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Im Jahre 1994 machten wir, mein Mann und ich, unsere erste Reise nach Australien. Nicht ins Outback oder zu den Sensationen, sondern in die am dichtesten besiedelten Regionen im Südosten des Kontinents. Wir flogen von Sydney aus nach Adelaide und fuhren an der Küste mit einem Leihwagen zurück. Auszüge aus meinem Reisetagebuch beweisen, es gibt auch hier für einen Europäer genug zum Staunen. big, bigger, Oz - unterwegs in Victoria und New South Wales - ein Reisetagebuch von Regina Schreiner

Mittwoch, am 2.3.1994
Edelweiss Essenhaus»The food was lousy an expensive!!!« Steht im Gästebuch in der deutschen Bäckerei mit der Brezel über dem Eingang im weltberühmten Hahndorf. Hier haben sich Deutsche zuerst niedergelassen, hier wird das Deutsche so gut wie eben möglich gepflegt, um die Touristen damit zu ködern. Da wird in Wort und Bild deutsches Essen versprochen, auch wenn es dann zu solchen Kuriositäten wie »Deutsches Essenhaus« kommt. Übrigens, der Eintrag ins Gästebuch ist ein dickes Lob, so erklärten uns unsere australischen Begleiter Karl und Joan. Aussie-Humor.
     Aussie (sprich »Ossi«), so nennt sich der Australier selbst und frönt dabei seiner Leidenschaft, alles und jedes abzukürzen. Deshalb bedeutet Oz (sprich »Oss«) schlicht Australien. Ein »brekkie« ist keine Katzennahrung, sondern das Frühstück, »barbie« ist kein Püppchen, sondern das beliebte Barbecue (Grillen im Freien), ein »surfie« ist ein Wellenreiter usw. usf.

Donnerstag, am 3.3.1994
StrandHeute morgen  haben wir die ersten Kängurus in freier Wildbahn gesehen. Dafür mussten wir freilich schon um 6 Uhr aufstehen und von Victor Harbour, wo wir übernachteten, 15 km in Richtung Waitpinga Beach fahren. Dort waren sie dann rechts und links der Straße zu sehen, wie sie erstaunt innehielten und dem frühmorgendlichen Besuch unbewegt entgegenstarrten, bis die Annäherung sie schließlich irritierte und sie in großen, aber nicht besonders hastigen Sprüngen das Weite suchten.
     Unten am Strand - riesig in der Ausdehnung -  eine zauberhafte  Morgenstimmung. In Türkis und Weiß rollen die Brecher auf kilometerlangen goldgelben Sandstrand. Eine Tafel verspricht Whalewatching in den Monaten von Juli bis Oktober. Schade, so lange können wir nicht warten.
     Später fahren wir nach Robe weiter, unserem nächsten Übernachtungsziel. Endlos erscheinen die Halbwüsten rechts und links der Straße, dann wieder Salzseen und Lagunen, später steppenartige Landschaft, dazwischen Farmland, Pferde darauf und immer wieder Schafe, Schafe so staubgrau wie die schütteren Weiden, auf denen sie grasen. Ein kilometerlanger Zaun, eine Gate, hinter der ein Rumpelweg ins Unendliche führt, davor ein knallgelber Briefkasten auf einem Pfahl, das ist der Eingang zu einer ganz normalen Farm.
Briefkästen     Diese Briefkästen in den abenteuerlichsten Farben und Formen stehen oft in ganzen Batterien am Straßenrand, wenn die Besitzer verstreut landeinwärts wohnen. Der ganze Individualismus des Australiers drückt sich in seinen Briefkästen aus. Hat der eine vielleicht eine ausgediente brandrot gestrichene Milchkanne an der Stange hängen, so ein anderer möglicherweise einen verbeulten rostigen Kanister oder ein Dritter einen grellgelben Plastikbehälter. Wieder ein anderer hat sich eine Miniaturhütte auf einen Pfahl gezimmert, einem Vogelhäuschen nicht unähnlich. Oder ist es das Abbild seiner Farm? Der Fantasie scheinen jedenfalls keine Grenzen gesetzt und der Europäer wundert sich über die sinnvolle Verwendung von Sperrmüll.  Nein, das Land der Normen und Vorschriften ist Australien nicht.
     Wer wollte in dieser Weite auch Normen und Vorschriften kontrollieren? Wir fahren und fahren. Über lange Strecken stehen in ausgedörrter und ausgebleichter Landschaft nur einzelne abgestorbene Baumruinen, die ihre bizarren Skelette in den unwahrscheinlich blauen Himmel recken und in würdevoller Größe sterben, sicher nicht über Jahre und Jahrzehnte, vielleicht über Jahrhunderte hinweg.

Freitag, am 4.3.1994
SonnenuntergangSpektakulärer als der Sonnenuntergang ist die Dämmerung danach. Es beginnt mit einem durchsichtigen hellen Schein, der sich langsam in ein pinkfarbenes Leuchten wandelt, vor dem die schwarzen Silhouetten der Bäume scherenschnittartig hervortreten. Laterna magica! Der rosige Schein geht über in ein zartes Hellblau, das sich stufenlos nach oben verwandelt über reinstes Königsblau in tiefes Violett. Ein Gefühl stellt sich ein, am Leuchten aus dem Weltraum beteiligt zu sein, nur weil man da steht und staunt über die Durchsichtigkeit und die reine Klarheit dieser Farben.
     Mond und Sterne stehen hier Kopf. So erscheint Betageuze im Sternbild des Orion nicht links oben, wie bei uns, sondern rechts unten. Spiegelverkehrt auch der ab- und zunehmende Mond. Und wie zum Ausgleich dafür steht die Sonne mittags im Norden, jedoch nur im australischen Sommer. Zum Winter hin verschiebt sich die Mittagssonne auch hier wieder in den Süden.

Sonntag, am 6.3.1994
Great Ocean RoadGreat Ocean Road»Great Ocean Road« über Port Campbell bis Apollo-Bay, unserem nächsten Übernachtungsstopp. Die Szenerie der Sandsteinformationen an der Küste ist  überwältigend. Ähnlichkeit mit der Algarve, aber doch unvergleichlich gewaltiger. Aus Karl strahlt der Besitzerstolz, als er sieht, wie beeindruckt wir sind. So ein Aussie aus Neigung ist vielleicht mehr Australier als einer, der hier geboren wurde.

Montag, am 7.3.1994
Vierzehn Tage und bis kurz vor Melbourne ist es uns gelungen, »Fast Food« zu vermeiden. Gegen Mittag ohne Frühstück könnte ich über das Weidegras herfallen, wenn Karl nur mal stoppen würde und die Wagentüre öffnete. Endlich verlässt er den Princess-Highway und wir gehen ins nächste »Sit in and Take away«, in dem das Übliche angeboten wird: Hamburger, Rolls, Cold Drinks, Pasteries. Karl verlangt wie üblich den Hamburger »a Lot«, d.h. mit allem, und das meint es auch. Eine tellerminengroße Luftsemmel, aufgeschnitten, wird geöffnet und auf einen großen Bogen Papier gelegt. Und dann kommt’s: Hackfleischplätzchen, Spiegelei, Bacon (etwa ein halbes Pfund), Senf und gelbe Soße, geröstete Zwiebeln, dann in die Abteilung »Fresh and nice«, wo es weitergeht: Tomatenscheiben, Zwiebelringe, gelbe Salatschnitzel, rote Schnitzel, grüne Schnitzel, eine Scheibe rote Beete, Kresse, Käse. Ein Klecks aus der Majo-Plastikflasche auf den Berg, Pfeffer und Salz aus dem Streuer und nun den oberen Teil der Semmel als Deckel drauf. Rasch und gewaltsam ins Papier geschlagen, hält es das ganze instabile Gebilde in Form. Den Rest besorgt die Tüte, in die es gequetscht wird. Das hält so lange zusammen, bis man am Tisch der Theke gegenüber die Papierfesseln löst. Danach heißt es, beherzt rechts und links zugreifen und reinbeißen, ungeachtet der Maulsperre und dass sich Salat und Soße im unteren Gesichtsdrittel ausbreiten. Wie werden Männer mit Bart wohl damit fertig?
Hilfspolizist     Vielleicht sollte ich etwas über den Geschmack sagen, doch fällt mir eine präzise Beschreibung darüber sehr schwer. Je nachdem, womit die Geschmacksknospen gerade in Berührung kommen, das schmeckt man aus dem Mischmasch heraus. Wer sich für viel gelbe Soße oder Ketchup entscheidet, schmeckt kaum etwas anderes heraus, und die Semmel hat sowieso keinen Eigengeschmack. Damit weiß man, was das ist, was der Australier einen »Whopper« nennt.
     Um das Menü abzurunden, trinkt man Cold Drinks oder Milchshakes im Pappkarton dazu. Zum Schluss der Mahlzeit türmt sich der Abfall genauso hoch wie am Anfang das Essen.
     Unversehens befinden wir uns in Melbourne, das wir um die Mittagszeit durchqueren müssen. »Stop and go«, als wir uns der Skyline nähern. Die Jogger auf den Bürgersteigen sind unvergleichlich schneller als wir im Auto. Es ist heiß. Obwohl unsere Begleiter behaupten, Melbourne habe mit Abstand das schlechteste Wetter in Australien, ist es lange nicht so schön gewesen wie heute in Melbourne. Im Reiseführer steht etwas über die Rivalität zwischen Sydney und Melbourne. Die Leute mögen sich nicht, und unsere Begleiter sind aus Sydney. Offensichtlich gönnt man sich nicht einmal gutes Wetter.
     Uns begegnet man ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Etwa dieser verkehrsregelnde Mann mit dem Stoppschild für Autofahrer und der Trillerpfeife. Freundlich erkundigt er sich, woher wir sind, welche Straße wir queren wollen, was wir zum Wetter sagen. Dann hält er für uns zwei die Autos an und geleitet uns über die Straße.

Dienstag, am 8.3.1994
Big is beautiful. Mit dieser Feststellung über meine ersten Eindrücke in Australien treffe ich endlich Karls Geschmack. Alles ist hier größer als anderswo. Die Straße führt durch ein Dschungelgebiet. Riesige Eukalypten bilden einen hohen, lockeren Urwald, baumhohe Farne das Unterholz. FarnWir sehen unsere ersten großen Papageien und sind begeistert, als sie intensiv rot und blau gefärbt über unsere Köpfe hinwegfliegen. Später, in offener Landschaft, entdecke ich vom Auto aus einen ganzen Schwarm der weißen Kakadus mit der imposanten gelben Federhaube, die sie gerne so dekorativ auf- und zuklappen. Gerade kann ich Karl noch zum Anhalten bewegen. Meine Bewunderung der Tiere quittiert er ungerührt, dass mir der Farmer, auf dessen Gebiet sie auftauchen, höchstens eine Flinte in die Hand drücken würde.
     Wir besuchen Glenrowan. Überlebensgroß steht »Ned Kelly«, der australische »Robin Hood«, dessen Geschichte sich eher wie die unseres »bayerischen Hiasl« anhört, als Büchsenmann mit seiner Flinte vor dem ersten von wenigen Häusern. Ältliche Ladys mit Silberlöckchen lassen sich zwischen seinen gelben Hosenbeinen stehend fotografieren. Die Überlieferung spricht davon, dass er sich einen Metallkübel übergestülpt hat, um den Polizeikugeln zu entgehen. Es war dennoch seine letzte Begegnung mit der Polizei;  er wurde verhaftet und gehängt. Aber die wenigen Häuser der Umgebung sollen fast alle mit seinen Nachkommen bewohnt sein, die durch und mit ihm in dieser gottverlassenen Gegend zu Reichtum und Ansehen gekommen sind.
     Lazy Harry! Das ist der Lokalbarde, dem man ebenfalls ein Denkmal gesetzt hat, allerdings ist es sehr viel kleiner als das von Ned Kelly. Er sitzt in Bronze mit seiner Gitarre vor dem Teahouse; aus dem Lautsprecher dringen seine Songs, während wir Touristen an grob gezimmerten Tischen unseren Devonshire Tea genießen und darüber nachdenken, warum es der Räuber mit seinem Ruhm bis in die Reisehandbücher geschafft hat, der harmlose Harry aber als faul bezeichnet wird, weil er sich nur der Musik gewidmet hat. Armer »Lazy Harry«, Künstlerpech! So ist es eben weltweit!

Freitag, am 11.3.1994
Halb elf Uhr Ortszeit erreichen wir die Hauptstadt Australiens, Canberra, Stadt der Superlative.
     Wir nähern uns auf einem großzügig ausgelegten Bypass der City. Hier ist wirklich bigger than big beautiful. Alle Straßen haben Kingsize Format, sind für jede Richtung mindestens 3-spurig mit einem doppelt so breiten Grünstreifen mit Bäumen und gut frisiertem Rasen ausgelegt. Die modernen Gebäude rechts und links nehmen behäbig Platz ein, zeigen Marmorfassaden und glänzendes getöntes Glas. Monströs, bombastisch, immer wieder fallen mir diese Worte ein beim Anblick dieser Gebäude, und die Bewunderung für solchen vom Menschen gemachten Größenwahn hält sich in Grenzen.

Canberra am Samstag, den 12.3.1994
ParlamentsgebäudeParlamentsgebäudeBesichtigung des neuen Parlamentsgebäudes.
     Aluminium, Glas und Marmor, im Inneren kostbare Hölzer, an den Wänden Kunstwerke, auch Eingeborenenkunst, Politikerportraits. Kostbar die »Great Hall« und die beiden Parlamentssäle, gigantisch das Herzstück der Anlage, die »Members Hall« mit dem pyramidenförmigen Glasdach, durch das man den Flaggenmast sehen kann.
     Karl erklärt das parlamentarische System, das dem englischen ähnelt, und gibt - um den Stil des Hauses zu charakterisieren - zum besten, dass da schon mal ein Satz wie dieser von einem Politiker an eine Politikerin falle: »...Die ehrenwerte Kollegin von gegenüber hat nicht nur nichts zwischen den Beinen, sondern auch nichts zwischen den Ohren!« Zumindest Karl kann sich wirklich darüber amüsieren.

Montag, am 21.3.1994
Am Norah HeadAm Norah Head. Diese großartige Inszenierung einer gewaltigen Natur, diese unbeschreiblich schönen Farben in blau und weiß, in türkis und flaschengrün, dieses Gleißen und Glitzern im Gegenlicht, all das macht das Meer so faszinierend schön im Auge des Betrachters, dass wir die Gefahren der intensiven Sonneneinstrahlung missachtet haben. Dazu diese angenehme Brise vom Am Norah HeadMeer her und der feine Salznebel, all das erfrischt und belebt. Und so will man diese und auch die andere schöne Ecke noch sehen, oder wenigstens bis zur nächsten Klippe hinausgehen, weil die Gischt gerade dort so hoch aufspritzt oder der Blick auf die Brandung am schönsten ist. Und von da aus reizt vielleicht noch ein weiterer Punkt, etwa der, wo ein Angler die Schnur weit hinaus in die brodelnde See wirft. Und weiter und immer noch ein Stück... einfach herrlich! Erst recht, als wir uns entschließen, wenigstens einmal in die Brandung dieser kleinen Bucht hineinzuwaten, uns von der anrollenden See und vom Sog des Wassers hin- und hertreiben zu lassen, den Sand unter den Füßen wegdriften zu fühlen mit all dem Glitzern und Sprühen um uns herum. Ein unbeschreibliches Vergnügen! - Das Ankleiden danach weniger. Wir hatten kein Handtuch dabei, überall klebte der Sand.

Sydney am Mittwoch, dem 23.3.1994
Skyline SydneySydney, Sydney - den ganzen Tag Sydney rund um den schönsten Hafen der Welt. The Rocks, Harbour Bridge und das eigenwillige Opernhaus, wir konnten gar nicht genug davon bekommen. Auf der Jagd nach den Stellen mit den besten Aussichten für ein Harbour Bridgegutes Foto waren wir über weite Strecken unterwegs, scheuten weder Stufen noch Treppen und spüren jetzt am Abend unsere Beine. Aber die Bilder, die sich eingeprägt haben, sind großartig. So großartig wie diese ganze eigenwillige Architektur, vor allem die der Oper. Die Größe der Harbour Bridge kann man erst erfassen, wenn man sie zu Fuß hin- und zurück überquert hat (einfache Strecke 1,6 km), nicht wenn man mit dem Auto auf einer der acht Fahrspuren einfährt und dabei aufpassen muss, die richtige zu erwischen. Wenn man dann auch noch die 200 Stufen im südöstlichen Pylon zum Lookout hinauf und hinunter geschafft hat und das Museum über den Bau der Brücke im Jahre 1930 im Inneren gesehen hat, dann hat man auch einen Eindruck von der Größe dieser Eingangspfeiler: Big, bigger, Australia!

Regina Schreiner

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