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Nur ein S?
von Christiane Steuper

Es war ein sonniger Morgen. Das S schlängelte sich durch die Straßen. Die warmen Strahlen des Goldballes am Himmel ignorierend, blickte es traurig zu Boden.
     Im Park begegnete ihm das M.
     »Warum bist du so traurig?«, erkundigte sich das M.
     »Ach, ich wäre so gern ein O«, seufzte das S.
     »Ein O?«, fragte das M ungläubig. »Aber das O ist groß und rund. Die Form vieler Frauen. Du bist schlank und kurvig. Der Wunsch jedes Mannes.«
     »Aber wäre ich ein O wäre es meine Aufgabe, dem Staunen Ausdruck zu verleihen. Wenn die Menschen etwas Wunderbares sehen, äußern sie begeistert: O!«
     »O«, machte das M mitleidig.
     Verwundert sieht das S zum ersten Mal vom Boden auf und blickt das M erstaunt an.
     »Kannst du das wiederholen?«, fragte es das M.
     Erstaunt kommt es seiner Bitte nach und sagte: »O.«
     »Nein, nicht so«, korrigierte das S. »Bitte noch mal mit diesem bedrückten Klang.«
     Das M sah stirnrunzelnd zum S und wunderte sich abermals.
     Bemüht um einen mitleidigen Ton gab es ein seufzendes »O« von sich.
     »Das ist herrlich. Ich wusste nicht, dass das O auch schwermütig klingen kann.« Fröhlich leuchten die Augen des S. »Danke schön.«
     »Gern geschehen.«
     Es dauerte nicht lange, da kam das S erneut vorbei. Es hatte zwei leckere Eistüten bei sich.
     »Warum bist du so traurig?«, erkundigte sich das S.
     »Ach, ich wäre so gern ein S.«
     Überrascht von dieser Aussage riß das S seine Augen weit auf.
     »Aber warum wärst du denn gerne ein S?«
     »Weißt du«, schmunzelte das M, »wäre ich ein S, so würdest du mir ein Eis reichen und sagen: Bitte, S.«

© 2003 by Christiane Steuper. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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