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Gero von Büttner: Reisetagebuch USA
September 2001 - Ein Staat erlebt den Terror

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3. September 2001
Boston

BostonEin großer Vorteil für den europäischen USA-Reisenden ist die Zeitverschiebung. Selbst als Langschläfer steht man spätestens um fünf Uhr auf, erlebt den Sonnenaufgang mit und hat den Tag in voller Länge vor sich. Leider hält dies aber nur wenige Tage an und dann quält man sich wieder genau so aus dem Bett wie daheim.
     Der zweite Vorteil der Zeitverschiebung ist, dass man sich zunächst begierig über das amerikanische Frühstück hermacht. Wie auch bei den Engländern geht es hier deftig zu mit Speck, Ei, Würstchen, Bratkartoffeln oder sogar Steak. Frühstücke, die auf der Speisekarte »The Presidential« oder »Lumberjack« (Holzfäller) heißen. Eigentlich zur Mittagszeit eingenommen, ist dies für den Kontinentaleuropäer zunächst kein Problem, doch auch hier weiß man nach einigen Tagen nicht so recht, was man von dem fettigen Zeug am Morgen halten soll.
     Wichtig für den deutschen Restaurantbesucher: in den USA stürmt man nicht in den Laden und wirft sich auf den besten Tisch, sondern man wartet, bis man einen Tisch zugeteilt bekommt. Dies gilt natürlich auch bei leeren Restaurants! Und um diesen reiseinformatorischen Teil abzuschließen: geben Sie mindestens 15-20% Trinkgeld, denn in den USA ist in den meisten Fällen das, was im Deutschen so schön Bedienungsentgelt heißt, nicht eingeschlossen. Und bezahlt wird in der Regel auch nicht am Tisch, sondern beim Ausgang an der Kasse.
     Wir sitzen also auf jeden Fall an diesem ersten Morgen für unsere Verhältnisse überaus früh in einem Restaurant, blicken auf den vorbeifließenden Verkehr und fragen uns, ob es für einen gastronomischen Betrieb nicht eher nachteilig ist, wenn auf einem Schild an der Straße »cooks wanted« (Köche gesucht)  zu lesen ist.
     Beim Verlassen des Restaurants nehmen wir eines der kostenlosen Hotelgutscheinhefte mit, die in den USA an fast allen Schnellrestaurants ausliegen. Hier sind alle Hotels der weiteren Region aufgeführt, die bei Vorlage dieser Gutscheine durchaus bemerkenswerte Nachlässe gewähren. Überhaupt: Gutscheine. Die gibt es an den Motelrezeptionen für die Attraktionen der Region und selbst im Internet kann man sie sich vorab ausdrucken. Klar dienen sie dazu, die Besucher anzulocken, doch wer ohnehin vor hat, eine bestimmte Attraktion zu besuchen, wäre dumm, wenn er den an der Kasse angeschriebenen Preis bezahlt.
     Sodann geht's zur nächsten Shopping-Mall, um die für die Reise notwendigen Kleinigkeiten einzukaufen und im durchaus interessanten Angebot der Supermärkte zu stöbern, um Sachen wie »salzloses Salz« oder »fettlose Butter« zu entdecken.

Es soll ja Leute geben, die vor einer Reise wochenlang Reiseführer lesen, um zu erfahren, welche Dinge unbedingt vor Ort zu begutachten sind. Das endet meist damit, dass die Leute nach ihrer Rückkehr den Menschen daheim erzählen, dass die Freiheitsstatue in Wirklichkeit viel kleiner und die Golden Gate Brücke viel größer sei, als das auf den Bildern gemeinhin so rüber kommt (oder umgekehrt); oder dass das bekannte Meisterwerk des Malers in einer unscheinbaren Ecke des Museums hängt. Oder man filmt gleich alles auf Video, dann kann man sich nach der Reise wochenlang nochmal alle Bauwerke in bewegten Bildern ansehen.
     Ich weiß nicht viel über Boston, und hätte ich vorher was gelesen, hätte ich es wohl schon wieder bis zum Besuch vor Ort vergessen. Klar, man kennt das MIT, dann die Boston Tea Party, die den Beginn des Aufstands der Kolonien gegen England markierte, und wenn ich mich recht erinnere, spielt auch Grishams Roman Die Firma in Boston, und wir haben uns vorab informiert, wo das Büro des Amerikanischen Automobilclubs ist, um dort weiteres Infomaterial abzugreifen.
     Nun gut, wir residieren in unserem Buick den Highway nach Downtown Boston hinunter, dann die Abfahrt 23 runter und links - toll, stimmt alles - ist das Büro des Clubs. Also nichts wie rein ins nächste Parkhaus, sekundenlang vor dem Auto warten, ob die Scheinwerfer auch wirklich ausgehen (was sie auch tun), dann entsetzt feststellen, dass das Fenster der Fahrertür noch offen ist (wieso macht uns das Auto nicht darauf aufmerksam?). Beim Schließen des Fensters merke ich, dass der Fahrer des Wagens neben uns wohl genauso ein dummes Auto haben muss, denn dessen Seitenfenster ist auch unbemerkt offen geblieben.
     Dann verlassen wir das Parkhaus und gehen die 300 Meter zurück zum Büro des AAA - geschlossen! Eigentlich auch kein Wunder, denn schließlich ist heute Feiertag, Labour Day.
     Also wandern wir durch das leere Bankenviertel mit seinen Wolkenkratzern und erreichen den freedom trail, einen durch einen roten Streifen markierten Weg, der an allen historischen Stätten Bostons entlang führt. Hier tobt auch am Feiertag das (touristische) Leben, die Geschäfte sind geöffnet und ein bemerkenswert guter Straßenkünstler mit Namen Stitch zeigt sein Können und sammelt reichlich Dollars ein. Ein perfektes Opfer für einen Straßenraub, denn wer hat in den USA sonst noch so viel Bargeld bei sich?
Am Holocaust Mahnmal     An der roten Linie des freedom trails liegt auch das Holocaust-Mahnmal, welches sehr würdevoll und angemessen die Toten des Naziregimes in Erinnerung ruft: Glastürme mit endlosen Nummernzeilen stehen für die Toten der jeweiligen Konzentrationslager. Kurze Augenzeugenberichte schildern die entsetzlichen Taten. Und auch auf den Aspekt wird hingewiesen, dass die Alliierten bereits früh von der Existenz der Lager wussten, aber noch nichts unternommen haben; und dass die meisten Deutschen wegschauten oder die Taten gut hießen, aber dass auch einige wenige Widerstand leisteten oder den Juden halfen. Alle Infos kurz, informativ und erschreckend.
     Am Ende des Ganges die Worte von Martin Niemöller, auch hier nicht ohne den Vermerk, dass Niemöller nicht von Anfang an Gegner des Hitler-Regimes war. Ob diese kleinere Gedenkstätte, hätte man sie so in Berlin errichten wollen, für genau so viel Wirbel gesorgt hätte wie das Betonfeld, das dort geplant ist? Nun ja, hier neigt man in Deutschland doch noch zum Monumentalen, als ob das Gedenken dadurch verstärkt würde.

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