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Wellers Wahre Worte am Café Tisch
März 2000 - Die monatliche Kolumne von Wilhelm Weller


»Ich glaub, hier bin ich wichtig«
Big Brother und der Planet der Gaffer
Wilhelm Weller

Es bahnt sich gesellschaftlicher Fortschritt mitunter in dunklen Ecken an, in Garagen etwa. Man denke nur an den kometenhaften und weltwandelnden Aufstieg des Bill Gates.
     In diesen Tagen werden wir Zeuge eines weiteren Aufbruchs zu neuen Horizonten - und auch dieser Aufbruch vollzieht sich in einer Ecke, die ein blasiertes Bildungsbürgertum als »Schmuddelecke« abtun will, im angeblichen Pfui-TV von RTL 2.
     Tatsächlich handelt es sich bei der ab dem 1. März täglich dort ausgestrahlten Sendung »Big Brother« um einen Meilenstein nicht nur der Fernsehgeschichte.

Mehr als 30 Jahre mussten vergehen, um wahr, radikal wahr zu machen, was der erste Kommunarde der Studentenbewegung, Dieter Kunzelmann, schon in den 60er-Jahren proklamierte: »Alles Private ist öffentlich!«
     Die wirklich legitimen Erben seiner urchristlich motivierten Berliner Kommune 1 sitzen nun in Köln - Hürth, in einem eigens für sie geschaffenen 153 qm großen Container - Domizil.

»Wollt ihr die totale Öffentlichkeit?« Ein einstimmiges Ja und Hurra soll während des Bewerber - Castings auf diesen Lockruf von RTL 2 erklungen sein. 28 Kameras und 59 Mikrofone werden für das umfassende Outing sorgen - keiner der neuen 10 Kommunarden muss sich länger einsam und allein fühlen.

»Seid getröstet, denn ich bin bei euch«, sprach der Herr und sprechen wir fernsehend zu diesen mutigen, offenherzigen Frauen und Männern, mit denen wir uns 100 Tage lang auch bei ihren kleinen und großen Geschäften brüderlich vereint wissen.

Eine spirituelle Erfahrung, die mit den Mitteln der modernen Medien und großer Breitenwirkung daherkommt, aber ganz in der Tradition klösterlicher Suche nach Gott und Erleuchtung steht.

Tatsächlich entspricht das Arrangement in Köln - Hürth altbewährten Standards und Exerzitien:
     Die Gemeinschaft der 10 weiß den Daumen hebenden oder senkenden heiligen Geist ihrer zu Hause am Bildschirm teilnehmenden Mitmenschen zwar jederzeit um sich, sie kann ihn anbeten oder anklagen, ein direkter Kontakt nach draußen ist ihr allerdings untersagt.
     »Keine Zeitung, kein Radio, kein Telefon und kein Fernsehen - volle Konzentration auf die Gruppe« - ein Gelübde, dessen Einhaltung RTL2 garantieren will.

Kennt man bei diesem zu Unrecht als Titten - TV geschmähten Sender die Worte des Therapeuten und spirituellen Mahners Osho Bhagwan?
     »Wir sind hier, weil es letztlich kein Entrinnen vor uns selbst gibt. Solange der Mensch sich nicht selbst in den Augen und Herzen seiner Mitmenschen begegnet, ist er auf der Flucht. Solange er nicht zulässt, dass seine Mitmenschen an seinem Innersten teilhaben, gibt es für ihn keine Geborgenheit. Solange er sich fürchtet, durchschaut zu werden, kann er weder sich selbst noch andere erkennen - er wird allein sein. Wo können wir solch einen Spiegel finden, wenn nicht in unseren Nächsten?«
     Wenn wir in den folgenden Wochen nur nah genug fernsehen, wird auch uns auf dem Bildschirm von »Big Brother« das eigene Spiegelbild erscheinen.
     Und mit wem auch immer wir uns bislang identifiziert haben mochten, mit Derrick, mit Harry, mit Mutter Beimer, Fred Feuerstein oder Wilhelm Wieben, endlich sind wir mit RTL 2 ganz bei uns angekommen: selbstgefunden und selbsterkannt im medialen Hier und Jetzt.

Wilhelm Weller


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