Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons
BUCHSTABENSUPPE Suppentasse
Das Online-Projekt
des Literatur-Cafés

  
Der Buchstabenaufstand
von Sabine

Eines Tages erblickten zwei besondere Buchstaben das Licht der Welt in einer Instantsuppenfabrik. Vom lauten Getöse, dem vielen Lärm war die mächtige Buchstabenstanzmaschine ganz schläfrig geworden und war kurz vor dem Einschlafen. So kam es, dass sie aus lauter Unachtsamkeit zwei Buchstaben falsch ausstanzte. Die beiden Buchstaben waren nun an einer Seite mit einander verbunden.
     »Oh Schreck!« rief die Stanzmaschine. »So ein Mist aber auch, wenn das der Vorarbeiter herausbekommt, dann bekomm' ich furchtbaren Ärger!« schnaufte sie gehetzt und sah sich nach dem Arbeiter um.
     »Noch ist nichts verloren«, mischte sich da die alte Walze zischend ein, »schüttle dein Laufband, dann fallen die beiden Buchstaben geradewegs in eine Suppentüte. Niemand wird etwas merken!«
     Die Stanzmaschine überlegte einen Augenblick angestrengt, doch da hörte sie schon den Vorarbeiter näher kommen. So begann die Maschine sich zu rütteln und zu schütteln und beförderte die missratenen Buchstaben mit viel Anstrengung in eine Suppentüte.
     »Puh, geschafft!« schnaufte die Stanzmaschine atemlos und arbeitet weiter als wäre nichts gewesen.

In der Tüte schlugen die beiden aneinander klebenden Buchstaben ihre Augen auf. Ängstlich sahen sie sich um, denn es war furchtbar dunkel in der Tüte. Schließlich sahen sie sich an und aneinander herunter.
     »Mh, ist das so richtig?« fragte der eine Buchstabe.
     »Ich weiß nicht, ich sehe aus wie ein M und du wie ein W, aber wir sind glaube ich eine Zackenlinie«, vermutete das M.
     »Eine Zackenlinie? Nein, das kann nicht sein!« sagte das W überzeugt.
     »Lass uns jemanden suchen, der uns da weiterhelfen kann!« sagte das M und die beiden krochen vorsichtig tiefer in die Tüte hinein.
     Schon nach kurzer Zeit trafen sie auf andere Buchstaben, die bei ihrem Anblick laut zu lachen anfingen.
     »Was seid ihr denn?« fragte ein T prustend, und ein lachendes X fügte hinzu: »Euch kann man ja gar nicht lesen!«
     Das W und das M verstanden nicht, was so komisch war.
     »Ich bin ein M!« verkündete das M .
     »Und ich ein W!« sagte das W.
     »Das glaubt ihr ja wohl selber nicht!« rief ein gackerndes O und ein paar kleine Buchstaben fingen an »Zackenlinie, Zackenlinie...« im Chor zu rufen.
     Traurig sahen sich das W und das M an und schüttelten den Kopf. Was waren das nur für Buchstaben, die einen nur wegen eines kleinen Makels auslachten?!
     »Wir sind vollwertige Buchstaben, das ist ja wohl mal klar!« rief das W wütend.
     »Vollwertige Buchstaben? Buchstabenkrüppel seid ihr!« sagte ein M. »Sieh mich an, so sieht ein vollwertiges M aus! Und siehst du den?« er zeigte auf ein W, dass lachend in einer Ecke stand, »Das ist ein W! Ihr...« – »Haut lieber ab, solche wie euch wollen wir hier nicht haben!« schrie irgendein Buchstabe dazwischen und einige andere riefen: »Geht doch dahin zurück, wo ihr hergekommen seid, nach Zackenhausen!« – »Das wird euch noch leid tun!« schrie das W ganz wild, und Tränen aus Wut und Verzweiflung stiegen in seine Augen.
     »Komm«, sagte das M zu dem an ihm klebenden W, »wir gehen, die sind das nicht wert!«
     Und so gingen die beiden traurig, wütend und verwirrt in eine dunkle Ecke der Tüte. Hinter ihnen fing das Gelächter von neuem an und die kleinen Buchstaben rannten den beiden, »Zackenlinie« schreiend, noch ein Stück hinterher.

»Was haben wir nur falsch gemacht?« fragte das W, als sich die beiden Buchstaben ein schönes Plätzchen in der Tüte gesucht hatten.
     »Ich weiß es nicht.« gab das M zu.
     Die beiden sahen müde und traurig Löcher in die Luft.
     »Ich bin sehr müde!« sagte das W und das M antwortete: »Ich auch! Lass uns schlafen, morgen ist ein neuer Tag und der wird bestimmt besser!«
     Die beiden Buchstaben deckten sich mit Suppenpulver zu und fielen bald in einen unruhigen, Albtraum gefüllten Schlaf.

So vergingen einige Tage. Das W und das M hielten sich von den anderen Buchstaben fern und kamen nur im äußersten Notfall in deren Nähe.  Die Zeit verging sehr schnell und das einzige, was den Alltag in der Suppentüte störte, waren gelegentliche Tütenbeben. Das M und das W hatten sich inzwischen eine kleine Hütte aus Suppenpulverklumpen gebaut und verstanden sich sehr gut. Wenn nicht grade ein paar kleine Buchstaben Witze über sie machten und diese laut zu ihnen herüber riefen, verlebten die beiden ein ruhiges Leben und fühlten sich wohl.
     Eines Tages gab es jedoch ein gewaltiges Tütenbeben. Sämtliche Häuser und Hütten stürzten ein, das Suppenpulver flog wild durch die Luft und begrub einige Buchstaben. Schreiende und weinende Buchstaben liefen verwirrt und beängstigt durch die Tüte. Auch das W und das M wurden von Angst gepackt, aber sie behielten einen klaren Kopf und buddelten die verschütteten Buchstaben wieder aus. Bald war das Beben vorüber, doch das sollte noch nicht das Ende sein.
     Ein lautes »Ritsch-Ratsch« durchfuhr die Suppentüte, und kurz darauf erfüllte ein gleißend helles Licht die ganze Tüte. Ein Monster, unendlich groß und furchtbar hässlich, guckte in die Tüte und sagte mit unsagbar lauter Stimme: »Hm, Buchstabensuppe!« Die Buchstaben erstarrten vor Angst, das musste das grausame Monster sein, von dem die Alten immer zu geredet hatten.
     »Das ist das Monster!« schrie da auch schon ein der Ohnmacht nahes F und ein K setzte hinzu: »Wir werden alle sterben!«
     Lautes Geheule war zu hören, und die Angst war groß, doch das W und das M traten mutig aus dem Schatten.
     »Hey, lasst den Kopf nicht hängen, es ist noch nicht zu spät, noch können wir aus der Tüte klettern und fliehen!« sagte das M erhobenen Hauptes. Die Buchstaben versammelten sich in einem Halbkreis um die beiden Buchstaben. Ein muskulöses H  gab den beiden einen Rüffel und sagte:
     »Was wisst ihr denn schon, ihr zwei seid doch sowieso zu nichts zu gebrauchen, also haltet lieber euren Mund und verschwindet!« – »Nein,« sagte das W entschlossen, »ihr könnt es doch nicht riskieren im kochenden Wasser zu sterben. Wenn wir jetzt losklettern, schaffen wir es noch rechtzeitig aus der Tüte!«
     Ein lautes Murmeln ging durch die Reihen.
     »Und was ist wenn wir es nicht schaffen?« fragte ein Buchstabe aus der letzten Reihe.
     »Was haben wir denn zu verlieren? Wir können hier bleiben und uns selber bedauern, oder wir tun etwas und versuchen uns zu retten! Wir können scheitern, ja, das stimmt, aber das was uns nach dem Scheitern erwartet ist mit dem gleichzustellen, was passiert, wenn wir hier bleiben! Versteht ihr? Wir können es schaffen, aber wir müssen uns beeilen!« antwortete das W.
     Die Buchstaben sahen sich an und tuschelten.
     Ein dickes B trat aus der Reihe hervor und sagte: »Na schön, wir wollen es versuchen! Lasst uns aufbrechen!«
     So brachen die Buchstaben auf. Immer noch hing Angst in ihren Augen und einige zweifelten stark daran, dass sie eine Chance hatten, aber sie liefen und kletterten alle tapfer weiter.
     Nach einer langen und beschwerlichen Kletterpartie kamen die ersten Buchstaben am Rand der Tüte an, doch zu ihrem Schreck mussten sie feststellen, dass der Rest des Aufstiegs furchtbar glatt war, und es gab keine Möglichkeit, hinauf zu kommen.
     »Hey, was machen wir denn jetzt? Hier geht es nicht weiter!« rief das J, das als erstes angekommen war.
     »Es geht nicht weiter, es geht nicht weiter, wir sind verloren, verloren!« murmelte ein schwaches, altes S und sank in Ohnmacht zu Boden.
     »Nur Mut, wir schaffen den letzten Rest auch noch!« ließ das M verlauten und besprach mit W, was zu tun war. Die beiden Buchstaben lehnten sich der Länge nach an den Rand der Tüte, jetzt sahen die beiden aus wie eine Treppe.
     »Los,« sagte das W, »klettert an uns hoch und hinaus in die Freiheit!«
     Die ersten skeptischen Buchstaben kletterten hoch und rutschten an der Außenwand der Tüte hinunter.
     
»Wir sind frei, wir sind frei!« schrieen sie alle.
     Die Buchstaben beeilten sich alle, und bald waren alle aus der Tüte in die Freiheit gerutscht.
     »Waren das alle?« versicherte sich W bei M und dieses nickte. Gerade als sie selbst aus der Tüte rutschen wollten, hörten sie ein leises Wimmern.
     »Wartet auf mich, wartet doch!« rief ein zartes Stimmchen.
     »Hey du, beeil dich, die Tüte fängt schon wieder an zu beben, bald wird es zu spät sein!« rief das W dem kleinen b zu, dass aufgetaucht war.
     »Aber ich habe solche Angst!« rief das b.
     »Hab keine Angst, alles wird gut!« sagte das M und das kleine b kletterte langsam und vorsichtig an den beiden Buchstaben hoch. Doch bevor die drei Buchstaben über den Tütenrand klettern konnten, wurde die Tüte mit einem Ruck angehoben und kippte plötzlich zu einer Seite. Die Buchstaben, die unten standen und das Monster dabei beobachteten, wie es die Tüte auskippte erschraken.
     »Um Gottes Willen, das W und das M, sie sind noch darin!« sagte ein G verschreckt.
     »Und wo ist das kleine b?« fragte ein kleines i »Es muss auch noch in der Tüte sein!«
     Die Buchstaben liefen wild durcheinander und fürchteten um das Leben der drei.
     Während dessen meinte das M in der Tüte: »Wir haben nur eine Chance, wir müssen springen!«
     Das kleine b klammerte sich an die beiden Buchstaben. Mit Tränen in den Augen fragte es das W: »W, wird das gut gehen?«
     Das W überlegte nicht lang und antwortete: »Alles wird gut!«, obwohl es selber das Schlimmste befürchtete.
     »Auf mein Kommando springen wir!« sagte das M.
     
Die andere beiden nickten kurz.
     »Moment noch... Bei drei! Eins, zwei, ... DREI!« rief das M und die drei Buchstaben segelten auf den Topf zu.
     Wegen des warmen Dampfes des kochenden Wassers konnten sie nicht sehen was geschah, nur die anderen Buchstaben, die das ganze beobachteten, sahen wie die drei Buchstaben auf den Topf zu flogen und plötzlich von einer heißen Dampfwolke über den Topf hinaus auf die Arbeitsfläche geweht wurden.
     Jubelnd und schreiend liefen alle Buchstaben zu den dreien hinüber.
     »Hurra, ihr lebt!« riefen einige und ein großes, starkes P legte W und M die Hand auf die Schulter und sagte: »Ihr habt uns alle gerettet! Wir haben euch Unrecht getan und ich möchte mich im Namen aller dafür entschuldigen! Bitte vergebt uns!« – »Ja, es tut uns leid!« sagte ein kleines s.
     »Wir sind euch nicht böse, aber wir hoffen, dass wir in der Zukunft, in Frieden alle miteinander zusammen leben können!« meinte das M und lächelte in die Runde.
     Alle Buchstaben freuten sich und als sie eine neue Bleibe unter dem Wohnzimmertisch gefunden hatten, feierten sie ihr neues Leben. So lebten sie glücklich und zufrieden!

Heute erzählt man sich in jeder Buchstabensuppentüte die Geschichte vom Buchstabenaufstand und schon vielen Buchstaben hat sie Mut gemacht, aus der Tüte zu fliehen. Auf der ganzen Welt gibt es nun viele Buchstabenkolonien. Schaut nur unter dem Wohnzimmertisch, der Couch oder unter dem Sessel nach, Buchstaben sind überall zu finden!

© 2004 by Sabine. Unerlaubte Vervielf?ltigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zur?ckWeiter