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Der Charme vergangener Epochen
Reisen Sie mit Heinz Albers für einen Tag ins kubanische Havanna

Blick vom Fort auf HavannaFliegen Sie mit nach Havanna, dieser Krone der Karibik? Gut! Und Mut gefasst! Iljuschin und Antonow sind die Zauberworte, die uns die Haare zu Berge stehen lassen. Diese betagten Maschinen überbrücken die 800 Kilometer von Santiago nach Havanna in knapp zwei Stunden. Der Zug braucht dafür ungefähr vierundzwanzig. Ein klappriges Auto gäbe es, das notwendige Benzin gibt es aber nicht. Wir hatten damals diesen Flug für den 16.07.1997 gebucht. Das war gut so. Die Maschine, die vier Tage vorher flog, stürzte ab und liegt nun mit 44 Menschen tief auf dem Grund des Meeres - auch einige Gäste unseres Hotels waren dabei. Ebenfalls an Bord befanden sich die Ansichtskarten, die wir geschrieben hatten und die deshalb nie ihre Empfänger erreichten. Übertriebene Sorge ist trotzdem nicht angebracht. Meines Wissens war das die letzte Flugzeugkatastrophe in Cuba. Schön, das Sie nun mitkommen!

In Havanna gelandet bemerken wir nach kurzer Zeit den großen Nachteil, den diese Stadt hat: sie liegt viel zu weit von Santiago entfernt. Ein Tagesaufenthalt, das stellt sich schnell heraus, ist viel zu wenig für diese atemberaubende Stadt, die einstmals zu den schönsten Metropolen der Welt zählte. Und das kann man heute noch nachvollziehen, obwohl der Verfall rascher als die Restaurierung fortschreitet. Dort wo renoviert wurde, ist der alte Glanz wieder allgegenwärtig. Viele der prachtvollen Paläste und Villen sind nun Museen, Restaurants oder Hotels.

Fort HavannaIn einem engen Zeitplan sind uns natürlich bei den Besichtigungen Beschränkungen auferlegt. Was schauen wir uns an? Unbedingt das Fort; es ist sehenswert, sehr gut erhalten und bietet einen schönen Blick auf Havanna, den Hafen und den Malecon. Das Capitolio, ein imposanter Bau, dem Capitol Washingtons nachempfunden; das wunderschöne Theater nebenan »Garcia Lorca«. Die Rambla, diese marmorne Prachtstraße. Gehen wir danach ins »Don Agamenon« essen, einem restaurierten Restaurant. Achten Sie auf Marmor, Wandfliesen und Verglasung. Halten Sie dabei Ihre Augen fest, sie fallen Ihnen sonst vielleicht aus den Höhlen. Die Kathedrale im Zentrum mit ihrem einzigartigen Vorplatz mit dem Haus der Generalkapitäne links davor, darf man wirklich nicht verpassen. Auf dem Platz finden öfter kleine Märkte statt. Und, bitte sehr, sperren Sie auf ihrem weiteren Weg durch die Altstadt Ihre Ohren auf! Hören Sie die Musik? Aus allen Ecken tönt sie und Menschen tanzen und sind fröhlich bei diesen Klängen aus Salsa, Cha-Cha und Rumba. Den Rostfraß an den alten Straßenkreuzern, den Buiks, De Sotos, Plymouths, Isotas, Chevrolets und Cadillacs, sollten Sie geflissentlich übersehen. Es ist der Charme vergangener Epochen, der hier sichtbar wird; aus einer Zeit, als Havanna noch das Freudenhaus Amerikas war.

Bodeguita del MedioAls Zwanzigjähriger hatte ich meinen ersten Kontakt mit den Büchern Ernest Hemingways, von denen er viele in Havanna geschrieben hat. Der Nobelpreisträger für Literatur (1899 - 1961) liebte diese Stadt. In dem Hotel »Ambos Mundos«, Zimmer 511, wohnte und schrieb er in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, bevor er sich eine Finca kaufte. Sie sollten sich das Buch »Inseln im Strom« besorgen. Die Handlung spielt überwiegend in Havanna. Der Roman stellt die damalige Situation der Stadt und ihrer Bewohner vortrefflich dar. Der Romanheld Thomas Hudson ist fast identisch mit Hemingway. Thomas wollen wir nun folgen, um die beiden Orte Havannas kennen zu lernen, die ich bisher nicht genannt habe: »El Floridita« und »Bodeguita del Medio«. Sie brauchen sich die Namen nicht zu merken, Thomas und ich führen Sie dort hin.

The Cradle of the DaiquiriWenn Sie Hemingway kennen, wissen Sie, dass er zuweilen ein grandioser Saufaus war. Und dieses waren seine bevorzugten Wasserlöcher, das Floridita und die Bodeguita. In Havanna bevorzugte er alles Alkoholische, besonders aber den Daiquiri und den Mojito. In der Bodeguita ist unter Glas eine handschriftliche Widmung Heminways zu lesen: »My Mojito at La Bodeguita del Medio and my Daiquiri at the Floridita«. Nach heutigen Maßstäben ist das ein unbezahlbarer Werbegag. Wir betreten nun gemeinsam El Floridita, die von sich behauptet, die Wiege des Daiquiri zu sein.

Hemingway hat dieses Getränk nicht erfunden, hat aber reichlich davon konsumiert und über die eindringliche Schilderung dieses Getränks wahrscheinlich zu der weltweiten Popularität und Verbreitung beigetragen. Eine gemütliche, gepflegte Atmosphäre empfängt uns, ein in rot gehaltener Bartresen, Touristen an der Bar und an den Tischen. An den Wänden die Reliquien: Hemingway-Fotos mit damaligen Berühmtheiten. Von der Theke her sind die lauten Geräusche der Mixgeräte nicht zu überhören. Die Barmänner haben alle Hände voll zu tun. 1997 kostete ein Getränk 6 US-Dollar, was umgerechnet 10,50 DM waren. (Wissen Sie noch, was der kubanische Arzt verdient?) Ein paar Männer spielen auf ihren Gitarren und singen melancholische Lieder. Wir trinken den obligatorischen Daiquiri und finden ihn erfrischend, kalt, fruchtig und köstlich. Von dem zerstoßenen Eis hat er seine geleeartige, zähflüssige Konsistenz. Seine Zutaten bestehen aus 5cl weißen Rum, 3cl Limonensaft, 1cl Zuckersirup und Eis. Diese Ingridenzien werden entweder in einem Shaker gemischt und durch ein Sieb in ein Cocktailglas geschüttet; das ist die übliche Variante. Oder wir wählen die Zubereitung im Mixer mit sehr viel gestoßenem Eis und erhalten den Daiquiri so, wie wir ihn im Augenblick in der Floridita trinken. Lassen wir aber Hemingway erzählen, wie er ihn Thomas Hudson empfinden ließ:

Ernest was here»Er hatte doppelte Daiquiris getrunken, von den großen, die Constante in überfrorenen Gläsern servierte, sodass sie nicht nach Alkohol schmeckten, und wenn man sie herunterkippte, schmeckten, als führe man mit Skiern einen verschneiten Gletscher hinunter...« Und an einer anderen Stelle: »Er trank noch einen gefrorenen Daiquiri ohne Zucker, und als er das schwere, frostbeschlagene Glas hob, sah er die klare Schicht unter dem geraspelten Eis und sie erinnerte ihn ans Meer. Das geraspelte Eis sah aus wie das Kielwasser eines Schiffes, und das Klare darunter sah wie das Bugwasser aus, wenn der Steven es zerschnitt und das Schiff in flachem Wasser war...«* Thomas lassen wir in der Floridita, denn wir wollen sehen, was mit Hemingway los ist.

Nach 15 bis 20 Glas von diesem Getränk machte sich Hemingway durch die höllische Hitze der Stadt auf den Weg in die Bodeguita del Medio.

Nach etwa 15 Minuten sollte er dort vermutlich angekommen sein. Es empfing ihn ein kleiner Raum, links hinter der Sprossenwand die schwarze Theke, davor einige Barhocker, rechts an der Wand ein paar kleine Tische. In der ersten Etage und nebenan gibt es weitere Räume, in denen gegessen werden kann. Unten in der Kneipe bestellte Hemingway seinen Mojito, der seinen mörderischen Durst löschte. Wegen des darin enthaltenen Wassers ist der erfrischende Mojito ein erheblicher Kontrast zu dem Daiquri. Die Bedienung benötigt diese Zutaten: Den Saft einer Limone, ein Zweig Minze, einen Teelöffel Zucker, 6 - 8 cl weißer Rum, Sodawasser und 6 Eiswürfel. Der Limonensaft wird mit dem Zucker verrührt, bis er zum Teil gelöst ist. Der Minzespross wird ein wenig geknickt und im Limonensaft sanft etwas zerdrückt. Jetzt kommen die Eiswürfel hinzu, darüber wird das Sodawasser gegeben und mit dem Rum aufgeschüttet. Zweimal umrühren. Ahh, das hat Ernest erfrischt! Wir bestellen uns auch einen. Das macht uns fit für den Rückflug nach Santiago de Cuba. Ernest bleibt zurück, weil er noch durstig ist.

»Hasta Siempre«Kurz nach dem Start haben wir die Möglichkeit, aus dem Flugzeug auf der rechten Seite das Karibische Meer und auf der anderen Seite den Atlantischen Ozean zu sehen. Über die berühmte Schweinebucht und die bergige Küstenregion geht es dann zurück in Richtung Santiago. Wir gehen in das Restaurant »Zun Zun« und essen etwas, während im Hintergrund zwei junge Frauen Gitarren spielen und dazu einen Song von Carlos Puebla singen, »Hasta Siempre«. Das schöne Lied, die heimliche Hymne Cubas, handelt von Ché Guevara, der allgegenwärtig ist und uns von tausenden Plakatwänden und Häuserfronten anschaut. Annabell Ramirez Rodriguez, unsere freundliche Bedienung im Los Coralles, zeigte uns ein Album mit den Bildern ihres kleinen Sohnes. Am Anfang war jedoch ein Foto des verehrten »Comandante« eingeklebt, erst dann folgten die Bilder des Kindes und der Familie. An einer Bar unseres Hotels traf ich eines Abends einen alten Kubaner, der mir stolz berichtete, mit »Tchje«, so wird das Ché ausgesprochen, einst gekämpft zu haben. Als Beweis legte er mir einen 40 Jahre alten vergilbten und zerknitterten Zeitungsausschnitt vor. Und das war exakt an dem Tag, an dem man Guevaras Leichnam in Südamerika gefunden hatte, er war dort von amerikanischen Regierungsbeamten gequält, ermordet und verscharrt worden. Heute liegt die Lichtgestalt Ché Guevara in Santa Clara begraben...

Gehen wir noch einmal zusammen an den Strand, schauen uns den Sonnenuntergang. Und während der letzte purpurne Schimmer unter dem Horizont verschwindet nippen wir an unserem Daiquiri, nehmen einen tiefen Zug aus einer Churchill, genießen und träumen und schweigen und sind aufgewühlt von den fantastischen Erinnerungen der vergangenen Wochen. Trotz der Hitze überläuft uns vor lauter Wohlbefinden eine leichte Gänsehaut. Ich aber werde plötzlich angesprochen und aus meinen Träumen gerissen: »Wenn du weiterhin in unserer Wohnung so qualmst, kannst du auch gleich unsere Gardine waschen! Und achte auf die Zigarrenasche! Und was machen die vielen Leute hier?« Das war meine Frau, Nichtraucherin. Und Sie gehen jetzt besser nach Hause. Es war schön mit Ihnen.

Heinz Albers

* Ausschnitt aus Ernest Hemingway: Inseln im Strom. Deutsch von Elisabeth Plessen und Ernst Schnabel. rororo Taschenbücher Nr. 22607. ISBN 3-499-22607-3. Rowohlt Verlag. 9,90 EUR

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