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Gero von Büttner: Reisetagebuch USA
September 2001 - Ein Staat erlebt den Terror

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22. September 2001
Zurück in Deutschland

Wieder daheim in vertrauter Umgebung, bei all den Dingen, die nach der Rückkehr zu erledigen sind, werden die Nachrichten aus den USA nur am Rande wahrgenommen. Plötzlich sind das Land und die Ereignisse nicht nur geographisch weit entfernt. Flüchtig gelesene Schlagzeilen und Bilder von Flugzeugträgern. Keine Liveschaltungen zu Pressekonferenzen oder aktuellen Ereignissen im Fernsehen, stattdessen geschnittene Berichte mit drübergesprochener deutscher Übersetzung. Weinende Angehörige der Terroropfer werden auch hier immer wieder gerne gezeigt. Und rollt die Träne für das RTL-Team zu schnell, dann zeigt man sie sogar in Zeitlupe. Wun-der-schön und ergreifend!

Überhaupt überkommt einen in Deutschland plötzlich die Frage, ob die Menschen hier überhaupt noch ganz dicht sind. Überall wird getrauert und mitgefühlt. Das Oktoberfest wird mit einem schwarzen Bluessänger eröffnet, statt mit zünftiger Blasmusik. Was soll das denn? In der Zeitung lese ich, dass in einer süddeutschen Kleinstadt eine »Gedenkveranstaltung« mit »ergreifender Stimmung« stattfand. Dazu ein Bild mit Teenies vor Grablichtern. Es ist, als wäre Lady Di ein zweites Mal gestorben.
     Vernünftige Menschen leiten im Internet plötzlich Kettenbriefe gegen den Krieg weiter. Als ob sich ein Politiker in seinem Handeln beeinflussen lässt, wenn ihm seine Sekretärin den Ausdruck einer zufällig aus dem Internet gefischten, schlecht formatierten und durch -zig Weiterleitungen unleserlich gewordenen eMail auf den Tisch legt? Außerdem lassen sich viel beeindruckendere Adresslisten erzielen, indem man diese direkt von einer Telefonbuch-CD exportiert.

Doch kaum kritische Stimmen gegen den Kriegszug der Amerikaner, der auch noch »unendliche Gerechtigkeit« heißt. Stattdessen schickt man gerne die Bundeswehr zur Hilfe. Viele scheinen den Amerikanern wirklich das Recht einzuräumen, Bomben auf Afghanistan zu werfen, denn immerhin gilt es über 6.000 Menschenleben zu rächen. Und wer doch besorgt ist, schreibt seinen Namen unter einen albernen Kettenbrief oder schickt vorbereitete eMails an den Bundeskanzler.

Hier schließe ich mein Reisetagebuch. Es gibt kein Schlusswort, denn das Ende ist offen...

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