Hüllenlos: Pornofilter für den Kindle Paperwhite

Was liest du denn da auf dem Paperwhite? Ist es Werbung oder Lektüre?

Seit der neue, bessere Kindle Paperwhite in der günstigen Variante Werbung zeigt, muss man verdammt aufpassen. Legt man das Gerät achtlos beiseite, kann der literarisch ambitionierte Leser plötzlich unter Schnulzen-Verdacht geraten – wenn nicht noch schlimmer.

Amazon hat dem Gerät bereits einen »Pornofilter« verpasst, doch der wirkt nicht bei seichter Unterhaltung. Es wird Zeit, dass Amazon handelt, denn die Lektüre auf dem E-Reader macht es Angebern ohnehin schon schwer genug.

Nicht megacool, sondern groß und erschütternd

Da hat man sich doch gerade für unglaublich teure 17 Euro den neuen Ralf Rothmann auf den Kindle Paperwhite geladen, weil der in der bei echten Literaten präferierten Papierform bei Amazon gerade vergriffen ist. »Gewöhnlich versandfertig in 1 bis 3 Wochen« ist auf der Website des US-Händlers zu lesen. Das wiederum ist Mist, denn den neuen Rothmann finden gerade alle, die literarisch was auf sich halten, vollsupermegacool. In diesen Kreisen sagt man das natürlich nicht so. Doch die Feuilletons schwärmen. »Im Frühling sterben« muss man einfach gelesen haben, wenn man in den Theater- und Opernfoyers beim Smalltalk mitreden will. Man sagt natürlich nicht vollsupermegacool, sondern spricht von einem »großen, erschütternden Roman«.

Glücklicherweise können E-Books nicht vergriffen sein. Doch dummerweise kostet die elektronische Rothmann-Form nur 3 Euro weniger als die gedruckte. Sei’s drum.

Man lädt also runter und liest, legt den Paperwhite bei beginnender Ermüdung auf den Nachttisch – und wacht morgens vom gellenden Schrei der Ehefrau auf: »Was liest du denn da?!«

»Was liest du denn da?!«

Nachdem man die Brille gefunden und aufgesetzt hat, blickt man auf das Lesegerät – und darauf ist das weichgezeichnete und photogeshoppte Bild einer jungen Frau zu sehen, die mit lockiger Haarpracht verträumt in die Gegend blickt. Darunter Meereswellen, die sanft auf den Strand laufen. Hä?

Nach einer kurzen Verwirrung wird einem klar: Das ist Werbung! Um 20 Euro zu sparen, hat man die günstige Version des Paperwhite gekauft. Die zeigt im ausgeschalteten Zustand »Spezialangebote« an, weil es das Tolle an den E-Readern ist, dass sie auch dann noch was anzeigen können, wenn sie gar nicht benutzt werden. Für was da speziell geworben wird, das bestimmt Amazon. In diesem Fall war es die Romantik-Schnulze »Remember« von Izabelle Jardin. Ein E-Book, das – nebenbei bemerkt – nur 5 Euro kostet, aber fast doppelt so viele Seiten wie der neue Rothmann hat – und weitaus mehr positive Besprechungen bei Amazon.

»Das ist Werbung!«

»Das ist Werbung!«, ruft man der Ehefrau hinterher, die jedoch schon kopfschüttelnd das Schlafzimmer verlassen hat, als hätte sie unter dem Bett den Playboy entdeckt.

»Verdammt!«, denkt man. »Im Büro darf mir das nicht passieren, was sollen denn die Kollegen denken?« Und der Kauf einer Hülle für den Paperwhite wird immer wichtiger, um das Gerät zu verdecken. Oder bei Amazon anrufen und gegen einen Aufpreis die Werbung abschalten lassen? Warum war man so geizig und hat sich nicht gleich das Modell ohne »Spezialangebote« gekauft?

Dass man in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht sieht, was man auf dem Gerät konsumiert, kann Fluch und Segen sein. Zum Glück sieht niemand, dass man da heimlich »Grey« liest, nachdem man zuvor die »Shades of Grey« schon unbemerkt digital verschlungen hat.

Aber umgekehrt sieht dummerweise in der S-Bahn auch niemand, dass man literarisch voll im Trend ist, weil man den neuen Rothmann liest. Ein Umstand, über den sich bereits das US-Satiresite »The Onion« in einem Video lustig machte und den »Kindle Flare« (Blendgranate) entwickelte, der »lauter als ein Buchcover« verkündet, welches Buch man gerade liest.

Der neue Kindle Paperwhite 3 mit Werbung entwickelt sich tatsächlich zur invertierten Blendgranate, zumindest für die Leserinnen und Leser, die im seichten Lesewasser nicht gesehen werden wollen.

Dabei ist das »Remember«-Cover ja noch harmlos. Was passiert, wenn demnächst »Grey« auf Deutsch erscheint und es tatsächlich auf dem Gerät beworben wird? Noch härterer Stoff und nackte Brüste sind zumindest ausgeschlossen. Wenigsten einmal kann man der Prüderie der US-Konzernen dankbar sein.

So aktivieren Sie Amazons Filter für »Spezialangebote«

Tatsächlich besitzt der neue Kindle Paperwhite 3 bereits einen solchen »Pornofilter«, der natürlich nicht so heißt. Um ihn zu aktivieren, muss man sehr tief ins Menü des Geräts hinabsteigen. Man wählt im Hauptbildschirm die Einstellungen an, dann Geräteoptionen, Persönliche Einstellungen, Erweiterte Optionen und schließlich Spezialangebote. Sodann sieht man einen Software-Schalter, der mit »Spezialangebote filtern« bezeichnet ist. Er ist standardmäßig ausgeschaltet. Als Erläuterung ist zu lesen: »Sie können Angebote ausblenden, die Bilder oder Situationen enthalten, die möglicherweise nicht für jedes Publikum geeignet sind.« Lyrischer könnte der US-Konzern die Wirkungsweise nicht umschreiben.

Filter für »Spezialangebote« auf dem Kindle Paperwhite 3

Am Tag, als dieser Beitrag geschrieben wurde, hatte der Schalter jedoch keinen Einfluss auf die  zehn Angebote, die beim Ausschalten des Geräts auf dem Lesedisplay rotieren. Man darf gespannt sein, welchen Titel Amazon als erstes der Filterkategorie zuordnet. »Grey« dürfte – Achtung Wortspiel! – ein heißer Kandidat sein.

Filterpotenzial vorhanden

Natürlich verdient Amazon Geld mit der angezeigten Werbung. Zum einen indirekt durch Verkäufe, zum anderen direkt, indem Verlage für die Reklame zahlen. Doch der »Pornofilter« bietet Potenzial. Man könnte dem Leser oder der Leserin noch weitaus mehr Möglichkeiten geben, die Anzeige im ausgeschalteten Zustand zu beeinflussen. Der literarische Leser bekommt nur »literarische Werbung« angezeigt, die Liebhaberinnen von Frauenromanen sieht eher Leichteres. Gegen einen Aufpreis könnte dies auf Wunsch auch andersrum erfolgen: Wer auf dem Kindle Seichtes liest, könnte sich dennoch Werbung für Anspruchsvolles einblenden lassen, um die Kollegen zu beeindrucken, so wie man am Kiosk die BILD in die ZEIT wickelt – oder umgekehrt.

Überhaupt könnte der Kindle im ausgeschalteten Zustand auch einfach das anzeigen, was man tatsächlich gerade liest. Idealerweise könnte man sogar noch persönliche Anmerkungen hinzufügen, um Personen zu beeindrucken, die zufällig am ebenfalls wie zufällig abgelegten Gerät vorbeigehen: »Ich lese Katja Petrowskaja gerade zum zweiten Mal, um mir die Wartezeit auf den Roman von Dana Grigorcea zu verkürzen.«

Wolfgang Tischer

Damit kann es nicht passieren: Das Kindle Paperwhite-Modell ohne Werbung

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