht werden. Von einer Szene auf die andere erzählt beispielsweise Susies Off-Stimme vom Weggang der Mutter, die man plötzlich in einer Plantage Orangen pflücken sieht. Dieser Handlungssprung lässt dann auch ihre Rückkehr für den Zuschauer nicht ganz so emotional ausfallen.

Es beschleicht einen das Gefühl, dass es wie bei »Herr der Ringe« später eine 40 Minuten längere DVD-Fassung geben wird, in der dann dem Zuschauer plötzlich einiges klarer wird.

Die Farbwelt der 70er-Jahre

Cool as Klischee can: Susan Sarandon als hippe Großmutter

Cool as Klischee can: Susan Sarandon als hippe Großmutter (Foto: Paramount Pictures)

Visuell beeindruckt der Film. Hier sind nicht nur die traumartigen Sequenzen aus dem Zwischenhimmel zu nennen, sondern die Farbwelt der 1970er-Jahre, in denen der Film spielt, ist allgemein gut einfangen. Hier hat auch die Ausstattung ganze Arbeit geleistet, um stimmige und schöne Bilder zu schaffen. Dass dabei ein Eisentresor merklich schlecht digital animiert in eine Grube stürzt, sei verziehen.

Durchwachsene schauspielerische Leistungen

Bei den Darstellern, die gegen diese Bilderfluten anspielen müssen, sieht es da schon durchwachsener aus. Man fragt sich, warum Jackson Susies Vater mit Mark Wahlberg [7] besetzt hat, der seit jeher seine schauspielerische Karriere auf nur einem Gesichtsausdruck aufbaut und da auch für »In meinem Himmel« keine Ausnahme macht.

Keine Angst, wir verraten kein Geheimnis aus Film und Buch, wenn wir schreiben, dass Susies Mörder der alleinlebende Mann aus der Nachbarschaft ist. Weder Film noch Buch sind eine »Wer war’s?«-Geschichte. Susie kennt und nennt ihren Mörder gleich zu Beginn beider Werke.

Allerdings kommt der George Harvey im Film (gespielt von Stanley Tucci [8]) optisch und vom Verhalten dermaßen klischeeartig rüber, dass ihn wohl jeder Polizist schon mal prophylaktisch als Kinderschänder verhaften würde. Hart ins Klische schlittert auch die coole, rauchende Schwiegermutter. Nur der darstellerischen Leistung von Susan Sarandon [9] ist es zu verdanken, dass sie nicht ganz abdriftet. Auch diese Figur ist im Buch filigraner gezeichnet. Und Polizisten-Darsteller Michael Imperioli [10] übernimmt hoffentlich in der DVD-Bonusfassung eine größere Rolle – so es sie geben wird.

Brian Enos filmmusikalische Dutzendware

Filmplakat: In meinem HimmelEs muss noch die Musik erwähnt werden, denn kein Geringerer als Brian Eno [11] hat sie komponiert. Die Eno-Fans mögen mit Spannung ins Kino gehen, hat doch Eno bereits in den 1970er-Jahren legendäre Alben mit »Music for Films« geschaffen, zu denen es gar keine Filme gab. Doch leider enttäuscht auch Musik-Mastermind Eno, denn sein Akustikteppich klingt erschreckend triefend kitschig nach filmmusikalischer Dutzendware. Dass Jackson für den Film feine Musik-Stücke der 1990er-Jahre von den Cocteau Twins und This Mortal Coil [12] ausgegraben hat, ist hingegen wohltuend.

Fazit:

Die filmische Umsetzung des Romans von Alice Sebold ist Peter Jackson gründlich misslungen. Der Regisseur und Drehbuchautor Jackson macht daraus eine kitschige und rührselige Story, fernab der Poesie, die noch »Heavenly Creatures« ausstrahlte, und die höchstens die Liebhaber solcher Rührstücke begeistern wird.

Definitiv sollte man das Buch nicht vor dem Kinobesuch lesen, denn dann kann der Film nur verlieren. Oder man erspart sich den Kinobesuch und liest besser gleich das Buch.

»In meinem Himmel«, Drama, USA/Großbritannien/Neuseeland 2009, 136 Minuten, FSK: 12, Regie: Peter Jackson, Darsteller Saoirse Ronan, Mark Wahlberg, Rachel Weisz, Susan Sarandon, Stanley Tucci u. a., Musik: Brian Eno, Kinostart: 18. Februar 2010

Alice Sebold: In meinem Himmel: Roman zum Film. Taschenbuch. 2010. Goldmann Verlag. ISBN/EAN: 9783442470051
In meinem Himmel: Roman zum Film von Alice Sebold (12. Januar 2010) Taschenbuch. Taschenbuch. 1600.