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Kuh

Dolomiti- Alpencross
Von Sterzing bis nach Bozen

Auszüge aus dem Biker-Tagebuch von Birgit-Cathrin Duval

Bike

»Was, zwei Mädchen ganz allein hier oben, das ist doch gefährlich«!
»Die sind ja verrückt, was müssen die auch mit ihren Rädern auf die Berge rauf«!
»Was, ihr beide wollt über den Schlern? Das ist Hochalpin und nur was für Könner«!
»Der arme Hund, der hat ja gar keinen Platz auf dem Fahrrad«!
»Ihr seid die ersten Biker-Mädels hier oben auf der Rastner-Hütte«.

Unser erster Alpencross steht unmittelbar bevor. Lange haben wir Pläne geschmiedet, Karten studiert und unsere Ausrüstung zusammengestellt. Voller Erwartung schnallen wir unsere Bikes auf meinen alten Golf und düsen Richtung Süden.

Dolomiti-Alpencross - die Tipps

Das Wegenetz in den Dolomiten ist so umfangreich, dass unsere Tour lediglich als Anreiz dienen soll, selbst eine Tour zu planen. Auf ein Roadbook mit Kilometer- und Höhenangaben habe ich beim Notieren bewusst verzichtet. Zum einen hatten wir keinen Fahrradcomputer, zum anderen hatten wir unsere Route sehr flexibel geplant. Hier einige Hinweise:
Kondition!!! Ein Alpencross ist nicht zu vergleichen mit einer Runde um den Hausberg. Grober Schotter, lange und zähe Aufstiege und zum Teil sehr steile Abfahrten verlangen nach ausreichender Kondition und Fahrtechnik. Ohne beides wird die Tour zur Tortour.
Mountainbikes: wir benutzten Bikes der kanadischen Firma Rocky Mountain (Hammer Race). Die Stahlräder erwiesen sich als äußerst robust. Auf der ganzen Strecke verzeichneten wir nicht einen Defekt, nicht einmal einen Plattfuss.
Werkzeug (in der Satteltasche): Ersatzschlauch, Reifenheber, Kettennieter, Flickzeug, Imbussschlüssel, Pumpe.
Ausrüstung: Rucksäcke - müssen fest am Körper sitzen, Volumen ca. 25 Liter. Sehr gute Erfahrungen machten wir mit dem von uns benutzten Deuter Superbike L. Der Rucksack ist mit Windlatz und Regenhülle versehen. Zwei Trinkflaschen am Bike
Schuhe: Wer mit Clickpedale fährt, sollte darauf achten, dass sich mit den Schuhen auch längere Trage- und Schiebepassagen bewältigen lassen. Die Firma Lake bietet mit dem Lake MX 176 einen alpencrosstauglichen Tourenschuh.
Kleidung: jeweils zwei Trikots, kurze Bikehosen, eine lange Bikehose, zwei paar Socken, Unterhosen, T-Shirt, Fleecepulli, Regenjacke und Hose.
Sonstiges: Handtuch, Waschlappen, eine Tube Waschpaste, Sonnencreme, Zahnpasta und Bürste, Shampoo.
Landkarten: wir benutzten Kompass Wanderkarten (1:50.000)
Tourenplanung: Wir planten unsere Tour zu Hause, besorgten uns Karten, unterhielten uns mit Bikern, diese Touren bereits gefahren sind. Außerdem bieten die Mountainbike-Magazine bike und Mountainbike per Fax-Abruf verschiedene Tourenvorschläge. Infomaterial kann auch bei Touristikbüros angefordert werden.
     Am Abend vor der jeweiligen Etappe nahmen wir uns viel Zeit, um die Strecke zu studieren, fragen bei Hüttenwirten und Wanderern nach der Wegbeschaffenheit.
     Ein 2-Meter Regelung wie in Baden-Württemberg für Biker kennt man in Südtirol nicht. Allerdings zogen wir manchmal wüste Beschimpfungen von Wanderern (vornehmlich in unserer eigenen Muttersprache) auf uns. Die italienischen Wanderer hingegen fanden's toll und feuerten und sogar noch an.
     Unterwegs zum Schlern fanden wir nur einen Weg, der für Biker verboten war - die Bärenfalle, da dort schon einige Biker zu Tode gestürzt sind.
Wichtig: Ja nicht vergessen, das rot/weiss gestreifte Gefahrenschild vor der italienischen Grenze zu besorgen. Am besten weit vorm Brenner-Pass, denn je näher dieser rückt, umso teurer wird's.
Übernachtung/Verpflegung: Wir übernachteten in folgenden Hütten, die wir wärmstens empfehlen können: Rastner-Hütte, Fanes-Hütte, Berghaus Zallinger, Schutzhütte Tierser Alpl.

Birgit-Cathrin Duval

7. Juli 1998
Mit Golf, Bikes und Warnschild Richtung Süden.Ein eiskalter Nordwind beißt sich in meine Poren. Mit jedem Höhenmeter kriecht die Kälte tiefer in die Knochen. Der eben noch feine Nieselregen prasselt jetzt als harter Eisregen auf uns herab. Zähneknirschend denke ich an meine Sonnencreme, Schutzfaktor 25 im Rucksack. Unsere Tagestour von Sterzing aufs Pfitscher Joch hatte bei Sonnenschein begonnen. Nun wünsche ich mir nichts sehnlicher als eine zweite Fliesjacke und gefütterte Handschuhe. Als wir Kilometerstein 94 passieren entscheiden wir uns zur Umkehr. Nur noch etwa fünf Kilometer trennen uns  vom Pfitscher-Joch-Haus auf 2275 Metern. Aber jetzt schneit es so heftig, die unsere Lust auf hochalpine Gebirgswelt schlichtweg gefrieren lässt. Die Abfahrt auf der alten Militärstraße wird zur Tortur. Schon nach wenigen Metern scheinen die Finger an den Bremsgriffen festzufrieren. Ich verliere jegliches Gefühl, Taubheit lähmt die Finger, meine Füße mutieren zu Eisklötzen. »Jetzt bloß nicht stürzen«. Wir umwickeln unsere Finger mit den Regenjacken, um den Schmerz etwas zu lindern. Endlich kommen wir in Sankt Jakob an und eilen ins Gasthaus wo wir uns bei einer heißen Schoggi aufwärmen und zum Abschied eine Rießenpfütze in der Wirtsstube hinterlassen. Gerade noch rechtzeitig, um den letzten Bus um 18.30 Uhr zu erwischen, der uns die restlichen 15 Kilometer zurück ins Hotel nach Sterzing kutschiert.

8. Juli 1998
Die nächsten beiden Tage verbringen wir aufgrund des schlechten Wetters in Sterzing.
     Sterzing, das liegt in Italien, direkt hinter der Brenner-Autobahn. Eigentlich wollten wir unseren Alpencross ja in Mittenwald beginnen. Wenn da nicht dieses Malheur mit dem »n« gewesen wäre. Guter Dinge schnallten wir Montagfrüh unsere Rocky Mountains auf meinen alten Golf. Unterwegs mussten wir für jeden Furz was abzocken: Schweizer Autobahn-Vignette, östereichisches Pickerl, Mautgebühren, Toilettengebühren, Gebühren für Tunnels und zu guter letzt durften wir uns noch ein Warnschild für die Bikes anschaffen, das auf Italiens Straßen Vorschrift ist. Damit wären wir glatt als Gefahrenguttransport durchgegangen. Als wir gegen Abend unseren Zielort Mittenwald nicht finden, beschleicht uns ein komisches Gefühl. Ein genauer Blick auf die Karte bestätigt unseren Verdacht. Anstelle von Mittenwald (D), landeten wir in Mittewald (I). Etwas orientierungslos beziehen wir gegen 21.30 Uhr in Sterzing ein Hotel. Dort sind die Bürgersteige bereits hochgeklappt. Ein Wirt erbarmt sich unser und serviert Pizza.

10. Juli 1998, 18.07 Uhr, Rastnerhütte (1936 m)
Sonnenstrahlen kitzeln frech unser Gesicht. Hüttenhund »Jimmy« liegt zu unseren Füßen, vor uns herrliche Hausmannskost: Von der Peterü-Hütte geht's hinauf zur Fanes-Hütte. Gute Kondition ist Voraussetzung, soll die Tour nicht zur Tortour werden.deftige Bratkartoffeln, Speck und Eier, gewürzt mit einem atemberaubenden Blick in die Bergwelt der Dolomiten.
     Gegen 9 Uhr früh haben wir Sterzing verlassen. Ein letzter Bike-Check in Walters Radklinik, dann sind wir alleine auf unseren Stollenreifen. Unsere erste Etappe führt uns auf der alten Brennerstraße bis nach Mühlbach am Eingang des Pustertals. Dann beginnt der Aufstieg in die Bergwelt. Von Schabs (861 m) treten  wir unsere Bikes  auf 1301 m zum Ahnerberg hinauf. Eine nicht enden wollende Teerstraße schraubt sich durch den Wald zum Getzenberg mit 1744 Höhenmeter. Auf den restlichen sechs Kilometer zur Rastnerhütte sind unsere Rockys in ihrem Element: endlich können sich die Stollenreifen in alpinen Schotter beißen. Rastner-Wirtin Erika staunt nicht schlecht, als wir einkehren. »Ja, Biker kommen viele hierher. Aber ihr seit bisher die einzigen Madels, die ohne männliche Begleitung auf die Rastner-Hütte kamen«.

11. Juli 1998
Bike-Parkplatz auf der Fanes-HütteÜber St. Vigil radeln wir in den Fanes-Nationalpark. Umhüllt vom wild-romantischen Duft der Kiefernwäldchen staunen wir über die uns umgebenden schroffen Dolomitenfelsen. Nur das Surren der Kette ist zu hören. Meditativ treten wir in die Pedale. Körper und Seele befinden sich in harmonischem Einklang mit der Natur. Um 15 Uhr erreichen wir die Peterü-Hütte auf 1540 m. Wir tauchen ein in die bizarre Gebirgswelt der Dolomiten. Der Anstieg auf die 2060 m hohe Fanes-Hütte stellt meine Kondition auf eine harte Probe. Steil geht es auf Schotter nach oben. Zum ersten Mal verfluche ich meine »Clickies«: ich komme nicht schnell genug aus der Pedale und schon hat der harte Gebirgsschotter blutige Streifen in mein Bein gerissen. Die vielen Touris, die sich bequem in den Allradjeeps hochkarren lassen, glotzen uns entgeistert an. Wir genießen still unseren Triumph, heute satte 1 700 Höhenmeter bewältigt zu haben.
     Die Fanes-Hütte ist ausgebucht. Doch wir haben Glück und bekommen noch einen Schlafplatz in einer Holzhütte zugeteilt. Unsere Bikes parken wir ganz nobel im eigenen Bike-Parkplatz. 

12. Juli 1998
Die Fahrt durch den Fanes-Naturpark stellt all unsere Erwartungen in den Schatten. Über den Dolomitenpanoramaweg radeln wir hoch auf den Paso di Limo, vorbei am Limosee und durch das Fanes-Tal. Liebliche satte grüne Wiesen bilden einen eigenartigen Kontrast zu den bleichen und bizarren Felsen. Unsere Rockys tragen uns sicher über den steinigen Untergrund. Fahrspaß ohne Ende. Wir jubeln und jauchzen. Dann erwartet uns ein »steiler Downhill« – so steht es in unserer Tour-Beschreibung. Was sich vor meinen Augen auftut ist ein Abgrund, den ich keinesfalls auf meinem Rad bewältigen kann. Teilweise müssen wir die Bikes schultern – begleitet von erstaunten Blicken der vielen Wanderer. Am Cap na Alpina heißt es Abschied nehmen vom Fanes-Park. Auf Teer fahren wir weiter bis wir die Abfahrt zur Prolongia entdecken. Unsere Tour führt durch eine saftige, mit bunten Blumen belebte Wiese. Diese führt schon bald in den Wald, der Pfad wird zur Schotterpiste und endet am Rifugio Prolongia. Apfelstrudel, Sonne und ein atemberaubender Blick auf die Dolomiten belohnen uns. Ein spaßiger Trialpfad bringt uns zum Hotel Cherz am Paso di Campolongo auf 1867 Meter. Nach der Hüttenromantik genießen wir den Komfort des Hotels mit Betten und Fön und schauen uns das Endspiel der Fußball-WM an.

13. Juli 1998
Auf Asphalt sausen wir den Pass hinunter nach Arraba und lassen uns per Godel auf 2565 Meter schweben. Ob mein Bike wohl schwindelfrei ist? Oben angekommen ist es ziemlich windig und kalt. Wolken versperren die Sicht auf den Marmolada-Gletscher. Ein Schotterweg führt zunächst bergab. Dann ein kleiner Wegweiser: der Super-Trail No. 680! Eng windet sich der grade mal fußbreite Trail am Fels entlag. Rechts davon ein paar Büsche. Ob die uns bei einem Sturz in den Abgrund halten? Wir wollen es nicht austesten und konzentrieren uns auf die Strecke. Felsen, Höhepunkt unseres Alpencross ist die Etappe von der Tierser Alpl (Rotes Dach) im Hintergrund, entlang den Rosszähnen hinauf auf den Dachgarten des Schlern-Massivs.Steine und Äste werden won unseren Federgabeln geschluckt. Immer wieder müssen wir absteigen um kleine Bäche zu überwinden. Keine Menschenseele kommt uns entgegen, nur ein paar Murmeltiere werden Zeuge unserer 680er Trail-Bewältigung. Einsam biken wir durch die Wildnis und genießen das Einssein mit unserer Umgebung. Kurz vor der Passhöhe schluckt uns die Straße wieder. Begleitet von Abgasen und Motorenlärm radeln wir auf den 2242 Meter hohen Paso Pordoi. Dort schlürfen wir Apfelsaft und beobachten vergnügt wie sich die Touristen in klimatisierten Reisebussen über die Pässe karren lassen.
     Noch ist unser Etappenziel - die Zallinger Hütte - weit entfernt. Auf Aspalt geht’s runter auf 1848 Meter, vorbei am Monti Pallidi und hinauf zum Sella-Joch auf 2240 Meter. Die endlose Blechlawine lässt uns Blei atmen, Reisebusse kommen nicht um die Kehren, nichts geht mehr. Entnervt packe ich mein Bike und trage es die Kehren rauf.
     Unsere Etappe auf dem Friedrich-August-Weg, ein Traum für Mountainbiker, entpuppt sich aber wegen der vielen Wanderer bald als Albtraum. Die Italiener sind begeistert als wir an ihren vorbeiradeln und feuern uns an. Von den Deutschen hört man nur blöde Sprüche, wird sogar beschimpft. Am Refugio Randro Pertini (2300 Meter) folgt uns der Hüttenhund. »Der arme Hund, der kann gar nicht auf den Gepäckträger«, bemitleidet eine Wandergruppe unseren angeblichen Gefährten. Meine Kräfte lassen langsam nach, es wird kalt und das Wetter zieht bedenklich schnell zu. Wir lassen die Plattkofelhütte liegen und stolpern 200 Höhenmeter auf steilstem Schotter runter zum Zallinger Berghaus. Abi und ich sind die ersten, die nach dem Umbau hier nächtigen. In der Nacht zieht ein Gewitter auf. Es regnet aus allen Rohren.

14. Juli 1998
Der Pfad über den Schlern stellte unsere Fahrtechnik ganz schön auf die Probe.Wir durchqueren die Seiser Alm, mit 51 Quadratkilometern größte Hochalm Europas. Sie ist Teil des Naturparks Schlern, der eine einzigartige Flora beheimatet. Die tief herabreichenden Wolken verheißen nichts gutes und bald suchen wir – regendurchnässt – Schutz auf der Tomasetalm. Die Bauernleute sind sehr freundlich. Wir dürfen sogar unsere Schuhe und Socken aOben auf dem Schlern öffnet sich ein fantastischer Ausblick auf den Rosengarten.m eisernen Herd trocken. Als der Regen nachlässt, setzen wir unsere Fahrt zur Tierser Alpl Hütte fort. Unterwegs begegnen uns deutsche Hi-Tech-Biker. Als sie von unserem Vorhaben,  über den Schlern zu biken, hören, warnen sie uns: »Das ist Hochalpin und gefährlich«. Die Auffahrt zur Tierser Alpl-Hütte auf 2440 Meter ist kräftezehrend. Ich schiebe während Abi sich langsam hochbeißt. Oben ist alles in Nebel gehüllt, eine Weiterfahrt ist schlichtweg unmöglich. Der einsetzende Regen treibt unaufhörlich Wanderer in die Schutzhütte.

15. Juli 1998
Die Sonne kitzelt frech unsere Nasen als wir uns entlang der gewaltigen Rosszähne Richtung Schlern aufmachen. Unsere schwerste Etappe führt uns an so schmalen Stellen vorbei, dass ein Fehltritt das Ende unseres Alpencross bedeuten würde. Immer wieder müssen wir die Bikes schieben, am Ende ist eine längere Tragepassage zu bewältigen bevor wir auf den Dachgarten der Dolomiten, das 2563 Meter hohe Schlernmassiv gelangen. »Die sind ja verrückt, mit ihren Bikes hier hochzukommen«, meint ein Wandersmann zu seinen Begleitern. Uns ist das egal. Der Himmel ist zum Greifen nah, wir genießen die fantastische Aussicht und dieses einmalige Gefühl, etwas ganz besonderes geleistet zu haben.
     Die Überquerung des Schlern stellt unsere Fahrtechnik auf eine harte Probe: der aufgeweichte Boden saugt unsere Stollenreifen regelrecht fest, tiefe Gräben, scharfkantige Steine und Felsen zwingen uns oft aus dem Sattel. Kurz vor den Schlernhäusern begrüßt uns eine muntere Schar wilder Haflinger Pferde, die gierig an unseren mit Apfelschorle gefüllten Flaschen schlecken. Die Abfahrt nehmen wir über Pfad No. 2 und No. 9,  der allerdings etliche Tragepassagen enthält. Auf der Sesselalm erfrischen wir uns bei selbst gemachten Holundersaft bevor wir auf dem Prügelsteig, einem Holzbohlensteig, der durch eine wild-romantische Schlucht führt, hinunter Richtung Völz holpern. Eine fantastische Abfahrt und krönender Abschluss unseres Alpencross. Denn mit dem Schlern verlassen wir die bizarre Dolomitenbergwelt und tauchen ein in die saftigen Obsttäler um Bozen.

Birgit-Cathrin Duval

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