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Beitrag vom 30. August 2013 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Ilija Trojanow und Christian Muhrbeck: Mehr Bulgarien als im Baedeker

Wo Orpheus begraben liegt von Ilija Trojanow und Christian Muhrbeck»Der Weltensammler« aus dem Jahr 2006 hat ihn bekannt gemacht: Ilija Trojanow. Er schreibt über Reisen und Reisende. Zusammen mit Juli Zeh verfasste er zudem ein Buch gegen den Überwachungs- und Sicherheitswahn der Staatsmacht.

Ilija Trojanows Familie stammt aus Bulgarien. Dorthin reiste er mehrfach, und sein Buch »Wo Orpheus begraben liegt« erzählt von diesem Land am Rande Europas.

Von Christan Muhrbeck stammen die Fotos in diesem Buch, und Bernhard Horwatitsch hat es sich angesehen und gelesen.

***

Wenn das Virus der Rastlosigkeit von einem unsteten Menschen Besitz ergreift und die Straße, die in die Ferne führt, ihm breit und gerade und lockend erscheint, dann muss das Opfer zuerst in sich selbst einen guten und zureichenden Grund zum Aufbruch finden. Für den erfahrenen Tramp ist das kein Problem.

John Steinbeck, Die Reise mit Charley, in der Neuübersetzung von Burkhard Kroeber 2007

Und Ilija Trojanow ist ein erfahrener Tramp. Steinbecks Belehrung braucht er nicht. Einen Grund, nach Bulgarien zu reisen? Es ist sein Beginn. Das alte Thrakien. Die Wirkungsstätte von Orpheus (orphne, die Dunkelheit). Kalliope ist seine Mutter. Sie war die weiseste aller Musen und ihr Attribut ist die Schreibtafel. Orpheus trägt die Laier und ihm folgen die wilden Tiere, sogar die Bäume und die Steine.

…der Kleine sitzt den ganzen Abend da und schreibt alles auf, was so geredet wird, obwohl es gesagt wird, um vergessen zu werden, sonst hätten wir bald nichts mehr zu reden…

Und so ist das wohl geblieben. Inzwischen ist Trojanow viel rumgekommen. Seine Rückkehr in die alte Heimat wurde von Christian Muhrbeck mit einem herausragenden Auge für die Geschichten, die erzählt werden, fotografiert. Es geht um Außenseiter, Heimkehrer, Überlebenskünstler, einen Hundertjährigen.

Bildergalerie: Fotos aus »Wo Orpheus begraben liegt«

Wenn seine Frau lächelt, setzt sich die Landschaft in ihrem Gesicht fort erzählt Trojanow von Neda. Sie hält eine entsicherte Makarow-Pistole in der Hand. Wilderer haben es auf ihre Kühe abgesehen. Und Neda will keine einzige Kuh mehr verlieren. Mitten zwischen Bäumen in einem Provisorium, das auf Dauer ein Provisorium bleibt, lebt die Familie, hat seit Monaten keine Menschenseele mehr gesehen.

Die Donaufischer leben in Blechkästen auf vier Rädern, wobei die Räder längst weg sind. Und auch die meisten Fische. Die Bilder zeichnen Armut, aber auch Gemeinschaft. Wer arm ist, kann nur in der Gemeinschaft überleben. Es ist in Bulgarien eine andere Armut, als in Deutschland. Der Arme in Deutschland ist isoliert und inmitten der Reichtumsberge ein unangenehmer Sonderfall. Der Arme in Deutschland wird nicht wahrgenommen. In Bulgarien entkommt man dem Anblick der Armut nicht. Ohne es zu beschönigen, sind es doch schöne Bilder. Die Geschichten dazu sind traurig aber auch schön.

Die Geschichte vom Denkmalvordenker sticht etwas heraus. Es ist eine Art Manifest, in dem erläutert wird, dass das Land seine Entstehung der Gicht verdankt. Es erzählt die Geschichte von Konstantin IV, der im 7. Jahrhundert nach Christus das neu entstandene Bulgarenreich anerkannte.

Die Dale sind Zigeuner, die ihr Leben großenteils auf Müllbergen verbringen. Und Zanko ist der Orpheus unter ihnen. Er macht sich hübsch für eine Hochzeit, auf der er singen wird. Auf einer Hochzeit sind die Menschen großzügig, jeder steckt dem Sänger einen Schein zu, vor allem einer so imposanten Gestalt wie Zanko.

Der Hundertjährige wird beerdigt. Als Bankier zu Bett gegangen und als Buchhalter aufgewacht, und dann ist er als Buchhalter zu Bett gegangen und als Bettler aufgewacht. Das reicht, mehr müsst ihr Kinder gar nicht wissen. In dieser kleinen Geschichte wird die ganze Tragödie des Einfalls der Sowjetrussen erzählt. Und es ist so: Mehr braucht man wirklich nicht zu wissen.

Text und Bild finden zu einer Einheit. Und obwohl man gar nicht viel über Bulgarien erfährt, weiß man anschließend mehr über Bulgarien, als man wüsste, hätte man einen ausführlichen Baedeker gelesen. Die oft doppelseitigen schwarz-weißen Bilder sind nicht nur Textbegleitung. Der Text ist nicht nur Bildbegleitung. Also die Texte nicht bebildert und die Bilder nicht betextet. Die Einheit von Text und Bild entsteht auf den zweiten Blick. Man wird vielmehr angeregt, die Texte zu lesen, die Bilder zu betrachten und dann noch einmal die Texte in den Kontext mit den Bildern zu stellen und die Bilder in den Kontext mit den Geschichten, die uns Trojanow erzählt.

Es ist eine Art Parallelkultur sichtbar gemacht worden. Es ist nicht nur einfach ein Nebenher von archaischen Lebensmodellen in einer postsozialistischen Landschaft gezeigt und erzählt worden. Aus dem Gemenge entstand etwas eigenständig Drittes, das eben korrespondiert mit dem eigenständigen Dritten, das Muhrbeck und Trojanow aus dem Nebeneinander von Text und Bild gemacht haben. Schon das erste Bild, wenn man das Buch aufschlägt, zeigt, was ich meine. Es ist ein Bild in einem Bild. Man sieht eine Frau, die in einem zerfallenen Haus steht, im ersten Stock gewissermaßen. Wobei der Raum in dem sie steht offen ist. So steht die Frau da wie in einem Bilderrahmen. Ein Bild im Bild. Sie hält einen weißen Mantel hoch. Es ist ein Bild, das wie von Goya zu stammen scheint. Im nächsten Bild sieht man eine alte Frau, dunkel gekleidet. Neben ihr ein weißer Kühlschrank und auf dem Kühlschrank steht ein Fernseher. Sie blickt zu dem Fernseher. Das Sehnsuchtsmotiv doppelt sich dann noch in dem vernebelten Spiegel auf der Bildschirmfläche, wie eine ferne, träumerische Landschaft. Es lohnt sich also auch, die Details auf den Photographien anzusehen. So wie es sich lohnt, die Details der Geschichten zu erfassen und damit ein Netzwerk aus Bild und Text zu ergründen. Wenn ein alter Schafhirte – seine Schafe folgen ihm, wie die Tiere Orpheus folgten – durch eine verkommene Plattenbau-Landschaft wandert, seinen Hirtenstab eingeklemmt, dann öffnet sich ein Kosmos. Er zeigt, dass der Mensch auch nur ein Teil der Natur ist. Und die Natur holt sich alles wieder zurück. Der Mensch wird die so genannte Zivilisation überleben nur als Teil der Natur. Es war schließlich die herausragende Tat von Orpheus, allein zu Persephone durchzudringen, zu Persephone, der Fruchtbarkeitsgöttin. So ist die Lyra, der Gesang, ein Momentum der Fruchtbarkeit der Erde. Orpheus bekam seine Laier von Apollon geschenkt. Apollinisch ist Traum und Form und steht gegen das dionysische Rausch und Unform. Apollinisch ist die illusionäre Sicherheit. Dionysisch das Grausen. Das kontemplative Leben gegen das glühende Leben gesetzt. Erkennen gegen Schwärmerei.

Vielleicht sehen wir in den Bildern von Christian Muhrbeck die Rückkehr von Raum und Zeit in eine selbstvergessene und unmäßige Zivilisation. Eine Zivilisation, die im Rausch Müll und Dreck produzierte, der ausreicht, für ein Millennium Nüchternheit.

Bernhard Horwatitsch

Christian Muhrbeck, Ilija Trojanow: Wo Orpheus begraben liegt. Gebundene Ausgabe. 2013. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783446243415. EUR 24,90 (Bestellen bei Amazon.de)

1 Kommentar zu diesem Beitrag lesen

  1. Birgti Böllinger schrieb am 4. September 2013 um 06:39 Uhr

    Gute Rezension, trifft genau! Ich habe neulich an die beiden Burton-Bücher von Trojanow erinnert, vielleicht habt ihr auch mal Lust, vorbeizuschauen: http://saetzeundschaetze1.wordpress.com/2013/08/26/ilija-trojanow-und-richard-francis-burton-zwei-manner-ohne-grenzen/ LG Birgit

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