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Im Internet gibt es keine Literaturkritik mehr

Amazon-RezensionNeuerdings wandert wieder eine Welle der Verwunderung [1] durchs Internet, die offensichtlich durch einen Spiegel-Online-Artikel [2] ausgelöst wurde. Dieser wärmt die bekannte Tatsache auf, dass man Rezensionen bei Amazon nicht immer glauben sollte.

Hinlänglich bekannt ist, dass viele Autoren positive Besprechungen über ihre eigenen Bücher schreiben. Ebenso unrühmlich bekannt ist der Fall des Rockbuch Verlags: Durch bewusst schlechte Kritiken auf Amazon wurde versucht, dem Verlag zu schaden. Auch Bernd Röthlingshöfer schilderte vor einiger Zeit [3], wie er wegen einer schlechte Besprechung zu leiden hatte. Er lässt deutlich durchblicken, dass er dem Rezensenten Absicht unterstellt.

Anlässlich der aktuellen Diskussion möchten wir nochmals [4] auf den etwas älteren aber lesenswerten Artikel »Der Troll als Leser [5]« auf telepolis.de hinweisen. Volker König schildert hier neben dem Rockbuch-Fall weitere interessante Ungereimtheiten bei Amazon-Buchbesprechungen, wie beispielsweise private Rezensionen, bevor ein Buch überhaupt im Handel erhältlich ist.

Ebenfalls erhellend sind in diesem Zusammenhang auch die Untersuchungen [6] von Professor Mikhail Gronas vom amerikanischen Dartmouth-College. Er hat mit einer speziellen Software Amazon-Kritiken ausgewertet. Er stellt fest, dass die Bewertung bestimmter Bücher relativ vorhersehbar ist, da sie eine spezielle Leserschaft und Fans anziehen, die zu gleichen positiven Bewertungen neigen. So ist es beispielsweise undenkbar, dass ein Harry-Potter-Band eine schlechte Durchschnittsbewertung erhalten wird. Interessant ist jedoch Gronas’ Feststellung, dass sich bei Büchern mit einer mittelmäßigen Durchschnittsbewertung diejenigen besser verkaufen, deren einzelne Besprechungen kontroverser sind.

Umgekehrt empfiehlt daher das literaturcafe.de gerade unbekannten Autoren nicht, das eigene Buch an Freunde und Bekannte zu verschenken und diese zu bitten, eine Besprechung auf Amazon zu schreiben. Ohnehin neigt dieser Personenkreis natürlich dazu, das Werk positiv zu beurteilen. Und so finden sich folgerichtig in diesen Besprechungen eher gefühlsmäßige Aussagen und Phrasen wie “Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen” oder unglaubwürdige Vergleiche wie “Spannender als ein Roman von Stephen King”. Die Motivation, ein Buch eines unbekannten Autors zu kaufen, das ausschließlich 5-Sterne-Wertungen besitzt, ist nicht sonderlich hoch, da hier jeder durchschaut, dass es Gefälligkeitskritiken sind.

Gronas hat auch den Inhalt der Kritiken analysiert. So findet er eher emotional gehaltene Besprechungen, die meist die Wirkung des Buches auf den Leser in den Vordergrund stellen und die Zeit betonen, in der das Buch gelesen wurde. Diese sind sprachlich meist einfacher gehalten. Dem gegenüber stehen die sowohl inhaltlich als auch sprachlich fundierten Kritiken. Es gebe, so Gronas, kaum Amazon-Besprechungen, die beides vereinen.

Buchbewertungen finden im Internet nicht nur bei Amazon und anderen Online-Shops statt. Doch auch an anderen Orten stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Literaturkritik im Netz. So betonte Jan Süselbeck von literaturkritik.de [8] zwar in der Sendung Blogspiel des Deutschlandradios [9], dass sich Literaturkritik online und offline nicht unterscheide, doch geht er hierbei sicherlich zu sehr von der eigenen Plattform aus, denn literaturkritk.de ist eng mit der Uni Marburg verbunden, und hier kann man sich eine gewisse Unabhängigkeit und Qualität bewahren. Dem gegenüber stehen Literaturportale, bei denen nicht immer klar ist, ob es sich um eine PR-Plattform für Verlage handelt, bei der letztendlich durch möglichst positive Besprechungen versucht wird, das Buch zu verkaufen, am besten gleich über den eigenen Link auf Amazon – Portale also, die eher die Qualität von Kundenzeitschriften wie Buchjournal [10] haben, in denen man nie einen Verriss lesen wird.