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Nächtliche Begegnung
von Ariane Reusch-Perez-Effinger

Nicolas schlief ganz fest, als er plötzlich ein lautes, polterndes Geräusch im Haus hörte. Er stieg in der Dunkelheit aus seinem Bett die hölzerne, knarrende Treppe hinab, um zu sehen, woher dieses Geräusch käme. Nun stand er in der Küche und spitzte die Ohren. Es war totenstill, beängstigend. Vielleicht hatte er nur geträumt, dachte er. Er trank schnell einen Schluck Mineralwasser und begab sich wieder nach oben.
     Als er die letzte Treppenstufe erreicht hatte, rief plötzlich jemand ganz laut und eindringlich seinen Namen »Nicolas!«. Nicolas sprang schnell die Treppe hinab. Vor ihm stand metergroÃ?, in der Küchentür, der Buchstabe A. Er leuchtete wie ein Heiligenschein und sprach: »Nicolas, du musst mir helfen!«
     Â»Was soll ich?«, stotterte, der neunjährige Junge.
     Â»Mir helfen, habe ich doch gesagt«, antwortete das A mit kraftvoller Stimme.
     Â»Ja, wobei denn, wie soll ich denn einem Buchstaben helfen?« fragte er ungläubig.
     Â»Ich will mich verstecken, ich will nicht mehr benutzt werden«, beklagte sich das A weinerlich.
     Nicolas dachte nach. »A ist doch ein schöner Buchstabe, der erste im Alphabet, wieso willst du dich verstecken?«
     Â»Millionen Male höre ich Amerika, Afghanistan, Amerika, Afghanistan und immer wieder, ich kann es nicht mehr hören!«
     Der Junge überlegte. »Naja, du willst dich verstecken, aber es gibt doch auch schöne Worte mit A oder?«
     Â»Meinst du das Wort Arsch, welches du öfter benutzt?«, fragte das A betont leise.
     Â»Nein, ich finde es ja auch doof, weiÃ?t du.« Plötzlich verstand der Junge das Anliegen des Buchstaben.
     Â»Verstecken ist nicht die Lösung«, stellte Nicolas fest. »Wir müssen einen anderen Weg finden.«
     Â»Vielleicht eine Demonstration? Da machen doch die anderen Buchstaben nicht mit«, raunte das A ironisch in den Raum.
     Â»Aber das ist es doch, A. Das ist die Lösung! Was sind die anderen Buchstaben ohne dich?« Nicolas war von der Idee einfach begeistert.
     Â»Das ist es«, flüsterte er. »Wir müssen nur die anderen Buchstaben finden und sie von unserer Idee überzeugen!« Und er fügte schnell hinzu: »Stell dir doch mal vor, es hieÃ?e merika und fghanistan und rsch, statt Arsch. Da würden die anderen Buchstaben doch auch rebellieren.«
     Das A stand aufgeregt wippend in der Küche, während am Fenster schon die aufgehende Sonne zu sehen war. Im Arbeitszimmer kramte Nicolas in irgendwelchen Zeitungsstapeln herum.
     Â»Du, A, komm mal her. Die alten Zeitungen hat mein Vater alle gesammelt. Sie sind voller Buchstaben.«
     Â»Das weiÃ? ich doch selbst. Das sind doch aber tote, wir müssen lebende Buchstaben suchen«, stöhnte das A.
     Â»Und wie?«, fragte Nicolas ratlos.
     Â»Viele Buchstaben«, antworte das A, »laufen nachts schlaflos durch die StraÃ?en, da sie nur noch für böse Worte und Taten benutzt werden.«
     Â»Wirklich?«, schämte sich der Junge plötzlich und dachte an seine liebsten Schimpfwörter, die ihm jetzt fremd erschienen.
     Â»Manche«, unterbrach das A die Gedanken des Jungen, »werden sogar krank davon. Ich kenne ein T, das dauernd Kopfschmerzen hat und Rückenschmerzen dazu. Es will nicht mehr Terrorismus hören. Kannst du dir das vorstellen? Es muss dauernd Aspirin schlucken, sonst platzt sein Kopf.«
     Nicolas grübelte. »Aber wie können wir das denn ändern?«
     Das A guckte ihn erstaunt an. »Wir müssen uns eben alle verweigern. Was sind die Menschen ohne uns Buchstaben. Sie verlieren ihre Sprache, ihre Worte!«
     Â»Stimmt«, bestätigte Nicolas nickend. »Wir brauchen euch doch.«
     Das A atmete auf. »Endlich ist der Groschen gefallen, du hast es kapiert!«
     Â»Also demonstriert ihr für friedliche Worte.«
     Â»Und Taten«, ergänzte das A kopfnickend.
     Â»Ist das denn so einfach?«, überlegte Nicolas laut.
     Â»Ganz und gar nicht«, sprach das A. »Solange es Reich und Arm gibt und Arm und Reich geht das so weiter wie bisher.«
     Â»Aber ich gebÂ? doch meinen Freunden immer was ab«, verteidigte sich Nicolas.
     Â»Ja, aber es ist nicht geregelt, du tust es freiwillig«, belehrte ihn das A.
     Â»Es muss für alle gelten«, erklärte der Buchstabe. Beide dachten jetzt still nach. Die Küche war nun voller Tageslicht, das A leuchtete nicht mehr.
     Â»Ich denke, wir müssen erst die Buchstaben überzeugen«, stammelte Nicolas. »Und dann die Menschen.«
     Â»Das ist Quatsch«, rief das A. »Die Buchstaben können nicht ohne die Menschen, die Menschen nicht ohne Buchstaben.«
     Â»Du meinst, sonst sterben wir alle?«, fragte Nicolas etwas ängstlich. Das A klopfte Nicolas tröstend auf die Schulter.
     Â»Naja, nicht so direkt, so weit muss es ja nicht...«, besänftigte ihn das A. Dem Jungen standen schon die Tränen in den Augen.
     Â»Lass uns die Buchstaben zusammentrommeln! Auf zur Revolution!«, schrie das A triumphierend.
     Nicolas gähnte.
     »Revlutio...«, lallte Nicolas noch und schon schlief er mit hängendem Kopf auf dem Küchenstuhl ein.
     Als er aufwachte, war das A weg. Er suchte nach einer Nachricht, aber er fand nichts. Seine Mutter deckte gerade den Frühstückstisch, goss ihm Kakao ein, als er noch vor sich hin träumend an seinen neuen, alten Freund A dachte, und an die R-e-v-o-l-u-t-i-o-n.

© 2002 by Ariane Reusch-Perez-Effinger. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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