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Die See mit S
von Josef Mittermann

Schon wob die Dämmerung ihre blauen Netze und die Schatten marschierten in länger werdenden Kolonnen über die Landschaft des Schreibtisches, in der die Berge aus Papier waren. Aktenschränke gähnten ihre Langeweile in die letzte, öde Stunde der Zeit, die sich, angeekelt vom Staub alter Aktenbände, kaum selbst ertrug. Gebeugt saß die Gestalt an jenem Tische, schon im Schatten, bewegungslos. Nur die Hand malte selbstvergessen einen Buchstaben in die schneeige Weite eines Blatt Papiers. Wie die Schlange, welche die vertanenen Tage bewacht, wand sich dieses S unter der Spitze des Tintenstiftes. »Die See.«: murmelte leise die Gestalt und der Blick wanderte über das weite Land der Erinnerung zurück, an das felsige Gestade, an dem Wellen und Böen ihre Zähne schärften. Kies knirschte wieder unter Schritten, die schon lang verhallt und der kräftige Geruch von Salz und Tang vertrieb die trockene Muffigkeit, die zum Husten reizte. Gischt besprühte das Gesicht und tätowierte ihren Hauch von Salz in die Haut, die prickelnd erwachte, aus ihrem schlaffen Schlaf. Kleidungsstücke flatterten zu Boden, als wären es Falter, todmüde, auf dem Weg in die Vergänglichkeit. Schon kosten die Wasser den Leib mit ihren kühlen Fingern, als eine Stimme wie ein Klinge durch die Bilder fuhr und sie verbannte, zurück, in jenes Zauberlicht der blauen Dämmerung,
     »Einen schönen Abend, wünsch' ich noch.«

? 2002 by Josef Mittermann. Unerlaubte Vervielf?ltigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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