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»Ein Tag für 10 Mark, da kannste nich meckern!«

10 Mark nur? Den ganzen Tag? Von 8.35 Uhr bis 17:00 Uhr? Besuch des antiken Theaters Aspendos? Die alte Stadt Perge eingeschlossen? Stadtbummel in Antalya? Da fahr ich mit!

Von Gitta Klaßen

Auch ein »öfters mal« lohnt sich, wusste ich, denn eigentlich hatte ich alles schon gesehen und mir immer gewünscht: mehr Zeit, weniger Regen, mehr Nachdenkphasen, mehr Sich-in-die-Damaligkeit-zurück-versetz-Fantasie, schönere Fotos …
     »Evet Mustafa, trag mich ein, ich bin dabei!

SteinbrückePünktlich ging's los. Wooow! Gefrühstückt hatte ich nicht. Der Abend war lang, die Nacht war kurz. Der Bus war fast neu, die Mitfahrenden deutsch, ich kaffeelos und der Regen mittelstark. Der Reiseleiter Ali (unschwer für Deutsche) war angeblich schwedischsprachig; das führte zu wenigen Unterbrechungen.
     Sein »Sehen Orangen, Zitronen, sehen« nach zirka 10 Minuten wurde nur noch von: »Pause machen« getoppt. Fein, dachte ich, jetzt gibt's Frühstück. Pech gehabt!
     Eine Brücke, nur für Fußgänger war zu überqueren. Zugegeben, sie war wirklich schön, ich vermute ursprünglich von den Römern angelegt, aber das war nicht zu erfahren.

Wo zum Teufel ist eine Teestube? Ein türkischer Mokka wäre auch nicht schlecht, denke ich. Na ja, orientalisch denken: Irgendwie wird's schon noch werden!
     Die »Schaafherde-Mensch« zückte Fotoapparat, setzt den Bewunderungsblick selbst für Straßenbaugeräte auf, blitzt hier und dort, um schreitend das andere Ende der Kultur erreichen.
     Na so was! Mitten im Nichts der Landschaft eine notdürftig errichtete Verkaufseinheit! Man spricht deutsch! Glücksbringaugen, Haarspangen von Woolworth, Tischdecken, die von chinesischen Maschinen gestrickt wurden.
     »Guck mal, das ist doch nicht teuer,« sagt Frau, »sieben Mark nur, und son Auge bringt Glück .«
     »Kauf es!«, sagt Mann.

Der BraveMir springt ein Hund fast ins Gesicht. Hübsch, zutraulich, dreckig und so groß, dass seine Nase meine erreichen kann. Böse Zungen würden übrigens behaupten, das sei nicht schwer. Während deutsch weiter eingekauft wird: Hundeerziehungsmaßnahme in Deutsch… kurz und laut:
     »Sitz!«
     »Sitz!!«
     »Guter Hund! Brav!«
     Der Busfahrer hupt, alles sammelt sich, steigt ein, jeder auf »seinen Platz« und der Brave guckt mir nach…
     Mist, denke ich, kein Tee, kein Kaffee. Es wird schon was geben. Ali wird sich sicher seine Stopp-Touri-Provision auch für 20 Frühstücke noch irgendwo »aufdrängeln« lassen.
     Weiter geht's im Blechkäfig, bequem, warm, trocken.
     Die Gipfel des Taurus-Gebirges verschmelzen mit den Wolken. Oder versuchen die Wolken, sich auf Schnee auszubreiten? Fließende Grenzen lassen es nur vermuten.
     Entlang der Küstenstrasse stehen Reisfelder unter Wasser. Es regnet, das Glück schlechthin für eine Region, die nur 65 mal - laut Statistik - das Vergnügen der natürlichen Bewässerung hat. Ob es den Orangen und Zitronen, die noch an den Bäumen hängen,  gut tut und das im Dezember, weiß ich nicht.
     Ich würde gerne irgendwo »Bir su estiyorum, lütfen« sagen, aber dabei an frisches Trinkwasser denken, wenn schon kein Tee zu ergattern ist. Abwarten!
     Als der Bus die Hauptsrasse verlässt, steigt die Hoffnung. Nun kommen die Berge etwas näher. Überall alte Steine, alte Mauerreste, Höhleneingänge und Trümmerfelder. Aussteigen möchte ich, durch die Gegend laufen, gucken, mich setzen und wieder weiter gehen. Die Hänge etwas hinauf klettern: wie beim Brombeeren suchen, immer weiter oben wird man das Beste finden. Mein Gott - oder auch Allah - denke ich, wessen Hände haben hier Steine geschleppt, Mauern gebaut, wessen Füße sind die Wege gegangen, die immer noch erkennbar sind? Wie mögen die Menschen gelebt und was werden sie gekocht haben?
     Zehlias Vater springt mir mit einer Geschichte in meine Gedanken.
     In seinem Dorf, wie er erzählt, lebte ein alter Mann. Er hatte etwas, was nicht alle hatten: Immer Feuer!
     Kinder wurden von den Müttern zu »Dede« geschickt, um etwas von der heißen Glut zu holen. Der Transport zum heimatlichen Herd gestaltete sich folgendermaßen: Ein nasser Lappen wurde um Kinderhand gewickelt. Der Alte, von allen hoch respektierte, füllte erst Sand in die kleine Kuhle und legte zwei glühende Holzkohlestückchen hinein. So wurde hier Feuer verteilt… vor ca. 55 Jahren. Wie mag es vor 1800 Jahren gewesen sein?
     Plötzlich tauchen hohe, mir bekannte Steinwände vor mir auf. Na, wusste ich, hier wird's nun etwas zu essen oder wenigstens zu trinken geben.
     Eine Getränkebude war mir noch in Erinnerung! Selbst kleine frische Fladenbrote gab es dort käuflich zu erwerben. Die Stimmung stieg, der Regen hatte sich verabschiedet.
     Passend für einen Theaterbesuch.

SäulengangAspendos!
     Erbaut von Xenoll, vor ca. 1800 Jahren angelehnt an einen Hügel, macht es einen mächtigen Eindruck schon von außen, der sicher auch Marcus Aurelius nicht kalt ließ. Ein solches Geschenk von Curtius Crispinus und Curtius Auspicatus zu bekommen, hätte mich auch gefreut! Ungefähr 15-20.000 Menschen hatten Platz auf den sich bis in dreißig Metern Höhe befindlichen Sitzplätzen. Die Akustik war so beispielhaft, dass man eine Münze fallen hören konnte, selbst wenn man auf den billigen Plätzen saß, bzw. wohl auf den Stehplätzen an höchster Stelle, die aber sonnengeschützt waren.
     Ein irres Theater!

Ali zeigt auf die Uhr. Ich denke ich spinne: eine halbe Stunde?? Für das hier? Womöglich noch im Trab hinter ihm her? Ich setze mich ab! Zum Glück ist die Getränkebude geschlossen. Zeitverschwendung ist nicht möglich, der Durst weicht dem Zorn, die Zigarette stillt den unterschwelligen Hunger. Irgendwo im stufenlosen NichtsFarketmez ich zieh los! »Yengi!« ruft Ali, und ich gebe ihm so freundlich wie möglich zu verstehen, dass ich den Bus schon nicht verpassen werde.
     An der Eintrittskasse, werde ich mit einem netten: »Iyi bayramlar« begrüßt. Es ist Zuckerfest. Ein Bonbon gibt's gratis.
     Wie bei meinem ersten Besuch erschlägt mich fast der Anblick des riesigen Freiluftschauspielhauses. Wie nutze ich die Zeit nun am besten? Es gäbe 1000 Dinge zu betrachten und mindestens 1000 Mal so viele Kleinigkeiten zu bestaunen. Was alles könnte ich in Fotos »klauen«, nach Hause schleppen, und nacherleben…? Eine halbe Stunde??
     Nun denn, einmal bis oben, über die ausgetretenen Felsbänke, die irgendwo im stufenlosen Nichts enden, Verbindungstreppen suchend, wird das Steigen zum Klettern. Schön!
     Gegenüber versucht eine Frau ihre Tochter durch die Ränge zu lotsen. Mühselig, weil das Kind ein Gipsbein hat. Vater Gips ist unten geblieben, er ist zu dick und zu faul für solche Dinge, wie er hochruft.
     Ich suche mir eine Sitzbank, meinem gesellschaftlichen Status angemessen in den billigeren Reihen und nehme Platz.

20 Minuten noch!
     Klein kommt Frau sich hier vor, aber die Vorstellung, dass die Besucher damals noch kleiner waren, lässt ein verschmitztes Lächeln zu.
     Was werden sie hier gesehen haben? Mit wem haben sie sich darüber anschließend unterhalten? Die typisch weibliche Frage: Was hatten sie an? Sahen sie eine Komödie? Oder mussten sie die Löwen bei was auch immer ertragen? Die Käfige sind noch erhalten. Die Löwen tot. Die Menschen auch. Nur die Steine haben überlebt …
     Ich muss mal wieder ins Theater!
     Wieder in der Tiefe, wieder im Bus denke ich, die Mauern hinter mir lassend: Ich muss noch mal zurückkommen. Ich muss! Ohne Ali!
     »Güle, güle, Aspendos!”

FreundschaftsfotoEs ist 11:00 Uhr geworden. »Cay!« ruft der Reiseleiter 15 Minuten später natürlich durch das Mikrofon, und schon stoppt der Bus vor einer neu erbauten, mit griechischen Ornamenten verstuckten Lederfabrik. Na toll!
     Wir zählen das Jahr 2000!
     Was nun? Eigentlich will ich nichts kaufen, eigentlich habe ich keine Lust auf Einkaufsbummel hinter Glasscheiben, keine Lust auf Ledergeruch, aber es regnet wieder und Durst auf Tee habe ich. Den bekam ich auch. Lüsterne Verkäufer ignorierte ich. Nicht so Herr Gips: der Kauf seiner Lederjacke dauert und dauert. Kind Gips quengelt, Ehepaar München wühlt in Gürteln. Wer letztendlich gewonnen hat, wer wen abgezockt hat, wird auf diversen Freundschaftsfotos zu sehen sein .. zuhause!

Ich warte und rauche… natürlich vor der Tür.
     Als die letzte Plastiktüte verstaut war, alle wieder fahrbereit waren, machten wir Platz für den nächsten Blech-Touri-Esel.
     Der Blick nach draußen wird schwieriger, alle Scheiben sind beschlagen, und selbst das ewige Gewische verschaffte keinen Durchblick.
     Als mein Magen lauter knurrt, ist die Mittagszeit vorbei. Durch ein frisches Fensterloch tauchen im Hintergrund die Stadttore von Perge auf.
     Perge!

PergeDie Stadt, die ungefähr 1200 vor Zeitrechnung gegründet wurde. Nicht mehr alle Mitreisenden verlassen den Bus, welcher am antiken Stadion seine Türen öffnet. Und wieder denke ich beim Alihinterherlauf, wie schon bei meinem ersten Besuch, an Ben Hur, an das Pferderennen, und an die Dramatik des Geschehens, an die Bauarbeiter, welche wohl mit blutigen Händen, zerschundenen Knochen die Einweihung noch erlebten, ohne dabei gewesen zu sein. Wo wäre ich wohl gewesen? In der VIP Lounge sicher nicht. Irgendwo unter den Bauern, die den Eintritt hätten bezahlen können? Oder hätte ich mit viel Glück die Pferde füttern dürfen, um wenigstens nicht außerhalb um Almosen betteln zu müssen?
     »Ben Ali« bietet ein zweites Mal eine halbe Stunde Freizeit an. Da hat er nicht mit mir gerechnet! Selbst ein endlich anschließender Stopp an einem Restaurant überredet mich nicht. »Ich bleibe eine Stunde!« Unorientalisch! Unausgehandelt! Deutsch!
     Eine mickrige Stunde… aber immerhin - womöglich durch antike Kampfstätte angeregt - gewonnen!

SäulenstraßeZwischen den fast zum Himmel ragenden Ruinen der Rundtürme sind Überreste der Säulenstraße zu erkennen. Am alten Markplatz finde ich besser erhaltene Marmorgiganten. Sie sind so dick, dass ich sie nicht umfassen kann. Wunderbare Maserungen schreien nach mehr Bewunderung.
     Schöne Gehwegmosaiken werden mit Füssen getreten an denen Nike oder Fila Schuhe geschnürt sind. Das Gesamtbild der Ausgrabungsstätte lässt kaum Blicke für Details zu. Ein Löwe blinzelt mich an.

Nicht ClarenceEr schielt stelle ich fest... na gut, an Clarence will ich nicht denken. Seine Nase ist nicht blank geputzt vom Anfassen der Besucher. Ein Löwe unter Löwen fällt nicht auf. Nicht in dieser, wie liegen gelassener, vergessener, aber bestimmt auch gewollter Unordnung.
     Statuen von Frauen habe ich vermisst. Das Erledigte ich kurz selber.

Statue einer Frau (um 2000 n. Chr.)Wenn auch nicht in der gewohnten Eleganz, der Antike.
     An den Berghügeln rund um die alte Stadt kann man die Bergloch-Wohnstätten der vermutlich Nichtstadtbewohner mit Fernglas und viel Fantasie erkennen. Das römische, später angelegte Bad war direkt vor den Stadttoren, schon beheizbar und bestimmt ein Lustgarten für die Benutzer. Eine Zeitmaschine wäre nicht schlecht, denke ich... so für einige Stunden... zugegeben lächelnd... und zumindest Weintrauben wären mir ein Genuss gewesen.
     Durst habe ich immer noch und fast denke ich schon ans Verhungern. Wo war denn der Friedhof? Was haben sie mit den Toten gemacht? Ich werde mir wohl doch eines dieser unverschämt teuren Bücher kaufen, in denen auch nichts Genaues steht.
Andenkenfoto     10 Minuten habe ich noch. Eine Zigarettenlänge auf einem passenden Stein, eine In-Ruhe-noch-Guckpause, ein Andenkenfoto.

Das war Perge!

Nicht nur Ali wartete schon auf mich, auch die laut vor sich hinschnarchenden Sitzengebliebenen, die aber rege wurden, als Rast und Essen vor dem Wasserfall von Was-weiß-ich-wo angekündigt wurde. Es war in der Nähe, aber leider, das Restaurant war Bayrammäßig verschlossen. Mittlerweile war es 14:30 Uhr. Eine Meuterei bahnte sich an. Alle hatten Hunger. Ali strich das Wasserprogramm, gab irgendwie bekannt: Essen in Antalya. Zufriedenes Gemurmel im Bus, Allah sei Dank! dachte ich.
     Die Goldfabrik, in der das leibliche Wohl ignoriert wurde, dafür aber jeder »Freund der Türkei« eine wichtige Plastikkarte angeheftet bekam, die Wachmannschaft unwichtig im Wege stand, das Halogen angestrahlte Gold die Augen zu Schlitzen werden ließ, die Kurzunterrichtung eines Anzugträgers mit Krawatte unvermeidbar war, verschwieg er. Zwei Jungesellinnen höheren Alters sorgten mit ihrem in Entzücken ausbrechenden Oh-wie-günstig-Schnäppcheneinkauf für längere Wartezeit, um anschließend im Bus festzustellen: Das Licht fehlt.
     Antalya ereichten wir um 17:00 Uhr. Ein Irrenhaus, das sonst einigermaßen beschauliche Städtchen. AntalyaEs war Zuckerfest! Ali schmiss uns am Uhrturm raus, er zeigte den rechten Daumen hoch, was hieß: Eine Stunde! Dann wieder pünktlich hier sein!
     Der Bus fuhr ab.
     Gut, dass ich wusste, wo die von allen so genannte »Fressgasse« war. Hektik überall! Jeder Kellner wollte an mir zerren und mir einen Platz zuweisen. Ich nahm den dritten.
     »Bir cay estiyorum, jemek: yoc!« Ich war satt! »Komm du essen ein bisschen schöne Köfte«, überredete er mich doch noch. Köstlich!
     Den Bus habe ich pünktlich wieder gefunden, die 70 km Rückfahrt, im Regen, in der Dunkelheit, ließ die Schnarcher wieder auf ihre Kosten kommen. Essen macht faul!

Vor dem Hotel sagt Herr Gips: »Den ganzen Tag für 10 Mark, da kannste nich meckern!«

Stimmt!

Gitta Klaßen

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